Kommunen suchen Einsparpotenzial  Wärmestuben, Sparduschköpfe und die Warnung vor Panik

| | 12.07.2022 15:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung. Foto: DPA
Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung. Foto: DPA
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Der Kreis Aurich will den Betrieb von Heizungsanlagen mit Anpassung von Heizkurven und -zeiten optimieren. Auch andere Kommunen denken über den Umgang mit Erdgasmangel nach.

Aurich - Im Fall eines akuten Gasmangels für Privathaushalte könnte der Landkreis Aurich sogenannte Wärmestuben einrichten. Der Katastrophenschutzstab beschäftigte sich kontinuierlich mit möglichen Gefahren, die der Bevölkerung und der Infrastruktur drohen, teilte Kreissprecher Rainer Müller-Gummels auf ON-Anfrage mit. Dazu gehörten auch Herausforderungen wie ein Stromausfall und ein Gasmangel.

In enger Abstimmung mit Gefahrenabwehrbehörden und Hilfsorganisationen müssten dann alternative Heizmethoden zum Tragen kommen, die in den Beständen der Organisationen vorgehalten werden, heißt es.

Städte- und Gemeindebund: Kommunen wichtiger Faktor beim Sparen

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gebe auf seiner Internetseite wertvolle Tipps, wie mit der Krise umgegangen werden kann.

In den vergangenen Tagen ist die Angst vor einem Engpass in der Gasversorgung weiter gewachsen. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Dr. Gerd Landsberg, betonte nun, wie wichtig der Beitrag der Kommunen in der Energiekrise ist: Sie seien „mit die größten Immobilienbesitzer und betreiben eine Vielzahl von besonders energieintensiven Einrichtungen, wie Schwimmbäder, Sporthallen, Verwaltungsgebäude, Kindergärten und Schulen.“ Da es wohl nötig werde, die Vorgaben für Vermieter, in Wohnungen 24 Stunden am Tag Temperaturen von 20 bis 22 Grad zu gewährleisten, zu ändern, sollten die Kommunen überlegen, „Wärmeinseln oder Wärmeräume vorzusehen, wo sich insbesondere ältere Menschen auch bei einem sehr kalten Winter aufhalten können“.

Machbarkeitsstudie für Fotovoltaikanlagen

Auch bei den eigenen Gebäuden will der Landkreis künftig mehr Energie einsparen. Ende vergangenen Jahres sei eine entsprechende Machbarkeitsstudie über die Ausstattung mit Fotovoltaikanlagen beauftragt worden. „Die Umsetzung erster Projekte ist in Planung“, heißt es.

Außerdem würden derzeit alle Liegenschaften von Fachfirmen systematisch untersucht auf die Optimierung der Heizungsanlagen mit Anpassung von Heizkurven und Heizzeiten, die Programmierung von Thermostaten sowie den Einbau von Sparduschköpfen und Durchlaufbegrenzern an Wasserhähnen.

Dienstzeiten sollen optimiert werden

Des Weiteren werde ein Runterfahren der Heizungen auf „zumutbare Mindesttemperaturen“ erwogen, Dienstzeiten sollen optimiert werden, etwa durch Vermeidung von nächtlichen Reinigungszeiten in Sporthallen.

Parallel laufen laut Kreisverwaltung Baumaßnahmen wie der Einbau einer neuen Heizungsanlage in den BBS Aurich. In der Stadt Aurich hatte Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maaß schon vor gut drei Wochen um Vorschläge aus der Politik und von Bürgern gebeten, wie in städtischen Liegenschaften der Gasverbrauch kurzfristig gesenkt werden kann. Sie betonte damals, dass sich nicht alle Ideen, die auf der Hand zu liegen scheinen, umsetzen lassen. Denn ein drastisches Zurückfahren etwa der Schwimmbadtechnik könne dort teure Schäden verursachen.

Appell aus Aurich hatte „unglaublich große konstruktive Resonanz“

Während die Stadt Oldenburg heute laut Medienberichten in dieser Woche schon ein konkretes Konzept beschließen will und Schwimmbäder, Temperaturabsenkungen in der Verwaltung und in Schulen sowie verkürzte Beleuchtungs- und Ampelzeiten ins Gespräch bringt, ist Aurich bei der konkreten Umsetzung noch nicht ganz so weit.

Laut Busch-Maaß hat es jedoch „eine unglaublich große konstruktive Resonanz“ auf ihren Aufruf gegeben – sowohl von Bürgern, Geschäftsleuten, privaten Initiativen, den Fraktionen als auch aus der Stadtverwaltung. Derzeit würden zwei Beschluss- beziehungsweise Infovorlagen für den Verwaltungsausschuss erstellt. Dieser soll am Montag, 18. Juli, darüber beraten. „Dabei sind sowohl einzelne Gebäude wie zum Beispiel das Schwimmbad, Gebäudeteilbereiche oder Hallen aufgeführt, wo Einsparungspotenzial besteht, aber auch eine Vielzahl von objektunabhängigen Ansätzen wird aufgelistet“, so Busch-Maaß. Wie die Politik mit den Vorschlägen umgehe, werde sich am Montag zeigen. Eine Anfrage, ob die Stadt auch beabsichtige, Wärmestuben einzurichten, ließ Busch-Maaß vorerst unbeantwortet.

Arno Ulrichs: Struktureller Wandel statt Einspar-Aktionismus

Arno Ulrichs, Bürgermeister in Ihlow, warnte davor, in Panik zu verfallen. Es liege ein Antrag der Grünen vor, sich mit dem Thema „kurzfristige Einsparungen“ zu befassen. Auch die Verwaltung habe schon einige Vorschläge und Zahlen zusammengetragen. Im Ihlower Umweltausschuss stellte sich dann am Abend ein Klimaschutzmanager des Landkreises vor. Ulrichs sagte, dass er sich eher eine Technikerstelle zum Energiemanagement statt einen Klimaschutzmanager wünsche. Die Kreisklimaschutzmanager könnten auch die Gemeinden beraten.

Ulrichs sieht für Ihlow eher Potenzial in der energetischen Sanierung von Gebäuden und beim Umstieg auf erneuerbare Energien als in der Absenkung von Raumtemperaturen. Die Umstellung auf LED-Straßenbeleuchtung könne sicher etwas beschleunigt werden.

Ihlow: Lehrschwimmbecken und Turnhallen werden gebraucht

Aber beispielsweise in der Diskussion über die Zukunft der Lehrschwimmbecken Westerende und Weene herrsche Einigkeit, dass diese zum Schwimmunterricht zur Verfügung stehen müssten. Auch Turnhallen ganz zu schließen, halte er für nicht realistisch und sinnvoll, so Ulrichs. „Wir können jetzt nicht alle Angebote runterfahren. Es ist eine schwierige Situation, aber man muss nun mit Augenmaß überlegen, was uns langfristig unabhängig macht von fossilen Brennstoffen, statt nur auf kurzfristige Effekte zu schauen.“Generell müsse bei allen Sparideen genau durchgerechnet werden, ob beispielsweise ein verlängertes Absenken der Raumtemperatur über Nacht die eingesparte Energie beim Wiederaufheizen nicht wieder verschlinge. Und die Heizung in Schulen dürfe nicht so weit gedrosselt werden, dass die Arbeit leide.

Insgesamt verbraucht Ihlow für Schulen, Kitas, Turnhallen, Feuerwehrhäuser, Straßenbeleuchtung, Leichenhallen und weiteres gut 600.000 Kilowattstunden Strom und fast 3,7 Millionen Kilowattstunden Gas. Die größte Energiefalle der Gemeinde, das alte Rathaus, sei erfreulicherweise beseitigt. Der Gasverbrauch liegt dort bei null.

Kritik an Dauer von Genehmigungsverfahren

Der Neubau sei ebenso wie die neuen Teile der IGS und einiger Kitas bereits nach neuesten energetischen Standards gebaut, so Ulrichs. Zudem werde seit dem letzten Winter geprüft, auf welche gemeindeeigenen Dächer Fotovoltaikanlagen gesetzt werden können. Neben dem Dach des Neubaus der Hermann-Tempel-Schule gehe es beispielsweise um die Turnhalle in Riepe, wo eine Anlage auch Strom für das benachbarte Naturbad liefern könnte.

Einige Zahlen aus Ihlow

Die Gemeinde Ihlow verbrauchte im Jahr 2021 einer Auflistung der Verwaltung zufolge insgesamt gut 600.000 Kilowattstunden (kWh) Strom und fast 3,7 Millionen Kilowattstunden Gas.

Auf die IGS entfielen dabei 16200 kWh Strom und 1,64 Millionen kWh Gas.

Für die vier Grundschulen wurden 80550 kWh Strom und 605.000 kWh Erdgas verbraucht.

In den Kitas wurden laut Auflistung insgesamt knapp 160.000 kWh Strom und 273.000 kWh Gas verbraucht.

Die fünf Feuerwehren verbrauchten zusammen 21350 kWh Strom und 325.500 kWh Erdgas.

Für die Leichenhallen der Gemeinde wurden insgesamt gut 5900 kWh Strom und 21.80 kWh Erdgas gebraucht.

Der Bauhof der Gemeinde schlug an seinen beiden Standorten mit 17.550 kWh Strom und 139.000 kWh Erdgas zu Buche.

Für die Straßenbeleuchtung wurden 163.339 kWh Strom bezogen.

Zudem gebe es die Pläne für einen Solarpark direkt an der Autobahn in Riepe. Eigentlich würde ein Genehmigungsverfahren nun bis zu drei Jahren dauern. „An solche Abläufe haben wir uns gewöhnt. Bei dem LNG-Terminal in Wilhelmshaven hat sich aber gezeigt, dass es auch schneller gehen kann, wenn die Zeit drängt“, so Ulrichs. Daher müssten nun generell die Verfahren gestrafft werden, wenn es um die Energiewende gehe – auch mit Blick auf die Energieunabhängigkeit. Bei neuen Baugebieten würden in Ihlow schon Vorgaben für Kraftwärmekopplungs- oder Erdwärmeanlagen gemacht. Eine Gasleitung werde dort gar nicht mehr gelegt.

Viele Einrichtungen in Großefehn hängen am Fernwärmenetz

Dem Großefehntjer Bürgermeister Erwin Adams zufolge haben dort die Fachbereichsleiter zur Ideenfindung getagt, um ein Maßnahmenpaket zu erarbeiten, das ab Herbst Einsparungen ermöglicht.

Adams wies aber auch darauf hin, dass in Großefehn bereits die KGS, die Kita-Einrichtungen, das Sanitärgebäude des Sportplatzes in Ostgroßefehn sowie das Freibad, die Turnhalle und die Schule in Holtrop sowie die Feuerwehr, die Grundschule samt Turnhalle und die Kita in Strackholt mit der Fernwärme von Biogasanlagen beheizt werden. „Dennoch gibt es natürlich Einsparpotenzial, das wir finden wollen“, so Adams. Aber das Sparen dürfe nicht zulasten von Kita- und Schulkindern gehen.

In Südbrookmerland haben laut Bürgermeister Thomas Erdwiens die Fachbereichsleiter gerade erste Ideen diskutiert. Die Brookmerlander Verwaltung ließ die ON-Anfrage am Dienstag unbeantwortet.

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