Angebot für Familien in Aurich Eltern sollen mit allen Fragen kommen können
In Aurich hat der Verein „Kielraum“ seine Arbeit aufgenommen. Er will werdende und frisch gebackene Eltern unterstützen – ohne Wenn und Aber und ohne Bürokratie.
Aurich - Was sind eigentlich die größten Fragen im Leben? Eher „Wer bin ich?“ und „Wie werde ich glücklich?“ Oder doch eher: „Was ist gut für mein Kind?“ und „Mache ich als Mutter oder Vater alles richtig?“
Wie bohrend die letzten Fragen gerade für werdende und frisch gebackene Eltern sein können, wissen die Gründer des neuen Auricher Vereins „Kielraum“ nur zu gut. Deshalb wollen sie nun für genau diese Gruppe Angebote und Treffpunkte schaffen. Zwei Dinge gibt es schon: Zum einen findet seit dieser Woche dienstags und donnerstags von 9 bis 12 Uhr ein kostenloses und gemütlich eingerichtetes Elterncafé im Gemeindehaus an der Ecke Kiebitzstraße/Lerchenweg statt. Außerdem hat auf dem Gelände seit Kurzem Sylvia Hieronimus ihr Büro. Die ist verlässliche Ansprechpartnerin für Familien und steht auch für intensivere Gespräche oder bei Fragen zur Verfügung. Zudem ist der Verein in den sozialen Netzwerken zu finden und zu kontaktieren.
Der Name des Vereins „Kielraum“ steht zum einen für den Bereich eines Schiffs, der der gesamten Konstruktion aus dem Innersten heraus Halt und Balance gibt. „Halt und Balance möchten wir Ungeborenen und Kleinstkindern mit auf den Lebensweg geben. Das gelingt, wenn wir ihre engsten Begleiter, die Eltern, einbinden“, lautet das Vereinscredo. Kielraum steht zudem für „Kinder, Eltern, Raum“, denn genau das will der Verein unter ein Dach bringen.
Erfahrungen aus der „Familie Gassenhauer“ gaben den Anstoß
Hinter dem Verein standen zunächst Dr. Elke Warmuth und Isburga Dietrich. Die Gynäkologin und die Förderschullehrerin haben 2013 die Jugendtheatergruppe „Familie Gassenhauer“ gegründet und dort inklusiv und unterstützend gearbeitet. Dabei haben sie laut Dietrich aber auch eins gemerkt: Das Päckchen, das viele Jugendliche mit sich herumschleppen, ist schon in frühester Kindheit angelegt worden. „Bindung und Bildung beginnen im Mutterleib“, sagt Dietrich.
Wenn Eltern in dieser Phase mit den vielen Veränderungen und Aufgaben an ihre Grenzen kommen, sei das ziemlich normal. Aber es sollte dann verlässliche Hilfe geben – ohne, dass Akten geführt oder die Eltern auf den Prüfstand gestellt werden, fanden die beiden Frauen. Beziehungsarbeit zu den Eltern und Kindern sei für den Verein das Wichtigste, so Dietrich.
Leinerstift steht hinter dem Verein
Mit dieser Einstellung fanden sie schon etliche Mitstreiter, wie beispielsweise Delia Evers oder Alfred Jänicke, die sich im elfköpfigen Vorstand engagieren. Und auch das Leinerstift in Großefehn ist von der Idee überzeugt und hat dem Verein einen institutionellen Rahmen gegeben, indem beispielsweise die Fachberaterin Sylvia Hieronimus von dort für die Arbeit im Verein abgestellt wurde. „Das ist eine ganz entscheidende Unterstützung mit viel Know-how und auch eine Anerkennung, über die wir uns sehr freuen“, sagt Elke Warmuth.
Die Frauenärztin erlebt es in ihrer Praxis, wie viele Fragen werdende und junge Mütter sich stellen. Und die werdenden Väter oft ebenso. Bis hin zu der Frage: Ab wann bin ich überhaupt Papa? Das Spektrum an Fragen sei groß: Angefangen von „Was kann ich gegen Sodbrennen in der Schwangerschaft tun?“ über „Wie koche ich einen gesunden Brei?“, „Wie kriege ich die Wäscheberge bewältigt?“ bis hin zu „Wie verändert sich die Elternbeziehung durch das Baby?“, „Wie schläft das Baby besser?“ oder „Wie komme ich mit dem Geld aus, was braucht das Kind wirklich?“.
Informationen aus dem Internet oft trügerisch
Eltern wollten immer das Beste für ihr Kind, sagt Warmuth: „Jede Mutter macht es so gut, wie sie kann oder wie sie es selber erlebt hat.“ Inzwischen seien viele werdende Eltern aber sehr auf sich gestellt, könnten in der Umgebung kaum Hilfe finden. Rat werde dann meist im Internet oder in sozialen Netzwerken gesucht. Und das ist laut Warmuth und Dietrich ein großes Problem: Denn die Informationen seien oft nicht geprüft und auch oft nicht realistisch. Häufig präsentierten sich dort Mütter, die in ihrer eigenen Inszenierung alles perfekt im Griff haben.
Ziel des Vereins sei daher, persönlich vor Ort zu sein und die Eltern genau dort abzuholen, wo sie stehen – ohne Bewertung, ohne Schubladendenken. „Wir schauen uns immer die individuelle Situation an und suchen nach Möglichkeiten“, so Warmuth. Dabei gehe es für die Eltern auch darum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu aktivieren. Sie sollen das Bildungsprogramm, das der Verein mit seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern plant, aktiv mitgestalten. Denkbar seien dann beispielsweise Kochkurse in Kleinkindernährung, Kurse für das Flicken von Kinderkleidung, das Singen von Kinderliedern oder Delphi-Kurse, in denen es darum geht, die Bedürfnisse des Babys herauszufinden. Sylvia Hieronimus selbst wird ebenfalls Kurse oder Treffen anbieten und pflegt zudem ein großes Netzwerk. Sie ist qualifiziert für alle Themen, die das erste Lebensjahr betreffen.
In frühester Kindheit gibt es wenig Unterstützung
Im Elterncafé sollten die Eltern aber auch einfach mal genießen können, dass sie eine Tasse Kaffee bekommen, reden und dass die Kinder miteinander spielen können. Allein der Austausch zwischen den jungen Familien ist etwas, auf das Kielraum große Hoffnungen setzt. Durch das Gespräch über Lösungen, aber auch über Herausforderungen, merkten Eltern, dass sie nicht alleine sind, sondern voneinander profitieren können, sagt Dietrich.
Ab dem ersten Geburtstag gebe es die Möglichkeit der Krippenbetreuung, dann den Kindergarten, später die Schule. Alles Angebote, die Eltern entlasten können und in denen Kinder gemeinsam in der Gruppe lernen und sich entwickeln – und zudem ein Ort des Austauschs, wo Eltern auch voneinander lernen. Nur für die Zeit von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag gebe es kein Angebot, das Familien unterstütze, beklagt Dietrich. Dabei würden in dieser Zeit die Grundlagen für die weitere Entwicklung der Kinder gelegt. Der Landkreis halte zwar auch für diese frühe Lebensphase Angebote vor. Aber es sei für Eltern schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen. Sylvia Hieronimus könne aber, je nach Bedarf, auf solche Angebote hinweisen. Explizit eingeladen in den Kielraum seien auch Eltern mit behinderten oder chronisch kranken Kindern.
Weg von Bürokratie, Akten und Bedarfsfeststellung
Die Eltern sollen ein wichtiger Antreiber bei der Entwicklung des Kielraum-Angebots sein. Beteiligungskonsequenz sei die zentrale Haltung des Vereins, sagte Alfred Jänicke dazu. „Wir gehen weg vom ,Du musst‘ und von der Bedarfsfeststellung.“ Es bringe zudem nichts, ein Angebot zu entwickeln, das an den Bedürfnissen der Familien vorbeigehe. Im Kielraum könnten Fragen unbürokratisch und im geschützten Raum gestellt werden, auf Wunsch auch anonym. Und das Angebot solle kostenlos sein.
Er und die beiden anderen Männer im Vorstand wollten gut drauf achten, dass auch auf die Väter eingegangen werde, sagt Jänicke. Sie sollten ermutigt werden, aktiv an ihre Rolle heranzugehen. Die drei wollten sich dafür einsetzen, dass Männer dazu auch die Gelegenheit bekommen.
Der Verein will nun an mehreren Stellen weiterarbeiten. Der Vorstand hat mehreren Fraktionen und dem Landkreis bereits sein Konzept präsentiert. Grundsätzlich lasse die Sozialgesetzgebung auch eine Projektförderung für die ersten Lebensmonate zu, so Jänicke. Außerdem wurden erste Spender und Förderer gewonnen, die sich für bestimmte Angebote engagieren. Spender, die die alltägliche Vereinsarbeit an sich unterstützen, sind jederzeit willkommen, sagt Delia Evers.
Schon am Anfang einige Träume
Außerdem hat der Verein schon jetzt erste Expansionsgedanken. „Man darf träumen und Ideen entwickeln“, sagt Warmuth und lacht.
Kielraum nutzt jetzt im früheren Pfarrhaus in der Paulus-Gemeinde in Aurich ein Büro mit Gesprächsecke, einem Spielbereich und einer Rasenfläche für Außenaktivitäten. Das Elterncafé und größere Gruppentreffen finden im benachbarten Gemeindehaus statt, wo die Paulusgemeinde den Verein sehr herzlich aufgenommen habe und auch die Küche zur Verfügung stelle. Der Verein ist sehr zufrieden mit dem Ort. Er sei innenstadtnah, liege inmitten einer größeren Wohnbebauung, habe Parkplätze und eine Freifläche, sagt Dietrich.
Wenn sich jedoch erste feste Gruppen bilden und regelmäßig Gesprächstermine stattfinden, würden möglicherweise größere Räume nötig, so Evers. Optimal wäre aus Sicht des Vereins ein Gebäude, das ähnlich wie eine Kita Platz für einen Gruppenraum sowie einen Ruhe- und einen Bewegungsbereich und auch eine Küche bietet und eine Außenfläche hat.
Die 21 ersten Monate prägen das Leben
Was macht der Verein, wenn Grenzen erreicht werden? Wenn das Kindeswohl gefährdet ist oder beispielsweise eine Mutter in der Schwangerschaft nicht vom Rauchen lassen kann? Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, habe der Verein sich so aufgestellt, dass er dann tätig werden könne und werde, sagt Jänicke. Und wenn es beispielsweise um die Minimierung des Zigarettenkonsums gehe, sei es klar, dass dies nicht von einem auf den anderen Tag gehe, ergänzt Warmuth. „Aber wir versuchen dann gemeinsam mit der Mutter, dass sie den Konsum zurückfährt.“ Dabei zu unterstützen sei auf jeden Fall besser, als die Mutter mit dem Problem alleinzulassen.
„Es wäre schön, wenn der Verein sich so entwickelt, dass die Eltern irgendwann stolz sind, dass sie zu unseren Angeboten kommen“, sagt Warmuth. „Denn die Entwicklung in der Schwangerschaft und in den ersten Monaten prägt das ganze Leben. Diese 21 Monate sind eigentlich die wichtigste Zeit und müssen sinnvoll genutzt und gefüllt werden.“