Der Weg zum Titel  Hintergründe zum WM-Sieg der deutschen Ü75 in Tokio

| | 09.11.2025 16:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die deutsche Ü75-Seniorenmannschaft gewann bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft in Japan das Endspiel gegen England. Zur siegreichen Mannschaft gehören: Heinz-Bernd Freund (Unten von links), Hans Poelmann, Mladen Kranjcina, Bernd Troschitz, Heino Lange, Paul Kantsch, Hermann Jungsthöfel.. Trainer Marek Wanik (Zweite Reihe von links), Günter Christmann, Günter Zaborowski, Klaus Wolf. Erhard Detels (Obere Reihe von links), Reimer de Buhr, Betreuer Emke Emken, Rudolf Meyer, Detlef Jopp, Eckhard Wessel, Roland Zahn, Betreuer Friedemann Petzke. Foto: privat
Die deutsche Ü75-Seniorenmannschaft gewann bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft in Japan das Endspiel gegen England. Zur siegreichen Mannschaft gehören: Heinz-Bernd Freund (Unten von links), Hans Poelmann, Mladen Kranjcina, Bernd Troschitz, Heino Lange, Paul Kantsch, Hermann Jungsthöfel.. Trainer Marek Wanik (Zweite Reihe von links), Günter Christmann, Günter Zaborowski, Klaus Wolf. Erhard Detels (Obere Reihe von links), Reimer de Buhr, Betreuer Emke Emken, Rudolf Meyer, Detlef Jopp, Eckhard Wessel, Roland Zahn, Betreuer Friedemann Petzke. Foto: privat
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Die deutsche Ü75 sichert sich den WM-Titel in Tokio. Chefplaner Günter Christmann berichtet von Hürden, Erfolgsrezepten und überraschenden Personalentscheidungen.

Aurich/Rastede – Bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft der Seniorenfußballer in Tokio gewann die deutsche Ü75 den Titel. Im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten erzählt Chefplaner Günter Christmann aus Rastede, wie es zu dem Erfolg kam, welche Hürden im Vorfeld des Weltturniers bewältigt werden mussten und weshalb keine Ostfriesen mehr im Kader vertreten waren, die bei den Turnieren davor zum Kern der Mannschaften gehörten.

Sie gelten als der Wegbereiter für die Teilnahme der deutschen Ü70- und Ü75-Mannschaften bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft im japanischen Tokio. Die Ü75 holte den Titel. War dieser Erfolg im Vorfeld der WM absehbar?

Günter Christmann: Im Oktober 2024 meldete ich zwei deutsche Teams, nämlich ein Ü70- und ein Ü75-Team beim Veranstalter in Tokio, und einen Spieler für ein europäisches Ü80-Team für die Fußball-WM in Tokio 2025 an. Zu diesem frühen Zeitpunkt hatte ich noch keinen Kader und nur wenige interessierte Spieler für die oben genannten Teams. Aber ich wollte unsere Teilnahme an der WM in Tokio sicherstellen. Das Risiko bin ich eingegangen, weil ich überzeugt war, genügend begeisterte ältere Fußballer zusammen zu bekommen, mit ihnen zu trainieren und mit nach Japan zu fliegen.

Günter Christmann setzt zum Schuss an. Foto: privat
Günter Christmann setzt zum Schuss an. Foto: privat

Die Suche nach Spielern und die logistischen Herausforderungen dieser Tour waren eine knifflige Aufgabe. Wie sind Sie vorgegangen?

Günter Christmann: Es war eine umfangreiche Spielerakquise in den nächsten Wochen und Monaten nötig. Ein Zeitplan für die Vorbereitung musste erstellt werden, Trainer und Trainingsplätze gesucht und gebucht werden, Flüge mussten geplant, internationale Kontakte ausgebaut und Hotelunterkünfte in Tokio organisiert werden. Genau so wichtig war eine verlässliche Kostenkalkulation, denn jeder Spieler musste seine gesamten Kosten für die Vorbereitung und die Reise nach Japan selbst bezahlen. Alle Spieler haben ihre Kosten für die Fahrten zu den Trainingsteilnahmen und den Vorbereitungsspielen, zum Teil mit Übernachtungen wegen der weiten Anfahrtswege, und die gesamte WM-Reise nach Japan selbst finanziert. Dabei sind Kosten von circa 3.000 Euro pro Spieler entstanden.

In Roskilde 2022 und Cardiff 2024 gehörten viele Spieler aus Ostfriesland zum Kader. Weshalb war diesmal mit Emke Emken aus Esens nur ein Ostfriese dabei?

Günter Christmann: Kein Spieler aus Ostfriesland bei der in Tokio stattfindenden Fußball-WM der Senioren war zum Zuschauen verdammt. Alle ehemaligen Teilnehmer der WM in Wales aus dem Jahr 2024 waren im Vorfeld eingeladen worden, an der Vorbereitung und der WM in Tokio teilzunehmen. Jeder Spieler hatte die freie Wahl. Wer nicht teilgenommen hat, hat das selbst entschieden, niemand wurde ausgeschlossen.

Zum Orgateam gehörte mit Detlev Schoone aus Großefehn ein weiterer Ostfriese. Welche Aufgaben hat er übernommen?

Günter Christmann: Detlev Schoone war bei der Vorbereitung der letztjährigen WM für Wales Team-Manager. In diesem Jahr war er ausschließlich als Kassenwart vorgesehen. Ihm war vorher die Führung der Kasse entzogen worden und jegliche Zusammenarbeit mit ihm war im Vorfeld beendet worden. Ich habe die komplette Reise geplant und gebucht.

Woher kamen die Spieler für die beiden Mannschaften?

Günter Christmann: Unsere Spieler sind mittlerweile aus ganz Deutschland angereist. Anders als in den vergangenen Jahren, als der größte Teil der Spieler noch aus Norddeutschland kam. Den weitesten Weg nahm der Torwart der Ü70-Mannschaft auf sich. Er kam jeweils aus der Nähe von Stuttgart angereist. Fahrten von rund 300 Kilometer pro Strecke waren für die fußballbegeisterten neuen „Nationalspieler“ Ü70 und 75/80 kein Problem.

Wie verliefen die Vorbereitungen?

Günter Christmann: Ab April 2025 trafen sich die mittlerweile gefundenen Spieler der Teams Ü70, Ü75 und Ü80 alle drei Wochen zum gemeinsamen Training und haben zusätzlich noch einige Freundschaftsspiele und ein Länderspiel in Jeddeloh II (Ammerland) gegen den damaligen Weltmeister England durchgeführt. Wir haben dieses Spiel mit 2:0 gewonnen. So bekamen sie die nötigen Rückmeldungen über den derzeitigen Leistungsstand und die Aspekte, die jeder Einzelne noch zu verbessern hatte. Anfang September trafen sich alle Spieler noch zu einem zweitägigen Trainingslager in Barsinghausen, um den letzten Feinschliff zu bekommen.

Welchen Stellenwert hat die Arbeit des Trainers Marek Wanik?

Günter Christmann: Marek Wanik hat seine Arbeit als Trainer der Ü75 in den Dienst der Sache gestellt. Mit viel Leidenschaft und gutem Training hat er die verschiedenen Fähigkeiten der Spieler erkannt und zu einem Team zusammengeführt. Jeder Spieler hat die Vorbereitungsphase gebraucht und genutzt um die körperlichen und konditionellen Voraussetzungen für die Weltmeisterschaft, mit zwei Spielen pro Tag, zu bekommen.

Ein beliebtes Ritual: Günter Christmann tauscht Wimpel vor dem Testspiel mit dem Präsidenten von Urawa Reds Foto :privat
Ein beliebtes Ritual: Günter Christmann tauscht Wimpel vor dem Testspiel mit dem Präsidenten von Urawa Reds Foto :privat

Sportlich ging der Masterplan bei der Ü75 auf. Nach fünf souveränen Siegen stand die Mannschaft im Finale. Dort wartete der amtierende Weltmeister England. Wie verlief das Spiel?

Günter Christmann: In einer kampfbetonten Partie gingen wir mit 1:0 in Führung. Die Engländer stürmten mit aller Macht gegen uns an, aber nach unserem zweiten Tor hatten sie keine Chance und zu wenig Kraft, das Spiel noch umzudrehen. So folgte dann noch unser nächster Treffer zum 3:0-Endstand. Die Entscheidung. Der neue Weltmeister stand fest: Team Deutschland Ü75.

Die Ü70 hat das Turnier mit vier Niederlagen und einem Unentschieden beendet. Wie ist das schwache Abschneiden zu erklären?

Günter Christmann: Das Ü70-Team ist mit hohen Ansprüchen zur WM nach Tokio gereist. Das heimliche Ziel war, unter die besten vier Mannschaften der Weltmeisterschaft zu kommen. Stefan Stuckenberg trat nach unüberwindlichen Differenzen mit der Mannschaft und dem damaligen Organisationsteam von seiner Funktion als Trainer zurück. Ich konnte kurzfristig Udo Zimmermann (Spieler der Ü70) überzeugen, das Traineramt zu übernehmen. Mit etwas Fortune und besserer Chancenverwertung wäre eine bessere Platzierung möglich gewesen.

Welche starken Erinnerungen bleiben von der WM in Japan?

Günter Christmann: Der sportliche Erfolg war nur ein Teil des Erlebnisses. Das Land der aufgehenden Sonne war jede Minute wert. Ein Weltmeistertitel, eine kulturelle Entdeckungsreise und Erinnerungen, die ewig bleiben. Dazu zählte auch eine Einladung von der deutschen Botschaft in Tokio, die wir auch gerne angenommen haben. Damit wurde die Bedeutung unserer Teilnahme als Vertreter Deutschlands noch einmal wirkungsvoll unterstrichen. Für alle war das schon ein unvergessliches Erlebnis.

Der goldene Kinkaku-ji Tempel in Kyoto gilt als einer der beliebtesten japanischen Pavillons. Foto: privat
Der goldene Kinkaku-ji Tempel in Kyoto gilt als einer der beliebtesten japanischen Pavillons. Foto: privat

Welche Bedeutung hat dieses Turnier für den Seniorenfußball?

Günter Christmann: Die WM hat einen Boom ausgelöst. Das Interesse reicht mittlerweile von Kiel im Norden, über Dresden im Osten, Regionen am Niederrhein im Westen bis nach Freiburg und München im Süden.

Wie sehen ihre zukünftigen sportlichen Ambitionen aus?

Günter Christmann: Ich habe an drei Weltmeisterschaften und einem Europacup teilgenommen. Für die WM 2026 im australischen Brisbane plane ich, wieder die Fußballschuhe zu schnüren und für eines der Deutschen Nationalteams aufzulaufen. Vielleicht kann ich dann noch einmal Weltmeister werden.

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