Obdachlosenhilfe in Aurich  Keine Mehrheit für Übernachtungsheim am Kreihüttenmoorweg

| | 11.12.2025 08:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In diesem leerstehenden Wohnhaus in am Rande des Industriegebiets in Sandhorst sollte nach den Plänen der Verwaltung das neue Übernachtungsheim einziehen. Foto: Lasse Paulsen
In diesem leerstehenden Wohnhaus in am Rande des Industriegebiets in Sandhorst sollte nach den Plänen der Verwaltung das neue Übernachtungsheim einziehen. Foto: Lasse Paulsen
Artikel teilen:

Im Sozialausschuss wurde der Vorschlag der Verwaltung zur „Aussiedlung“ des Übernachtungsheims nach Sandhorst abgelehnt. Auch die Vorschläge aus der Politik scheiterten. Wie es nun weitergeht.

Aurich - Am Abend des 20. November 2025, als der Auricher Sozialausschuss im Ratssaal alle bestehenden Anträge zur Zukunft des Auricher Übernachtungsheims ablehnt, ist es draußen minus zwei Grad Celsius. Auf einer Bank in der Burgstraße sitzt in diesem Moment ein Mann in einem langen rosa Steppmantel und beißt in ein Brötchen. Zwei Stunden später sitzt er immer noch da. Man kann erkennen, dass er friert. Schlafsack, Isomatte, Decken sind in seinem schmalen Besitz nicht zu erkennen. Der Mann hat kein Dach über dem Kopf und möchte trotz der Kälte auch keins. Sowohl die Polizei als auch die Auricher Hilfseinrichtungen haben die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten mit ihm besprochen.

Einrichtungsleiter Ralf Veltjes in der Gemeinschaftsküche des Übernachtungsheims. Dort können die Gäste sich aus eigenen Lebensmitteln eine Mahlzeit zubereiten. Foto: Karin Böhmer
Einrichtungsleiter Ralf Veltjes in der Gemeinschaftsküche des Übernachtungsheims. Dort können die Gäste sich aus eigenen Lebensmitteln eine Mahlzeit zubereiten. Foto: Karin Böhmer

Im DRK-Übernachtungsheim an der Zingelstraße ist es unterdessen voll. Denn die Kälte treibt viele Wohnungslose an einen warmen Platz. Am nächsten Morgen wird es schneien. Malte Mand, der Leiter des Tagesaufenthalts wird später sagen, in diesen kalten Tagen sei es „ambitioniert“ gewesen, allen Wohnungslosen einen Schlafplatz zu besorgen.

Verwaltung will auf „Housing first“ umsteigen

Gleichzeitig stehen Veränderungen beim Übernachtungsheim an. Die Stadt Aurich und der Landkreis haben zum Jahresende den Vertrag über das DRK-Übernachtungsheim in der Zingelstraße gekündigt. Es gibt die Option, ihn noch für sechs Monate zu verlängern. Deshalb wird nun ein neuer Standort gesucht und nach Auffassung der zuständigen Fachbereichsleiterin im Rathaus, Dr. Edith Ulferts, soll auch ein neues Konzept gefahren werden.

Dies ist das Bad für die acht Gäste des Übernachtungsheims. Foto: Karin Böhmer
Dies ist das Bad für die acht Gäste des Übernachtungsheims. Foto: Karin Böhmer

Die Stadt sei verpflichtet, Obdachlosen ein Quartier zu bieten, sagt sie. Ihr Ziel sei es aber, die Betroffenen möglichst etwa eine Woche nach der ersten Übernachtung bereits in einer Wohnung unterzubringen, wo sie dann von der Wohnungslosenhilfe und den Mitarbeitern des Tagesaufenthalts so beraten werden sollen, dass sie selbst eine Wohnung halten können. Entsprechend sei davon auszugehen, dass im Übernachtungsheim mittelfristig weniger Plätze gebraucht würden. Das Konzept heißt „Housing first“ – erst die Wohnung, dann die Arbeit an Problemen wie Arbeitslosigkeit, psychischen Problemen, Suchterkrankungen und ähnlichem.

Neue Immobilien vorgeschlagen

Diesen Ansatz begrüßen sowohl Übernachtungsheimleiter Ralf Veltjes als auch der Leiter des Tagesaufenthalts, Malte Mand, in der Zielsetzung. Die Praktiker haben angesichts des engen Wohnungsmarkts in Aurich, der definierten Zuständigkeiten und der fehlenden Wohnfähigkeit einiger Wohnungsloser aber Zweifel, dass dies so einfach umzusetzen ist.

Blick in das Fünf-Bett-Zimmer im Übernachtungsheim. Foto: Karin Böhmer
Blick in das Fünf-Bett-Zimmer im Übernachtungsheim. Foto: Karin Böhmer

Dass der Ausschuss an dem eiskalten Abend gleich vier Anträgen zum neuen Standort des Übernachtungsheims eine Absage erteilt, bedeutet zweierlei. Zum einen, dass es weiterhin keinen neuen Standort für das Übernachtungsheim gibt. Er wird aber relativ dringend gebraucht.

Zum anderen ist der von der Verwaltung vorgeschlagene Standort am Kreihüttenmoorweg in Sandhorst als Übernachtungsheim von der Politik abgelehnt. Etlichen Ausschussmitgliedern quer durch alle Fraktionen ist er zu weit entfernt von der Innenstadt. Sie wollen den Wohnungslosen nicht zumuten, täglich abends nach Sandhorst zu kommen, dort im schlimmsten Fall abgewiesen zu werden oder morgens nach Schließung der Übernachtung wieder aus Sandhorst weg zu müssen. Im Ausschuss gab es nur drei Ja-Stimmen für den Verwaltungsvorschlag. Die Entscheidung fällt am 11. Dezember 2025 im Stadtrat.

Neue Suche nach Immobilien

Am Ende nannten mehrere Ausschussmitglieder zum Verkauf stehende Immobilien, die die Stadt nun prüfen soll. Sie liegen zum Teil am Hoheberger Weg, also stadtnah. Die Stadt müsste aber wohl auch sie durch die Wohnungsbaugesellschaft ISA kaufen und umbauen lassen.

Grüne und Linke hatten zuvor andere Vorschläge gemacht. Auch die SPD brachte noch einen Antrag ein, der den Antrag der Linken erweiterte.

Drei Büros hatte die Ambulante Wohnungslosenhilfe bis vor Kurzem im Obergeschoss des Übernachtungsheims an der Zingelstraße. Foto: Karin Böhmer
Drei Büros hatte die Ambulante Wohnungslosenhilfe bis vor Kurzem im Obergeschoss des Übernachtungsheims an der Zingelstraße. Foto: Karin Böhmer

Chancenlos war der Antrag der Grünen, das Übernachtungsheim in das Wohnhaus neben Vetra Beton am Auricher Hafen zu verlegen. Denn es gibt Beschlüsse, die schon anderes dafür vorsehen. Ein entsprechender Antrag der Grünen auf dortige Wohnnutzung war zudem im zurückliegenden halben Jahr bereits abgelehnt worden. Entsprechend wurde der Antrag im Sozialausschuss zurückgezogen.

Die Linke fordert, entweder eine andere geeignete stadtnahe Immobilie zu finden oder das Haus an der Zingelstraße vom DRK zu kaufen und zu einem Übernachtungsheim mit mehr Plätzen umzubauen. Im Kreihüttenmoorweg solle stattdessen eine längerfristige Unterbringung für Wohnungslose entstehen. Zudem sollten die im Übernachtungsheim tätigen Praktiker an dem Konzept beteiligt werden.

Diskussion über Umbau des Obergeschosses

In der Tat ist im Übernachtungsheim Platz entstanden. Nach dem Auszug der ambulanten Wohnungslosenhilfe stehen dort ein geräumiger Flur, drei größere Büros, die sich flächenmäßig für mehrere Schlafplätze eignen würden, und ein kleiner Nebenraum sowie eine Teeküche, eine separate Toilette und kleines, aber modernes Bad mit WC zur Verfügung. Aus Sicht von Veltjes ließen sich dort hervorragend weitere Schlafplätze einrichten. Das Haus hat allerdings hölzerne Zwischendecken und nur ein hölzernes und zudem vertäfeltes Treppenhaus.

Im seit Kurzem leer stehenden Obergeschoss des jetzigen Übernachtungsheims gibt es auch eine kleine Küche sowie ein kleines Bad. Foto: Karin Böhmer
Im seit Kurzem leer stehenden Obergeschoss des jetzigen Übernachtungsheims gibt es auch eine kleine Küche sowie ein kleines Bad. Foto: Karin Böhmer
Wegen des Brandschutzes müsste also einiges umgebaut werden.

Wegen der damit verbundenen Kosten von geschätzt 750.000 Euro plus einem Kaufpreis von rund 400.000 Euro fand der Vorschlag der Linken keine Mehrheit.

Die SPD wollte in ihrem Antrag der Verwaltung einen konkreten Prüfauftrag zur Kostenermittlung für den Umbau des jetzigen Standorts geben und für die Zeit des Umbaus auch eine Containerlösung durchrechnen lassen, scheiterte damit aber auch.

Neue Benutzungssatzung bekam Mehrheit im Ausschuss

Auch an der vorgeschlagenen Benutzungssatzung und die Hausordnung für das Übernachtungsheim übte die Linke Kritik. So seien 30 Euro pro Übernachtung zu viel Geld für einen Obdachlosen. Laut Ulferts ist dies aber nur ein Wert, der eine sinnvolle Grenze bildet. Er liege unter dem Preis für eine Übernachtung in einem Mehrbettzimmer. Wer wohnungslos sei und auf Nachfrage versichere, keine 30 Euro zu haben, müsse gleichwohl untergebracht werden - dann eben umsonst. Ein Nachweis über die finanziellen Verhältnisse könne dabei nicht verlangt wird. Die Stadt habe so aber die Möglichkeit, Herkunftskommunen zur Zahlung der 30 Euro aufzufordern, wenn Obdachlose von dort in Aurich untergebracht werden.

Eines der leer gewordenen Büros im Obergeschoss des jetzigen Übernachtungsheims. Foto: Karin Böhmer
Eines der leer gewordenen Büros im Obergeschoss des jetzigen Übernachtungsheims. Foto: Karin Böhmer

Lange diskutiert wurde über Hunde im Übernachtungsheim. Die Linke wollte das Hundeverbot in Einzelfällen aufheben, andere Fraktionen fanden es wegen der Hygiene notwendig.

Auch wollte die Linke die Beschränkung des Aufenthalts auf sieben Tage - in Einzelfällen längstens vier Wochen - nur bei Vorhandensein einer alternativen Unterkunft mittragen.

Außerdem setzte sich Linken-Vertreter Reinhard Warmulla vehement dafür ein, dass das Übernachtungsheim auch künftig an Wochenenden und Feiertagen ganztägig geöffnet bleibt. Während er in allen anderen Punkten der Mehrheit unterlag, wurde ihm in diesem Punkt zugesichert, dass die Satzung geändert werde. Darin heißt es: „Der Aufenthalt ist täglich nur in der Zeit von 18.00 Uhr bis 8.00 Uhr des folgenden Tages gestattet. Bis 8.00 Uhr sind die Räumlichkeiten zu verlassen.“ Dieser Passus war am 10. Dezember, am Tag vor der Ratssitzung, in der Beschlussvorlage noch nicht geändert.

Ähnliche Artikel