Fast 400 Wildunfälle im Raum Aurich  So wollen die Jäger Autofahrer sensibilisieren

| | 11.02.2026 17:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit diesem Warnschild, das künftig immer zeitlich begrenzt an Unfallschwerpunkten aufgehängt wird, wollen die Auricher Jägerschaft sowie Stadt und Landkreis Aurich Autofahrer warnen. Foto: Karin Böhmer
Mit diesem Warnschild, das künftig immer zeitlich begrenzt an Unfallschwerpunkten aufgehängt wird, wollen die Auricher Jägerschaft sowie Stadt und Landkreis Aurich Autofahrer warnen. Foto: Karin Böhmer
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Die Jägerschaft Aurich stellt immer wieder neue Wildunfallschwerpunkte fest. Weil die bisherigen Warnungen nicht mehr wirken, testen sie nun etwas Neues.

Aurich - Der Gewöhnungseffekt ist ein Problem. Jedenfalls dann, wenn es um die Warnung vor Wildunfallschwerpunkten geht. Deshalb hat sich die Auricher Jägerschaft nun etwas Neues ausgedacht und dabei auch Unterstützung von der Stadt Aurich und dem Landkreis bekommen: Sie hat 100 Banner angeschafft, die relativ schnell an Bäumen angebracht und auch wieder entfernt werden können. Mit Bild und Schrift wird so auf gefährliche Stellen mit Wildwechsel hingewiesen.

Bislang setzten die Jäger auf zwei Strategien: Das Wild wollten sie durch blaue Reflektoren davon abhalten, sich der Straße zu nähern. Doch das Wild gewöhnte sich irgendwann an diese Wildwarnreflektoren an Leitpfosten, die das Scheinwerferlicht als blaues Warnlicht in den Wald reflektieren. Die Autofahrer wiederum warnen die Jäger seit Jahren mit roten Dreibeinen mit dem Schild „Wildunfall“. Doch ebenso wie die Tiere nehmen Autofahrer irgendwann keine Notiz mehr von diesen Warnungen, wie Gernold Lengert, Vorsitzender der Auricher Jägerschaft, beklagt.

Fast 400 Wildunfälle im Bereich der Auricher Jägerschaft

Deshalb setzen die Jäger nun auf den Schildwechsel zum Wildwechsel. Die Banner werden überall dort aufgehängt, wo es zu einer Häufung von Wildunfällen gekommen ist. Dort sollen sie aber nur wenige Wochen hängen bleiben - und dann an einen neuen Ort umziehen, um zu warnen.

Mit relativ einfachen Mitteln können die insgesamt 100 bestellten Banner relativ schnell angebracht werden. Das erste wurde nun an der B 210 bei Plaggenburg montiert. Foto: Karin Böhmer
Mit relativ einfachen Mitteln können die insgesamt 100 bestellten Banner relativ schnell angebracht werden. Das erste wurde nun an der B 210 bei Plaggenburg montiert. Foto: Karin Böhmer

Im Polizeibericht ist vergleichsweise selten von Wildunfällen die Rede - weil erfreulicherweise nur selten Menschen dabei verletzt werden oder selten Zeugen gebraucht werden. Wenn die Jäger jedoch zählen, wie oft sie zu Unfallstellen gerufen werden, kamen sie im vergangenen Jagdjahr 2024/25 auf 600 Wildunfälle im Auricher Kreisgebiet. Insgesamt 397 dieser Unfälle ereigneten sich im Bereich der Auricher Jägerschaft. Der Hegering Aurich-Oldendorf kümmerte sich um 82 Unfälle, der Hegering Bagband um weitere 72. Im Gebiet des Hegerings Sandhorst kam es zu 66 Wildunfällen, in Südbrookmerland zu 61. Außerdem wurden vom Hegering Ihlow 46 Unfälle registriert. Im Bereich Middels und Riepe waren es 36 beziehungsweise 34.

Unfallschwerpunkte verschieben sich immer wieder

Die Unfallschwerpunkte verschieben sich laut Lengert immer wieder. Das habe mit neuen Baugebieten, Baumaßnahmen im Allgemeinen, mit Störungen durch Spaziergänger, mit landwirtschaftlichen Arbeiten oder beispielsweise mit Maisflächen zu tun, die für Wildschweine interessant sind. „Letztendlich erleben wir auch, dass der Wolf das Wild, wie Rehe und Damwild, beunruhigt und diese über Straßen flüchten, so Lengert. Eine weitere Unfallursache sei aber auch das Zusammenspiel von Jahreszeiten und Berufsverkehr. Wildwechsel fänden oft bei Dämmerung statt. Falle diese Zeit mit der Rushhour zusammen, steige die Gefahr.

Das erste Warnplakat, das am 5. Februar 2026, bei einem Pressetermin aufgehängt wurde, befindet sich in Plaggenburg an der Bundesstraße Richtung Wittmund, wenige Hundert Meter vor dem Ortseingang. An dieser Stelle sei es in den vergangenen acht Monaten zu acht Wildunfällen gekommen, berichtete Martin Friedrichs, Schatzmeister der Jägerschaft.

Das waren zuletzt Unfallschwerpunkte

Als weitere aktuelle Unfallschwerpunkte nennen die Jäger beispielhaft die Bundesstraße 72 in Schirum, den Heuweg zwischen Walle und Westerende, die L 34 in Brockzetel, die K 111 zwischen Aurich und Simonswolde und einige Gemeindestraßen. Ein Beispiel stammt aus dem Ochtelburer Moor, wo ein Feldweg ausgebaut worden sei. Nun sei schnelleres Fahren möglich - die Zahl der Wildunfälle habe sich spontan erhöht.

Beispiele für Unfälle

Nur wenige Wildunfälle aus dem Auricher Bereich haben es seit 2023 in den Polizeibericht geschafft. Dies waren die Vorfälle:

Im Juli 2025 fuhr gegen 22 Uhr ein 36-Jähriger auf der Auricher Straße in Fahrtrichtung Riepe, als in Höhe der Barsteder Straße ein Rehwild die Straße kreuzte. Bei der Kollision wurden zwei Kinder im Fahrzeug leicht verletzt.

Im November 2024 fuhr ein 21-Jähriger gegen 1.15 Uhr auf der Auricher Landstraße in Fahrtrichtung Ulbargen. Auf Höhe der Hausnummer 37 kreuzten Wildtiere die Fahrbahn. Durch die Kollision mit einem Reh stieß das Fahrzeug gegen die Leitplanken und landete schlussendlich in einem Graben. Der Fahrer kam ins Krankenhaus.

Im Juni 2023 fuhr ein 64-Jähriger mit dem Motorrad gegen 21.30 Uhr auf der Oldeborger Straße. Er prallte gegen einen querenden Rehbock, stürzte und wurde verletzt.

Nicht einmal die Jäger bekommen alle Wildunfälle mit. Nicht jeder Autofahrer meldet einen Unfall ordnungsgemäß. Einige meldeten sich am Morgen, dass sie am Abend zuvor ein Tier erwischt hätten, das aber noch weggelaufen sei. Andere sagten gar nicht Bescheid - vielleicht, weil sie keinen Schaden am Auto feststellen oder zum Zeitpunkt des Unfalls alkoholisiert gewesen seien. Lastwagenfahrer scheuten manchmal den Zeitverlust und nähmen lieber eine Delle in Kauf. Die Jäger fänden dann später Tiere vor, die sich oft schwer verletzt weitergeschleppt hätten und dann verendet seien.

Lengert: Diese Aktion ist ernst gemeint

Lengert sagte, die Jäger hätten verschiedentlich versucht, dauerhaften Tempolimits an beständigen Wildwechselstellen zu erreichen oder zumindest die Aufstellung offizieller Verkehrsschilder „Wildwechsel“. Doch das sei ein bürokratischer Marathon.

Tammo Bents (von links) und Sebastian Smolinski vom Landkreis Aurich unterstützen das Projekt von Gerold Lengert von der Kreisjägerschaft ebenso wie der Auricher Bürgermeister Horst Feddermann und die Hegeringsleiter und Jagdpächter. Foto: Karin Böhmer
Tammo Bents (von links) und Sebastian Smolinski vom Landkreis Aurich unterstützen das Projekt von Gerold Lengert von der Kreisjägerschaft ebenso wie der Auricher Bürgermeister Horst Feddermann und die Hegeringsleiter und Jagdpächter. Foto: Karin Böhmer

Mit den Warnbannern habe die Jägerschaft ein offenes Ohr bei der Stadt und beim Landkreis gefunden. Sebastian Smolinski, Dezernent für Ordnung beim Landkreis, und Bürgermeister Horst Feddermann sehen auf Nachfrage keine Probleme mit den Bannern. Sie seien eben keine offizielle Beschilderung mit all den dazugehörigen Regularien, sondern dienten der Prävention.

„Diese Aktion mit den Plakaten ist ernst gemeint und dort, wo sie angebracht werden, ist das kein Spaß, sondern ein ernster Hinweis auf eine mögliche Gefahr, die unsere Revierinhaber als Unfallschwerpunkte erkannt haben“, so Lengert. Er stellte eine Evaluierung der Aktion in Aussicht und hofft auf sinkende Unfallzahlen.

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