Abschied bei „Crocos“ Der Mann mit dem Lächeln nimmt Abschied
Der Auricher Alexander Flade, Betreuer und „Mister Instagram“ der Ihlower Handballer, sagt bei den „Crocos“ auf Wiedersehen. Er erklärt, warum ihn diesmal niemand umstimmt.
Aurich - Er trägt ein schwarzes T-Shirt und verbirgt seine Arme hinter seinem Rücken. Der Betreuer der Ihlower Handballer Alexander Flade schaut mit einem melancholischen Blick in die Kamera. Über seinem Kopf sind sechs rote Buchstaben montiert. „Abgang“ ist da zu lesen. Flade hat seinen Abschied von den „Crocos“ mit einem Beitrag in den sozialen Medien dokumentiert. Er schrieb: „Ich verlasse das Gehege. Nach 5,5 Jahren und 476 Beiträgen ist die Zeit gekommen.“ Die Zeit, um als Betreuer und als Öffentlichkeitsarbeiter Tschüss zu sagen. Dann ist da auch noch eine dritte Sache, um die er sich bei den Handballern gekümmert hat. Im Gespräch mit dieser Zeitung verrät er, wie seine Entscheidung gereift ist.
„Ich habe zwischen Weihnachten und Silvester über mich nachgedacht und mir ist eines klar geworden: Ich will mehr Zeit für mich und meine Tochter“, so der 45-Jährige. Bevor er seinen Beitrag online stellte, hat er Trainer und Mannschaft über seinen Schritt informiert. Flade hatte in der Vergangenheit schon zweimal den Ausstieg probiert, ließ sich aber immer wieder zum Weitermachen breitschlagen. Er weiß um seine Schwäche: „Ich kann schlecht nein sagen.“ Aber diesmal ist es anders. Einen Weg zurück gibt es nicht. Er steigt bei den „Crocos“ aus. Die Entscheidung steht. Sie ist ihm nicht leicht gefallen, liegt ihm doch die Mannschaft und das Drumherum sehr am Herzen. Flade bekennt: „Ich fühle mich nun erleichtert und frei.“Er hat Siege bejubelt, Niederlagen verdaut und lustige und einzigartige Dinge mit den „Crocos“ erlebt, lautet seine Bilanz zum Abschied.
Vom Ruhrgebiet nach Ostfriesland
Im Interview blickt er auf eine ungewöhnliche Sportkarriere mit einer rekordverdächtigen Anzahl von Verletzungen zurück. Er wurde 1980 in Herne geboren und kam Mitte der 1980er Jahre nach Aurich. Er spielte beim SV Wallinghausen, SpVg Aurich, TuS Esens und Eintracht Ihlow Fußball als Torwart. Später sollte er bei Werder Bremen in der fünften Mannschaft sogar zu Meisterehren kommen. Auch als Nachwuchstrainer hat er sich einen Namen gemacht.
Als er für einen OHV-Sponsor arbeitete, kam er mit dem OHV in Kontakt. „Bei Dinis haben mich einige Spieler überredet, Betreuer beim OHV zu werden. Obwohl ich erst ein Spiel gesehen hatte, habe ich zugesagt“, erzählt Flade und lächelt verschmitzt. Jahre später brachte ihn der ehemalige OHV-Kapitän Oliver Ahrens zu Eintracht Ihlow. Die „Crocos“ wollten mit dem Ex-OHV-Trainer Wolfgang Ladwig in der untersten Klasse durchstarten. Ladwig versammelte ehemalige OHV-Akteure um sich. Das Abenteuer Handball nahm in Ihlow seinen Lauf und führte seit der Startsaison 2021/22 bis in die Landesliga. Dort bestreiten die Ihlower ihre zweite Saison. Eine wunderbare Reise, so Flade, die nun für ihn zu Ende ist. Nicht ganz.
Witziger Typ und Sprücheklopfer
Flade gilt als ein humorvoller Typ, der auch gerne einmal den einen oder anderen Spruch loslässt. Er gibt auch immer wieder gerne Fußballzitate von Andreas Möller, Lothar Matthäus oder Otto Rehhagel zum Besten. Das bringt ihm Lacher ein. Eintracht-Spieler Rüdiger Seele beschreibt Flade „als einen witzigen Typ, der immer wieder einen flotten Spruch auf dem Kasten hatte.“
Ein kommunikativer, freundlicher Mensch, der humorvolle Ideen für Beiträge auf Instagram hatte. Dazu zählt Seele beispielsweise ein Quiz zwischen zwei Spielern oder auch Interviews. Sollte Flade eine Handbewegung machen, die seine Betreuertätigkeit bei den „Crocos“ auf den Punkt bringt, dann wäre es eine fiktive Flasche, die er seinem Gegenüber reicht. Dazu bemerkt Flade: „Es war mir immer eine Ehre, das Wasser zu reichen.“ So spricht einer, der bescheiden und dienend daherkommt und sich gerne ehrenamtlich engagiert hat. „Ohne Ehrenamt geht es im Vereinsleben nicht. Ich finde das wichtig“, so Flade.
Ein Vorbild und Statistiker
„Crocos“-Trainer Wolfgang Ladwig bedauert den Verlust seines Betreuers und hebt hervor: „Alex ist ein Vorbild an Zuverlässigkeit. Sein Engagement ist unglaublich.“
Die „Crocos“ verlieren nicht nur ihren Betreuer und Instagram-Experten, sondern auch ihren Statistiker. Er führte in jedem Spiel Buch über Torschützen, Einsätze, Strafminuten und Siebenmeter. Für Ladwig und die Mannschaft ein unschätzbarer Fundus. „So sahen die Spieler schwarz auf weiß, woran es gelegt hat“, so Ladwig, und er gab Flade noch einen Abschiedsgruß mit auf den Weg: „Alle bedauern seinen nachvollziehbaren Schritt.“ Die grün-weiße Vereinsfarbe von Eintracht Ihlow trägt Flade schon seit 1986 in seinem Herzen. Er ist seit 40 Jahren Fan von Werder Bremen. Seit dieser Zeit hat er unzählige Fanartikel der Grün-Weißen zusammengetragen. In seinem Bestand befinden sich allein rund 200 Fan-Schals. Seine Liebe zu den Bremern führte ihn für ein halbes Jahr als Praktikant zum Bundesligisten an die Weser. Dort kam er als Torwart auch in der fünften Herren zum Einsatz und feierte eine Meisterschaft.
Herr über Schrauben und Stahl
Beruflich hat Flade schon einige Stationen hinter sich. Als ausgebildeter Industriekaufmann hat er im Tabakgroßhandel gearbeitet. Es folgte eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann bei der SpVg Aurich. Obendrauf hat er noch die Ausbildung zum Sportfachwirt parallel abgeschlossen. Seit mehr als 13 Jahren ist er bei Metallbau Ihnen in Aurich als Einkäufer beschäftigt. Er kauft Schrauben oder Stahl europaweit ein. „Die Arbeit macht mir Spaß“, sagt er. Er hat seine Lebensaufgabe gefunden. Weniger Spaß bereiteten ihm zahlreiche Sportverletzungen, die er sich als Fußballtorwart eingefangen hat. Brüche des Schlüsselbeins, des Nasenbeins und diverser Finger. In seiner Akte stehen 23 Brüche. Eine rekordverdächtige Zahl.
Ein Operateur flachste einmal: „Herr Flade, Sie sind ja besser auf dem OP-Tisch aufgehoben als da draußen.“ Die damit verbundenen unangenehmen Erinnerungen mit den Ärzten und in den Krankenhäusern wischt er mit einem lässigen Flade-Lächeln weg. Er wird zukünftig bei den Heimspielen der „Crocos“ auftauchen. Mit einem anderen Auftrag. „Ich komme als Fan in die Halle, gönne mir eine Brezel und ein Kaltgetränk und schaue entspannt, was die Jungs so machen.“ Und was hoffen die Handballer? Dazu merkt Trainer Ladwig an: „Er ist ja nicht aus der Welt. Wer weiß, vielleicht kehrt er ja in einer anderen Funktion zum Verein zurück.“
Flade hat jedoch andere Bilder im Kopf, wenn er nach vorn blickt: Konzertbesuche stehen für den Fan von Fanta 4 auf seinem Wunschzettel. Mit seiner Tochter wird er sich den Kinderliedermacher Simon Horn („HerrH“) anschauen. Vergnügte Aussichten fernab vom Handballtrubel.