Sozialer Treffpunkt in Hage Kritik und Petition gegen Schließung des „Heimathafens“
Die Gastronomie mitten im Ort soll zum 31. Mai schließen, weil sie finanziell große Verluste macht. Die Linksjugend hat eine Petition gestartet, mehrere Kreispolitiker verteidigen die Einsparungen.
Hage/Aurich - Als „wichtigen Ort für Kontaktpflege, Teilhabe am Alltagsgeschehen und Vernetzung – mitten in Hage“ beschreibt der „Heimathafen“ sich selbst auf seiner Internetseite. Doch nun soll die Einrichtung der kreiseigenen Pflege- und Betreuungszentren (PBZ) zum 31. Mai geschlossen werden. Man habe festgestellt, dass dieser Unternehmensbereich nicht so gut in Anspruch genommen wurde, wie es für einen kostendeckenden Betrieb erforderlich wäre, hieß es Ende April dazu in einer Mitteilung der Kreisverwaltung.
Dagegen allerdings regt sich vor Ort einiger Protest. Kai Beitelmann, Sprecher der Linksjugend Aurich, hat deshalb eine Online-Petition gegen die Schließung gestartet, die mittlerweile knapp 400 Menschen unterzeichnet haben. Beitelmann schreibt dazu: „Es darf in einer demokratischen Gesellschaft nicht sein, dass Orte des aktiven Austauschs geschlossen werden, ohne dass eine adäquate Alternative vorhanden ist. Das wiederum ist im ländlichen Raum selten der Fall.“ Gerade in Zeiten starker Politikverdrossenheit und von zunehmender Vereinsamung dürften Begegnungszentren nicht wegfallen, meint Beitelmann.
Besonders der „Heimathafen“ sei wegen seiner Nähe zum Pflegeheim schützens- und erhaltenswert. „Dort zu sparen ist der falsche Weg“, meint Beitelmann. Das Café und Begegnungszentrum sei ein wichtiger Treffpunkt für jüngere und ältere Menschen in Hage. Die finanziellen Probleme des benachbarten Pflegeheims Helenenstift seien dagegen ein strukturelles Problem, so Beitelmann.
Meyerholz verteidigt Schließung
Einer, der sich in den vergangenen Jahren immer wieder intensiv mit den finanziellen Problemen der PBZ befasst hat, ist der Auricher Kreistagsabgeordnete Hans-Gerd Meyerholz (GFA/Freie Wählergemeinschaft). Er sitzt selber im PBZ-Beirat und verteidigt die Schließung, übt aber Kritik an der Informationspolitik des Landkreises Aurich.
Meyerholz erinnerte daran, dass die Verluste der PBZ im Jahr 2018 plötzlich und unerwartet auf minus 845.000 Euro anstiegen – verursacht laut Meyerholz vor allem durch höhere Personalkosten. Die Verluste haben nach Ansicht von Meyerholz jedoch nicht die Pflegeheime verursacht, sondern in den vergangenen Jahren geschaffene „Nebeneinrichtungen“ wie Heimathafen, ambulanter Pflegedienst, Tagespflege, Bootshafen, Hafenkollektiv und Caminio, die freiwillig seien und nicht zu den eigentlichen Aufgaben der PBZ gehörten.
Zwar verhalfen in den Jahren 2020 bis 2022 finanzielle Hilfen wegen der Corona-Pandemie der PBZ wieder zu positiveren Ergebnissen. „Doch 2023 entfielen diese Zuwendungen und statt der vom Geschäftsführer prognostizierten Überschüsse gab es einen Verlust in Höhe von 546.000 Euro, auf den erstmals in einer öffentlichen Finanzausschusssitzung hingewiesen wurde. Und für 2024 wird erneut ein sehr hoher Verlust vorausgesagt“, erklärt Meyerholz die aktuelle Lage.
GFA-Politiker: Gastronomie gehört nicht zu eigentlichen Aufgaben
Im aktuellsten Bericht des Beteiligungsmanagements des Landkreises, das eigentlich die finanzielle Lage der Kreis-Tochterfirmen im Blick haben soll, hieß es noch im Februar 2024: „Die übrigen Angebote wie die öffentliche Gastronomie werden in bisherigem Umfang beibehalten.“
Um die Insolvenz der Pflegeheime abzuwenden, hat der Landkreis bisher alle Verluste übernommen. Doch wegen der angespannten Haushaltslage hat der Kreis nun die Notbremse gezogen und eine Neukonzeption für die Pflegeheime in Angriff genommen – wozu die Schließung des Heimathafens gehört.
Meyerholz: „Die Schließung des Heimathafens fällt keinem Beiratsmitglied leicht. Doch es ist nicht zu verantworten, Jahr für Jahr mehrere 100.000 Euro Verluste aus Steuermitteln für Einrichtungen zu übernehmen, die nicht zu den Aufgaben der Pflegeheime gehören.“
Meyerholz kritisiert Informationspolitik
Meyerholz kritisiert zudem die Informationspolitik des Landkreises. Die Bildung einer GmbH habe dazu geführt, dass die entsprechenden Themen in nicht- öffentlichen Sitzungen behandelt werden. „Da es oft um viel Geld aus dem Kreishaushalt geht, halte ich die nicht öffentliche Behandlung für fragwürdig“, sagt Meyerholz.
Der Samtgemeindebürgermeister von Hage, Erwin Sell (SPD), teilte auf Anfrage mit: „Das ist aus Sicht der Gemeinde Hage ein herber Verlust. Jedoch ist das hohe Defizit ein starkes Argument, den Heimathafen zu schließen. Die Verluste werden aus dem Haushalt des Landkreises beglichen und alle Städte und Gemeinden bezahlen dieses Defizit über die Kreisumlagen zurück. Ein Teufelskreis.“
CDU-Fraktionschef: „Mir wurde schwindelig bei den Zahlen“
Sven Behrens (Berumbur) ist nicht nur Vorsitzender der CDU/FDP-Gruppe im Auricher Kreistag, sondern auch Mitglied im Samtgemeinderat Hage. Er war völlig überrascht von den neuerlichen hohen Verlusten. „Ich konnte es nicht glauben. Mir wurde schwindelig, als ich die Zahlen gehört habe.“ Er habe dann selber an Beiratssitzungen teilgenommen, wo die wirtschaftliche Lage erläutert wurde. Zwar sei der Heimathafen durchaus ein genutzter Treffpunkt in Hage. Doch er sehe keine Alternative zur Schließung der Gastronomie. Denn das sei eine freiwillige Aufgabe für den Landkreis. Zur Informationspolitik sagte Behrens, man müsse bei Themen wie einer Schließung, wo auch Mitarbeiter betroffen seien, sorgfältig und vorsichtig vorgehen, um keine Ängste zu schüren. Behrens erwähnte auch, dass der Wechsel der Geschäftsführung wegen der schlechten finanziellen Lage „folgerichtig“ sei. Laut Handelsregister ist der bisherige Geschäftsführer Reiner Olchers seit April nicht mehr im Amt. Im März wurde Tanja Frerichs zur Nachfolgerin berufen.
Vize-Beiratsvorsitzender: Große Hoffnungen in neue Geschäftsführerin
Kuno Behrends (SPD, Großheide) ist stellvertretender Vorsitzender des PBZ-Beirates und Vorsitzender des Auricher Kreistags. Auch er sieht angesichts von fast 300.000 Euro Verlusten alleine beim Heimathafen keine Alternative zur Schließung der Gastronomie, wie er auf Anfrage sagte. „Wir wollen das Helenenstift und das Reil-Haus in Norden auf gesunde Füße stellen“, so Behrends. Wichtig sei, dass die Heimathafen-Mitarbeiter in anderen Bereichen eingesetzt werden können. In die neue Geschäftsführerin Tanja Frerichs setze man große Hoffnungen.
Die nächsten Sitzungen von Beirat und Gesellschafterversammlung der PBZ sind am Dienstag, 28. Mai, im Auricher Kreishaus – hinter verschlossenen Türen.