Bundestagswahl 2025 in Aurich Parteivertreter zwischen Schock und ungläubiger Freude
Während die Auricher FDP-Politikerin Sarah Buss enttäuscht ist, jubelt Linken-Kreisvorsitzende Blanka Seelgen – und kann sich einen Seitenhieb auf das BSW nicht verkneifen.
Aurich - Auch am Vormittag danach ist Sarah Buss immer noch „schockiert“, wie sie sagt. Ihre Partei, die FDP, ist bei der Wahl am Sonntag aus dem Bundestag geflogen. Im Wahlkreis Aurich-Emden lag das Ergebnis der Liberalen mit 3,3 Prozent noch unter dem desolaten Bundesergebnis von 4,3 Prozent. Der oftmals gute Zuspruch im Straßenwahlkampf habe sich nicht in Stimmen umgesetzt, sagte Buss, die im Landesvorstand der FDP Niedersachsen sitzt. Die Leute hätten offenbar Angst gehabt, ihre Stimme „zu verschenken“.
Wie es nach dem Rücktritt von Parteichef Christian Lindner nun weitergehen soll, vermochte Buss auch noch nicht zu sagen. Kritisieren will die Auricherin Lindner aber nicht. „Er hat die richtigen Sachen vertreten.“ Fest steht für Buss: Die Partei brauche jetzt eine Stimme mit „neuer Klarheit“. Das hohe AfD-Ergebnis finde sie „schockierend“, sagte Sarah Buss. Man müsse die Partei aber mit Argumenten stellen.
Buss will bei Stadtratswahl 2026 antreten
Und FDP-Direktkandidat Hendrik Hartmann? „Er hat sich hervorragend geschlagen“, sagt Buss. Und das, obwohl Hartmann nur auf 2,3 Prozent der Erststimmen kam und damit noch hinter dem Kandidaten der Tierschutzpartei, Diedrich Kleen (Wiesmoor), landete, der 2,8 Prozent holte. Sarah Buss will sich trotz der herben FDP-Niederlage weiter für ihre Partei engagieren – und auf jeden Fall bei der Auricher Stadtratswahl 2026 antreten.
Immer noch positiv überrascht zeigte sich am Montagnachmittag die Kreisvorsitzende der Linken, Blanka Seelgen (Aurich). Sie betonte, dass die Partei im Wahlkreis Aurich-Emden ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt habe. Waren es damals nur 3,4 Prozent der Zweitstimmen, so gab es diesmal 7,6 Prozent. „Das ist ein unglaublicher Zuwachs“, freute sich Seelgen, die für die Linken auch im Kreistag sitzt. Die besten Ergebnisse habe man wie üblich in den Städten Aurich (8,6 Prozent) und Emden (10 Prozent) erzielt.
Mehrere Eintrittswellen bei Linken
Als Seelgen Ende November erneut den Kreisvorsitz übernommen hatte, hatte sie sich noch nicht träumen lassen, was in den nächsten Wochen passieren sollte. „Das linke Projekt war eingeschlafen. Aber jetzt ist die Linke erwachsen geworden“, so Seelgen. Es folgten mehrere Eintrittswellen neuer Mitglieder, zuerst nach dem Ampel-Aus, dann nach dem Parteitag im Januar und dann noch einmal nach der Abstimmung zur Migration im Bundestag Ende Januar. „Auch heute habe ich wieder mitgeteilt bekommen, dass acht neue Mitglieder kommen wollen“, berichtete Seelgen am Montag nach der Wahl.
Vor Ort habe man „Wahlkampf gemacht wie lange nicht mehr“. Dazu kam die mediale Aufmerksamkeit für die junge Spitzenkandidat Heidi Reichinnek aus Osnabrück, die in Aurich ein Büro unterhält. „Sie kommt einfach glaubwürdig rüber. Das hatte einen großen Effekt“, so Seelgen.
Seelgen kritisiert „Selbstdarstellerin“ Wagenknecht
Und ein Wort zum Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das knapp den Einzug in den Bundestag verpasste, will die Linken-Kreischefin dann auch noch loswerden: „Ich bin nicht von Schadenfreude geprägt. Aber das geschieht ihr Recht. Sie war zehn Jahre lang eine Selbstdarstellerin und hat unserer Partei geschadet. Inzwischen ist sie enttarnt“, so Seelgen.
Was der Linken zu denken gibt ist das starke Abschneiden der AfD. „Alle anderen Parteien außer uns haben versucht am rechten Rand abzugraben. Aber das hat nicht funktioniert.“
Sorge über starkes Abschneiden der AfD
Durchaus gespalten ist das Wahlfazit von Saskia Buschmann. Die CDU-Landtagsabgeordnete, die zugleich im Auricher Stadtrat und Kreistag sitzt, findet es „natürlich positiv, dass wir im Bund jetzt stärkste Kraft sind und gestalten können“. Allerdings sei man leider unter der 30-Prozent-Marke geblieben. Auch im Wahlkreis habe man Stimmen dazugewinnen können und sei zweitstärkste Kraft, so Buschmann. Sorge bereite ihr das starke Abschneiden der AfD. „Als Demokraten müssen wir jetzt zeigen, dass gute Politik geht.“ Sie hoffe daher, dass es bis Ostern eine neue Bundesregierung gibt. Eine Große Koalition mit der SPD halte sie durchaus für sinnvoll, da große Projekte anstünden. „Wir müssen jetzt zusehen, dass wir uns mit der SPD auf einen vernünftigen Koalitionsvertrag einigen“, so Buschmann.
Dass der hiesige CDU-Direktkandidat Dr. Joachim Kleen es nicht in den Bundestag geschafft hat, sei zwar schade. Doch immerhin sei die ostfriesische CDU mit Gitta Connemann (Hesel) und Anne Janssen (Wittmund) weiterhin gut im Bundestag vertreten.
Altmann sieht Chance in der Opposition
Als „ernüchternd“ bezeichnete auch Grünen-Stadtrats- und Kreistagsfraktionssprecherin Gila Altmann das Ergebnis ihrer Partei. „Man kommt gegen den Bundestrend nicht an“, so die Grünen-Veteranin, die von 1994 bis 2002 selber im Bundestag saß und von 1998 bis 2002 Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium war. Die Hauptthemen der Grünen, etwa der Klimaschutz, seien kaum durchgedrungen. Von Spitzenkandidat Robert Habeck hätte sich Altmann etwas mehr Attacke gewünscht. Zudem sei die Linke im Schlussspurt stark geworden mit ihrer Spitzenkandidatin Heidi Reichinnekk, die laut Altmann „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ war.
Dass Linken-Direktkandidat Johann Erdwiens (Südbrookmerland) mit 5,8 Prozent am Ende sogar vor dem Grünen Gunnar Ott (Aurich) mit 5,0 Prozent lag, kann Altmann verschmerzen. „Wir gönnen den Linken das und sind froh, dass sie sich berappelt haben.“ Für die Grünen sieht Altmann durchaus „die Chance, uns in der Opposition zu profilieren“. Zum starken Abschneiden der AfD in einigen hiesigen Gemeinden meint Gila Altmann: „Ich bin entsetzt, dass Ostfriesland so blau-braun geworden ist.“