Investition in die Mobilitätswende?  Auricher Ausschuss ringt mit dem Thema Carsharing

| | 13.09.2025 12:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Zwei neue Carsharing-Stationen mit je zwei Fahrzeugen sollen in Aurich entstehen: eine am Rathaus und eine am ZOB. Foto: DPA
Zwei neue Carsharing-Stationen mit je zwei Fahrzeugen sollen in Aurich entstehen: eine am Rathaus und eine am ZOB. Foto: DPA
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Die Stadt möchte ein Unternehmen fürs Autoteilen beauftragen. Das könnte aber teurer werden als erhofft. Dies sind die Argumente dafür und dagegen.

Aurich - Am Ende gab es im Umwelt- und Verkehrsausschuss eine recht deutliche Mehrheit für die Einführung von Carsharing in Aurich. Die Diskussion im Ausschuss zuvor hatte darauf kaum hingedeutet, denn die Kosten, die dabei auf die Stadt Aurich zukommen oder zukommen können, gefielen mehreren Mitgliedern überhaupt nicht. Doch entschieden ist noch nichts. Im Verwaltungsausschuss, der am 1. September 2025 nicht öffentlich tagte, wurde nach Angaben der Stadtverwaltung noch kein abschließender Beschluss gefasst. Laut der CDU/FDP soll das Thema im September erneut beraten und Ende September darüber entschieden werden.

Doch worum geht es eigentlich? Die Stadtverwaltung hat vorgeschlagen, zusätzlich zum Auricher Carsharing-Verein einen privatwirtschaftlichen Carsharinganbieter in die Stadt zu holen. Dessen kleine Fahrzeugflotte soll zunächst aus zwei E-Fahrzeugen am Rathaus und zwei weiteren konventionell angetriebenen Fahrzeugen an einem innenstadtnahen Standort wie dem ZOB bestehen. Die zwei Fahrzeuge am Rathaus sollen auch von der Verwaltung genutzt werden. Dafür soll die Dienstwagenflotte um zwei Fahrzeuge verkleinert werden.

Alberts: Unternehmen will Mindestumsatz-Garantie

Diese müssten ohnehin ersetzt werden. Würde die Stadt zwei Fahrzeuge leasen, müsste sie pro Jahr 12.800 Euro aufwenden, so Alberts, auf fünf Jahre also 64.000 Euro. Dieses Geld könnte ins Carsharing fließen. Die Fahrzeuge der Stadt würden vergleichsweise wenig und überwiegend auf Kurzstrecken bewegt, deshalb bestehe bei beiden E-Autos das Potenzial, dass sie durch Carsharing deutlich besser genutzt würden, so Alberts.

Was ist Carsharing?

Beim Carsharing teilen sich mehrere Nutzer ein oder mehrere Autos gemeinschaftlich. Der Gesetzgeber betrachtet eine organisierte gemeinschaftliche Nutzung auf der Grundlage einer Rahmenvereinbarung als Carsharing. In Aurich gibt es seit 30 Jahren einen Carsharing-Verein, der für seine rund 40 Mitglieder gegen eine Kaution beim Beitritt und eine Nutzungsgebühr für gebuchte Fahrten drei Autos zur Verfügung stellt. In der Regel sind es in Deutschland inzwischen privatwirtschaftliche Anbieter, die Carsharing-Standorte anbieten, beispielsweise Cambio mit Stationen unter anderem in Leer, Emden, Neuharlingersiel und Wilhelmshaven. Dort gibt es unterschiedliche Tarife für verschiedene Nutzertypen wie Vielfahrer, Gelegenheitsfahrer oder Studierende. Gebucht werden Fahrten in der Regel mehr oder minder kurzfristig per App. Die Nutzer können die Fahrzeuge für kürzeste Strecken ebenso buchen wie für Urlaubsreisen. Der Anbieter kümmert sich neben der Bereitstellung von Fahrzeugen auch um die Versicherung, Wartung, das Buchungssystem und die Reinigung und Pflege der Autos.

Carsharing soll zur Mobilitätswende beitragen und mehr Aurichern ermöglichen, ohne Zweitwagen oder sogar ganz ohne Auto auszukommen. Zudem sei es für Wenigfahrer eine gute Möglichkeit, Kosten für das eigene Fahrzeug zu sparen.

Der Auricher Verkehrsplaner Volker Alberts stellte die Ergebnisse der Recherche zu möglichen Anbietern vor. Ende Mai hatte der Ausschuss beschlossen, dass eine Konzession ausgeschrieben und an den Bestbieter mit dem wirtschaftlichsten Angebot vergeben werden soll. Die Hoffnung war damals, dass sich das Carsharing selbst trägt. Das hat aber nicht geklappt. Laut Alberts wurde ein Anbieter gefunden, der aber einen Mindestumsatz verlangt. Während des Betriebszeitraumes von fünf Jahren soll je Fahrzeug und Monat ein Kostenzuschuss von maximal 600 Euro brutto eingenommen werden. Die Stadt müsste den Betrag, der durch Fahrten eingenommen wird, entsprechend aufstocken.

Stadt würde zwei Dienstwagen aus Carsharing-Pool beziehen

Die Verwaltung befürwortet den Aufbau eines Carsharings. Sie könnte ihren sechs Fahrzeuge umfassenden Fuhrpark dann um zwei Fahrzeuge verringern. Das würde laut Alberts jährlich 12.800 Euro einsparen. 64.000 Euro würden auf einen Zeitraum von fünf Jahren also „frei“. Alberts sagte auch, dass die Stadt Mobilitätspunkte schaffen müsse, um die Mobilitätswende anzustoßen. Dazu zählten nicht nur der Busverkehr oder Fahrradparkplätze, sondern auch die Möglichkeit, auf ein zeitweise gemietetes Auto umzusteigen. Aurich sei hinsichtlich der Mobilitätspunkte äußerst schlecht aufgestellt.

Für das Carsharing gibt es feste Standorte. Foto: DPA
Für das Carsharing gibt es feste Standorte. Foto: DPA

Für die Bürger bedeute ein Carsharing-Angebot eine finanzielle Entlastung, wenn sie dadurch auf einen Zweitwagen oder überhaupt auf ein eigenes Fahrzeug verzichten könnten. Ebenso verringere das Teilen von Autos den CO2-Ausstoß und den Platzbedarf in der Innenstadt. Zudem könne das Angebot dazu beitragen, Aurich für junge Menschen attraktiv zu machen, so der Verkehrsplaner.

Alberts: Woanders haben Kundenfahrten schnell Zuschuss verringert

Diese Punkte zweifelten die Ausschussmitglieder nicht an. Sie staunten eher über die Kosten, die das Carsharing verursachen kann. Denn bei vier Autos müssten pro Monat 2400 Euro Mindestumsatz zusammenkommen. Pro Jahr wären es 28.800 Euro und in fünf Jahren 144.000 Euro. Rechne man die 64.000 Euro ab, die die Stadt beim Verzicht auf Leasingfahrzeuge spart, beträgt die mögliche Zuzahlung immer noch 80.000 Euro in fünf Jahren.

Alberts berichtete von den Erfahrungen, die in Leer, Emden und Wilhelmshaven gemacht wurden. Dort habe sich gezeigt, dass das Carsharing angenommen werde und die Kundenfahrten bereits nach rund zwei Jahren den geforderten Mindestumsatz erwirtschaften können, sodass die Kommunen lange nicht so viel zubuttern mussten, wie nun als Maximalbetrag genannt.

CDU-Ratsherr: Sponsoring für Autofahrer

Unter anderem Artur Mannott (CDU) meldete Zweifel an. Er rechnete gegen, was es kosten würde, privat ein Fahrzeug zu leasen. Und Kommunen hätten viel bessere Konditionen. Wenn die Verwaltung zwei neue Dienstwagen brauche, sei Leasing die kostengünstigere Variante. Er habe den Eindruck, dass die Stadt beim vorgeschlagenen Modell viel zu viel an das Carsharing-Unternehmen bezahle. Wer in Aurich ein Auto teilen wolle, könne sich an den Carsharing-Verein wenden. Ein Unternehmen dafür zu bezahlen, sei „Sponsoring für Autofahrer“, so Mannott.

In Neuharlingersiel hat sich seit einigen Jahren Carsharing etabliert. Unter anderem Insulaner nutzen die Fahrzeuge, wenn sie auf dem Festland sind. Foto: DPA
In Neuharlingersiel hat sich seit einigen Jahren Carsharing etabliert. Unter anderem Insulaner nutzen die Fahrzeuge, wenn sie auf dem Festland sind. Foto: DPA

Stadtbaurat Mirko Wento erläuterte, dass im geforderten Mindestumsatz auch eine Reihe von Dienstleistungen enthalten ist: Das Unternehmen stelle die Buchungssoftware zur Verfügung, die Fahrzeuge müssten anders versichert werden als beim privaten Leasing und die Wartung und regelmäßige Reinigung der Fahrzeuge sei im Preis enthalten. Fachdienstleiterin Stephanie Pospisil sekundierte: Aurich sei im Nordwesten der letzte weiße Fleck beim Carsharing-Angebot. Dass Aurich keinen Bahnhof habe, der traditionell ein guter Anknüpfungspunkt für Carsharing sei, sei ein Minuspunkt, wenn es um die Suche nach einem Anbieter gehe.

Zweifel an der Nachfrage

Heidrun Weber (GfA) berichtete von ihren guten Erfahrungen mit dem Carsharing-Verein. Sie könne dadurch ganz auf ein Auto verzichten. Ein privater Anbieter zusätzlich sei positiv für die Stadt, die Bürger könnten finanziell profitieren. Und der Verein sehe darin keinerlei Konkurrenz, sondern eher eine willkommene Ausweitung des Netzes. Sie ärgere sich oft, dass alle neuen Ideen in Aurich auf so viel Widerstand stießen - selbst wenn sie woanders längst funktionierten, so Weber.

Monika Gronewold (CDU) wollte wissen, was Carsharing für den Kunden kostet. Eine konkrete Antwort sei nicht möglich, so Wento, da die Anbieter ganz unterschiedliche Tarife anböten. Er wagte dennoch eine Prognose für Gronewolds Beispiel: ein Einkaufstag in Oldenburg. Die Fahrtkosten lägen dann für einen Wenigfahrer bei rund 50 Euro.

Reinhard Warmulla (Linke) begrüßte ein Carsharing-Angebot. Es sei wichtig, damit beispielsweise arme oder ältere Menschen besser teilhaben könnten. Gleichwohl müsse die Stadt aufs Geld schauen und unbedingt das günstigste Angebot finden.

Richard Rokicki (AWG) zweifelte die Nachfrage an. In Großstädten funktioniere Carsharing, weil es dort einen guten ÖPNV gebe. In den genannten Nachbarstädten gebe es immerhin Bahnhöfe. In Aurich nicht.

Für Volker Rudolph (SPD/GAP) ist es wichtig, gute Bedingungen zu schaffen, damit ein Carsharing-Angebot genutzt würde - beispielsweise gute Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.

Im Ausschuss gab es eine Mehrheit für den Auftrag an das Carsharing-Unternehmen. Neben SPD/GAP und den Grünen stimmten auch zwei CDU-Ausschussmitglieder und der FDP-Vertreter dafür.

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