Schullandschaft Auricher Stadtpolitik will Realschule behalten
Der Antrag der Kreistagsfraktion Moin/Herr Weiss auf Umwandlung in eine Oberschule wird in der Stadt kritisch gesehen. Die Beratungen in der Kreispolitik beginnen nun. Diese Fragen stehen im Raum.
Aurich - Zunächst klang der Antrag der zweiköpfigen Kreistagsfraktion Moin/Herr Weiss ein wenig wie Science-Fiction: Um die landkreiseigene IGS Aurich zu entlasten und wieder zu alter Blüte zu bringen, sollte die städtische Realschule Aurich in eine Oberschule – also eine Kombination aus Haupt- und Realschule – umgewandelt werden, hieß es dort im August 2025.
Dieser Antrag wird am 17. März im Kreistag thematisiert. Es ist wahrscheinlich, dass er auch in der nicht-öffentlich tagenden Interfraktionellen Arbeitsgruppe Schulentwicklungsplanung am 11. März auf der Tagesordnung steht.
Der Antrag von Moin/Herr Weiss liegt in zwei relativ ähnlichen Fassungen vor. In der ersten Fassung vom August 2025 heißt es: „Beschlussvorschlag: Der Landkreis Aurich beschließt die Einrichtung einer Oberschule als Ersatz für die Realschule Aurich.“ In einer zweiten Fassung vom Januar fehlt dieser Passus – wohl aus rechtlichen Gründen. Nun heißt es: „Weitere Informationen erfolgen mündlich in der Sitzung.“
Stadt Aurich hat als Schulträger zentrales Mitspracherecht
Der Landkreis Aurich ist zwar Aufgabenträger für die weiterführende Schullandschaft im Kreisgebiet. Doch der Kreistag kann eine Schule in Trägerschaft der Stadt Aurich nicht einfach per Beschluss umwandeln oder überhaupt über sie entscheiden – dafür wäre ein Antrag des Schulträgers nötig. Er müsste mindestens Einvernehmen mit der Stadt Aurich erreichen. Er könnte aber möglicherweise eine Oberschule neben der stark nachgefragten Realschule einrichten. Ist das der Plan?
Was ist eine Oberschule?
In einer Oberschule für die Jahrgänge 5 bis 10 sind Hauptschule und Realschule als aufeinander bezogene Schulzweige geführt oder sie ist nach Schuljahrgängen gegliedert. Erst ab dem 9. Schuljahrgang ist festgelegt, dass der schulzweigspezifische Unterricht überwiegt. Es gibt also eine höhere Durchlässigkeit als bei getrennten Schulen oder einer Haupt- und Realschule (HRS).
Eine ganze Reihe von Fragen liegt auf der Hand: Was sagt eigentlich die Auricher Stadtratspolitik zu der Idee? Unsere Redaktion hat einige Fraktionsvorsitzende, die sowohl im Stadtrat als auch im Landkreis vertreten sind, befragt. Die Frage ist aber auch: Was will Moin/Weiss mit dem Vorschlag erreichen und wie genau soll das funktionieren?
CDU und SPD: „Finger weg von der Realschule“
Zunächst zur Stadtpolitik: Arnold Gossel (CDU) sagte auf Nachfrage, dass die Auricher Realschule sehr gut laufe und sehr gute Arbeit mache. „Finger weg von der Realschule. Es ist ganz wichtig, dass diese Schule weiter so gut funktioniert“, so der CDU-Fraktionschef im Stadtrat. Ebenso wichtig sei aber, dass der Landkreis alle möglichen Unterstützungen für die IGS aufbiete, weil die Schule überproportional von verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen belastet werde. Für eine bessere Ausstattung mit Lehrkräften sei aber nicht der Kreis zuständig, sondern das Land. Insofern müssten andere Mittel gefunden werden. Gossel erinnert sich mit Bedauern an die Orientierungsstufe, die leider vor Jahren abgeschafft worden seien. Dort seien die Schüler des fünften und sechsten Jahrgangs gemeinsam und teils differenziert beschult worden und hätten dann die weiterführende Schule gewählt.
Die SPD-Stadtratsfraktion habe die Entwicklung der Realschule in den letzten Jahren sehr aktiv und positiv unterstützt, so Harald Bathmann. „Die Arbeit dieser Schule ist ganz ausgezeichnet und das soll auch weiterhin so möglich bleiben.“ Die Akzeptanz dieser Schulform sei in Aurich sehr hoch. „Über eine Oberschule kann als Ergänzung, aber nicht als Ersatz nachgedacht werden.“
FDP: Keine Schule schwächen, um eine andere zu retten
Laut Sarah Buss (FDP-Fraktion) braucht Aurich starke Schulen, die jedem Kind gerecht werden – keine Einheitsschule. Sie sei ein klarer Gegner des Antrags der Kreistagsfraktion Moin/Herr Weiss auf Umwandlung in eine Oberschule. Eltern und Schüler wählten die Realschule bewusst wegen ihrer individuellen Förderung, ihres breiten Angebots und ihres messbaren Erfolgs hinsichtlich der guten Abschlüsse und Abgänge zu weiterführenden Schulen. Eine Umwandlung zur Oberschule kombiniere Haupt- und Realschulbildung „und würde das bewährte Profil der Realschule grundlegend verändern“, so Buss. Moin/Herr Weiss wolle auf den Hilferuf der IGS aus dem vergangenen Jahr reagieren. Auch sie nehme diesen ernst. „Aber die Lösung kann nicht sein, eine gut funktionierende Schule zu schwächen, um eine andere vermeintlich zu entlasten. Das wäre kein Gewinn für unsere Kinder – das wäre ein Nullsummenspiel“, so Buss. Der IGS sei nur mit mehr Personal, mehr Ressourcen und mehr Unterstützung durch Land und Landkreis geholfen, nicht durch den Entzug von Schülern aus einer Nachbarschule. Würde eine Oberschule zusätzlich zur Realschule geschaffen, sei die Frage, woher all die Schüler kommen, um Realschule, Oberschule und IGS auszulasten.
Freie Wähler: Genug in Schullandschaft herumgerührt
Für die gestern verhinderte Hilde Ubben (AWG) antwortete Detlev Krüger. In der Schullandschaft sei aus Sicht der Freien Wähler schon viel zu viel herumgerührt worden. „Wir stehen zur Realschule, wie sie jetzt ist“, so Krüger. Der IGS müsse mit anderen Mitteln stärker unter die Arme gegriffen werden.
Der Antrag von Moin/Herr Weiss nimmt Bezug auf Aussagen der IGS-Aurich-Schulleiterin Dr. Dorothee Göckel im Kreisschulausschuss: „Wir tragen für die ganze Stadt Aurich und Umgebung die Lasten von Inklusion und Migration.“ Man habe mehr als zehn Prozent Inklusions-Schüler und zwischen 30 und 40 Prozent mit Migrationshintergrund. Für diese großen Herausforderungen habe man zu wenig Personal, sei es etwa für sonderpädagogische Unterstützung oder Sozialarbeit, so Göckel damals. Zudem müsse die Schule in höheren Jahrgängen sogenannte Rückläufer vom Gymnasium und der Realschule aufnehmen, was den Klassenverband immer wieder aufbreche. Es komme gar zu Gewalt unter den Schülern und gegen Lehrer.
Eigenheiten der Auricher Schullandschaft
Sie benannte damit gleich mehrere Probleme, die sich zum Teil in besonderer Weise im Kreis und in der Stadt Aurich häufen. Nachdem an mehreren Standorten im Kreis die Hauptschulen oder Haupt- und Realschulen geschlossen oder in IGS umgewandelt wurden, haben Auricher „Hauptschüler“ die IGS als einzige Anlaufstelle. Oder sie müssen es auf der Realschule versuchen – mit dem Risiko eines späteren Schulwechsels. Oder eine KGS in einer Nachbargemeinde anwählen. Die KGS Großefehn besuchen derzeit immerhin 85 Schüler aus Aurich.
Auch die Förderschule Lernen wurde im Zuge der Inklusion landesweit eingestellt.
Auricher Schullandschaft im Vergleich zu Nachbarkommunen
An weiterführenden Allgemeinbildenden Schulen befinden sich im Landkreis Aurich (Festland) neben den Förderschulen nur die beiden Gymnasien in Aurich und Norden und die IGS in Aurich und Krummhörn/Hinte in der Trägerschaft des Landkreises. Alle weiteren weiterführenden Schulen - zwei Realschulen, drei KGS, zwei IGS, eine HRS, eine Oberschule- laufen in Trägerschaft von Gemeinden. Hinzu kommen drei noch private Schulen.
Im Kreis Wittmund gibt ein auf dem Festland das Internatsgymnasium in Trägerschaft des Landes sowie eine KGS, eine Realschule, eine Oberschule, eine Hauptschule und eine Haupt- und Realschule in Trägerschaft des Landkreises.
Im Kreis Leer gibt es zwei private Schulen. In Trägerschaft des Landkreises gibt es zwei Hauptschulen, drei Realschulen, drei Haupt- und Realschulen, fünf Oberschulen, drei Gymnasien und eine IGS.
In der kreisfreien Stadt Emden gibt es derzeit zwei Gymnasien, eine IGS und drei Oberschulen. Eine der Oberschulen soll nun nach längerem politischem Streit in eine IGS umgewandelt werden.
Oftmals werden diese Inklusionsschüler bei den IGS angemeldet. Der Landkreis hat im Zuge der beiden großen Flüchtlingswellen den Schwerpunkt der Unterbringung auf Aurich gelegt. Zusätzlich zur Kaserne wurden Container aufgebaut. Damit kamen auch viele nicht-deutschsprachige Schüler auf die Auricher Schulen. Zudem gibt es im Kreis Aurich eine Schullandschaft, die sich deutlich von den Nachbarkreisen unterschiedet (siehe Kasten). Um ihre Schulen auszulasten, gibt es für die IGS Ihlow und Marienhafe-Moorhusen Schuleinzugsbereiche. Vor Jahren bekam die IGS Aurich auch von dort Schüler.
Grüne: Schuleinzugsbereiche auflösen
Eine nicht zu Ende gebrachte Schulreform – so sagt es Grünen-Fraktionschefin Gila Altmann – sei die Ursache, dass die IGS vielerorts nicht mehr von Eltern angewählt werde.
In der Grünenfraktion herrsche keine Einigkeit zu dem Thema. Sie selbst sei eine glühende Verfechterin der IGS-Pädagogik, so Altmann. Den Vorschlag der Kreistagsfraktion Moin/Herr Weiss sieht sie allerdings skeptisch. Die Auricher Realschule umzuwandeln, halte sie für kontraproduktiv. Die Schule mache hervorragende Arbeit und solle nicht aufgespalten werden. Zudem stelle sich die Frage nach dem Platz für eine Oberschule. Das Gelände der Realschule stoße schon jetzt an Grenzen, sodass der Rat eine Fünfzügigkeit festgelegt habe.
Für die IGS bestehe aber absoluter Handlungsdruck, damit die Stärken der Schule wieder zur Geltung kommen könnten und Probleme wie Gewalt eingedämmt würden, sagte Altmann. Der Landkreis müsse etwas tun. Nun sei die Frage, was. Eine Oberschule könnte immerhin Leerstellen füllen.
Ein Problem seien auch die Schuleinzugsbereiche der benachbarten IGS. Sie sei dafür, diese abzuschaffen und alle Schulen im Landkreis in einen pädagogischen Wettbewerb treten zu lassen, sagte die Fraktionsvorsitzende.
Altmann: Noch viele Details zu klären und abzuwägen
Gegen eine weitere Schule in Aurich – eine Oberschule – habe sie nichts, so Altmann. Aus ihrer Sicht könne man dieses Experiment ruhig wagen – wenn es am Ende den Schülern nütze und die IGS entlaste. Dazu müsse auch Geld da sein. Sie habe aber noch sehr viele Fragen zu einem solchen schulpolitischen Manöver, so Altmann. Eine Oberschule werde Schüler aus der IGS abziehen und vielleicht auch die stark angewählte Auricher Realschule entlasten. Auch in Südbrookmerland werde immer wieder eine Schule für Haupt- und Realschüler gefordert, nachdem die HRS Moordorf geschlossen wurde. Auch für Kinder aus dieser Gemeinde könne eine Oberschule in Aurich vielleicht interessant sein.
Es sei aber offen, wann auf diese Weise die IGS Aurich wieder eine Schülerzahl und -zusammensetzung erreiche, mit der sie ihre pädagogische Idee umsetzen könne und wieder attraktiv für den notwendigen Schülermix mit verschiedenen Leistungsniveaus werde. Insofern gebe es ein Risiko in dieser Planung, wenn es um das im Moin/Herr Weiss-Antrag genannte Ziel gehe.
Der Elternwille sei kaum über Jahre vorherzusagen, sagte die frühere Hauptschullehrerin. Immer wieder seien zuletzt kaum kalkulierbare Faktoren hinzugekommen. Die Auslastung der Schulen sei folglich sehr schwer zu steuern.