Erster CSD in Norden  Bunter Tross für die Freiheit

| | 04.10.2024 08:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Herbst-Pride-Umzug führte über knapp drei Kilometer durch die Innenstadt bis zum Jugendhaus. Foto: Karin Böhmer
Der Herbst-Pride-Umzug führte über knapp drei Kilometer durch die Innenstadt bis zum Jugendhaus. Foto: Karin Böhmer
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Gut 300 Menschen demonstrierten am Mittwoch für queere Sichtbarkeit und gegen Hass. So reagierten die Norder.

Norden - Fröhlich waren die Gesichter schon zu Beginn, denn die Erwartungen hatten sich erfüllt: Gut 300 Teilnehmer waren am Mittwoch, 2. Oktober 2024, um 17 Uhr zum ersten Christopher-Street-Day-Umzug (CSD) in der Stadt Norden ans Norder Tor gekommen. Mit Transparenten und Regenbogenfahnen sowie teils kostümiert begann der Umzug durch die Innenstadt, an der Kirche entlang über die Norddeicher Straße bis zum Jugendhaus. Dort schloss sich der „Abend der Vielfalt“ an.

Bundestagsabgeordneter Johann Saathoff (Mitte, SPD) lief die Strecke mit und sprach beim Abend der Vielfalt. Foto: Karin Böhmer
Bundestagsabgeordneter Johann Saathoff (Mitte, SPD) lief die Strecke mit und sprach beim Abend der Vielfalt. Foto: Karin Böhmer

Die „CSD-Saison“ in Norddeutschland geht inzwischen von April bis September. Der Schwerpunkt der Veranstaltungen liegt im Juni, der zum Pride-Month erklärt wurde. Ursprung der bunten Protestmärsche waren Razzien von Polizisten gegen Homosexuelle in der New Yorker Christopher Street. Am 28. Juni 1969 wehrten sich die diskriminierten Menschen, es kam zu Straßenschlachten.

Jugendparlament nahm Anstoß auf

In Norden entstand die Idee, auch einen CSD zu veranstalten, im Mai, wie Jugendbürgermeisterin Merle Gatena sagte. Das Jugendparlament habe sich damals in der Norder Stadt-Stube präsentiert und sei von zwei Frauen angesprochen worden. Sie hätten wissen wollen, ob es endlich einen CSD in Norden gebe. Nach kurzer Abstimmung habe das Jugendparlament dies mit vielfältiger Unterstützung vorangetrieben.

Merle Gatena und Nico Kemena sind die Hauptorganisatoren des Herbst-Pride und kündigten eine Wiederholung an. Foto: Karin Böhmer
Merle Gatena und Nico Kemena sind die Hauptorganisatoren des Herbst-Pride und kündigten eine Wiederholung an. Foto: Karin Böhmer

Der Norder Marsch bildete nun den Abschluss der CSD-Saison und wurde daher zum „Herbst-Pride“ erklärt. Das Motto: „Weil Sichtbarkeit im ganzen Jahr zählt“. Die Wahl des Termins sei zum einen auf die Veranstaltungen in anderen Städten abgestimmt worden. Auf den 2. Oktober war die Wahl gefallen, weil am 3. Oktober wegen des Feiertags viele frei haben, erklärte Wilke Willms vom Organisationsteam und Gleich-Art-Café auf Nachfrage. „Und es ist ja auch schön, wenn mal mitten in der Woche gefeiert werden kann“.

Gäste auch aus Oldenburg und dem Ammerland

Vor der Party im Jugendhaus zogen die Teilnehmer über fast drei Kilometer durch die Norder Innenstadt. Los ging es am Norder Tor. Es folgten der Neue Weg, die Osterstraße, Am Markt, Norddeicher Straße und die Parkstraße.

Die Teilnehmer waren überwiegend sehr jung. Sie bekamen Unterstützung von etlichen „Omas gegen rechts“, den Grünen, der Klimagruppe Norden, der Antifa und der Amnesty-International-Gruppe.

Unter anderem die Omas gegen rechts waren als Unterstützer mit von der Partie. Foto: Karin Böhmer
Unter anderem die Omas gegen rechts waren als Unterstützer mit von der Partie. Foto: Karin Böhmer

Auch der Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (SPD) war auf ganzer Strecke dabei. Auch einige „CSD-Veteranen“ aus Oldenburg und dem Ammerland hatten sich eingefunden, um die Premiere in Norden mitzufeiern. Sie erinnerten sich an die Anfänge in den 1980er-Jahren, als Partys für queere Personen wichtig waren, um einander kennenzulernen und Beziehungen zu knüpfen. Und daran, dass die CSDs damals sehr rar gesät waren. Inzwischen gebe es einen deutlichen Wandel: Auch viele kleine Städte hätten einen Pride-Marsch und Begegnungsorte für die Gemeinschaft, berichteten Dirk Hobbie und Thomas Fritsch vom Schwulen Stammtisch Ammerland.

Es ströme inzwischen nicht mehr das ganze Umland zu Partys nach Oldenburg. Durch das Internet und die dortigen Kontaktmöglichkeiten habe auch die Notwendigkeit von Queer-Partys abgenommen, sagte Stefanie Löbbert, die Hunderte dieser Veranstaltungen im Oldenburger Aktions- und Kommunikationszentren Alhambra organisiert hat.

Die Gäste aus dem Oldenburger Raum bedauerten, dass man Norden zwar gut mit dem Zug erreichen könne, abends aber nicht mehr wegkomme.

Daumen hoch, aber auch einige ablehnende Kommentare

Unterwegs bekam der bunte Zug dort jede Menge Aufmerksamkeit. Jugendliche, die den Tross kichernd begleiteten und filmten, interessierte oder ungläubige Blicke von Passanten in der Fußgängerzone, Daumen-hoch-Zeichen oder Applaus, aber auch Kommentare wie „Ihr seid Affen“ oder eine Beschimpfung aus einem Auto heraus, die so voller Wut war, dass der Schreier sie kaum artikulieren konnte. Der Wunsch der Organisatoren, dass Norder durch das Aufhängen von Regenbogenfahnen an der Strecke Unterstützung signalisieren, wurde nur an sehr wenigen Stellen erfüllt. Auf dem Rückweg vom Jugendhaus in die Innenstadt wurde eine kleine Gruppe von Teilnehmern von einer Gruppe Jugendlicher beschimpft und beleidigt.

Nicht nur die queere Gemeinschaft selbst, sondern auch zahlreiche Unterstützer waren unter dem Motto „Straight against Hate“ mit unterwegs. Foto: Karin Böhmer
Nicht nur die queere Gemeinschaft selbst, sondern auch zahlreiche Unterstützer waren unter dem Motto „Straight against Hate“ mit unterwegs. Foto: Karin Böhmer

Saathoff sagte, er habe überwiegend positive Reaktionen wahrgenommen. Ostfriesland zeige sich traditionell tolerant und zurückhaltend. Die anderen Reaktionen müsse man bei so einem Umzug wohl hinnehmen – und umso wichtiger sei es, dass die queere Gemeinschaft Sichtbarkeit und Zusammenhalt zeige.

Ziel: Sexuelle Selbstbestimmung ins Grundgesetz aufnehmen

In anderen Teilen Deutschlands erlebe er eine schon stark entwickelte Spaltung der Gesellschaft, die von antidemokratischen Kräften weiter vorangetrieben werde, so Saathoff. Dazu gehöre, dass Menschen in Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“ einsortiert und die Gruppen gegeneinander aufgehetzt würden. Die queere Gemeinschaft sei dabei ein häufiges Ziel von Verunglimpfung.

Heike Eiben aus Aurich war auch mit beim Norder Umzug. Sie warb dabei für die Auricher Queer-Gruppen. Foto: Karin Böhmer
Heike Eiben aus Aurich war auch mit beim Norder Umzug. Sie warb dabei für die Auricher Queer-Gruppen. Foto: Karin Böhmer

Saathoff ging in seiner Rede im Jugendhaus zudem auf das am 1. November in Kraft tretende Selbstbestimmungsgesetz ein. Künftig müssten Menschen, die ihre Geschlechtsidentität offiziell ändern wollten, kein ärztliches Attest mehr vorlegen. „Dazu wäre es ohne die vielen CSDs wohl nicht gekommen, die immer wieder die Notwendigkeit vor Augen geführt haben“, so Saathoff. Der Herbst-Pride in Norden habe gezeigt, dass Vielfalt etwas Positives sei. Der Politik sei noch aufgegeben, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung im Grundgesetz zu verankern und in Europa Queerfeindlichkeit entgegenzutreten.

Es soll eine Wiederholung geben

Neben Saathoff sprachen unter anderem auch die stellvertretende Norder Bürgermeisterin Dr. Kerstin Weinbach. Und eine Vertreterin der Ökumene warb um Austausch, denn Kirche habe in der Vergangenheit gegenüber der queeren Gemeinschaft viel falsch gemacht und mache es auch immer noch. Das sei nicht im Sinne Gottes, so die Pastorin, die die Abschlussrede des Wiesmoorer Pastors Quentin Ceasar auf dem evangelischen Kirchentag 2023 zitierte: „Gott ist queer. Und Gott ist die Liebe“. Am Stand der Kirche auf dem CSD konnten Teilnehmer sich segnen lassen.

Schülersprecherin Fenna Reus sagte, Sichtbarkeit sei politische Währung, um etwas zu verändern. Foto: Karin Böhmer
Schülersprecherin Fenna Reus sagte, Sichtbarkeit sei politische Währung, um etwas zu verändern. Foto: Karin Böhmer

Die Schülersprecherin des Ulrichsgymnasiums, Fenna Reus, sagte, in Deutschland rühme man sich, tolerant zu sein. Aber wenn es um Queerness gehe, dann schüttle man den Kopf und wehre ab. Es gebe immer noch kein Mitglied der Gemeinschaft, das noch nie Diskriminierung erfahren habe. Gerade bei der Arbeit sei dies besonders verbreitet. Die nun auch in Norden geschaffene Sichtbarkeit sei politische Währung, um Einfluss zu nehmen und etwas zu verändern, so Reus.

Die Haupt-Organisatoren des Herbst-Pride, Merle Gatena, Nico Kemena und Vincent Diekmann kündigten an, dass es eine Wiederholung des Herbst-Pride geben werde. Die Gespräche, die sie bei der Vorbereitung geführt hätten, hätten unterstrichen, wie wichtig Vielfalt und Zusammenhalt sowie gemeinsame Aktionen seien.

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