Erinnerung in Aurich Weihnachtsgrüße von 1942 erreichen das Heute
Eine Postkarte von Aurich, die Silomon-Geschäftsführerin Margarete Cramer 1942 an ihren Sohn an die Front schickte, bewegt heute wieder die Auricher. Was daraus jetzt erwächst.
Aurich - Im Dezember 1942 tobte die Schlacht um Stalingrad. Doch nicht nur an diese Soldaten wurde in ihrer jeweiligen Heimat gedacht. Egal, wo und wie die deutschen Soldaten eingesetzt waren, kreisten die Gedanken ihrer Mütter um sie. Margarete Cramer vom Auricher Modehaus Silomon hatte 1942 bereits ihren Sohn Wolfgang im Krieg verloren. Ihr Sohn Wilhelm war weiterhin an der Front und bekam Weihnachtspost aus Aurich. Ein Paket mit Leckereien. Und eine gemalte Postkarte, die den schneebedeckten Lambertiturm, erleuchtete Fenster und einen Mann mit Tannenbaum unter dem Arm vom Burgtor aus betrachtet zeigt. Den Aufdruck „Eine kleine Stadt“ hatte die Mutter mit „Unsere kleine Stadt“ überschrieben.
Die jetzige Silomon-Inhaberin Heida Haltermann ist vor einigen Jahren zufällig beim Kramen in alten Sachen wieder auf diese Postkarte gestoßen. Die Karte hatte den Weg zurück nach Aurich gefunden. Wilhelm Cramer hingegen nicht. Er starb kurz vor Kriegsende und ist auf der Kriegsgräberstätte Kastel in Rheinland-Pfalz begraben. Der Urenkelin von Margarete Cramer war sofort berührt von dem heimeligen Motiv, das ihren Großonkel an seine kleine Heimatstadt an einem friedlichen Abend erinnern sollte. Und von den Worten der Urgroßmutter an ihren Sohn, dem sie Frieden wünschte und den sie bat, den Inhalt des Päckchens mit den Kameraden zu teilen.
Haltermann: Sofort gespürt, „dass die Karte noch etwas will“
„Die Malerei ist naiv, aber so lieb“, sagt Haltermann. Sie habe ein Foto gemacht und sofort gespürt, „dass die Karte noch etwas will. Dass sie noch einen Auftrag hat“.
2024 war die Weihnachtspost von 1942 zwar schon wieder in einer Kiste verschwunden. Aber in Haltermanns Kopf kreisten das Motiv und die Wünsche weiter. Sie beschloss, die Karte nachdrucken zu lassen und gegen Spende in den Silomon-Filialen und im Kaffeefleck in Aurich zur Mitnahme auszulegen.
Die Resonanz der Kunden habe sie überwältigt und tief berührt. Sie habe sehr emotionale Briefe bekommen, aber auch im Laden manche Träne schimmern sehn. Die Mitarbeiter hätten ebenfalls sehr intensiv reagiert und das Motiv ganz selbstverständlich in die Weihnachtsdekoration 2024 eingebaut. Am Ende konnte Haltermann eine Spende von 1000 Euro an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge überreichen.
Schüler sollen Biografien rekonstruieren
Der Verlust der beiden Söhne habe ihre Urgroßmutter tief getroffen und sei immer in der Familie präsent geblieben, sagt Haltermann. Deshalb sei es ihr ein Herzensanliegen, das Geld dem Volksbund zukommen zu lassen, der junge Menschen zusammenbringe, um gemeinsam die Gräber damaliger Kriegsgegner zu pflegen und sich gegenseitig kennenzulernen.
Besonders froh sei sie, dass nicht nur die Spendenaktion mit großem Erfolg auch in diesem Jahr weitergehe, sondern auch ein Schülerprojekt in Aurich daraus resultieren werde, so die Geschäftsfrau. Entwickelt wurde es vom Volksbund zusammen mit dem Gymnasium Ulricianum. Eine Klasse wird sich im nächsten Schuljahr mit den Soldatengräbern auf dem Lambertifriedhof befassen. Dort soll laut Haltermann eine Gedenktafel entstehen. Die Schüler werden sich mit Unterstützung der Volksbund-Bildungsreferentin Kristina Seibel bemühen, die Biografien der dort Bestatteten zu rekonstruieren. So könnten die Schüler sich in Zeiten, wo wieder Krieg herrsche, mit Auricher Kriegsschicksalen beschäftigen und den Toten ihre Geschichte zurückgeben, so Haltermann.