Übernachtungsheim in Aurich  Neues Konzept soll im Herbst vorgestellt werden

| | 07.08.2025 20:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Das Übernachtungsheim des DRK an der Zingelstraße in Aurich gibt es seit 1991. Foto: Romuald Banik
Das Übernachtungsheim des DRK an der Zingelstraße in Aurich gibt es seit 1991. Foto: Romuald Banik
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Die Stadt, der Landkreis und das DRK wollen die Struktur grundlegend überarbeiten. Ein Standort für das neue Übernachtungsheim wird aber noch gesucht. Und ein Mitarbeiter äußert Sorgen und Kritik.

Aurich - Wie geht es mit der Unterbringung von Obdachlosen und Nicht-Sesshaften in Aurich weiter? Wie berichtet, haben die Stadt Aurich und der Landkreis Aurich ihre Vereinbarungen mit dem Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes Aurich zur Finanzierung des Betriebes des DRK-Übernachtungsheimes an der Zingelstraße gekündigt. Und zwar bereits zum 31. Dezember 2025. Wo können die bisherigen Nutzer danach also unterkommen?

Sowohl die Stadt als auch das DRK versicherten auf Nachfrage, dass sie seit Mitte Juli deswegen in konstruktiven Gesprächen seien. Laut Stadtsprecher Cord Cordes geht es dabei um die künftige Personalstruktur, den Standort sowie die inhaltliche Ausgestaltung eines tragfähigen Konzeptes, insbesondere im Hinblick auf Aspekte wie die Aufenthaltsdauer und die Netzwerkarbeit. Im September solle den politischen Vertretern ein Konzept präsentiert werden, wie es weitergehe.

Parallel dazu würden derzeit Übergangslösungen erörtert, damit die Obdachlosen auch ab dem 1. Januar 2026 auf jeden Fall eine Übernachtungsstelle hätten.

Weniger Betten seit der Stilllegung

Seit einigen Jahren besteht Handlungsbedarf, was das Übernachtungsheim angeht. Im Dezember 2020 sperrte die Stadt einen Teil des Übernachtungsheims. Die Begründung: der Brandschutz sei in einigen Bereichen nicht erfüllt. seit Jahren hat die Unterkunft nun nur noch acht statt ehemals 25 Schlafplätze. Nach Angaben der Mitarbeiter verteilten sich die Betten nun auf ein Fünf- und ein Drei-Personen-Zimmer. Schon mehrfach klang in Gesprächen durch, dass es vorkomme, dass Obdachsuchende mangels Platz abgewiesen werden müssen. Auch gebe es zu wenig Flexibilität bei der Belegung. Bis zur Stilllegung sei meist genug Platz gewesen, um nicht alle Betten belegen zu müssen. Nun müssten manchmal beispielsweise schwere Alkoholiker mit Gästen zusammengelegt werden, die gerade trocken seien – aus reinem Platzmangel.

Zielgruppe hat sich verändert - hin zu hiesigen Wohnungslosen

Auch die Stadtverwaltung gibt die gesperrten Bereiche als Grund für die Neukonzeption an. Aufgrund brandschutzrechtlicher Auflagen habe die ursprüngliche vorgesehene Bettenzahl reduziert werden müssen, so Cordes. Hinzu komme aber auch, dass sich die Zielgruppe in den vergangenen Jahren gewandelt habe: Die Unterkunft werde kaum noch von nicht sesshaften, also umherziehenden Personen nachgefragt. Stattdessen sei sie zuletzt vorwiegend von Wohnungslosen aus Aurich, Ihlow, Großefehn, Wittmund und Südbrookmerland genutzt worden. Das habe auch Konsequenzen für die Finanzierung. Denn für die Unterbringung von Wohnungslosen sei die Stadt zuständig. Nicht-Sesshafte wiederum müssten vom Landkreis untergebracht werden. Bislang leisten Stadt und Landkreis den gleichen Zuschuss, dieser müsse also angepasst werden.

Getrennte Bereiche für Männer, Frauen und Diverse geplant

Auch um die Zahl der künftig benötigten Plätze gehe es in den Gesprächen. Sie werde derzeit berechnet, so Cordes. Es sei vorgesehen, für Frauen, Männer und Diverse separate Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen.

Derzeit werden laut Cordes verschiedene Immobilien sowohl in zentraler als auch dezentraler Lage in Aurich geprüft. Das Kasernengelände kommt in diesem Zusammenhang nicht in Betracht, so der Stadtsprecher auf konkrete Nachfrage.

„Ein zentrales Ziel der laufenden Gespräche ist es, die Verweildauer in den Einrichtungen zu verkürzen“, so Cordes. Bereits frühzeitig solle in Wohnraum vermittelt werden. Durch gezielte Netzwerkarbeit sollen zudem ergänzende Unterstützungsangebote gegeben werden. „Durch die frühzeitige Wohnraumvermittlung und gezielte Netzwerkarbeit soll den Betroffenen der Weg in stabile Lebensverhältnisse geebnet, soziale Teilhabe erleichtert und eine dauerhafte Abhängigkeit von Hilfsstrukturen vermieden werden“, so die Stadtverwaltung.

2500 Übernachtungen pro Jahr

Sebastian Hahn hatte als Leitender Angestellter und zukünftiger Kreisgeschäftsführer des DRK auf Nachfrage bereits am 9. Juli mitgeteilt, dass der DRK-Kreisverband Aurich auch nach den Kündigungen der Finanzierungsvereinbarung weiterhin hinter seiner seit 1991 bestehenden Einrichtung stehe und die inhaltliche Neuausrichtung der Thematik Obdachlosigkeit durch Stadt und Landkreis Aurich begrüße. Nach der bauordnungsrechtlichen Anordnung und der Reduzierung der Kapazitäten um mehr als 50 Prozent „leisten wir mit über 2500 Übernachtungen pro Jahr – was einer Auslastung von circa 85 Prozent entspricht – einen erheblichen Beitrag, obdachlosen Menschen, insbesondere männlichen Geschlechts, zu helfen“, so Hahn.

Dieses Foto eines Zimmers im Übernachtungsheim entstand im Jahr 2019. Foto: Heino Hermanns
Dieses Foto eines Zimmers im Übernachtungsheim entstand im Jahr 2019. Foto: Heino Hermanns

Seit Jahren arbeite das DRK vertrauensvoll mit Stadt und Landkreis zusammen, als Dienstleiter im Bereich der Gefahrenabwehr. „In einem konstruktiven und vertrauensvollen Gespräch wurde Vertretern des DRK-Kreisverbands die Notwendigkeit beider Kommunen zur formalen Kündigung der Finanzierungsvereinbarung mit Wirkung zum 31. Dezember 2025 dargelegt“, so Hahn. Der DRK-Kreisverband Aurich verstehe dies jedoch keineswegs als ein Ende der Arbeit des Übernachtungsheims. „Vielmehr begrüßen wir die Zusagen der beiden Kommunen, die Thematik Obdachlosigkeit grundlegend und vollumfänglich auf neue, zeitgemäße und finanziell tragfähige Füße zu stellen.“

DRK: Zusagen für die Finanzierung einer Übergangsphase

Der DRK-Kreisverband Aurich bringe dazu gerne seine jahrelange Erfahrung in diesem Bereich mit ein. Auch der DRK-Kreisverband Aurich habe ein Interesse daran, das Übernachtungsheim als wichtigen Bestandteil der Obdachlosenhilfe in Aurich zukunftsfähig und bedarfsgerecht aufzustellen.

„Wichtig für uns als Wohlfahrtsverband, aber auch als Arbeitgeber für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Übernachtungsheim ist: Wir werden keinen Menschen, der uns um Hilfe ersucht, aus bürokratischen Gründen abweisen und gleichzeitig stehen wir zu unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unserem Übernachtungsheim“, so Hahn. „Daher begrüßen wir die Zusagen unserer kommunalen Partner für die Finanzierung einer unter Umständen notwendigen Übergangsphase in 2026, sollte es bis dahin noch kein abgestimmtes neues Konzept zum Betrieb geben.“

Mitarbeiter äußert einen Verdacht

In der Mitarbeiterschaft des DRK geht derweil aber die Sorge um. Volkmar Dürrwald hat sich an unsere Redaktion gewandt. Er betonte dabei, dass er zwar Mitglied im DRK und Mitarbeiter sei, aber nur als solcher, und nicht im Namen des Verbandes spreche. Zum einen befürchtet der langjährige Mitarbeiter im Übernachtungsheim, dass das heimliche Ziel der Stadt sei, die Obdachlosen aus dem Bild der Innenstadt zu entfernen und an den Rand der Stadt abzuschieben. Er befürchtet sogar, dass die Behörden am Ende eine Containerlösung bevorzugen könnten.

Er hegt nach eigenen Angaben auch Zweifel daran, dass der Brandschutz die wirkliche Ursache für die Reduktion der Bettenzahl gewesen sei. Die Stilllegung einiger Bereiche sei angeordnet worden, kurz nachdem der Landkreis den Brandschutz in dem Bereich kontrolliert gehabt habe, so Dürrwald. Und außerdem kurz nachdem das DRK mitgeteilt habe, dass es das Übernachtungsheim um eine Quarantäneeinheit erweitern wolle, damit kranke Gäste nicht zwingend morgens das Haus verlassen müssten. Er habe eher das Gefühl, dass das der Punkt gewesen sei, an dem die weitere Entwicklung gebremst werden sollte, um möglicherweise eine Verlagerung des Übernachtungsheims vorzubereiten.

Mitarbeiter berichten, dass Hilfesuchende abgewiesen werden müssen

Dürrwald berichtet davon, dass seit der Teilstilllegung immer wieder Menschen wegen Platzmangels abgewiesen werden müssten. Er ist nicht der erste Mitarbeiter, der davon erzählt. Insbesondere für Frauen gebe es keinen Platz in dem Haus. Nicht mal das Pärchenzimmer, das es bis zur Teilstillegung gegeben habe, stünde noch für Frauen zu Verfügung, so Dürrwald. Und den Schlüssel für die Frauen-Unterkunft der Stadt in der Kirchdorfer Straße müssten Interessentinnen bis 14 Uhr aus der Tagesstätte für Wohnungslose abgeholt haben – andernfalls gebe es für sie kein Bett mehr. „Dann schicke ich abends 18- oder 19-jährige Frauen auf die Straße. Da kann ich selbst nicht gut bei schlafen“, beschreibt Dürrwald seine Situation.

Die Stadtverwaltung weist diese Darstellung auf Nachfrage zurück. „Weiterhin sind bislang bei der Stadt Aurich keine Fälle bekannt, in denen Frauen nicht untergebracht werden konnten.“

Laut Dürrwald habe die Schließung von Bereichen auch dazu geführt, dass die Kosten pro Bett im Verhältnis gestiegen sei. Das Personal müsse ja trotzdem im Haus sein.

Mitarbeiter fühlen sich schlecht informiert

Dürrwald beklagt aber auch mangelnde Informationen für die Mitarbeiter. Mehrere seien seit vielen Jahren im Dienst, stünden kurz vor der Rente und erführen die Entwicklungen aus der Zeitung. „So geht man mit langjährigen Mitarbeitern nicht um, kritisiert Dürrwald. „Wir haben derzeit keine Idee, wie es weitergeht.“

Die Stadt teilte auf Nachfrage Anfang August mit, dass Gegenstand der Gespräche zwischen Stadt, Kreis und DRK auch Fragen zur Personalstruktur seien, ohne weiter ins Detail zu gehen. Hahn beteuerte auf Nachfrage aktuell allerdings noch einmal, dass derzeit keine Veränderungen beim Personal im Gespräch seien.

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