Abschied unter Tränen  Wallinghausens Platt-Pionierin geht in den Ruhestand

| | 12.02.2026 07:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Zum Abschied eine Schultüte und eine große Verabschiedungsfeier: Grundschullehrerin Margret Aden hat im Ruhestand nun mehr Zeit für ihren Mann Gerd. Foto: Karin Böhmer
Zum Abschied eine Schultüte und eine große Verabschiedungsfeier: Grundschullehrerin Margret Aden hat im Ruhestand nun mehr Zeit für ihren Mann Gerd. Foto: Karin Böhmer
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Margret Aden führte an der Grundschule Wallinghausen den Fachunterricht auf Plattdeutsch ein – mit großem Erfolg. Schüler und Kollegen sagten zum Abschied richtig groß „Danke“.

Aurich - Kollegen, die sich in großer Zahl Tränen aus den Augen wischen. Kinder, die sich in Trauben um eine Lehrerin drängen, sie umarmen und ebenfalls weinen. Der Abschied von Margret Aden von der Grundschule Wallinghausen war am Freitag, 30. Januar 2026, alles andere als emotionslos. Seit 1999 unterrichtet die Auricherin an der Grundschule. Nun geht sie in den Ruhestand.

„Ik bün schoon of“, sagte Aden nach der Abschiedsfeier in der Turnhalle. Da hatte auch sie schon manche Träne verdrückt. Und die Verteilung der Zeugnisse an ihre Klasse und der Gang durch das Spalier aller Schüler lagen sogar noch vor ihr.

Raum wird nach Aden benannt

Die Kollegen und Schüler hatten sich einiges für Adens Abschiedsfeier einfallen lassen. Ihre Klasse 3b, in der Aden unter anderem Mathematik auf Plattdeutsch unterrichtet hat, hatte sich überlegt, wie die Lehrerin wohl ihren Mann Gerd kennengelernt hat. Inhaltlich inspiriert von „Dat du mien Leevsten büst“, sieht man dort das Werben am Bühnenbildfenster, hört den schimpfenden Vater und freut sich über das romantische Ende. Dass die Kinder, begleitet von Lydia Knaack an der Gitarre, auswendig etliche plattdeutsche Strophen vortrugen und dabei noch das Stück aufführen konnten, sorgte in der Halle für erstaunte Gesichter.

Margret Adens Klasse 3b hatte sich Gedanken darüber gemacht, wie die Lehrerin wohl ihren Mann kennengelernt hat. Foto: Karin Böhmer
Margret Adens Klasse 3b hatte sich Gedanken darüber gemacht, wie die Lehrerin wohl ihren Mann kennengelernt hat. Foto: Karin Böhmer

Doch es ging so weiter. Die 1b zählte mit ihrer Klassenlehrerin und Schulleiterin Christine Wiese persönliche Wünsche für den Ruhestand auf – und endete mit „Wir haben dich ganz doll lieb.“ Wiese hatte sogar noch eine Überraschung für Aden. Adens früherer Klassenraum, an dem sie besonders gehangen hatte, den sie aber vor einigen Jahren räumen musste, wird nun durch ein Schild zum „Margret-Aden-Raum“. Wiese brachte die Wertschätzung des ganzen Kollegiums zum Ausdruck.

Über Umwege in die Grundschule

Aden hat in 26 Jahren an der Grundschule Wallinghausen tiefe Wurzeln geschlagen. Dabei wollte sie ursprünglich eigentlich ältere Schüler unterrichten. Doch die Stellen waren nach ihrem Studium knapp, es herrschte die sogenannte Lehrerschwemme der 1980er-Jahre. Aden fand den Weg in den Beruf als Springerin und in den Vorbereitungsklassen für die geflüchteten Vietnamesen, die in Norddeich aufgenommen worden waren.

Ein Tafelbild zum Abschied. Foto: Karin Böhmer
Ein Tafelbild zum Abschied. Foto: Karin Böhmer

Danach wurde sie Lehrkraft am Schulzentrum Wildbahn in Norden, wechselte später an die Waldschule Egels – und nach deren Schließung 1999 an die Grundschule Wallinghausen. Dort begann die Auricherin nach eigenen Angaben mit etwas Bauchschmerzen, war sie doch eigentlich Lehrerin für Mathe, Erdkunde und Geschichte.

Plattdeutscher Unterricht wurde zum Lebensthema

„Aber du warst hier am richtigen Ort“, bilanzierte ihre Chefin. Adens Steckenpferd wurde ab 2001 der plattdeutsche Unterricht – und zwar nicht nur als freiwillige AG, sondern als Immersionsunterricht für ganze Klassen. Darin wird die Sprache so konsequent wie möglich von der Lehrkraft gesprochen, während es im Unterricht um die Lerninhalte des jeweiligen Faches geht.

Ab dem ersten Schuljahr unterrichtete sie unter anderem ihre Matheschüler auf Platt. Zusammen mit der Ostfriesischen Landschaft und mehreren Kollegen entwickelte sie Unterrichtskonzepte und Lernmaterial. Auch am Lehrbuch „Moin. Dat Plattbook“ arbeitete die Auricherin mit.

Gerade ihre eigene Klasse trennte sich nur sehr ungern von Margret Aden. Foto: Karin Böhmer
Gerade ihre eigene Klasse trennte sich nur sehr ungern von Margret Aden. Foto: Karin Böhmer

Bekannt wurde Aden, weil sie die Erste war, die den plattdeutschen Immersionsunterricht tatsächlich umsetzte. 2009 bekam sie zusammen mit ihrer Simonswoldmer Kollegin Grete Saathoff den Keerlke-Preis für ihre Plattdeutsch-Mission in der Grundschule. Seit Jahren ist Wallinghausen „Plattdüütske School“ und „Mehrsprakig Grundschool“.

Neben der Sprache auch Augenmerk auf Traditionen

Drei Kultusminister habe sie persönlich getroffen, sagt Aden – immer dann, wenn mal wieder eine Auszeichnung an sie und ihre Schüler zu überreichen war. Neben Anke Janssen, Lehrerin an der Grundschule Constantia in Emden, berichte Aden in einer NDR-Reportage über Plattdeutsch in der Grundschule über ihre Erfahrungen.

Das Kollegium kämpfte beim traditionellen Abschiedslied mit den Tränen. Foto: Karin Böhmer
Das Kollegium kämpfte beim traditionellen Abschiedslied mit den Tränen. Foto: Karin Böhmer

Neben der Heimatsprache legt Aden auch Wert darauf, den Kindern ostfriesische Traditionen bekannt zu machen. Tee spielt dabei eine große Rolle, ob als Teezeremonie oder in Form von Teebeuteln als „Leinwand“ im Kunstunterricht. Projektarbeit war ihr zudem wichtig, beispielsweise die Mitarbeit an Ausstellungen und die Teilnahme an Lesewettbewerben.

Kurzum: Aden steht in Wallinghausen für Plattdeutsch. „Viele Kinder wissen gar nicht, dass ich Hochdeutsch sprechen kann“, sagt sie und grinst.

Vom Immersionsunterricht überzeugt

Aden hält den Immersionsunterricht auf Platt für eine hervorragende Möglichkeit zum Spracherwerb. Da die sprachlichen Fähigkeiten im Matheunterricht nicht bewertet würden, hätten die Kinder keine Scheu, die Sprache zu nutzen. Zudem sei Mathematik ein sehr geeignetes Einstiegsfach, weil mit wenig Vokabeln schon viel möglich sei.

Dass Tanzen in Wallinghausen auch ein großes Thema ist, war bei der Verabschiedung deutlich zu sehen. Foto: Karin Böhmer
Dass Tanzen in Wallinghausen auch ein großes Thema ist, war bei der Verabschiedung deutlich zu sehen. Foto: Karin Böhmer

Die Lehrerin hat beobachtet, dass vier Jahre ausreichen, damit die Kinder mit dem regelmäßigen Sprachinput selbstbewusst sprechen lernen. Oft seien die Plattdeutsch-Schüler auch in anderen Sprachen sehr erfolgreich gewesen, berichtet sie. Und es sei auch nicht nötig, dass im Elternhaus Platt gesprochen werde. Oft seien es die russischen und syrischen Kinder gewesen, die durch ihre ohnehin vorhandene Mehrsprachigkeit besonders schnell auch Plattdeutsch gelernt hätten.

Nun erstmal „große Pause“

Wichtig sei ihr, so zu sprechen, wie sie es gelernt habe. Sprachliche Bilder sind im Plattdeutschen schon mal anders als im Hochdeutschen. Ebenso die Grammatik. Sie beobachte des Öfteren, dass Plattdeutsch zu einer Übersetzung des Hochdeutschen werde.

Die Plattdeutsch-AG zeigte mit Humor, wie der Matheunterricht auf Plattdeutsch abläuft. Foto: Karin Böhmer
Die Plattdeutsch-AG zeigte mit Humor, wie der Matheunterricht auf Plattdeutsch abläuft. Foto: Karin Böhmer

Eine Kostprobe von Adens Schaffen gab die Plattdeutsch-AG, die bei der Verabschiedungsfeier eine Mathestunde mit vielen typischen Beispielen und viel Humor aufführte. Mehrere Tanzeinlagen, ein Video mit Fotos aus 26 Jahren und mit Grußworten von Plattdeutsch-Kollegen sowie der Kollegiums-Chor rundeten die Feier ab.

Und nun? „Nu maak ik nix“, sagt Aden und lacht. Erstmal will sie Abstand gewinnen, sich Ruhe gönnen und dann das Material ihres Lehrerlebens sortieren. Und dann? „Denn sall’t woll noch wiedergahn.“

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