Verkehr  Bahnreaktivierung – Frust in Südbrookmerland

| | 04.04.2025 09:02 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Südbrookmerland bewertet man eine Reaktivierung des Personenverkehrs weiter kritisch. Foto: Karin Böhmer
In Südbrookmerland bewertet man eine Reaktivierung des Personenverkehrs weiter kritisch. Foto: Karin Böhmer
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Schienenpersonenverkehr zwischen Aurich und Emden wird wahrscheinlicher. Südbrookmerlander Politiker können’s kaum glauben. Und erheben Vorwürfe.

Südbrookmerland - Die Nachricht war für viele durchaus überraschend: Am 21. März teilte das niedersächsische Verkehrsministerium mit, dass die Reaktivierung der Bahnstrecke Aurich-Abelitz für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) als durchaus aussichtsreich betrachtet wird, weil sich die Wirtschaftlichkeitsanalyse deutlich positiv entwickelt habe. Zusammen mit fünf weiteren Strecken in Niedersachsen sieht der Lenkungskreis des Landtags für diese Strecke sehr gute Voraussetzungen, den Förderbedingungen des Bundes für Investitionsmittel zu genügen. Ein Grund für die bessere Prognose hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit: Das Klinikum Ostfriesische Meere wird direkt an der Strecke errichtet und als Frequenzbringer erachtet.

Was bisher zur Planung bekannt ist

Es soll eine direkte SPNV-Verbindung von Aurich nach Emden mit einer Fahrtzeit von 37 Minuten hergestellt werden. Bis nach Abelitz, dem Endpunkt der 13 Kilometer langen Reaktivierungsstrecke, soll der Zug 23 Minuten benötigen.

Er soll stündlich in beide Richtungen verkehren, abgestimmt auf den Fahrplan des Regionalexpress Richtung Hannover. Zwischen „Aurich Bahnhof“ und Emden Hauptbahnhof werden nach den Plänen Haltepunkte in Extum, Walle, Moordorf, Moordorf Ost, Zentralklinik und Abelitz liegen.

Besonders überrascht war man über die Nachricht wohl in Südbrookmerland. Zumal der Bürgermeister, die Ratsleute und die Bürger sie aus der Zeitung erfuhren. Und so hält sich die Freude über die Fortschritte der Bahnreaktivierung in Südbrookmerland stark in Grenzen. Es ist vielmehr Verärgerung zu spüren.

Bürgermeister Thomas Erdwiens (FWG) zeigte sich auf Nachfrage sehr enttäuscht.

Erdwiens: Nur Auricher Interessen zählen

Die Gemeinde werde nach wie vor „nicht an den Vorgehensweisen, Entwicklungen und Sachständen hinsichtlich der beabsichtigten Reaktivierung der Bahnlinie auf dieser Strecke beteiligt“, beklagt er. Die Gemeinde erfahre neue Sachstände nur über die Presse. „Nicht nachzuvollziehen ist, dass der einst gegründete ,Runde Tisch Bahn‘, in den Vertreter unterschiedlicher Zuständigkeiten und betroffener Kommunen entsandt wurden, überhaupt nicht mehr aktiv ist“, schimpft Erdwiens.

Das sei sehr bedauerlich und trage sicher nicht dazu bei, ein Einvernehmen „einfach mal eben so“ herzustellen. Vielmehr zeige das Vorgehen, dass „lediglich die Interessen der Stadt Aurich offenbar nur einseitig verfolgt werden“. Die mit einer Reaktivierung der Bahnlinie einhergehenden Einschränkungen oder Behinderungen aus Sicht Südbrookmerlands würden leider nur eingeschränkt betrachtet.

Zweifel an Attraktivität der Verbindung

Als Bürgermeister finde er, dass die Idee vom Einsatz eines sogenannten „Tram-Train“, also einer Kombination aus Bahn und Straßenbahn, durchaus Charme habe. Gleichwohl sehe er das Vorhaben der Reaktivierung weiterhin sehr kritisch, so Erdwiens. „An der Wirtschaftlichkeit einer Reaktivierung einer Bahnlinie nach Aurich hege ich nach wie vor – insbesondere aus Sicht unserer Gemeinde – große Zweifel.“ Bürger aus Südbrookmerland würden ein solches Angebot nach seiner Prognose nur vereinzelt annehmen, zumal die Fahrzeit über diese Strecke nach Emden oder Marienhafe „viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen wird“, so Erdwiens.

Im Bereich der im Bau befindlichen Zentralklinik ist bislang etwas mehr Platz für eine Haltestelle. Foto: Karin Böhmer
Im Bereich der im Bau befindlichen Zentralklinik ist bislang etwas mehr Platz für eine Haltestelle. Foto: Karin Böhmer

Und nur dort gebe es Anschluss an den Regional- und Fernverkehr. Viele Südbrookmerlander nutzten den Bahnhof Marienhafe bereits heute schon „direkt“. Dort gebe es ausreichend Parkplätze. Bei einer Flächengemeinde wie Südbrookmerland müssten neben einer Bahnlinie auch ausreichend Parkmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge mit eingeplant werden, denn viele Einwohner wohnten ein gutes Stück von der Strecke entfernt.

Sorge vor möglichen finanziellen Belastungen

Auch was den technischen Part und die Umsetzung anbelangt, hege er Zweifel an der Attraktivität. Es könne nach jetzigem Planungsstand kein Begegnungsverkehr zweier Züge stattfinden. Die Taktung könne also nicht sehr eng werden. Der Aufwand erforderlicher Sicherungsmaßnahmen an der Strecke und der damit verbundene Kostenaufwand stünden zudem mit großer Wahrscheinlichkeit im krassen Missverhältnis zum Zweck und Bedarf einer solchen Reaktivierung, meint Erdwiens. Insbesondere, was finanziell auf die Gemeinde zukommen könne, mache ihm Sorge. Wenn es um die Gegenfinanzierung von Anbindungen, Signalen oder Beschrankungen gehe, werde Südbrookmerland das aufgrund der angespannten Haushaltslage kaum leisten können. Erdwiens meint weiterhin, dass es sinnvoller sei, den Einsatz anderer umweltfreundlicher ÖPNV-Mittel, wie Elektro- oder Wasserstoffbusse, zu analysieren, weil diese wesentlich kostengünstiger umzusetzen seien.

Die Erfahrungen mit dem nachlassenden Güterverkehr hätten zudem gezeigt, dass eine Reaktivierung auf diesem Streckenabschnitt nicht erfolgreich zu gestalten sei. Dieses wirke sich gegenwärtig allerdings positiv auf die Verkehrsverhältnisse in Moordorf aus, so Erdwiens etwas sarkastisch.

Kleinert: Betroffene werden nicht gehört

Auch der Moordorfer Ortsvorsteher Stefan Kleinert (SPD) ist alles andere als begeistert über die Neuigkeiten aus Hannover. Auf die Frage, was er davon halte, sagt er trocken: „Was soll ich sagen? Mir liegen keine neuen Infos vor.“ Die Ratsmitglieder in Südbrookmerland seien abgeschnitten von jeglicher Information.

Weder vom Verkehrsministerium sei die Perspektive der Gemeinde gehört worden. Noch vom Landkreis bei seiner Bahnstudie. Noch beim Gutachten des Verkehrsverbunds Ems-Jade. Und auch der „Runde Tisch: Personenverkehr auf der Bahnstrecke Aurich-Emden“ habe in dieser Wahlperiode noch nicht getagt. Und es sei nicht nur, dass die Gemeinde nicht gehört werde. „Die Menschen, die es mit am meisten betrifft, werden nicht einmal informiert“, kritisiert Kleinert. Die Gemeinde im Entscheidungsprozess so lange außen vor zu lassen, sei unerhört. Es sei auch von den Auricher Nachbarn nicht in Ordnung, die eigenen Wünsche voranzubringen, ohne Südbrookmerland mit einzubeziehen.

Große Zweifel an Wirtschaftlichkeitsberechnung

Er selbst halte die Strecke für keineswegs wirtschaftlich. Er könne sich nicht vorstellen, dass plötzlich Moordorfer in einen Zug steigen, um in Aurich sperrige Dinge einkaufen zu gehen. Auch werde kaum ein künftiger Klinikbesucher aus den Außenbereichen Aurichs mit Bus, Rad oder Auto in die Stadt fahren, um dann auf die Schiene zu wechseln. Auch die Ihlower und Großefehntjer würden das nicht tun. „Und sollen die Marienhafer in den Zug steigen und dann noch mal umsteigen?“, so der Ortsvorsteher ironisch. Er halte den Optimismus hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit für falsch. Das sei Ideologie.

Und er könne sich auch beim besten Willen nicht vorstellen, wo eine Bahn in der engen Ortsdurchfahrt Moordorf halten solle.

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