Junge Eltern in Aurich  „Kielraum“ ist Ansprechpartner und Unterstützer

| | 14.06.2025 08:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Sylvia Hieronimus (Mitte) ist angestellte Fachkraft beim Verein Kielraum. Foto: privat
Sylvia Hieronimus (Mitte) ist angestellte Fachkraft beim Verein Kielraum. Foto: privat
Artikel teilen:

Der neue Auricher Verein Kielraum will, dass Eltern und Kinder zusammen einen guten Einstieg finden. Wie wichtig das ist, erläuterte ein Kinderarzt bei der Eröffnungsfeier.

Aurich - Mehr Andrang dürfte auch vor der Arche Noah nicht gewesen sein: Rund 150 Besucher sammelten sich kürzlich in der Pauluskirche in Aurich, wo der Verein Kielraum offiziell seine benachbarten Räume eröffnete und seine Arbeit aufnahm.

Tatsächlich macht der Verein bereits seit Anfang Dezember, genauer seit Nikolaus, Angebote für werdende Familien und Familien mit Kleinkindern bis zu einem Jahr. Seitdem haben nach Angaben der Fachberaterin Sylvia Hieronimus, die hauptamtliche Ansprechpartnerin des Vereins ist, bereits mehr als 45 Familien Kontakt zum Verein gesucht – mehr, als dieser zu Beginn zu hoffen gewagt hatte. Erfreulicherweise seien Schwangere, frisch gebackene Mütter mit ihren Babys, Väter, aber auch Großeltern darunter gewesen. Also die bunte Familienmischung, die der Verein erreichen möchte.

Hieronimus berichtete auch von der ersten Ansprechpartnerin, die den Kielraum im Dezember aufgesucht hatte. Eine im sechsten Monat schwangere 17-Jährige, die sich zusammen mit ihrem gleichaltrigen Partner auf das Baby freute, aber aus beiden Familien keinerlei Unterstützung erfahre und sich sehr verloren gefühlt habe. „Sie hatten niemanden, der mit ihnen Babysachen aussucht oder sich über das neueste Ultraschallbild freut“, so Hieronimus.

Sylvia Hieronimus: Wir wollen Eltern mit ihrem Kind verbinden

„Eltern sein, das ist Liebe und Erschöpfung, Lachen und Tränen, oft hinter verschlossenen Türen“, so die Fachberaterin. Eltern hätten oft Angst, wüssten nicht genau, wie das mit dem Elternsein geht. Der Kielraum wolle ein Raum für Eltern und Kinder von Beginn an sein, wo Fragen gestellt, Sorgen geteilt und gemeinsam Antworten gefunden werden könnten. „Wir wollen Eltern in ihrer Erziehungskompetenz stärken und mit ihrem Kind verbinden“, sagte Hieronims. Als erstes Angebot habe sich das Eltern-Café entwickelt, wo Eltern sich unkompliziert und ohne Formalitäten treffen und austauschen könnten.

Isburga Dietrich (Mitte), Vorsitzende des Trägervereins, im Gespräch mit Gästen der Eröffnungsfeier. Foto: privat
Isburga Dietrich (Mitte), Vorsitzende des Trägervereins, im Gespräch mit Gästen der Eröffnungsfeier. Foto: privat
Inzwischen gebe es das Café auch am Nachmittag. Außerdem bietet Hieronimus Delfi-Kurse an, wo Eltern und Kind gemeinsame Zeit ohne Ablenkung durch Wäscheberge oder Social Media einfach genießen könnten. Inzwischen gebe es Wartelisten, denn die räumlichen und personellen Kapazitäten seien begrenzt. „Aber es zeigt uns auch: Kielraum ist wichtig“, so Hieronimus. Das Angebot richte sich an alle Eltern, unabhängig von Alter, Herkunft, Lebenssituation oder besonderen Bedürfnissen. Familien brauchten Räume, nicht weil sie es nicht alleine schaffen, sondern weil sie es nicht alleine schaffen müssten. „Wir sind dankbar, dass wir das mit euch, liebe Familien, auf die Beine stellen können“, so die Fachberaterin.

Ansetzen in der allerersten Lebensphase

Der Kiel eines Schiffs taucht tief ein, gibt Balance und stabilisiert gegen das Abdriften. Und diese Rolle will auch der „Kielraum“ für werdende Eltern, Ungeborene und Kleinkinder einnehmen. Isburga Dietrich und Dr. Elke Warmuth sind die Ideengeberinnen. Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren in der Theatergruppe Familie Gassenhauer inklusiv mit Kindern und Jugendlichen, die es bereits schwer hatten und haben. Bei allen Erfolgen der Theatergruppe, die das Selbstwertgefühl der Jugendlichen gesteigert hätten, hätten diese doch nie den schweren Rucksack abgelegt, den sie als Kinder auferlegt bekommen hätten, sagte Dietrich. Stattdessen werde diese Last in der Regel an die nächste Generation weitergegeben, solange es keine Hilfe für die allererste Lebensphase gebe, erläuterten die beiden Auricherinnen.

Vorstand und Unterstützer von Kielraum. Foto: privat
Vorstand und Unterstützer von Kielraum. Foto: privat

Mit Beharrlichkeit hätten sie immer mehr Leute überzeugt, dass dies ein notwendiger Ansatz ist: die Bindung zwischen Eltern und Kind frühestmöglich zu unterstützen, um Kindern einen sicheren Weg ins Leben zu bahnen. Doch es habe eine ganze Weile gedauert, bis auch Unterstützer gefunden worden seien, die gesagt hätten: Wir glauben, dass man dies umsetzen kann, erläuterte die zweite Vorsitzende Delia Evers: „Wir wollen nicht, dass Kinder in den Brunnen fallen und dann aufwendig geborgen werden müssen. Wir wollen starke Kinder von Anfang an.“

Weihnachtspost gab den Anstoß

„Als unsere ersten Gassenhauer-Enkelkinder geboren wurden, sahen wir, dass die nächsten Rucksäcke mit Problemen schon gepackt neben ihnen standen. Da wussten wir, wir müssen viel früher anfangen, damit die Rucksäcke gar nicht erst auf den Rücken der Kinder landen“, sagte Dietrich. Frühestmöglich, schon in der Schwangerschaft sollten werdende Eltern begleitet werden.

Warmuth sagte, dass der große Wunsch gewesen sei, eine verlässliche Einrichtung mit verlässlichen Ansprechpartnern zu schaffen. Ein Schlüsselmoment sei ein Brief zu Weihnachten gewesen mit 500 Euro darin und dem Satz: Macht was draus, verwendet das Geld so, wie ihr es wollt. „Da war ganz viel Vertrauen dahinter und für uns der Anlass zu sagen: Jetzt werden wir tätig“, so die Ärztin.

Nicht nur die Kirche war gut gefüllt. Auch am anschließenden offenen Austausch nahmen sehr viele Gäste teil. Foto: privat
Nicht nur die Kirche war gut gefüllt. Auch am anschließenden offenen Austausch nahmen sehr viele Gäste teil. Foto: privat

Mit einem multiprofessionellen Vorstand und starken Unterstützern wie dem Leinerstift in Großefehn, das die Stelle von Hieronimus trägt, sei das Projekt dann realisiert worden. „Kinder und Eltern sollen sich entwickeln und entdecken, was in ihnen steckt“, so die Gynäkologin. Die Kinder sollten Verlässlichkeit vom Mutterleib an erfahren. Und die Eltern sollten ohne Versagensangst und Minderwertigkeitskomplexe dazugehören. „Wir sind uns ganz sicher, dass durch Kielraum die Rucksäcke der Eltern leichter und die Rucksäcke der Kinder mit Leichtigkeit gefüllt werden.“

Kern des Angebots: Es darf nichts kosten

Vorstandsmitglied Alfred Jänicke umriss das Selbstverständnis von Kielraum. Das Angebot solle niedrigschwellig sein und zusammen mit den Eltern nach ihren Wünschen und Bedürfnissen entwickelt werden. „Wer uns erreichen will, soll uns erreichen können. Wer uns kontaktiert, soll auch eine Antwort bekommen“, so Jänicke. Dazu gehöre auch, dass die Angebote komplett kostenlos seien. Angestrebt sei auch, die Eltern in die Vereinsarbeit und die Entscheidungen mit einzubinden.

Wolfgang Vorwerk vom Leinerstift gehört zu den entscheidenden Unterstützern des Vereins Kielraum. Foto: privat
Wolfgang Vorwerk vom Leinerstift gehört zu den entscheidenden Unterstützern des Vereins Kielraum. Foto: privat

Wolfgang Vorwerk vom Leinerstift lobte das Herzblut der Vereinsmitglieder. „Je früher wir uns für Kinder einsetzen, damit sie eine eigene Stärke erhalten, desto weniger Unterstützung ist später nötig.“ Das wolle das Leinerstift gerne unterstützen. Es sei „schon bedauerlich, dass der Landkreis Aurich das anders sieht“, so Vorwerk. Eigentlich brauche es an jeder Kita einen Kielraum, damit schon werdende Eltern begleitet werden könnten.

Abgeordneter: Frühe Hilfen können viel effektiver sein

Der Auricher Landtagsabgeordnete Wiard Siebels (SPD) sagte, die Entwicklung der Zahlen in der Jugendhilfe seien ein guter Grund für die Unterstützung von Kielraum als Präventionsangebot. Er habe das Potenzial von Anfang an gesehen. „Das hier ist nichts Abstraktes, sondern etwas höchst Lebendiges.“

Das Jugendhilfesystem sei derzeit leider eher darauf ausgerichtet, dass das Kind erst in den Brunnen fallen müsse, bevor eingegriffen werde. Deshalb finde er es sehr überzeugend, dass frühe Hilfen viel effektiver seien, weil noch viel mehr zu retten sei. Er sehe sich in der Pflicht, beim Landkreis als Träger der Jugendhilfe weiterhin Überzeugungsarbeit zu leisten und überdies auf allen Ebenen für Kielraum zu werben. „Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft, die so sehr auf Wirtschaftlichkeit und Zahlen getrimmt ist, sich wieder viel mehr auf Kinder einlässt“, so Siebels.

Der Landkreis hat insofern im Nachgang der Feier reagiert, als er immerhin Bereitschaft gezeigt hat, eine Bescheinigung auszustellen, mit der Kielraum sich um Fördermittel bewerben kann, wie Evers später berichtete.

Superintendent Tido Janssen nannte den Kielraum „einen Beitrag für die Zukunft der Welt“.

Kinderarzt: Wahrnehmung der Welt beginnt schon im Mutterleib

Der Auricher Kinderarzt Martin Brachmann beschrieb in einem Vortrag die Stationen, wie sich die Eltern-Kind-Bindung schon in der frühen Schwangerschaft entwickelt. Das Kind reagieren weit vor der Geburt auf Sinnesreize, werde dadurch in seinen späteren Präferenzen geprägt und bekomme schon im Mutterleib einen Eindruck von der Welt, die es erwartet. Die Emotionen der werdenden Mutter vermittelten dem Kind ein Bild von der Wirklichkeit, das im Körper gespeichert werde und die körperliche, seelische und geistige Disposition entscheidend mitbestimme. „Pränatale Erfahrungen sind entscheidend für die Bindungsentwicklung nach der Geburt“, so Brachmann.

Kinderarzt Dr. Martin Brachmann referierte über die Entwicklung frühkindlicher Bindung. Foto: privat
Kinderarzt Dr. Martin Brachmann referierte über die Entwicklung frühkindlicher Bindung. Foto: privat

Er beschrieb die wechselseitige Kommunikation von Säuglingen und Eltern, die sich in den ersten Lebensmonaten sehr schnell weiterentwickle. Das Kind habe das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Werde es darin enttäuscht, werde die Bindung zwischen Kind und Eltern unsicher.

Natürliche Kompetenz kann nicht immer auch angewandt werden

Stress und seelische Erkrankungen zählten schon in der Schwangerschaft zu den stärksten Faktoren für emotionale Störungen des Kindes. Nach der Geburt, wenn das Baby auf Bauch der Mutter liege, schließe sich ein kleiner Kosmos. „Da passt dann kein anderer rein“, so der Kinderarzt. Aber für den Rest des Lebens sei dann noch nicht alles gut: Eltern verfügten zwar über eine natürliche Kompetenz für den Umgang mit ihren Kindern und deren Bedürfnisse. Aber diese Kompetenz könne nicht von allen Eltern, obwohl sie ihre Kinder abgöttisch liebten, so gut umgesetzt werden, wie es den Bedürfnissen des Kindes entspreche.

Emotionen seien das rote Band der Entwicklung der Bindung zwischen Menschen, sagte Brachmann. Aus dieser Bindung heraus erkunde das Kind die Welt. Wer zum Lebensanfang unsicher gebunden sei, habe später größere Schwierigkeiten. Deshalb sei es wichtig, früh die Bindung zu stärken und Unsicherheiten abzubauen.

Ähnliche Artikel