Wärmenetz für Aurich  Wie Klärschlamm Schulen und das De Baalje beheizen könnte

| | 18.10.2024 19:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Klärschlamm wird im Faulturm des Klärwerks getrocknet. Das entstehende Gas und die Wärme können mit dem richtigen Leitungsnetz genutzt werden. Foto: Lasse Paulsen
Der Klärschlamm wird im Faulturm des Klärwerks getrocknet. Das entstehende Gas und die Wärme können mit dem richtigen Leitungsnetz genutzt werden. Foto: Lasse Paulsen
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Die Ausscheidungen der Auricher können zum Klimaschutz beitragen. Das Gas und die Wärme aus den Faultürmen enthalten viel Energie. Die Stadt prüft nun den Bau von Leitungen und Wärmenetzen.

Aurich - Die Kommunen sollen mithelfen, Deutschland CO2-neutraler zu machen. In der kommunalen Wärmeplanung soll unter anderem ermittelt werden, wo in der Stadt Gebäude mit erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme geheizt werden können. Im Umwelt- und Klimaausschuss der Stadt werden nun erste Projekte vorgestellt. Dabei geht es nicht nur um CO2-Einsparung, sondern zum Teil auch um eine Entlastung des städtischen Haushalts.

Derzeit schaut die Stadt vor allem auf das eigene Klärwerk, wenn es um verfügbare Abwärme geht. Die entsteht nämlich ganz regenerativ im Faulturm. Die Ausscheidungen der Auricher können so zum Klimaschutz beitragen. Bislang hat das Klärwerk das Gas von dort verstromt und selber genutzt. Mit dem zweiten Faulturm entsteht nun aber so ein großes Potenzial an Abwärme, dass die Stadt anstrebt, damit sowohl das Schulzentrum IGS/BBS als auch das De Baalje heizen zu können.

Gas fürs De Baalje wirtschaftlicher als Abwärme

Beim De Baalje geht es um die Planung einer Gasleitung vom Klärwerk an der Straße Zum Antjebitt in Richtung Engeweg, Hafen und Sedanstraße bis zum Bad. An beiden Seiten müssen zudem die technischen Anlagen angepasst werden. Außerdem umfasst das Projekt in der gleichen Trasse auch eine Wärmeleitung, inklusive Anschluss an das schon bestehende Auricher Wärmenetz, das beispielsweise einen Übergabepunkt am Grünen Weg hat.

Seit Jahren ist das Klärwerk in Haxtum eine Baustelle. Der Bau eines zweiten Faulturms steigert das Energiepotenzial der Anlage bald erheblich. Foto: Lasse Paulsen
Seit Jahren ist das Klärwerk in Haxtum eine Baustelle. Der Bau eines zweiten Faulturms steigert das Energiepotenzial der Anlage bald erheblich. Foto: Lasse Paulsen

Das Auricher Ingenieurbüro Dr. Born & Ermel hat dazu schon Berechnungen angestellt. Eines der Ergebnisse war, dass sich die Nutzung des Gases des Klärwerks wirtschaftlich mehr lohnt als eine Wärmeleitung zur Beheizung des Bades. Gas aus dem Klärschlamm könnte 57 Prozent der Gasversorgung des Bades decken. Bei den aktuellen Gaspreisen würde das eine jährliche Einsparung von 208.000 Euro bedeuten. Anfang des vergangenen Jahres wurde das jährliche Defizit des Bades auf drei Millionen Euro beziffert. Es geht also um immerhin sieben Prozent der Summe. Investiert werden müssten für die Gasleistung den ersten Kalkulationen zufolge etwa 190.000 Euro.

Schulzentrum könnte ebenfalls vom Klärwerk profitieren

Das zweite Projekt, das Klimaschutzmanager Tjarko Tjaden für potenziell sehr wirkungsvoll und wirtschaftlich hält, ist das „Wärmenetz Aurich West“. Ebenfalls ausgehend vom Klärwerk und seiner Abwärme könnte das Schulzentrum in Extum mit IGS sowie BBS 1 und 2 versorgt werden. Auch der Landkreis als Träger der Schulen zeige großes Interesse an einem solchen Versorgungsnetz, so Tjaden.

Diese großen Liegenschaften könnten dann die Basis für ein größeres, wirtschaftlich tragfähiges Wärmenetz bilden. In einer Machbarkeitsstudie soll zunächst ermittelt werden, inwieweit dies Netz erweitert werden kann. Eine hohe Nachfrage nach Energie gibt es auch im Gewerbegebiet am Dreekamp.

Die Planungskosten inklusive Wirtschaftlichkeitsprüfung und Risikoanalyse belaufen sich auf 20.000 bis 40.000 Euro. Falle das Ergebnis positiv aus, sei dies grundsätzlich eine Eintrittskarte für den geförderten Bau, so Tjaden.

Bau parallel zur Erneuerung der Ringleitung West

Es ist aber Druck auf dem Kessel, denn die Leitung sollte parallel zur sogenannten Ringleitung West gebaut werden. Dieser Bau soll bereits im nächsten Jahr beginnen. Es gehe nach Möglichkeit darum, die beiden Bauprojekte zu synchronisieren, so Tjaden. Inwieweit das noch gelingen kann, müsse geklärt werden.

Ringleitung West

Die „Ringleitung West“ ist 47 Jahre alt und leitet das Schmutzwasser mehrerer Ortsteile vom Pumpwerk „Dornumer Straße“ bis zur zentralen Kläranlage. Die Leitungstrasse hat eine Gesamtlänge von 6.970 Metern und liegt im westlichen Stadtgebiet der Stadt Aurich. Altersbedingt treten verstärkt Schäden an der Leitung auf. Erforderlich ist laut der Ausschreibung der Stadt die komplette Erneuerung der „Ringleitung West“, außer bereits erneuerten kurzen Teilstrecken. Die Leitung wird ab 2025 in einer neuen Trasse verlegt, die alte Leitung wird später stillgelegt. Im Haushaltsplanentwurf für 2023 waren für die Leitung insgesamt 800.000 Euro, verteilt über vier Haushaltsjahre eingeplant.

Auf jeden Fall müsse dies Projekt schnell eingeleitet werden, um Synergien beim Bau der Trassen zu nutzen und förderfähig sein zu können. Sollte es mit der Förderung nicht mehr klappen, sei geplant, die Kosten anteilig nach Heizenergiebedarf auf die Eigentümer der anzuschließenden Gebäude aufzuteilen.

Wärmenetz im Zentrum wird neu betrachtet

Der Klimaschutzmanager hat neben den beiden Projekten rund ums Klärwerk noch die Prüfung eines Wärmenetzes im Zentrum von Aurich in den Maßnahmenkatalog aufgenommen. Dort existiert seit gut zehn Jahren bereits eine Infrastruktur. Die Wärme im Abwasser der Molkerei Rücker, die eine eigene Rohrleitung zum Klärwerk hat, wird bereits über Wärmetauscher bei einer Übergabestation am Grünen Weg gezogen und über Wärmepumpen bei der Sparkassen-Arena genutzt. Auch das Schwimmbad sollte 2016 an das Netz angeschlossen werden. Zum De Baalje wurde schon beim Bau eine entsprechende Leitung gelegt. Die Pläne scheiterten jedoch aus technischen und finanziellen Gründen.

Die IGS und die beiden Berufsbildenden Schulen könnten mittels Abwärme vom Klärwerk versorgt werden. Foto: Romuald Banik
Die IGS und die beiden Berufsbildenden Schulen könnten mittels Abwärme vom Klärwerk versorgt werden. Foto: Romuald Banik

Nun soll die Nutzung dieser Grundstrukturen noch einmal in den Blick genommen werden. Dabei sollen in einer Machbarkeitsstudie zunächst wenige große Liegenschaften identifiziert werden. Anhand ihres Verbrauchs soll eine Wirtschaftlichkeitsberechnung erfolgen. Das Untersuchungsgebiet umfasst neben dem Areal am Schloss und der Fußgängerzone auch den Caro, die Wohnanlagen am Hafen und die Anlagen am Ellernfeld. Ebenso wird geprüft, ob und wie ein solches Netz erweitert werden könnte.

Verwaltung will ihre Energienutzung ebenfalls optimieren

Mindestens fünf Maßnahmen zur Energiereduktion müssen im Rahmen der Wärmeplanung beschlossen werden. Neben den drei Bauprojekten stehen noch drei Informations- und Vernetzungsprojekte auf der Agenda des Umweltausschusses. Neben der Einrichtung eines kommunalen Energiemanagements geht es um eine Serviceplattform für digitale Energieberatung und einen Energie-Arbeitskreis für Unternehmen.

Auch Turnhallen - wie hier an der IGS - sind im Blick der Wärmeplaner. Foto: Heino Hermanns
Auch Turnhallen - wie hier an der IGS - sind im Blick der Wärmeplaner. Foto: Heino Hermanns

Dass ein Austausch unter Unternehmern über Energiefragen erfolgreich sein kann, wird schon an den Plänen für ein Wärmenetz in Schirum auf Basis der Abwärme von B-Plast 2000 deutlich. Neben dem regelmäßigen Gespräch mit den Unternehmen will sich die Stadtverwaltung auch mit den Kammern und anderen relevanten Partnern austauschen. Finanzielle Folgen für die Stadt liegen vor allem in der Bereitstellung von Personalstunden.

Hinter dem Kommunalen Energiemanagement verbirgt sich eine Software, die Einspar- und Optimierungspotenziale bei den städtischen Liegenschaften ausweist. An Kosten entstehen neben der Anschaffung der Software für 30.000 bis 50.000 Euro vor allem Personalkosten. Tjarko Tjaden rechnet mit einer vollen Personalstelle. Der Einsatz der Software inklusive der Personalkosten ist allerdings förderfähig und soll Einsparpotenziale aufzeigen.

Info-Plattform für Bürger kann großen Effekt haben

Das sechste Projekt ist eine betreute digitale Plattform, auf der Bürger mit vorhandenen Daten der Stadtverwaltung und ihren eigenen Daten eine energetische Optimierung ihrer Wohnung durchspielen können. Dabei soll auch berechnet werden können, welche Kosten, Fördermöglichkeiten und welcher Nutzen mit Dämmung, Energiespeicherung und eigener Erzeugung verbunden sind. Dabei sollen Dienstleister und Handwerksbetriebe aus Aurich eingebunden werden.

Kosten entstehen bei der Einrichtung und dem Betrieb der Plattform und bei der Betreuung des Angebots. Tjaden sieht in der Plattform aber ebenfalls großes Potenzial, wie er sagte. Da rund 70 Prozent der Haushalte in Aurich eher nicht an eine zentrale Versorgung angeschlossen werden, könne es klimapolitisch einen großen Effekt haben, wenn die Stadt diese Haushalte beim Umstieg auf erneuerbare Energien und Energieeinsparung unterstütze.

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