Landwirtschaftsmesse in Aurich KI, Automation und der Kampf gegen Krankheitserreger
Auf dem Mehrzweckgelände Tannenhausen geht es bis Freitag um Smart Farming und hilfreiche Automaten. Angesichts des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche aber auch um Hygiene und Prophylaxe.
Aurich - Die Desinfektionsmatte vor dem Zelt der Landwirtschaftsmesse auf dem Mehrzweckgelände in Tannenhausen ist ein erster Hinweis auf eines der vielen großen Themen in der Landwirtschaft, die die vergangenen Monate prägten. Der Ausbruch von Tierseuchen wie der Blauzungenkrankheit im vergangenen Jahr und der Maul- und Klauenseuche vor knapp zwei Wochen in Brandenburg sorgt für Unsicherheit, Preisverfall und teils höheren Aufwand.
Die Landwirtschaftsmesse hat am Mittwochmittag begonnen und ist am Donnerstag von 13 bis 21.30 Uhr und am Freitag von 9.30 bis 17.30 geöffnet. Knapp 120 Aussteller aus Deutschland und den Niederlanden zeigen dort die neuesten Angebote rund um das Thema Land- und Forstwirtschaft. Am Mittwochnachmittag war die Ausstellung bereits gut besucht.
Schreckensnachrichten aus Brandenburg
Im Vergleich zum vergangenen Jahr sind die Stände mit der Ausstattung für Ställe wieder deutlich stärker vertreten. Unter anderem Martin Niemeyer von Evers in Bad Zwischenahn zeigte sich darüber zufrieden. Konkurrenz belebe das Geschäft, die Kunden könnten direkt vergleichen und die Messe werde attraktiver, sagte er.
Mehr Technik und weniger Personal
Um das Thema Klauenpflege kümmert sich Holger Vismann aus Hörstel. Bei ihm können die Messebesucher sich ein automatisches Klauenbad ansehen. Auf dem Weg von der Weide oder vom Melkstand in den Stall können die Tiere dort selbständig durchgehen. In der Regel brauche es nur etwa drei Tage Gewöhnung, bis das ohne Probleme funktioniere, so Vismann. Der Automat reinige sich das selbstständig, dosiere die Desinfektionsflüssigkeit nach.
An einem Klauenpflegestand, der über die Tiere gefahren werden kann, kann eine Person ein Tier so fixieren, dass alle Klauen bearbeitet werden können. Auch wenn damit eher selten ein ganzer Bestand vom Landwirt allein gepflegt werde, sei die Behandlung von einzelnen Fällen so gut möglich, sagte der Händler. Beide Angebote ermöglichen es - wie so viele auf der Messe -, dass die Hofarbeit angesichts des Arbeitskräftemangels mit immer weniger Händen erledigt werden kann. Und muss.
Nachfrage nach Desinfektionsmatten wächst
Neben der neuesten Stalltechnik präsentieren sich auch Aussteller aus den Bereichen Tierzucht und Veredelung, Fütterungstechnik und Futtermittel, Energieerzeugung, Stallbau, Pflanzenschutz sowie Tiergesundheit und Hygiene. Immobilienfragen spielen ebenso eine Rolle wie Versicherungen und Arbeitsschutz oder auch Oberflächenbeschichtungen und Wasseraufbereitung.
Die Desinfektionsmatte vor dem Messezelt ist kein Ausstellungsstück, sondern eine der Vorsichtsmaßnahmen, um Erregern keine Chance zu lassen. Wessel und Hildegard Schulte vom Hygiene-Vertrieb Schulte aus Weener haben sie im Angebot und verzeichnen nach der Schreckensnachricht aus Brandenburg auch vermehrte Anfragen danach. Auch auf der Messe war ihre Beratung am Mittwoch sehr gefragt. Der Ausbruch der hochansteckenden Tierseuche bleibe wohl hoffentlich auf diesen einen Betrieb beschränkt, sagte Hildegard Schulte. Alles andere wäre eine Katastrophe für die Landwirtschaft. Sie sei sehr froh, dass es keine anderen Nachweise mehr gegeben habe.
Hygiene angesichts von Seuchen wieder größeres Thema
In der gesamten Branche sei durch die Nachricht jedoch wieder die Sensibilität für die allgemeinen Hygieneregeln gewachsen. Dass Besucher und schon Fahrzeuge allein Erreger auf den Betrieb bringen können und dass sie im Stall ohne Desinfektion nichts zu suchen haben, dafür sei das Bewusstsein wieder sehr gewachsen, sagte Hildegard Schulte. Auch unter den Händlern, die ebenfalls eine große Verantwortung bei ihren Hofbesuchen trügen. Derzeit gebe es ihrerseits Besuche nur nach vorheriger Absprache, sagte Wessel Schulte. „Immer auf Augenhöhe und mit Wertschätzung.“
Bestätigung bekam er dafür von Reemhard Beening, der Spezialfutter vor allem für den Bio-Bereich vertreibt. Neben der Desinfektion gegen Krankheitserreger geht es beim Hygiene-Vertrieb Schulte aber auch um die Reinigung von Melkanlagen und Flächen im Stall.
Gruppenhaltung erzeugt neue Bedarfe
Die Sorge über die Maul- und Klauenseuche konnte auch Thorben Gold von Jürn Diers Kälbertränken in Oldenburg bei seinen Kunden spüren. In Tannenhausen sei er seit Messeeröffnung noch nicht darauf angesprochen worden, sagte er am Nachmittag. Aber aus Brandenburg seien eine Reihe von Bestellungen für weitere Tränken gekommen. Denn die Betriebe stellten sich darauf ein, dass sie ihre Kälber länger als sonst versorgen müssen – mangels Nachfrage oder weil die Tiere den Hof nicht verlassen dürften.
Thorben Gold präsentiert auf der Messe Tränken für Kälber und Lämmer. Seit die Tiere mindestens paarweise gehalten werden sollen, seien auch andere Tränken nötig, beispielsweise für fünf, sechs, acht oder 20 Tiere.
Solarbetriebene Pumpen für Tränken und Vernässungen
Auch die Nutzung regenerativer Energien spielt wieder eine Rolle auf der Messe. Von der Planung von Photovoltaikanlagen oder einer kleinen Windkraftanlage bis zu solarbetriebenen großen Tränken.
Thomas Poortman aus dem niederländischen Gorredijk bietet solarbetriebene Pumpen und Tränkeanhänger an. Durch eine Solarpaneele, einen Schwimmer und einen Akku wird für das Becken immer wieder nachgepumpt. Dazu muss nur ein Schlauch in ein Oberflächengewässer gelegt werden. Damit entfalle das Pumpen mit der Schnauze an Weidepumpen. Denn das sei für die Tiere mühsamer, langsamer und an heißen Tagen auch mit der Gefahr von Verbrennungen verbunden.
Noch etwas hat Poortman im Angebot: Vernässungspumpen, die mittels Solarpaneelen betrieben werden. Sie pumpen bis zu 120.000 Liter pro Tag. Nicht nur in den Niederlanden würden Wiedervernässungsprojekte und der Schutz von Wiesenvögeln politisch gefördert.
Produkttests für die Landwirtschaft
Wieder stark vertreten auf der Messe sind auch die Themen Automation und KI. Letztere kommt unter anderem beim Füttern, dem Smart Feeding, und bei der Aussaat zum Einsatz. Auch dadurch können wieder Erträge optimiert und der Arbeitseinsatz reduziert werden. Die Tiere wiederum könnten dann fressen, wenn sie Hunger haben.
Schon vor dem Messezelt präsentiert sich das „Praxislabor digitaler Ackerbau“ der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in einem modernen Messewagen. Leiter Jobst Gödeke beschreibt das Praxislabor als „eine Art Stiftung Warentest für Landwirte“. Wenn ein Produkt auf den Markt komme, werde es unabhängig unter den Bedingungen von Betrieben getestet, um zu ergründen, welche Technik sich für welche Bedürfnisse eignet.
Dabei gehe es unter anderem darum, bei der Aussaatdichte und der Berechnung der Düngung auf den Feuchtigkeitsgehalt des Bodens zu achten. Diesen könne die KI sehr detailliert bestimmen. Und so könnten Landwirte an trockenen Stellen weniger anbauen beziehungsweise dort gezielt weniger stark düngen, in feuchteren dafür stärker und so den Ertrag optimieren.
Ein aktuelles Projekt des Praxislabors sei zudem die drohnengestützte Auffindung von Rehkitzen vor der Mahd. Bislang sei dafür ein recht hoher Personalaufwand nötig, so Gödeke. Der Drohnenpilot müsse die Drohne über dem aufgefundenen Tier halten, damit das „Bodenpersonal“ es finden könne. Künftig könne die Drohne den Standort exakt übermitteln und schon mal weitersuchen. Das spare viel Zeit und Akkuleistung.
Insgesamt seien die Landwirte sehr technikoffen, allerdings müsse das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmen, sagte Gödeke.