Geschichtsstunde Das ist am Panzergraben in Sandhorst noch zu erkennen
Gunnar Ott erläuterte beim Antikriegstag, wie der Panzergraben funktionieren sollte und wie die Zwangsarbeiter beim Bau litten. Doch es ging auch noch um andere Schicksale von NS-Opfern.
Aurich - Dank Gunnar Ott vom Freundeskreis Erhalt des Sandhorster Waldes bekamen die Teilnehmer der DGB-Veranstaltung zum Antikriegstag am 1. September am Panzergraben-Mahnmal sehr konkrete Einblicke in die militärischen Überlegungen hinter der Anlage dieses Grabens.
Nach dem D-Day am 6. Juni 1944 in der Normandie sei den Nationalsozialisten endgültig klar geworden, dass die Alliierten bei Ebbe beziehungsweise über die Flachwasserbereiche des Wattenmeers angreifen können, so Ott. Plötzlich sei es ihnen wichtig geworden, auch die ostfriesische Küste gegen mögliche Landungen von alliierten Truppen zu schützen.
Ott: Panzergraben sollte Marine-Nachrichtenschule schützen
Kurz darauf - ab Oktober 1944 - wurde der Panzergrabenbau dann mit Zwangsarbeitern aus dem Konzentrationslager Neuengamme, die dafür für zwei Monate nach Engerhafe verlegt wurden, begonnen. Vor allem sei es den Nationalsozialisten seiner Meinung nach auch darum gegangen, die Marine-Nachrichtenschule auf dem Kasernengelände zu schützen und diese nicht an die Alliierten fallen zu lassen, sagte Ott. Sie sei in den letzten Kriegsmonaten ein wichtiger Angelpunkt für die Koordination der Flucht vor der Ostfront über die Ostsee gewesen. Mit Schiffen hätten noch viele Menschen fliehen können.
Laut Ott hatte Aurich auch natürlichen Schutz vor heranrollenden Panzern: den Ems-Jade-Kanal, den Ringkanal und die Sandhorster Ehe. Doch die Lücke im Nordosten der Stadt habe geschlossen werden müssen.
In Sandhorst am Panzergrabenmahnmal ist der Graben noch gut zu erkennen. Ott erläuterte die Feinheiten. Beispielsweise, dass es einen Knick im Verlauf des Grabens gebe, damit im Graben selbst nicht zu weit geschossen werden könne. Die drei Flaktürme der Kaserne hätten damals bei weniger Baumbestand freie Sicht auf den Graben gehabt und hätten havarierte Panzer beschießen können, so Ott. Diese hätten dann zudem so unglücklich gelegen, dass ihre schwach gepanzerten Stellen preisgegeben gewesen wären.
Wahrscheinlich mehr als 188 Opfer
Für die Panzer sei der Graben eine unentrinnbare Falle gewesen: Etwa drei Meter tief, oben etwa 4,5 Meter breit, im Schnitt V-förmig und unten stumpf und wasserführend, sodass ein Panzer sich festfährt, erklärte Ott. Abgedeckt mit Ästen, Zweigen und Laub war er kaum zu erkennen.
Der Graben kostete viele Menschenleben, weil 188 der knapp 2000 Zwangsarbeiter an Entkräftung, Krankheiten, Hunger und schlechter Behandlung in Aurich oder Engerhafe starben. Ott schätzt die Zahl der Opfer noch höher ein, was sie auch war. Denn auf dem Rücktransport kurz vor Weihnachten 1944 und direkt nach der Rückkehr starben weitere Menschen - wurden aber dann in den Listen in Neuengamme geführt, wie Recherchen des Gedenkvereins in Engerhafe ergeben haben. Auch in den Wochen danach dürften laut Ott noch etliche entkräftete Arbeiter dort gestorben sein, ohne dass deren Tod sicher mit der Arbeit am Graben in Aurich in Verbindung gebracht werden kann.
Aufkleber von Laternen abgekratzt
Ott hatte schon vor dem Rundgang am Graben bei der Veranstaltung zum Antikriegstag gesprochen. Er hatte Aufkleber mit Symbolen rechter Gruppierungen dabei, die er kurz zuvor von Laternenmasten in Moordorf gekratzt hatte, wie er den erstaunten Zuhörern berichtete. Es sei zu spät, um heute vor den Anfängen rechtsextremer Strömungen zu warnen. „Die sind längst da“, so Ott.
Er berichtete von dem, was er in seiner Jugend in seinem Umfeld gehört hat. Sein Vater habe berichtet, wie in Großefehn kurz vor Kriegsende noch eine Panzersperre gebaut worden sei. Als die Kanadier anrückten, sei die Ansage gewesen, dass diese bis zum nächsten Tag verschwunden sein müsse. Sonst werde das Dorf gewaltsam eingenommen. „Am nächsten Tag war sie weg, nachdem mehrere Tage daran gebaut worden war“, so Ott. „Und die führenden Nationalsozialisten waren ebenfalls untergetaucht.“
Außerdem habe sein Vater berichtet, wie er am Horizont den Brand über Leer sehen konnte. Die Stadt hatte sich den Kanadiern nicht ergeben. Gut 200 Häuser wurden zerstört, rund 400 Zivilisten verloren ihr Leben.
Leben in Angst in Großefehn
Ott berichtete zudem von einem sechsjährigen Mädchen, das Opfer der NS-Euthanasie geworden sei. Ihre Eltern hätten sich sehr um die schwerbehinderte Tochter gekümmert, hätten dann aber gehört, dass sie in einem speziellen Heim eine gute Förderung bekommen könne. Sie hätten sie dort hingebracht und schon am nächsten Morgen sei die Todesmeldung gekommen. Das sei der Familie von Anfang an sehr rätselhaft vorgekommen. Aber erst nach vielen Jahren habe sie erfahren, dass genau in dieser Zeit dort eine der Tötungsaktionen der Nationalsozialisten an Behinderten stattgefunden hatte.
Ott berichtete auch von einer Frau, die in Großefehn lebte. Aus Angst vor Antisemitismus sei sie aus Posen geflohen, nachdem die deutsche Provinz nach dem Ersten Weltkrieg polnisch geworden war. Ihren späteren Schilderungen zufolge seien Männer mit brennenden Fackeln um ihr Haus geritten, um sie als Deutsche und Jüdin einzuschüchtern. Sie sei dann nach Deutschland geflohen und habe sich in Großefehn niedergelassen. Dort sei sie lange als Flüchtling und Polin beschimpft worden. Dass sie Jüdin war, habe sie in der neuen Heimat nicht erwähnt und auch ihre Papiere vernichtet. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, habe das Bangen erneut begonnen. Doch sie habe den Krieg unbehelligt überlebt, habe die Angst und die Verbitterung über den verbreiteten Antisemitismus aber nicht mehr abstreifen können.
Ott: Nicht lähmen lassen
Nachbarn seien oft von jetzt auf gleich die gefährlichsten Feinde, sagte Ott. Zeitweise habe es so ausgesehen, als ob Hautfarbe und Herkunft in Deutschland keine große Rolle mehr spielen und die Toleranz zunehme. „Aber das Pendel kann auch in die andere Richtung ausschlagen“, so Ott mit Blick auf den derzeitigen Rechtsruck.
Doch man dürfe nicht vorschnell in Depressionen verfallen und sich lähmen lassen, Hassrede nicht einfach hinnehmen. „Es ist nicht ausgemacht, dass die andere Seite einfach ihre giftige Botschaft in die Welt spritzen kann“, so Ott. Die Sache sei noch lange nicht verloren.
Osterwald: Menschen brachten 60 Millionen andere Menschen um
Hilke Osterwald von der Gedenkstätte KZ Engerhafe sagte, vor 85 Jahren sei am 1. September mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, schon damals mit der Lüge der behaupteten Selbstverteidigung. Über 60 Millionen Menschen seien darin umgekommen, heiße es meist, als wäre das ihr Schicksal gewesen. Korrekter müsste es heißen, dass Menschen 60 Millionen andere Menschen umgebracht haben, so Osterwald.
Der Panzergraben verdeutliche, wie sinnlos das Leiden und Sterben gewesen sei. „Warum vergessen wir eigentlich, wie kostbar das Leben ist?“, sagte die Südbrookmerlanderin. „Wir sind hier mit der Botschaft ,Nie wieder Krieg‘, während wir uns an den Krieg in der Ukraine schon gewöhnt haben und der Krieg in Israel sich ausweitet. Wir sagten ,Nie wieder Krieg‘, weil wir wissen, dass Kriege nicht als Planspiele der Generäle verlaufen, sondern blutig, dreckig, gemein und unmenschlich sind.“
Osterwald: Menschenverachtende Haltung wie ein Flächenbrand
Doch heute gebe es wieder unzufriedene Bürger, so Osterwald mit Blick auf die am 1. September stattfindenden Wahlen in Thüringen und Sachsen. „Wir müssen uns in Acht nehmen vor Manipulation.“ Eine antisemitische und menschenverachtende Haltung breite sich aus wie ein Flächenbrand.
Die Arbeit an „Nie wieder Krieg“ beginne in der Familie, in der Nachbarschaft, bei der Arbeit und im Freundeskreis. Man müsse sich trauen, populistischen Aussagen zu widersprechen. „Wir dürfen keine Angst haben. Gehen wir Frieden stiften - ohne Angst und mit viel Hoffnung“, appellierte Osterwald.
Der Auricher Liedermacher Gent Salverius bereicherte die Veranstaltung am Mahnmal mit eigenen Stücken zum Thema.