Entwässerung in Moordorf Das Ringen um das richtige Vorgehen
Ein Ingenieur stellte im Bauausschuss die Entwässerungsdimensionen beispielhaft für das Baugebiet Meisenwinkel vor. Die BI Entwässerung hatte Fragen. Nun ist die Frage, was man mit den Zahlen macht.
Südbrookmerland - Bei der Diskussion über das Baugebiets Meisenwinkel/Ekelser Straße vermischten sich am vergangenen Donnerstag im Bauausschuss Abstraktes und Konkretes. Und das Problem ist: Sie sind auch eng verknüpft.
Vorgestellt wurde mit vielen Details, wie das 0,8 Hektar große Baugebiet entwässert werden kann. Der Auricher Ingenieur Johannes Bultmann hat dies berechnet und erläuterte die Überlegungen. Zugleich war er von der Gemeinde beauftragt worden, am Beispiel dieses Baugebiets zu berechnen, wie eine Entwässerung aussehen müsste, die nicht nach den jetzigen Vorgaben im Landkreis Aurich – die schon höher sind als auf Landesebene –, sondern auf einen 30-Jahre-Starkregen oder einen Jahrhundertstarkregen ausgelegt wäre. Dahinter steht, wie berichtet, die Überlegung, wie künftig mit Bebauung im hochwassergeplagten Moordorf umgegangen werden soll.
BI fragt nach Wasserableitung aus schon versiegelten Bereichen
19 Zuhörer verfolgten die Sitzung, darunter mehrere aus der BI Entwässerung. Sie hatten eine Menge Fragen in petto. Die Sitzung wurde eigens dafür für eine gute Dreiviertelstunde unterbrochen. Frank Süßen vom Bauamt und Bultmann gingen zunächst auf einige Fragen ein, die die BI Entwässerung im Vorfeld eingereicht hatte: Im Umfeld seien östlich und westlich der Ekelser Straße bereits 9,5 Hektar durch Straßen und Gewerbe versiegelt. Die Frage sei, wie diese Flächen bei der Entwässerungsplanung für das kleine Baugebiet berücksichtigt worden seien und wohin diese Flächen jetzt entwässern.
Frank Süßen erläuterte, dass das Wasser aus dem Bereich Marktplatz in Richtung Moordorferschloot und Herrenhüttener Zuggraben abfließt. Der Bereich westlich der Ekelser Straße entwässere in Richtung Bundesstraße zu den Durchlässen an der Neuen Straße und Brauers Trift in Richtung Victorburer Vorfluter. Die Regenrückhaltebecken und Gräben in den versiegelten Bereichen und am Friedhof seien aufgereinigt.
Normale Oberflächenentwässerung verläuft über Verrohrung
Das Wasser von den Grundstücksanschlüssen und von den Straßenabläufen fließt durch eine Verohrung in das 15 mal 20 Meter plus Böschungen großes Regenrückhaltebecken, das sich hinter dem Boßelheim befinden soll. Sobald dort die maximale Einstauhöhe von 0,58 Meter überschritten wird, fließt das Wasser Bultmann zufolge durch ein Drosselbauwerk in den Notablauf: ein Rohr mit 40 Zentimetern Durchmesser in den Graben westlich vom Friedhof und dann in den Graben nördlich der Bundesstraße in Richtung Victorburer Vorfluter. Bei normalem Niederschlag hat das Baugebiet mit den kleinen Gräben im Umfeld laut Süßen also nichts zu tun.
Berechnet wurde das Regenrückhaltebecken laut Bultmann nach den aktuellen Vorgaben im Landkreis Aurich. Grundlage ist dies Wassermenge eines sogenannten zehnjährigen Regenereignisses. Im Landkreis gilt laut Bultmann ein Aufschlag von 15 Prozent. Dieser Entwässerungsplan ist vom Landkreis bereits geprüft und genehmigt.
Testberechnung für vorsichtigere Bemessung der Regenrückhaltung
Gleichwohl hat die Gemeinde Bultmann beauftragt, die Regenrückhaltung auch für ein 30-jähriges und ein 100-jähriges Starkregenereignis durchzurechnen – auch als Beispiel für weitere Bauprojekte, die in Moordorf anstehen oder noch beantragt werden. Das Beckenvolumen müsste laut Süßen für das 30-jährige Regenereignis von 860 Kubikmeter auf 1270 Kubikmeter steigen. Bei einem Jahrhundertstarkregen wären es 1670 Kubikmeter. Die Kosten für das Anlegen des Beckens stiegen von 71.000 Euro auf 132.000 Euro, so Bultmann.
Dafür wären laut Bultmann zwei weitere Grundstücke nötig – Fläche, die ein Investor oder die Gemeinde nicht zum Hausbau nutzen könnten. Entsprechend weniger Wohnraum könne entstehen, entsprechend hoch sei der Pflegeaufwand. Und das wäre noch nicht mal ein Schutz: Denn als 100-jähriges Ereignis wird derzeit ein Niederschlag von mehr als 64 Millimeter pro Quadratmeter in weniger als 72 Stunden betrachtet. Im Juli 2024 fielen in Moordorf 98 Millimeter in 20 Stunden. Und im September 2021 waren es 114 Millimeter in wenigen Stunden – also jeweils deutlich mehr als der Maßstab.
Auch ein „100-jähriges Ereignis“ wurde nun zweimal übertroffen
Für solche Starkregen hätte also keines der Becken ausgereicht. Es wäre trotzdem zu Rückstaus auf die Grundstücke gekommen. Will die Gemeinde also die Vorgaben erhöhen. Lohnt sich das?„Wir können nur hoffen, dass diese Ereignisse nicht häufiger kommen“, sagte Bultmann und erntete bitteres Lachen von den Zuhörern. Bürgermeister Thomas Erdwiens sagte, es sei unmöglich, für solche Starkregenereignisse zu planen. Es stünden aber weitere Baugebiete zur Entscheidung an. Und deshalb sei es wichtig, eine generelle Linie zu entwickeln, nach der die Verwaltung planen könne: Will Südbrookmerland höhere Auflagen bei neuen Baugebieten machen oder nicht? Man müsse bedenken, dass hohe Vorgaben für Entwässerungsanlagen das Bauen für Privatleute und Investoren deutlich verteure, so Erdwiens.
Grundsatzdebatte über Einzelbetrachtung und Gesamtplanung
Dann begann die Grundsatzdebatte. Denn durch die Starkregen der jüngsten Zeit sind die Bürger traumatisiert. Sie zeigten keinerlei Verständnis dafür, dass mit Werten geplant wird, die wiederholt deutlich überschritten wurden.
Hinrich Schoon und seine Mitstreiter stellten eine Reihe von Fragen nach Höhenprofilen, den konkreten Abflusswegen und wiesen auf noch verstopfte Stellen hin. Zwei Beispiele: „Was nützt uns eine tolle Entwässerung im Meisenwinkel, wenn das Wasser weiter hinten nicht abfließt?“ Und „Das ist alles viel Theorie und wenig Praxis. Dass das Gebiet in Richtung Bundesstraße entwässert, ist ja gut und schön. Aber woher wissen wir denn, dass das irgendwann auch funktioniert?“
Die BI forderte mehrmals, den Generalentwässerungsplan abzuwarten, bevor weitere Baugebiete erschlossen werden.
Eine Frage der Kosten für den Wohnungsbau
Ratsherr Berthold Lübben (SPD) versuchte, Frank Süßen auf die Aussage festzunageln, dass die Entwässerung des Meisenwinkels so funktionieren wird: „Wir nehmen dich beim Wort, dass die Bürger ruhig schlafen können.“
Hange Ukena (Bündnis Südbrookmerland) sagte, dass bei höheren Vorgaben Investoren von vornherein wüssten, worauf sie sich einlassen. Moordorf habe so viel zu bieten, dass er keine Angst habe, dass sie deshalb wegblieben. Die bestehenden Siedlungen müssten vor weiterem nicht versickernden Wasser geschützt werden.
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Zuhörer Friedrich Meyer konterte: Die Investoren legten die Kosten auf die Mieter um. Die Miete für so hochklassige Wohnungen sei jetzt schon hoch. Dann werde sie noch deutlich steigen.
Bultmann warnte vor zu hohen Erwartungen an den Generalentwässerungsplan. Sinnvoller sei es, sich problematische Bereiche genau anzuschauen und die Probleme abzuarbeiten.
Das Thema wurde in die Fraktionen zurückverwiesen. Laut der Ausschussvorsitzenden Sophia Ulferts-Dirksen (FWG) soll zeitnah diskutiert werden – auch über andere Wege, Gebäude vor Hochwasser zu schützen, wie Gründächer oder andere Zugangshöhen.