Gewalt im Sport Warnsignal – wenn Kinder nach dem Sport zu Hause schweigen
Was der Kreissportbund Aurich zum Schutz gegen sexualisierte Gewalt im Sport unternimmt. Ein Bereich mit hoher Dunkelziffer.
Aurich – Sexualisierte Gewalt im Sport, rückte vor rund 15 Jahren in den Blickpunkt der Arbeit von Olav Görnert-Thy. Er ist seit 2000 Sportreferent des Kreissportbundes (KSB) Aurich.
Auslöser damals war eine Sportfreizeit mit Jugendlichen gewesen, die damals aus dem Ruder lief, so der KSB-Sportreferent. Es sei zu sexueller Gewalt gekommen. Ausgeübt vom Betreuerpersonal. Schlagzeilen, die den Landessportbund auf den Plan brachten, sich um das Thema Sicherheit vor sexueller Gewalt im Sport zu kümmern. Es ging um den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt im Sport. Darum kümmern sich der Landessportbund und die Sportjugend Niedersachsen. Sie bieten Info-Seminare an. Es gibt ein Beratungs-Telefon (Clearing-Stelle) und Informationsbroschüren an.
Es wurden Schutzkonzepte für die Vereine entwickelt, ebenso Verhaltensregeln für Trainer und Betreuer. Das Thema ist Teil der Trainerausbildung geworden. Prävention an der Basis. Dort ist Görnert-Thy seit vielen Jahren tätig. „Aufklären, sensibilisieren und klar machen, dass es das Thema gibt“, so der Sportreferent.
Hohe Dunkelziffer
Blickt er zurück und sollte die Anzahl der an ihn herangetragenen Fälle von sexualisierter Gewalt seit 2010 nennen, muss er überlegen. „So um die zehn“, sagt er und ergänzt, „die Dunkelziffer dürfte wohl größer sein. Das bestätigt auch eine Umfrage des Deutschen Olympischen Sportbundes, wonach viele Vorfälle nicht gemeldet werden.
Bei seinem letzten Einsatz in Sachen sexualisierte Gewalt im vergangenen Jahr, da war er auf einer Versammlung von Eltern und Vereinsverantwortlichen. Der Fußballtrainer einer Jugendmannschaft (die Ostfriesischen Nachrichten berichteten zusammen mit der Ostfriesen Zeitung) soll Spieler körperlich und verbal bedrängt haben. Eltern stellten Anzeigen, die Polizei ermittelt. Der Trainer wurde von seinen Aufgaben entbunden.
Auf dem Infoabend hörte sich Görnert-Thy die recht emotionalen Beiträge der Eltern an. Sie äußerten ihre Ängste und Sorgen um das Wohl ihrer Kinder. Details gibt er nicht preis. Der Vertraulichkeit wegen, aber er bekennt: „So etwas bewegt mich. Auch danach noch“, so der Sportreferent und stellt klar: „Wir sind keine Therapeuten, sondern können nur Wege aufzeigen, wo sich Betroffene Hilfe holen können.“
Hinschauen und Gespräch suchen
Seine Kollegin vom Kreissportbund Imke Goudschaal nennt zwei Möglichkeiten. Dazu zählt sie den Kinderschutzbund oder die Opferhilfe „Weißer Ring“. Sie macht sich stark dafür, dass möglichst frühzeitig Signale in der Familie wahrgenommen werden.
„Wenn Kinder zu Hause auffällig still, in sich gekehrt oder schlecht gelaunt sind, dann heißt es, achtsam sein.“ Sie rät: Bei anderen Eltern nachfragen, ob sie Ähnliches gehört oder gesehen haben. Goudschaal setzt auf Hinschauen und das Gespräch suchen, sofern Verdachtsfälle auftreten. Mit den Trainern oder dem Vereinsvorstand. Mittlerweile gibt es in einigen Vereinen auch ausgewiesene Ansprechpartner (Vertrauenspersonen), mit denen Kinder und Jugendliche sprechen können.
Konzepte für Vereine und Regeln für Trainer sind wichtig, so Görnert-Thy, aber sie fallen nur auf fruchtbaren Boden, wenn es eine offene Gesprächskultur in den Sportvereinen gebe. Die lässt sich aber nicht auf Knopfdruck herstellen, sondern sie benötigt Zeit. Das findet auch Goudschaal. Sie sagt: „Es gibt Sportarten, die ohne Hilfestellung der Trainer nicht möglich sind. Beispielsweise Selbstverteidigung oder Turnen. Hier und da muss der Trainer korrigieren und Fehler abstellen. Er sollte vorher fragen, ob er anfassen darf, was sportlich notwendig und was unangemessen ist. Zum Beispiel an den Po fassen.“
Geheimnisse haben im Sport nichts zu suchen
Offen sein und Dinge erklären, das sind wichtige Merkmale für das Trainerprofil. Geheimnisse haben im Sport nichts zu suchen, meint Görnert-Thy. Sobald sie auftreten, sollten die Alarmglocken schellen: In den Vereinen und auch bei den Eltern. Sie sind angehalten, hinzuschauen und nachzufragen. Blickt der KSB-Sportreferent auf die kommenden Termine zur Ausbildung zur Übungsleiter-Lizenz, dann freut er sich auf volle Kurse. Es mussten schon einige Anwärter auf das nächste Jahr vertröstet werden. Ein wichtiger Baustein ist dann auch die Sicherheit vor sexueller Gewalt im Sport. Ein Thema, das nicht nur die Trainer und Vereine angeht.
„Alles den Vereinen zuzuschreiben, das wäre zu einfach“, meint Görnert-Thy und weiter: „Jeder oder jede muss hinschauen. Es geht alle Beteiligte an.“