Schulpolitik im Landkreis Aurich  Auricher IGS-Schulleiterin sendet Hilferuf

| | 13.06.2025 12:02 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
IGS-Schulleiterin Dr. Dorothee Göckel sprach in ihrer Begrüßung des Schulausschusses Klartext. Foto: Aiko Recke
IGS-Schulleiterin Dr. Dorothee Göckel sprach in ihrer Begrüßung des Schulausschusses Klartext. Foto: Aiko Recke
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Einen deutlichen Appell hat Dr. Dorothee Göckel im Kreis-Schulausschuss an die Verantwortlichen gerichtet. Die starke Belastung der IGS durch Inklusion und Migration bringe das „System in Schieflage“.

Aurich - Einen ungewöhnlich deutlichen Hilferuf hat jetzt die Leiterin der Integrierten Gesamtschule (IGS) Aurich an Politik und Verantwortliche gesendet. „Wir tragen für die ganze Stadt Aurich und Umgebung die Lasten von Inklusion und Migration“, sagte Dr. Dorothee Göckel am Donnerstag im öffentlichen Schulausschuss des Landkreises Aurich. „Wir brauchen eigentlich als Gesamtschule einen Querschnitt der Gesellschaft. Das ist an dieser Schule aber nicht mehr gegeben. Das ganze System kann nicht mehr funktionieren, wenn es in Schieflage gerät“, so die Schulleiterin.

Man habe mehr als zehn Prozent Inklusions-Schüler und zwischen 30 und 40 Prozent mit Migrationshintergrund. Unter den aktuell 99 Anmeldungen für den fünften Jahrgang seien allein 19 Inklusions-Kinder. Und für diese großen Herausforderungen habe man am Ende zu wenig Personal, sei es etwa für sonderpädagogische Unterstützung oder Sozialarbeit. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise habe die Schule etwa auf einen Schlag 35 Kinder aufnehmen müssen, die die deutsche Sprache fast gar nicht beherrschten. Zwar hätten die „Willkommensklassen“ den Druck etwas genommen. „Aber das war ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so Göckel.

Hohe Zahl an „Rückläufern“ führte zu großen Problemen

Ein großes Probleme sei, dass in den höheren Jahrgängen immer mehr „Rückläufer“ von anderen Schulen in die Klassen dazukommen. Allein von Gymnasium und Realschule seien in einigen Jahrgängen bis zu 16 Schüler zurückgekommen, berichtete Göckel. „Das ist pädagogisch kaum vertretbar und kaum zu händeln“, so die erfahrene Schulleiterin, die früher Leiterin der dann abgewickelten IGS Waldschule Egels war. Die Entscheidung, die Hauptschule in Aurich aufzulösen, habe zu Problemen geführt.

Kann sich sehen lassen: Der neu gestaltete Innenhof der IGS Aurich. Foto: Aiko Recke
Kann sich sehen lassen: Der neu gestaltete Innenhof der IGS Aurich. Foto: Aiko Recke

Es habe an der IGS auch schon Übergriffe gegeben, meist von Schülern untereinander, aber auch gegen einzelne Lehrkräfte. „Das ist ein riesengroßes Problem“, sagte Göckel. Es gebe zudem eine Zahl von Schülern, die „schulunlustig“ seien und bisweilen einfach nicht erscheinen. Die Schulleitung müsse daher viele Ordnungswidrigkeitenanzeigen schreiben. „Das ist nicht normal“, sagte Göckel – und fügte hinzu, dass diese Probleme eben mit der „unguten Durchmischung“ zu tun hätten. Man wolle nicht zu laut klagen, aber auch nichts verheimlichen, so Göckel in aller Deutlichkeit. Man sei vom Landkreis Aurich mit einem wunderbaren neuen Gebäude ausgestattet worden.

Startchancen-Programm bringt bislang wenig

Auch Göckel betonte, die IGS Aurich sei eine besondere Schule. Sie gehöre zu den ältesten Gesamtschulen in Niedersachsen und sei eine „Vorreiterin“ gewesen. „Aber damals spielte sie eine vollkommen andere Rolle in der Gesellschaft. Davon ist heute nichts mehr übrig geblieben“, sagte Schulleiterin Göckel. Man habe nach wie vor ein hochmotiviertes Kollegium und bringe aktuell wieder eine Abiturientin mit einem Schnitt von 1,0 hervor. „Man sollte uns nicht soviele Steine in den Weg legen“, so der eindringliche Appell von Dorothee Göckel.

Zwar nehme man seit 2024 am sogenannten „Starchancen-Programm“ von Bund und Land teil, das Schulen mit besonderen Herausforderungen helfen soll. Und sie versuche auch, das als Chance zu sehen. Jährlich stehen wohl rund 210.000 Euro zur Verfügung, für Ausstattung, Digitalisierung, Projekte, Berufsorientierung – und auch für Personal, etwa Schulsozialarbeiter. In der Praxis aber könne man nur wenig Geld tatsächlich abrufen, auch die wissenschaftliche Begleitung sei noch nicht da. Göckel betonte noch einmal: „Wir brauchen mehr Personal, auch für Konfliktsituationen.“

SPD-Kreistagsabgeordneter: „Hauptschule vielleicht zu leicht aufgegeben“

Kreistagsabgeordneter Harald Bathmann (SPD, Aurich), selber Lehrer am Gymnasium Ulricianum, sagte nach Göckels Hilferuf: „Ich fühle mich ein bisschen angefasst von den Ausführungen. Als Schulträger haben wir alles versucht, um zu unterstützen.“ Der Landkreis habe mehr als 14 Millionen Euro in den Neubau investiert. Nun habe die IGS eines der schönsten und modernsten Schulgebäude Niedersachsens, so Bathmann, der auch im Auricher Stadtrat sitzt und stellvertretender Vorsitzender des städtischen Schulausschusses ist. Der Stadtrat habe 2013 beschlossen, die Hauptschule Sandhorst aufzulösen, dort habe es nur noch eine Handvoll Anmeldungen gegeben. „So konnte sie nicht weiterbetrieben werden“, so Bathmann. Er räumte aber ein, dass die Klassen dort mit den höheren Jahrgängen wieder anwuchsen. „Vielleicht haben wir die Hauptschule zu leichtfertig aufgegeben“, so Bathmann.

Die IGS hat für viele Millionen einen Neubau bekommen – doch die Probleme sind keine baulichen. Foto: Aiko Recke
Die IGS hat für viele Millionen einen Neubau bekommen – doch die Probleme sind keine baulichen. Foto: Aiko Recke

CDU-Fraktionsvorsitzender Sven Behrens (Berumbur) dankte Schulleiterin Göckel für den „ehrlichen, realistischen Blick auf die Schule“, den er als „Brandbericht“ bezeichnete. „Wenn es Probleme gibt, müssen die auch benannt werden“, so Behrens. Und weiter: „Das zeigt, dass wir erhebliche Probleme mit der Inklusion haben.“ Das habe die CDU immer betont. Zugleich bat Behrens, selber Polizeibeamter, die Schulleitung, bei strafrechtlich relevanten Konflikten immer die Polizei einzubeziehen. Ein weiteres Problem sei: „Wenn eine Schule einmal abgestempelt ist, wird es schwierig, dagegen zu arbeiten. Aber daran müssen wir arbeiten“, so der CDU-Politiker.

SPD-Abgeordneter sieht „Überlastungsanzeige“

Theo Wimberg (SPD, Norden), hauptberuflich früher Leiter der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Hage-Norden, sagte nach dem Appell von Göckel: „Ich bin persönlich betroffen. Ich dachte im ersten Moment: Die Hütte brennt. Das ist eine Überlastungsanzeige. Und wenn das so ist, müssen wir uns Gedanken machen. An dieser Schule wird echte Integrationsarbeit geleistet.“

Wimberg schlug konkret ein Treffen von Schulleitung, Kreisverwaltung, Politik, Landesbehörde und Personalrat vor. „Das Start-Chancen-Programm reicht nicht, um die Probleme in den Griff zu bekommen“, so Wimberg. Kreisrat Sebastian Smolinski ergänzte, die Stadt Aurich, die Schulträgerin der Realschule ist, ebenfalls mit an den Tisch zu holen.

Christian Philipp Storm, Vertreter der Gewerkschaft GEW im Ausschuss, betonte: „Es muss eine gemeinsame Lösung geben, auch mit der Stadt Aurich. Es darf kein Krieg ausbrechen unter den Schulen.“

Einer der IGS-Lehrer im Publikum verlieh dem dringenden Appell der Schulleiterin am Ende nocheinmal Nachdruck. „Ja, die Hütte brennt. Wir versuchen, Inklusion und Migration zu stemmen. Aber es ist wirklich manchmal nicht auszuhalten.“ Man habe tatsächlich schon vor einiger Zeit eine förmliche Überlastungsanzeige eingereicht – unterzeichnet von drei Viertel des gesamten Kollegiums.

Frage nach Neugründung einer Haupt- oder Oberschule

Ein Lehrer berichtete, er sei vor 15 Jahren aus Bayern mit seinem streng gegliederten Schulsystem nach Ostfriesland gekommen und fasziniert gewesen vom Konzept der Integrierten Gesamtschule in Aurich. „Aber von dieser Schule ist heute nichts mehr übrig geblieben.“ Er stellte am Ende die Frage in den Raum, ob nicht die Neugründung einer Hauptschule in Aurich in Frage komme, um die Herausforderungen Inklusion und Migration wieder auf breitere Schultern zu verteilen. Eine andere Lehrerin fragte, warum man es versäumt habe, aus der Haupt- eine Oberschule zu machen.

Kreisrat Sebastian Smolinski verwies an die niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Er sagte, der Landkreis könne keine Hauptschule gründen.

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