Intensivpädagogisches Pilotprojekt Präventionsklasse in Osteel gilt als Erfolg
Die Hälfte des zweijährigen Pilotprojekts ist um, zwölf Kinder arbeiteten bisher für je ein halbes Jahr mit Pädagogen an ihrem Sozialverhalten. So ist es gelaufen.
Landkreis Aurich/Osteel - Seit Sommer 2024/25 gibt es die Präventionsklasse an der Grundschule Osteel. Das erste Schuljahr ist um, und das Regionale Landesamt für Schule und Bildung (RLSB) zieht ein positives Fazit. Die Feststellung eines dauerhaften Förderbedarfs im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung (ESE) sei auf diese Weise vorläufig in 83 Prozent der Fälle vermieden worden. Sehr positiv gestalte sich auch das Zusammenleben mit den Grundschülern aus Osteel.
Der Landkreis Aurich, der ebenfalls an dem auf zwei Jahre angelegten Pilotprojekt beteiligt ist, teilte mit, dass die Auswertung erst im Rahmen einer Evaluation erfolgen wird, deren Ergebnisse frühestens im April 2026 vorliegen. Ziel des Pilotprojekts ist es, Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten für eine begrenzte Zeit aus ihrer Klasse herauszunehmen. In der Kleingruppe trainieren sie mit einem Team aus einer Förderschullehrkraft, einer Grundschullehrkraft und einer sozialpädagogischen Fachkraft verstärkt soziale Kompetenzen - neben dem Unterrichtsstoff.
Das Konzept
In der Präventionsklasse sollen maximal acht Schüler aus den 27 Grundschulen im Altkreis Norden sowie der Gemeinde Südbrookmerland bis zu sechs Monate lang intensivpädagogisch betreut werden. Dabei handelt es sich um ein gemeinsames Pilotprojekt des Landkreises Aurich, des Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrums Inklusive Schule (RZI) und des Landesamtes für Schule und Bildung. Die Schüler werden von einem Drei-Pädagogen-System unterrichtet, um eine individuelle Förderung zu ermöglichen. Zusätzlich werden die Schüler von Mitarbeitern des Mobilen Dienstes emotionale und soziale Entwicklung (ES) betreut. Es handelt sich dabei um Schüler, die sich beispielsweise nur kurz konzentrieren können, ständige Aufmerksamkeit der Lehrkraft einfordern, Konfliktsituationen nicht selbst lösen können, Arbeitsaufträge verweigern, sich unangemessen gegenüber anderen Kindern oder Erwachsenen verhalten, unruhig sind und wenig Lernbereitschaft zeigen. Ziel ist die schrittweise Wiedereingliederung der Schüler in ihre Wohnort-Grundschulen.
Laut RLSB-Sprecher Philipp Schmidt wurden bislang zwölf Kinder in der Präventionsklasse beschult. Im ersten Halbjahr waren es sieben Kinder, wobei es in einem Fall nach kurzer Zeit zu einer Hausbeschulung kam. Die betroffene Familie wurde weiter durch das Team der Präventionsklasse (PK) unterstützt. Im zweiten Halbjahr waren es nach Angaben des Landkreises sechs Kinder, wovon jedoch eines an eine andere Einrichtung gewechselt habe. Die anderen Teilnehmer blieben jeweils, wie im Konzept vorgesehen, ein Schulhalbjahr lang.
Trotz der zeitweiligen Abwesenheit sei die Integration der Kinder in die jeweilige Stammklasse in allen Fällen gelungen, so Schmidt. Es gebe nicht in allen Fällen ein aktives Miteinander, aber Akzeptanz und Versuche der aktiven Kontaktaufnahme. Schule und Elternhaus blieben nach der intensiven Zusammenarbeit während des Präventionsklassen-Besuchs konstruktiv und intensiv im Gespräch und bei fast allen Kindern zeige sich ein verbessertes Sozialverhalten. Im Lern- und Arbeitsverhalten seien ebenfalls Fortschritte zu beobachten, so Schmidt. „Weiterhin nehmen alle Kinder vollumfänglich am Unterricht teil.“
Vor allem Zweitklässler sind Zielgruppe des Angebots
Bisher haben laut Landkreis zwölf der 27 möglichen Schulen Kinder für die Präventionsklasse vorgeschlagen. Zwei Schulen haben im zweiten Durchgang laut RLSB erneut Kinder geschickt. Auch beim dritten Durchgang ab diesem Sommer seien Kinder aus zwei Schulen dabei, die vorher bereits ein Kind gemeldet hatten.
Im ersten Halbjahr war laut Landkreis die Schülerschaft gemischt aus den drei Jahrgängen zwei, drei und vier. Im zweiten Halbjahr kamen die Schülerinnen und Schüler dann hauptsächlich aus dem zweiten Jahrgang. Bislang habe die Nachfrage der Anzahl der Plätze entsprochen, so RLSB-Sprecher Schmidt. „Somit ergab sich nicht die Notwendigkeit einer Auswahl.“ Sollte die Nachfrage steigen, finde gemeinsam mit dem Team der Präventionsklasse, dem Mobilen Dienst, dem Schulamt und dem RZI eine Konferenz mit Fallbesprechung und Auswahl statt. Die Beratung durch den Mobilen Dienst ESE erfolge im Vorfeld intensiv und konstruktiv, sodass der Auswahlprozess eng begleitet werde.
Dennoch scheint es künftig ein Auswahlkriterium zu geben: Wie von einer der teilnehmenden Schulen zu hören war, sei ihr signalisiert worden, dass im nächsten Halbjahr Drittklässler nicht in die PK aufgenommen werden - obwohl die Schule einen Bedarf für einen ihrer Schüler oder eine ihrer Schülerinnen sehen würde.
Bei der Begründung sollen Probleme bei der Notenvergabe angeführt worden sein, weil nicht gewährleistet sei, dass die Schüler alle Kriterien erfüllen, hieß es vonseiten der Schule.
Das RLSB teilte auf Nachfrage mit, dass die Schüler der PK in der Regel aus dem zweiten Jahrgang beziehungsweise dem zweiten Schulbesuchsjahr stammen. „Durch die frühe Aufnahme soll dem präventiven Ansatz Rechnung getragen werden, indem auffälliges Verhalten frühzeitig begleitet und stabilisiert wird“, so Schmidt. Ziel sei, durch die gezielte Förderung innerhalb einer einheitlichen Lerngruppe zu vermeiden, dass ein Verfahren zur Feststellung eines sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs ESE eingeleitet werden muss.
Rückführung in Ursprungsklasse erfolgt nach und nach
Der Kontakt zur Ursprungsklasse werde während der Zeit in der Präventionsklasse per Post gehalten. Die Lehrkräfte der Stammschulen, das Team der Präventionsklasse und der Mobile Dienst tauschen sich aus, um die Rückkehr in die Ursprungsklasse positiv zu gestalten und die bewährten Fördermaßnahmen fortzuführen. „Zum Ende jedes Durchgangs gibt es eine Rückführungsphase, in der die Kinder tageweise wieder in ihrer Ursprungsklasse sind. Dabei werden sie vom Mobilen Dienst begleitet“, so Schmidt. Dies werde mit den Stammschulen vorab gemeinsam geplant.
Die Schülerinnen und Schüler freuten sich in der Regel auf ihre „alte“ Klasse. Es sei wichtig für sie, dass der Kontakt gehalten wird. „Dennoch werden in dem halben Jahr auch Freundschaften in der PK geschlossen und eine Beziehung zum PK-Team aufgebaut, was den Abschied etwas erschweren kann“, so der RLSB-Sprecher. Durch die schrittweise Rückführung könne dies jedoch abgemildert werden.
Zehn von zwölf Schülern vorerst weiter ohne Förderstatus
Bei zehn von zwölf Schülerinnen und Schülern ist nach Verlassen der Präventionsklasse kein Verfahren zur Feststellung eines sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs eingeleitet worden. Ein wichtiges Ziel der PK wurde also erreicht.
Die Schülerinnen und Schüler des ersten Durchgangs seien aber gerade erst ein Schulhalbjahr wieder zurück an ihren Stammschulen und hätten dort die Chance, das in der Präventionsklasse Erlernte mit fortlaufender Unterstützung umzusetzen. „Ob für sie in der Zukunft ein Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Förderschwerpunt der emotionalen und sozialen Entwicklung oder in anderen Förderschwerpunkten festgestellt wird, ist von vielen schulischen wie außerschulischen Faktoren abhängig“, so Schmidt.
Alle Kinder nahmen ihm zufolge von Anfang an regelmäßig am Unterricht teil und schafften den ganzen Vormittag in der PK. Die Arbeit an den individuellen Lernzielen stoße bei den Kindern auf große Bereitschaft. Alle seien bereit, sich mit ihren Zielen auseinanderzusetzen und Fortschritte zu erzielen, betont der Sprecher. Die Zusammenarbeit mit den Stammschulen sei sehr gewinnbringend, die Kooperation mit den Erziehungsberechtigten sehr vertrauensvoll und wertschätzend.
Spielen trainiert viele Fähigkeiten
Eine große Herausforderung sei allerdings die Gestaltung der notwendigen intensiven Kommunikation zwischen allen Beteiligten, so Schmidt. Innerhalb der PK sei es beispielsweise eine große Aufgabe, in dem halben Jahr eine Klassengemeinschaft zu bilden. „Es ist für die Kinder ein wichtiges Lernfeld, demokratische Entscheidungen mitzutragen und eigene Bedürfnisse zurückzustellen. In den Sozialtrainingsstunden werden die verschiedenen Aspekte des Zusammenlebens thematisiert und eingeübt. Außerdem werden kooperative Bewegungsspiele zur Gemeinschaftsbildung eingesetzt.“
Zusammenspiel mit der Grundschule Osteel
Besonders gut gelinge die gemeinsame Zeit mit den Schülern der Grundschule Osteel, lobt das Regionale Landesamt für Schule und Bildung. Sie sei geprägt von hoher Akzeptanz, beispielsweise in den Hofpausen. „Die Kinder der Präventionsklasse nehmen regulär an den Pausen teil und fügen sich gut dort ein. Es gibt bislang keine übermäßigen Konflikte, was umso erstaunlicher ist, weil dies vorab teilweise in den Stammschulen vorgekommen war“, so der RLSB-Sprecher. Es entwickelten sich Schulhoffreundschaften und die Kinder hätten Freude an den Angeboten der Pause. Ebenso nehmen die Kinder der PK an mehreren Veranstaltungen des Schullebens teil, beispielsweise am Rosenmontag, am Müllsammeln oder am gesunden Frühstück.
In den Sozialtrainingsstunden werden die Kinder zum Beispiel angeleitet, miteinander Gesellschaftsspiele zu spielen. Die hierbei notwendigen sozialen Kompetenzen, wie das Einhalten von Regeln, der Bedürfnisaufschub, wenn man nicht an der Reihe ist, der Umgang mit Sieg und Niederlage sowie eine wertschätzende Interaktion mit den Mitspielern sei für die Kinder herausfordernd und biete ein gutes „Trainingsfeld“, so Schmidt.
Bei inhaltlichen Themen, wie beim Thema „Gefühle“ werde stets der Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit hergestellt. Bilderbücher und Geschichten auf der Erzählschiene greifen dabei von den Kindern erlebte Situationen auf. Beim Thema „Lesen und Schreiben lernen“ bot die Hauptfigur einer Lektüre starken Identifikationscharakter. Schmidt: „In der Arbeit an den individuellen Lernzielen der Kinder werden Vorbilder, aber auch geliebte Haustiere als imaginäre Unterstützerinnen und Unterstützer herangezogen.“