Streit in Moordorf  Wie Entwässerungsvorgaben den Rettungsdienst ausbremsen

| | 07.10.2025 08:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Rettungswagen in der Wache am Extumer Weg in Aurich. Foto: Aiko Recke
Rettungswagen in der Wache am Extumer Weg in Aurich. Foto: Aiko Recke
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Die Rettungswache in Moordorf muss erweitert werden. Doch die Gemeinde sorgt sich um die Entwässerung. Dabei könnte das gesamte Gebiet in dieser Frage vom Vorschlag des Bauherrn profitieren.

Moordorf - In Moordorf kollidieren Pläne, die Rettungswache des Auricher Rettungsdienstes zu erweitern, mit Entwässerungsvorgaben der Gemeinde und der Unteren Wasserbehörde. Seit Monaten laufen Verhandlungen der Behörden mit Christian Poppen von der Immobilienfirma, der das Gebäude gehört. Die Fronten scheinen verhärtet. Dabei besagt ein Gutachten, dass der Rettungsdienst in Moordorf unbedingt gestärkt werden muss.

Es ist immer das gleiche Bild: Mehrmals am Tag rückt das Team des Rettungsdienstes von seiner Wache an der Ringstraße in Moordorf zu Einsätzen aus – mal mit Blaulicht und Martinshorn, mal in „normaler Fahrt“, wenn es nicht ganz so eilig ist. Der Standort, das bestätigen Experten des Rettungsdienstes, ist nahezu ideal. Von der Moordorfer Wache aus werden die Gemeinde Südbrookmerland sowie Teile der Gemeinden Ihlow, Hinte, der Samtgemeinde Brookmerland und der Stadt Aurich abgedeckt. Die Vorgabe: Von der Rettungswache aus müssen die Einsatzorte innerhalb der Hilfsfrist von 15 Minuten erreichbar sein. Würde die Rettungswache verlegt, könnte diese Frist möglicherweise an manchen Orten nicht mehr eingehalten werden.

Wie viele Rettungswagen und Einsatzkräfte in den einzelnen Stationen vorgehalten werden müssen, lässt der Rettungsdienst regelmäßig überprüfen. Dabei stellte sich nun heraus, dass die Wache in Moordorf aufgestockt werden muss. Bislang war dort ein Rettungswagen rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche stationiert. Ein zweiter Rettungswagen kam in der Zeit von 7 Uhr bis 19 Uhr hinzu. Künftig, so sieht es das Gutachten vor, sollen beide Rettungswagen tagtäglich rund um die Uhr in Moordorf stationiert sein.

Mehr Ruheräume und ein zusätzlicher Stellplatz

Durch die Aufstockung steigen jedoch auch die Anforderungen an das Gebäude. Gibt es dort mehr Personal, werden beispielsweise zusätzliche Ruhe- und Aufenthaltsbereiche benötigt. „Auch die schwarz/weiß-Trennung muss entsprechend auf die neuen Bedarfe angepasst werden. Das bedeutet, dass die gegebenenfalls kontaminierten Mitarbeiter in den sogenannten Schwarz-Bereich eintreten, sich durch Hygienemaßnahmen dekontaminieren und erst dann in den sogenannten Weiß-Bereich der Rettungswache mit Aufenthalts- und Ruheräumen betreten“, so der Landkreis Aurich auf Anfrage. Darüber hinaus werde eine Unterstellmöglichkeit für das zweite Fahrzeug in der Nacht benötigt, um dieses und die darin mitgeführten Medikamente vor Frost, Hagel und anderen Witterungseinflüssen zu schützen.

„Kein Problem“, sagt Gebäudeeigentümer Christian Poppen. Das Haus, in dem die Rettungswache untergebracht ist, ließe sich problemlos erweitern. Auf einer an die Ringstraße grenzenden Grünfläche ließe sich ein Anbau errichten. Der vorhandene Carport für den Rettungswagen könne um einen zusätzlichen Stellplatz erweitert werden. Die Pläne waren schnell erstellt, die Baugenehmigung beantragt.

Doch dann kam das böse Erwachen. Wie berichtet, hatte die Gemeinde Südbrookmerland im vergangenen Jahr eine sogenannte Veränderungssperre für das Gebiet, in dem die Rettungswache liegt, erlassen. Bis ein neuer Bebauungsplan steht, sind bauliche Veränderungen tabu. Über Ausnahmen kann allerdings die Politik entscheiden. Das tat sie auch und genehmigte Poppen die Ausnahme. Seitens der Gemeindeverwaltung erfolgte jedoch eine entscheidende Einschränkung: Die Entwässerung des stark versiegelten Grundstücks muss neu geregelt werden. Zahlreiche Möglichkeiten wurden durchgespielt, die laut Christian Poppen allesamt nicht durchführbar wären. Eine Idee: Teile des Parkplatzes einer ebenfalls in dem Gebäude befindlichen Spielothek könnten in ein Regenrückhaltebecken umgewandelt werden. Das würde jedoch den Verlust der Konzession für die Spielhalle bedeuten. Eine andere Idee: Große unterirdische Rohre oder sogenannte Rigolen könnten unter dem Parkplatz verbaut werden. Neben den Kosten fürchtet Poppen jedoch, dass dabei die Fundamente nachgeben könnten.

Bauherr schlägt „externe Lösung“ vor

Den bislang offenbar meistdiskutierten Vorschlag machte der Moordorfer Unternehmer dann selbst. Er plädiert für eine externe Lösung auf einem Grundstück am Wickenweg, das von der Rettungswache etwas entfernt liegt und ihm gehört. Seine Idee: Dort könnte ein großes Regenrückhaltebecken entstehen. Die Anbindung wäre wegen bereits vorhandener Gräben unproblematisch. Poppen bietet zudem an, das Becken größer als nötig zu gestalten, um einen Beitrag zur Verbesserung der Entwässerung in dem gesamten Gebiet zu leisten. Eine Win-Win-Situation, so scheint es.

Doch die Gemeinde spielt nicht mit. Oder, wie es Christian Poppen ausdrückt, nicht mehr. Hätte er das Grundstück an die Gemeinde überschrieben, so der Moordorfer, wäre man im Rathaus mit der Lösung einverstanden gewesen. Das wollte er jedoch nicht und bot stattdessen an, die Nutzung für die Regenrückhaltung im Grundbuch abzusichern, aber selbst Eigentümer der Fläche zu bleiben. Damit war man im Rathaus zunächst aber nicht einverstanden, wie aus dem unserer Redaktion vorliegenden Schriftverkehr hervorgeht. Weil er eine Übertragung des Grundstückes ablehne, müsse die Retention des Regenwassers nun vollständig auf dem Grundstück der Rettungswache erfolgen. Später gab es dann einen Kompromissvorschlag: 70 Prozent des Wassers vom Rettungswachen-Grundstück könne über ein externes Rückhaltebecken abgewickelt werden. 30 Prozent der sogenannten Retention müssten jedoch direkt vor Ort stattfinden. Auf welcher Grundlage diese Aufteilung beruht, ist unklar. Die zuständige Sachbearbeiterin des Südbrookmerlander Bauamts kündigte jedoch am Montag an, Antworten liefern zu wollen. Was den Nutzen eines deutlich größeren Regenrückhaltebeckens für das Gebiet betrifft, zeigt sich, wie schwierig die Verhandlungen offenbar sind. Das von Poppen angebotene überdimensionierte Rückhaltebecken sei für die Entscheidung unerheblich, da es nicht Bestandteil des Bauantrages sei.

Alte Baugenehmigung lässt anderes Projekt zu

Technisch wäre laut Poppen auch eine 100-Prozent-Lösung auf dem Grundstück am Wickenweg machbar. Doch dem Südbrookmerlander Bauamt geht es offenbar ums Prinzip. Für Poppen müssten die gleichen Regeln gelten, wie für alle anderen in dem Bebauungsplangebiet, so die Sachbearbeiterin. Die Besonderheit, dass es bei Poppens Vorhaben um die Erweiterung einer Rettungswache geht, die dem Gemeinwohl dient, scheint allenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das Vorgehen, so die Sachbearbeiterin, sei auch mit der Unteren Wasserbehörde des Landkreises abgestimmt. Von dort war zu dem Thema bislang keine Stellungnahme zu bekommen. Zuständig sei die Gemeinde, hieß es nur. Aus internen Kreisen ist jedoch zu hören, dass die von Poppen vorgeschlagene Lösung durchaus genehmigungsfähig wäre, weil ein übergeordnetes öffentliches Interesse vorliege. Auch zu dieser Frage steht eine Antwort der Gemeindeverwaltung noch aus.

Im Südbrookmerlander Rathaus macht man sich Sorgen wegen der Entwässerung. Foto: Holger Janssen
Im Südbrookmerlander Rathaus macht man sich Sorgen wegen der Entwässerung. Foto: Holger Janssen

Von außen betrachtet wird die Geschichte noch kurioser: Verzichtet Poppen auf die Erweiterung der Rettungswache, darf er an gleicher Stelle mehrere Fertiggaragen errichten. Die Fläche, die dabei versiegelt werden würde, ist ähnlich groß wie die des geplanten Anbaus. „Wir könnten morgen anfangen“, sagt Poppen, während die Stärkung des Rettungsdienstes vor Ort zu scheitern droht. Hintergrund: Die Genehmigung für die Garagen wurde vor Erlass der Veränderungssperre erteilt. Zudem galten seinerzeit andere Bemessungsgrundlagen für die Entwässerung. Für den Unternehmer steht fest: Kommt es zu keiner Einigung, werden die Garagen gebaut. Dies hätte zur Folge, dass mehr Fläche versiegelt würde, ohne dass zusätzliche Maßnahmen für die Regenrückhaltung geschaffen würden, so Poppen.

Keine offizielle Ablehnung

Und wie geht es jetzt weiter? Bürgermeister Thomas Erdwiens berichtete jüngst in einer Sitzung eines Südbrookmerlander Fachausschusses, dass es Gespräche mit dem Landkreis bezüglich einer anderen Lösung für das zweite Rettungsdienst-Fahrzeug gebe. Wie erfolgversprechend und sinnvoll die sind, darüber gehen die Meinungen offenbar auseinander. Poppen würde gerne den Rechtsweg beschreiten, was aber erst möglich wäre, wenn man sein Vorhaben offiziell ablehnen würde. Bislang laufen aber weiterhin die Gespräche. Seine Vermutung: Die offizielle Ablehnung kommt nicht, weil man wisse, dass man einen Prozess verlieren würde.

Und was ist mit dem Rettungsdienst? Der setzt vorerst auf ein Provisorium, bis sich die Parteien geeinigt haben und die Erweiterung durch ist. „Dadurch gibt es keine Einschränkungen in der Notfallversorgung“, heißt es. Das Interesse, den Standort in Moordorf auszubauen und weiterzuentwickeln ist nach wie vor groß. Denn auch wenn in Uthwerdum die Zentralklinik eröffnet ist, wird für den Rettungsdienst nach aktuellem Stand weiter auf die Wache in Moordorf gesetzt, um die sogenannten Hilfsfristen in allen Bereichen einzuhalten.

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