Europawahl 2024  Viele lange Gesichter im Auricher Kreishaus

| | 09.06.2024 22:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Lange Gesichter gab es am Sonntagabend im Auricher Kreishaus unter anderem bei Hannes Langer (SPD, links), aber auch Erstaunen bei Landrat Olaf Meinen.Foto: Romuald Banik
Lange Gesichter gab es am Sonntagabend im Auricher Kreishaus unter anderem bei Hannes Langer (SPD, links), aber auch Erstaunen bei Landrat Olaf Meinen.Foto: Romuald Banik
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Vertreter von SPD, Grünen und Linken vor Ort waren vom Wahlergebnis enttäuscht. CDU und Freie Wähler, die nicht im Kreishaus waren, zeigten sich dagegen zufrieden. Aber alle einte eine große Sorge.

Aurich - Fast ausschließlich lange Gesichter gab es am Sonntagabend im Auricher Kreishaus. Denn hier hatten sich einige wenige Vertreter von SPD, Grünen, FDP und Linken versammelt, um die Ergebnisse der Europawahl zu verfolgen. Die Wahlgewinner, nämlich CDU und AfD; waren im Kreishaus zumindest nicht erkennbar oder prominent vertreten.

Hannes Langer (SPD), Ortsbürgermeister von Riepe und Ersatzkandidat für den wohl wieder ins EU-Parlament gewählten Tiemo Wölken (Osnabrück), sagte: „Wir können mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein. Das müssen wir uns genau ansehen.“ Kein Wunder, denn die SPD erzielte im Landkreis Aurich ein wohl historisch schlechtes Ergebnis von nur 24,8 Prozent und landete am Ende sogar knapp hinter der CDU, die als Wahlsiegerin auf 26,5 Prozent kommt. Langer betonte zugleich, dass die AfD trotz ihres guten Ergebnisses (17 Prozent) hinter den Umfragewerten vergangener Wochen zurückgeblieben ist. Der SPD-Landtagsabgeordnete Wiard Siebels (Aurich) betonte, dass die Grünen mit elf Prozent Verlust zur letzten Wahl klarer Wahlverlierer waren, die SPD habe dagegen nur rund vier Prozent Verlust hinnehmen müssen.

Im Auricher Kreishaus schauten sich Landtagsabgeordneter Wiard Siebels, Landrat Olaf Meinen, der Auricher Bürgermeister Horst Feddermann und Erste Stadträtin Laura Vorwerk Ergebnisse an. Foto: Romuald Banik
Im Auricher Kreishaus schauten sich Landtagsabgeordneter Wiard Siebels, Landrat Olaf Meinen, der Auricher Bürgermeister Horst Feddermann und Erste Stadträtin Laura Vorwerk Ergebnisse an. Foto: Romuald Banik

Außerdem: „Bei der Europawahl ticken die Uhren anders“, so Siebels. Traditionell schneide die CDU bei dieser Wahl besser ab als die SPD. Ihm sei wichtig, dass es den demokratischen Parteien in den vergangenen Wochen gelungen sei, das Ergebnis der AfD noch runterzudrücken. Die Ergebnisse, etwa in Gemeinden wie Südbrookmerland, wo die AfD mit rund 24 Prozent stärkste Kraft wurde, seien gleichwohl „weiterhin besorgniserregend“, sagte Siebels.

CDU-Kreischef: Unzufriedenheit hat „destruktive Folgen“

Der Auricher CDU-Kreisvorsitzende Dr. Joachim Kleen (Großheide) sagte auf Anfrage: „Ich bin generell mit dem Abschneiden der CDU ganz zufrieden. Dass wir im Landkreis Aurich sogar knapp vorne liegen, da traue ich meinen Augen kaum.“ Ein Grund für das Wahlergebnis sei die Unzufriedenheit vieler Bürger mit der Ampel-Bundesregierung. Doch das habe leider „destruktive“ Folgen, so Kleen, nämlich dass die AfD auch im Landkreis Aurich so stark geworden ist. „An diese Stimmen müssen wir wieder ran“, betonte der CDU-Kreischef.

Als „bittere Klatsche“ bezeichnete Gila Altmann, Co-Sprecherin der Grünen-Kreistagsfraktion, die herben Verluste ihrer Partei, die nur auf 8,6 Prozent kommt (minus elf Prozent). „Wir haben den ganzen Unmut der Ampel eingesammelt. Die Strategie der Rechten hat gezogen, uns zu den Prügelknaben zu machen“, so Altmann. Dazu komme aber auch „selbstgemachtes Elend“, räumte die Grünen-Parteiveteranin ein. An den Wahlständen hätten die Bürger kaum über Europa reden wollen, sondern vor allem über Bundespolitik. „Wir haben auch die Jungwähler nicht erreicht“, meint Altmann.

Von einer „bitteren Klatsche“ für die Grünen sprach die Auricher Parteiveteranin Gila Altmann. Foto: Romuald Banik
Von einer „bitteren Klatsche“ für die Grünen sprach die Auricher Parteiveteranin Gila Altmann. Foto: Romuald Banik

Der frühere Auricher FDP-Kreisvorsitzende Menko Bakker war ebenfalls am Abend im Kreishaus – und mit dem Ergebnis seiner Partei (4,4 Prozent) nicht einmal unzufrieden. Das sei zumindest besser als bei der Landtagswahl im Herbst 2022. Auch seine große Sorge war das Abschneiden der AfD. „Ich hoffe, dass die nicht aus Überzeugung gewählt wurde, sondern aus Trotz.“ Die Frage sei zunehmend, wie man weitermachen soll. „Es bringt nichts, sie wegzuignorieren, das wird eine schwierige Kiste.“ Die AfD erziele Erfolge ohne größere Parteistrukturen und Gesichter vor Ort.

Detlev Krüger: „Ergebnis der AfD erschreckend“

So sieht es auch Detlev Krüger, Vize-Landeschef der Freien Wähler Niedersachsen. In seiner Heimatgemeinde Südbrookmerland wurde die AfD erstmals stärkste Partei mit rund 24,5 Prozent – ganz knapp vor der SPD. „Das ist erschreckend. Und die Partei hat keinen einzigen Vertreter dort im Rat“, so Krüger. Mit dem Abschneiden der Freien Wähler, die im Landkreis auf 2,1 Prozent kommen, war Krüger dagegen zufrieden. Zumal die Partei jetzt drei statt zwei Europaabgeordnete hat. Außerdem habe man in der vergangenen Zeit viele Neumitglieder gewonnen, so Krüger.

In ihren Parteifarben zeigten sich Kai Beitelmann (Linke) und Kosta Holzer (FDP). Foto: Romuald Banik
In ihren Parteifarben zeigten sich Kai Beitelmann (Linke) und Kosta Holzer (FDP). Foto: Romuald Banik

„Natürlich nicht zufrieden“, zeigte sich im Kreishaus am Abend Kai Beitelmann, Mitglied im Landesvorstand der Linken. Seine Kritik galt der Bundespartei. Er fürchte, dass es dort ein Weiter-so gebe. Das neue Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW), das im Landkreis Aurich aus dem Stand auf 5,5 Prozent kam, während die Linken nur 1,8 Prozent erreichten, habe ein klares Profil gezeigt, etwa in Sachen Waffenlieferungen, sich aber „an die AfD angebiedert“. Die Linke müsse sich jetzt neu aufstellen, so Beitelmann.

Jungwählerin: „Viel Unzufriedenheit auch an Schulen“

Die 19-jährige Jungwählerin Xena Süssen, ebenfalls bei den Linken aktiv, berichtete, dass es auch unter den Schülern an den Berufsbildenden Schulen 1 viel Unzufriedenheit gebe, allerdings unterschiedlich je nach Schulform. „Viele fühlen sich nicht gehört. Anderen ist alles egal“, berichtete Süssen. Auch neigten die männlichen Jugendlichen eher zu konservativen und rechten Positionen.

Ostfriesische AfD-Vertreter waren am Sonntagabend bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Eine Übersicht über die Ergebnisse in der Region gibt es hier.

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