Lehrer-Treffen am Ulricianum Aurich  Warum Latein und Altgriechisch lebendig bleiben sollen

| | 28.09.2025 14:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dr. Christian Stock als Vertreter des Kultusministeriums wehrte sich gegen harte Kritik an der geplanten Oberstufenreform. Foto: Aiko Recke
Dr. Christian Stock als Vertreter des Kultusministeriums wehrte sich gegen harte Kritik an der geplanten Oberstufenreform. Foto: Aiko Recke
Artikel teilen:

Beim Landes-„Latinistentag“ am Auricher Ulricianum betonten die Lehrer, dass Altgriechisch und Latein am Ende auch die Demokratie stärken – und weitere positive Effekte haben.

Aurich - Wenn der Landestag der Altphilologen das erste Mal seit 2016 wieder in Aurich stattfindet, dann lässt es sich Rüdiger Musolf nicht nehmen, die Gäste aus ganz Niedersachsen standesgemäß zu begrüßen – und zwar auf Latein. „Nono anno post vobis iterum in Ulriciano schola salutem dicere valde gaudeo“, sagte der Schulleiter am Freitagvormittag in der Aula des Gymnasiums. Zu Deutsch: „Ich freue mich, Sie nach neun Jahren wieder im Ulricianum begrüßen zu können.“

Mehr als 100 Altsprachler, vor allem natürlich (angehende) Lehrer, waren am Freitag ins Ulricianum gekommen, um sich über die neuesten Entwicklungen in Sachen Altgriechisch und Latein zu informieren und auszutauschen. Und sie wollten zugleich deutlich machen, dass das Lernen der alten Sprachen nicht etwa konservativ und elitär ist, wie manche Kritiker bisweilen meinen, sondern dass Latein und Griechisch weiter aktuell sind – und gleich mehrere positive Effekte mit sich bringen.

Dafür hatten die Altphilologen wohl einen durchaus geeigneten Ort gewählt: Am Ulricianum stünden die alten Sprachen nach wie vor in voller Blüte, sagte Musolf mit Stolz. „Die Anmeldezahlen für Latein als zweite Fremdsprache sind stabil und relativ hoch, obwohl wir seit Jahren neben Französisch auch Spanisch anbieten.“ In jedem Schuljahr komme als dritte Fremdsprache eine Griechisch-Lerngruppe zustande. Mit derzeit 15 Latein-Lehrkräften, von denen drei auch Griechisch unterrichten, verfüge man über eine starke, motivierte und harmonisch zusammenarbeitende kompetente Fachgruppe.

Doch so erfreulich die Situation am Ulricianum sei, so fragil sei sie doch insgesamt, weil Latein und Griechisch nicht mehr selbstverständlich zum Fächerkanon gehörten, sondern auf einer Wahlentscheidung der Schüler und Eltern beruhten. „Umso wichtiger ist ein nicht nachlassendes selbstkritisches Nachdenken über die Legitimation unserer Fächer“, sagte Musolf.

Was die alten Sprachen ganz wesentlich von anderen Fächern unterscheide, sei die vertiefte, sorgfältige Übersetzungsarbeit. Es gehe darum, die Schüler letztlich zu einem „höheren Sprachbewusstsein“ zu führen. Und Musolf ging noch weiter: „Damit wird auch ein wesentliches Ziel zum Erhalt und zur Weiterentwicklung unserer Diskursfähigkeit und letztlich unserer Demokratie erreicht.“ Eine jahrelange gründliche Beschäftigung mit alten Sprachen führe zur Herausbildung einer Kritikfähigkeit, die nichts flüchtig Angeeignetes, sondern etwas Verinnerlichtes sei – und zu einer Haltung führe. „Das brauchen wir heute mehr denn ja“, betonte der Schulleiter.

Deutliche Kritik an Plänen für Oberstufenreform

Er plädierte deshalb dafür, dass auch weiter Übersetzungsarbeit und vertiefte Sprachreflexion im Zentrum des altsprachlichen Unterrichts stehen sollten. „Häppchenübersetzungen und ausufernde Arbeit mit vorgefertigten deutschen Übersetzungen sind sicher nicht hilfreich, um die alten Sprachen auch weiter von modernen Fremdsprachen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern unterscheidbar zu machen.“

In diesem Zusammenhang übte Musolf deutliche Kritik an aktuellen Plänen des Landes Niedersachsen zur Reform der Oberstufe, nach der dort künftig keine zweite Fremdsprache mehr notwendig sei. Diese Pläne halte er für „einen Generalangriff auf das Herz gymnasialer Bildung“ und der alten Sprachen. „Das, was bisher geplant ist, ist ein bildungspolitisches Skandalon“, so Musolf. Er forderte den Verband der Altphilologen auf, in dieser Sache hartnäckig zu bleiben.

Diesen Ball nahm die anwesende Bundesvorsitzende des rund 6000 Mitglieder starken deutschen Altphilologenverbandes, Dr. Katja Sommer (Hannover), auf. Sie warnte davor, dass man womöglich mit dem Abitur nur noch Studierberechtigungen an die jungen Menschen verteile – ohne tatsächliche Studierfähigkeit.

Die Bundesvorsitzende der rund 6000 Altphilologen, Dr. Katja Sommer, war ebenfalls in Aurich zu Gast. Foto: Aiko Recke
Die Bundesvorsitzende der rund 6000 Altphilologen, Dr. Katja Sommer, war ebenfalls in Aurich zu Gast. Foto: Aiko Recke

Sie berichtete am Rande der Veranstaltung, dass die Altsprachler schon seit 100 Jahren in einem Abwehrkampf seien und sich immer wieder rechtfertigen müssen, warum ihre vermeintlich „toten“ Sprachen noch gelehrt werden sollen. Sommer argumentierte, die Sprachbildung in Latein und Griechisch wirke sich positiv auch auf alle anderen Fächer aus. Zudem gebe es 12.000 bis 14.000 lateinische und griechische Fremdworte im Deutschen. Und es gehe auch darum, „unsere Kulturtradition weiterzugeben“, so Sommer, deren Verband vor wenigen Tagen an der Berliner Humboldt-Universität sein 100-jähriges Jubiläum feierte.

Auf die Forderungen und Kritik von Musolf und Sommer antwortete Dr. Christian Stock als Vertreter des niedersächsischen Kultusministeriums. Stock, selber ehemaliger Latein- und Griechischlehrer betonte, Niedersachsen werde auch künftig die Standards der bundesweiten Kultusministerkonferenz übertreffen. Es bleibe künftig möglich, in der Oberstufe eine weitere Fremdsprache zu wählen. Ziel der Reform sei lediglich „mehr Flexibilität“, so Stock. Er wehrte sich auch gegen die Art mancher Kritik: „Polemik, Zuspitzungen und Halbwahrheiten helfen uns nicht weiter. Sie sind der Sache nicht angemessen.“ Wichtig sei ein sachlicher Dialog, dieser sei beim Landesverband der Altphilologen auch erkennbar, so der Ministeriumsvertreter. Bislang habe noch jede Generation von Altphilologen Antworten auf die jeweiligen Probleme gefunden.

Auch Stock betonte die Vorzüge der alten Sprachen. Angesichts von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz förderten diese das kritische Denken und stärkten die Orientierung. „Die Antike ist nicht vergangen. Sie lebt weiter.“

Lehrer: Alte Sprachen helfen der Demokratie

Achim Graf ist Lehrer am Ulricianum und unterrichtet die alten Sprachen. Ab der achten Klasse können die Schüler Latein oder Griechisch anwählen. Auch er betont die Vorteile des genauen Übersetzens. Und: „Es gibt zu allen Fächern Querverbindungen“, so Graf. Friedger Löbker vom Ulricianum betonte, dass die Altsprachler oft in kleinen Gruppen lernen können. Auch Kinder mit speziellen Begabungen könnten dort ganz gezielt gefördert werden. Auch Löbker bekräftigte die These von Schulleiter Musolf, die alten Sprachen seien geeignet, die Demokratie wehrhafter zu machen. In den Texten der Klassiker gehe es nicht selten um republikanische Ideale oder Verfassungsfragen. Auch vor dem Hintergrund der humanistischen Wurzeln des Gymnasiums Ulricianum als ehemaliger Lateinschule in Ostfriesland sei es wichtig, mit einem breiteren Publikum über den Bildungsbeitrag der klassischen Sprachen ins Gespräch zu kommen. „Dazu gehören die Vermittlungen verbindlicher Werte, das Nachdenken über gemeinsame Wurzeln und nicht zuletzt der Umgang mit Krisen.“

Frank Lüngen, Lehrer für Latein und Geschichte am Ulricianum, betonte, mit dem Altgriechisch-Angebot verfüge das Auricher Gymnasium über ein Alleinstellungsmerkmal in Ostfriesland und der ganzen Weser-Ems-Region. Es gebe jedes Jahr einen gut angewählten Latein-Leistungskurs – und dessen Absolventen erzielten nicht selten überdurchschnittliche Abiturergebnisse, betonte Lüngen.

Lehrerin Hannah Tokarski verglich Latein und Griechisch-Lernen mit dem regelmäßigen Gang ins Fitnessstudio. „Die alten Sprachen sind geeignet, um generell fit zu werden und sich zu fokussieren“, betonte sie.

Den Hauptvortrag des Landestages der Altphilologen hielt Prof. Günther Nesselrath (Göttingen) über Homers „Ilias“. Bis in den Abend hinein wurden verschiedene Arbeitskreise zu Fachthemen angeboten.

Für die musikalische Untermalung der Veranstaltung sorgte die Bläserklasse 7a. Der Auricher Bürgermeister Horst Feddermann hatte die Altphilologen in der Aula ebenfalls begrüßt – allerdings nicht auf Latein, sondern auf Plattdeutsch.

Ähnliche Artikel