Trend setzt sich fort  Erneut Rekordzahl bei Kirchenaustritten in Aurich

| | 25.02.2025 21:56 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dieses Foto entstand 2020 in Corona-Zeiten, als Superintendent Tido Janssen vor leeren Bänken für einen Radio-Gottesdienst predigte. Foto: Aiko Recke
Dieses Foto entstand 2020 in Corona-Zeiten, als Superintendent Tido Janssen vor leeren Bänken für einen Radio-Gottesdienst predigte. Foto: Aiko Recke
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Die Lutheraner verloren 880 Mitglieder. Hinzu kamen mehr als 930 Beerdigungen. Das bedeutet auch Einsparungen. Der Superintendent sagt: Die Kirche bleibt im Dorf, wenn das Dorf in der Kirche bleibt.

Aurich - Superintendent Tido Janssen kennt es schon. Alle Jahre wieder muss er im Februar die Austrittszahlen aus seinem Kirchenkreis nennen. Die Zeitung fragt danach. 880 Mitglieder waren es im vergangenen Jahr im Altkreis Aurich, die der Kirche den Rücken kehrten. „Mich beunruhigen diese Zahlen“, sagt Janssen.

Die Zahlen steigen langsam, aber stetig von Jahr zu Jahr. 2023 waren es 851. 2022 gab es 770 Austritte, 2019 noch 637 und 2018 insgesamt „nur“ 466. Hinzu kommt der Rückgang der Mitgliederzahl durch Todesfälle. 937 Beerdigungen gab es im vergangenen Jahr. Der Kirchenkreis verlor also insgesamt 1817 Mitglieder. Dem gegenüber standen 57 Eintritte in die Kirche. Die Zahl der Taufen habe sich erhöht, sagte der Superintendent. Doch die Eintritte könnten die Austritte bei Weitem nicht aufwiegen.

Gründe bleiben meist im Nebel

Die Kirche findet bislang keinen Hebel dagegen. Und sie kennt die Gründe auch nur grob. Bei der Austrittserklärung im jeweiligen Rathaus muss niemand angeben, was ihn zu dem Schritt bewegt. Und so kann man sich nur annähern: Liegt es an der Kirchensteuer? Liegt es an der Hinwendung zum Atheismus? An der fehlenden Bindung zur Kirche? An neuen Nachrichten über Missbrauch in der Kirche? Oder an persönlichem Ärger über die Gemeinde vor Ort? Oft sei es ein Mix aus mehreren Gründen, sagt Janssen. Befeuert werde der Schwund durch eine allgemeine Krise aller Institutionen. Die Abkehr von ihnen und von Vereinen sei ein gesellschaftlicher Trend, so Janssen. Damit gehe der Gesellschaft viel Zusammenhalt, Austausch, Entlastung und die Bindung an die eigene Geschichte verloren. Denn gerade die kirchlichen Traditionen prägten den Alltag immer noch stark. Vom Sonntag als Ruhetag, über die Feiertage bis hin zu den Ursprüngen vieler Geschichten.

Eine Umfrage zu den Gründen der Austretenden habe kaum Antworten gebracht. In der Lambertigemeinde Aurich sei kürzlich beschlossen worden, allen Austretenden einen Brief zu schreiben, in dem das Bedauern über den Austritt zum Ausdruck gebracht wird und in dem steht, dass die Türen der Kirche immer offenstehen.

Janssen: „Wir müssen uns mit dieser Größe nicht verstecken“

Trotz des Mitgliederschwundes – und das zeichne die Kirche in Ostfriesland aus – seien immer noch mehr als 60 Prozent der Einwohner Kirchenmitglied. Etwa 61.000 seien es allein im Kirchenkreis Aurich. Das seien auf kleinem Raum noch deutlich mehr als die CDU oder auch die SPD in Niedersachsen an Mitgliedern habe. „Wir müssen uns mit dieser Größe nicht verstecken“, so Janssen.

Aber einen Trend stoppen. Irgendwie. Der Kirchenkreis weiß wenig über die soziale Struktur der Austretenden. Das Geschlecht und das Alter könnte man statistisch erfassen. Aber was verrät das über die Gründe?

Der Kirchenkreis sucht den Kontakt zu anderen Institutionen der Zivilgesellschaft, will mit offenen Türen auch Nicht-Mitglieder erreichen. Ein Beispiel ist die Earth Hour Ende März, die vor und in der Lambertikirche stattfindet. Foto: Karin Böhmer
Der Kirchenkreis sucht den Kontakt zu anderen Institutionen der Zivilgesellschaft, will mit offenen Türen auch Nicht-Mitglieder erreichen. Ein Beispiel ist die Earth Hour Ende März, die vor und in der Lambertikirche stattfindet. Foto: Karin Böhmer

Was Janssen nach statistischen Daten der Landeskirche sagen kann: Besonders in der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren treten viele Christen aus. Das sei die Phase, wo man sein Geld beispielsweise für einen Hausbau und die Familiengründung brauche. Bei jüngeren Leuten sei es manchmal das erste Einkommen mit der ersten Kirchensteuerabbuchung, das zu der Frage führe: Ist es mir das wert? Was habe ich davon? Habe ich eine Beziehung zur Kirche?

Für die Kirche ist der Abgang junger Eltern besonders bitter. Denn mit ihnen verliert sie in aller Regel auch die Kinder der Familie, die zu Hause nicht mehr an den Glauben herangeführt werden. Also auch gleich die nächste Generation. Die Lücke wird folglich immer größer.

Kirchensteuer soll niemanden überfordern

Laut Janssen sei es sicherlich so, dass sich manche Menschen in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten die Kirchensteuer nicht mehr leisten könnten. Grundsätzlich sei die Steuer aber sehr sozial ans Einkommen gekoppelt, um niemanden zu überfordern. Im Kirchenkreis Aurich bedeute dies, dass 15 Prozent der Mitglieder – die einkommensstarken Haushalte – 75 Prozent des Kirchensteueraufkommens aufbringen, so Janssen.

Janssen ist davon überzeugt, dass auch viele Nicht-Mitglieder von der evangelischen Kirche vor Ort profitieren. Sie betreibe Kitas, investiere dort mehr Geld als andere freie Träger. Sie sei in der Notfallseelsorge und der Krankenhausseelsorge für jeden da - unabhängig von einer Mitgliedschaft. Und sie biete in der Diakonie Angebote wie die Sucht- und Schuldnerberatung. All diese offenen Angebote sind dem Kirchenkreistag besonders viel wert. Weil die der Botschaft Christi entsprechen, so Janssen.

Gesamtbudget schrumpft jährlich

Auch Zuzug und neue Siedlungsgebiete konnten den Trend noch nirgends umkehren und Gemeinden wachsen lassen, sondern die Lage allenfalls stabilisieren, so Janssen. Mit immer weniger Mitgliedern hat die Kirche aber auch immer weniger Einnahmen. Derzeit lautet der Schlüssel: Jedes Jahr müssen zwei Prozent des Budgets gestrichen werden. Doch anders als bei der Gemeindearbeit und der Gebäudeunterhaltung werde das Geld für die diakonischen Angebote nicht angetastet, so Janssen.

Zwei Prozent des Gesamtbudgets - das ist im Kirchenkreis Aurich eine 6 mit sechs Nullen. 600.000 Euro stehen Jahr um Jahr weniger zur Verfügung. Das ursprüngliche jährliche Gesamtbudget von 30 Millionen Euro wird also beständig weggeknabbert. In den vier Regionen des Kirchenkreises, also Aurich, Ihlow, Südbrookmerland und Großefehn/Wiesmoor, müssen die Gemeinden immer stärker zusammenarbeiten. Auch dort gibt es für jedes Kirchspiel aus mehreren Gemeinden ein Budget: an Pastorenstellen. Der Richtwert ist, dass eine Pastorenstelle 2400 Gläubige versorgen soll. „Es wird nicht mehr jede Gemeinde ihren eigenen Pastor haben können.“

Zustandsampel für Gebäude

Der Kirchenkreis setzt nun also auf Kirchspiele. Noch werde jede Kirche im Kirchenkreis „bespielt“, keine solle aufgegeben oder gar entweiht und verkauft werden. Aber es sei zu überlegen, bei Bedarf eine marode Heizungsanlage nicht zu erneuern, sondern beheizbare Sitzkissen anzuschaffen. So lasse sich eine Kirche deutlich kostengünstiger trotzdem weiter nutzen. Wie es langfristig in dem Bereich weitergehe, bleibe abzuwarten, sagte Janssen: „Grundsätzlich gilt aber: Die Kirche bleibt im Dorf, wenn das Dorf in der Kirche bleibt.“ Die Kirchengemeinden wollten ihre Treffpunkte natürlich behalten. In dem Fall sei zu überlegen, ob weitere Nutzung möglich seien, beispielsweise gegen Miete oder eine Gebühr. So könne der Treffpunkt im Ort erhalten bleiben und vielleicht sogar wachsen.

Superintendent Tido Janssen mit der Luther-Figur in seinem Amtssitz. Foto: Romuald Banik
Superintendent Tido Janssen mit der Luther-Figur in seinem Amtssitz. Foto: Romuald Banik

Es gibt dem Superintendenten zufolge ein Gebäudemanagement mit Ampelsystem. Einige Gebäude stünden in der Kategorie rot. Vor allem seien dies Pfarrhäuser, die nicht mehr genutzt werden, weil der Pastor oder die Pastorin mehrere Gemeinden versorgt und nur in einer wohnen kann oder aber sich selbst eine Unterkunft gesucht hat. Lohne sich eine Sanierung und Vermietung dann nicht, werde das Pfarrhaus künftig aufgegeben. Auch in der Kategorie Gelb sind einige Gebäude, unter anderem einige Gemeindehäuser.

Entschieden werde stets von Fall zu Fall, so Janssen. „Aber es wird Gebäude geben, wo zumindest der Kirchenkreis kein Geld mehr investiert.“

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