Schulpolitik im Landkreis Aurich  Neues Schulgutachten gibt Empfehlungen

| | 03.06.2024 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Sorgt immer wieder für Gesprächsstoff: Schulgutachter Wolf Krämer-Mandeau von der Firma Biregio aus Bonn.Foto: Aiko Recke
Sorgt immer wieder für Gesprächsstoff: Schulgutachter Wolf Krämer-Mandeau von der Firma Biregio aus Bonn.Foto: Aiko Recke
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Handlungsbedarf sieht Wolf Krämer-Mandeau von der Beratungsfirma Biregio etwa in der Stadt Aurich. Und eine Schule in Norden muss sich demnach sogar um ihre Existenz sorgen.

Aurich - Zu wenige Anmeldungen an der IGS Aurich, dafür eher zu viele Schüler an Gymnasium und Realschule in der Kreisstadt. Es sind Probleme, die seit mehreren Jahren bekannt sind und diskutiert werden. Nun hat der durchaus nicht unumstrittene Gutachter Dr. Wolf Krämer-Mandeau von der Beratungsfirma Biregio aus Bonn den ersten Teil eines neuen Gutachtens zur Schulentwicklungsplanung im Landkreis Aurich vorgelegt.

Am Mittwoch, 5. Juni (15 Uhr), wird das Gutachten im Kreisschulausschuss, der in der Förderschule Körperliche und Motorische Entwicklung (KME) am Extumer Weg 63 in Aurich tagt, vorgestellt. Erste Erkenntnisse und Empfehlungen gehen aber bereits aus der veröffentlichten Beschlussvorlage für die Kreispolitiker hervor.

Einer der größten Trends ist, dass „im Gegensatz zu den 2014 prognostizierten Schülerzahlen“ sich diese vor allem durch den Flüchtlingszuzug „wieder sehr stabil“ entwickeln. „Insofern ist davon auszugehen, dass die Anzahl der Plätze in den Schulen mittelfristig weiterhin benötigt wird“, heißt es in der Beschlussvorlage für die Kreispolitiker, die eine Art Zusammenfassung des Gutachtens darstellt.

Ratschlag: Trend gegen Gesamtschulen nicht fördern

Außerdem: „Es ist aktuell ein Trend erkennbar, dass die Integrativen Schulsysteme vor Ort, anders als in Land und Bund, gemieden werden. Dies führt dazu, dass die vorhandenen Schulstrukturen ungleich ausgelastet werden.“ Es sei wichtig, so Gutachter und Verwaltung, diesen Trend nicht sofort mit Neu- und Zubauten zu fördern, sondern vielmehr die Gründe zu ermitteln, warum „die lange Zeit sehr beliebten Gesamtschulen aktuell nur nachrangig“ ausgewählt würden. Und weiter: „Entscheidungen sollten nicht isoliert für einzelne Standorte getroffen werden, sondern ein umfassendes Entscheidungspaket für alle Schulen und Schulstandorte im Landkreis Aurich geschnürt werden.“

Isolierte Lösungen und Entscheidungen ohne Rücksicht auf ihre Umgebung entfachen demnach neue Konkurrenzen zwischen weiterführenden Schulen, die „angesichts der Demografie in der Regel äußerst schädlich für Schulen und Schulträger sind“. Die Empfehlung dazu: „Maßgabe sollte sein, keine neuen Systeme einzurichten, wenn dadurch bestehende funktionierende Systeme gefährdet werden. Im Gegenteil – es sollte darüber nachgedacht werden, die Anzahl der Schulsysteme zu reduzieren.“

Rat: Quote der Gymnasialabschlüsse nicht erhöhen

Die Quote der Gymnasialabschlüsse im Landkreis Aurich liegt laut Gutachten deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Sie sollte, so heißt es, „nicht signifikant erhöht werden, weil sonst die IGSen noch mehr Probleme bekämen und ein drittes Gymnasium unausweichlich erschiene“.

Die Realschulen genössen derzeit eine „Renaissance“, was zum Teil aber daran liege, dass die IGSen von einem Teil der Eltern als „ersetzende Schulform“ für die ausgelaufenen Hauptschulen angesehen werden.

Auch zur Inklusion, also der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Handicap, äußern sich Schulamt und Gutachter. „Insgesamt zeigt sich, dass die Eltern mit der Art und Weise, wie die inklusive Beschulung in Niedersachsen umgesetzt wird, nicht einverstanden sind.“ Dennoch zeigten sich die befragten Grundschuleltern offen für das Konzept. Daher müsse der Landkreis das bestehende Konzept weiterentwickeln.

Die bestehenden Gesamtschulen müssten „gestärkt und qualitätsmäßig weiter verbessert und attraktiver werden“, heißt es. „Damit die Gesamtschulen der Konkurrenz mit den Gymnasien und Realschulen standhalten können, brauchen sie entsprechend gute Konzepte.“

Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre sei die Gewinnung von guten Lehrkräften, insbesondere im ländlichen Raum. Einige der Schulen mit Doppelstandorten hätten es zuletzt immer schwerer, geeignetes Lehrpersonal zu finden, heißt es.

Region Stadt Aurich

In der Beschlussvorlage wird außerdem auf die verschiedenen Regionen im Landkreis Aurich eingegangen. So heißt es etwa: „In der Stadt Aurich ist die Verteilung der Schüler auf die vorhandenen Schulen nicht optimal.“ Gymnasium und Realschule würden von den Eltern als attraktiver eingeschätzt als die IGS. „Das führt zu einem deutlichen Ungleichgewicht, zum Nachteil für die IGS. Gymnasium und Realschule hingegen stehen vor dem Problem des Platzmangels.“

Laut dem neuen Schulgutachten hat die IGS weiter mit zu geringen Anmeldezahlen zu kämpfen. Foto: Romuald Banik
Laut dem neuen Schulgutachten hat die IGS weiter mit zu geringen Anmeldezahlen zu kämpfen. Foto: Romuald Banik

Beim Ulricianum als größtem Gymnasium Niedersachsens sei nicht damit zu rechnen, dass in Zukunft weniger Schüler die Schule anwählen, heißt es. Jedoch: „Die Diskussion über ein drittes Gymnasium ist aktuell nicht zielführend. Es müsste ein geeigneter Standort gefunden werden, der entsprechend auszustatten wäre.“ Die Verteilung der Schüler im Raum Aurich würde sich dadurch nicht signifikant verbessern, heißt es.

Die IGS Aurich als eine der ältesten Gesamtschulen Niedersachsens habe mit gesunkenen Schülerzahlen zu kämpfen „Viele Eltern sahen sich gezwungen, die IGS als Ersatzsystem für die Hauptschule zu betrachten. Das Image der IGS Aurich hat aufgrund dessen in den vergangenen Jahren stark gelitten“, heißt es.

Aktuell werde eine Befragung initiiert, um Anhaltspunkte zu gewinnen, warum die Schule in Klasse 5 gemieden wird, hingegen in den Jahrgängen 6, 7, 8 und 9 nahezu vollständig fünf- bis sechszügig geführt werden kann.

Die Realschule Aurich erlebe seit Jahren einen stetigen Anstieg der Anmeldezahlen. Die Begrenzung auf fünf Klassen pro Jahrgang durch die Stadt Aurich habe dazu geführt, dass auswärtige Schüler, vor allem aus Südbrookmerland, nunmehr abgelehnt würden.

Die Realschule Aurich erlebt seit einigen Jahren eine „Renaissance“. Foto: Romuald Banik
Die Realschule Aurich erlebt seit einigen Jahren eine „Renaissance“. Foto: Romuald Banik

Auch vonseiten des Landesschulamtes werde die Situation in Aurich kritisch gesehen. „Es wurde angeregt, dass man sich von dort in die Planungen einbringt und entsprechende Vorschläge unterbreitet“, heißt es in der Beschlussvorlage für den Schulausschuss. „Ebenso sind weiterhin Gespräche mit den Schulleitungen und Verantwortlichen der Stadt Aurich zu führen. Ziel muss es sein, die Beschulung aller Auricher Kinder zu optimieren.“

Region Südbrookmerland/Brookmerland

Für den Bereich „mittlerer Süden“ diagnostiziert Krämer-Mandeau vor allem gesunkene Anmeldezahlen an der IGS Marienhafe-Moorhusen. Lagen die Anmeldungen nach der Gründung vor rund zehn Jahren noch bei 180 bis 190 Schülern, so seien es zuletzt nur noch rund 100 gewesen. Der Schulträger, die Gemeinden Südbrookmerland und Brookmerland, versuchten diesen Negativ-Trend zu stoppen. „Zur Ermittlung des Elternwillens wurden entsprechende Befragungen durchgeführt, um die Hintergründe zu ermitteln.“

Die Empfehlung: „Es sollte versucht werden, die Bemühungen der Kommunen und der Schule zu unterstützen, um zu verhindern, dass an anderer Stelle zusätzliche Raumkapazitäten geschaffen werden müssen, die in Marienhafe und Moorhusen vorhanden sind.“

Region Ihlow, Großefehn, Wiesmoor

Die beiden Kooperativen Gesamtschulen (KGS) in Großefehn und Wiesmoor seien „sehr gut angenommene Schulsysteme“, heißt es. Nur vereinzelt wanderten Schüler ans Auricher Gymnasium ab. Nach der Auflösung der IGS Egels nehme die KGS Großefehn zudem „einen nicht unerheblichen“ Teil Auricher Schüler auf. Die Gemeinde Großefehn habe darauf reagiert und die bereits geplante Erweiterung der KGS überarbeitet.

Die KGS Wiesmoor könnte allerdings, so Krämer-Mandeau, ein Problem bekommen, da die vorausgesagten Geburtenzahlen für Wiesmoor eher sinken. Derzeit gelinge es noch, ein Schülerpotenzial aus den Nachbar-Landkreises zu gewinnen, das sei auch künftig wichtig.

Die KGS Großefehn sollte bei den Oberstufen noch mehr mit der KGS Wiesmoor zusammenarbeiten, so die Empfehlung. Foto: Romuald Banik
Die KGS Großefehn sollte bei den Oberstufen noch mehr mit der KGS Wiesmoor zusammenarbeiten, so die Empfehlung. Foto: Romuald Banik

Insgesamt wird den KGSen Großefehn und Wiesmoor empfohlen, vor allem bei den Oberstufen, ihre Zusammenarbeit zu intensivieren.

Die im letzten Schulentwicklungsplan angeregte Umwandlung der KGS Ihlow in eine IGS sei „erfolgreich umgesetzt“ worden, heißt es. Die Schule weise stabile Schülerzahlen auf, der Trend sei positiv, die Gemeinde habe erhebliche Mittel investiert.

Region Dornum, Großheide

Dazu heißt es von Schulamt und Gutachtern: „Die Realschule Dornum wird sich weiter mit wenigen Übergängen aus den eigenen Grundschulen auseinandersetzen müssen.“ Zwar zahle sich die Zusammenarbeit der Nachbargemeinde Holtriem aus. Aber: „Aufgrund der demografischen Entwicklung und der peripheren Lage hat der Schulstandort Dornum Schwierigkeiten.“

Ähnliches gelte für Großheide. Allerdings gebe es seit zwei Jahren die Entwicklung, dass Schüler aus der Gemeinde Südbrookmerland an der Haupt- und Realschule Großheide angemeldet werden – auf Kosten der IGS Marienhafe/Moorhusen. Das könne dazu führen, dass die HRS Großheide die Anmeldezahlen wegen fehlender Räumlichkeiten beschränken werde, so die Schulgutachter.

Region Hage, Norden

Laut Beschlussvorlage kann sich die Oberschule Norden in Konkurrenz zum Gymnasium und vor allem der KGS Norden nicht behaupten. „Mit der Gründung der Dependance der KGS Hage in Norden war diese Entwicklung praktisch programmiert“, heißt es dazu. Und weiter: „Eine bestandssichere Schule neben einer vierzügigen KGS und dem Gymnasium ist analog zu den demografischen Tendenzen nicht möglich gewesen.“ Zwar sei die pädagogische Arbeit der OBS Norden anerkannt, doch die Anmeldezahlen stagnierten auf niedrigem Niveau. „Bei Auflösung der Oberschule wäre das Gebäude für zahlreiche andere Nutzungen von der Grund- bis zur Sekundar- oder Förderschule denkbar und sollte angestrebt werden.“

Zum Ulrichsgymnasium Norden werden im Fazit der Beschlussvorlage nur wenige Sätze verloren. Die Schule laste ihre Räume in vollem Umfang aus, hier seien derzeit keine Veränderungen zu erwarten.

Region Hinte, Krummhörn

Bei der Integrierten Gesamtschule Krummhörn-Hinte liegen die Anmeldezahlen laut Gutachten regelmäßig bei rund 100 Schülern, das seien etwa die Hälfte der potenziellen Schüler aus den Gemeinden. Allerdings gebe es „Tendenzen innerhalb der Schule, aber auch gute Gründe im Rahmen der Schulentwicklungsplanung, sich mit der Zukunftsfähigkeit des Doppelstandorts zu befassen“, auch angesichts der Lehrerversorgung. Grundsätzlich sei eine enge Abstimmung der Planungen in diesem Bereich mit der benachbarten Stadt Emden notwendig.

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