Pädagoge aus Marienhafe-Moorhusen Preisgekrönter Lehrer wünscht sich mehr Zeit
Kai Passchier von der IGS Marienhafe-Moorhusen hat den Deutschen Lehrkräftepreis gewonnen. Trotzdem würde er gern viel im Schulsystem ändern – um Freiraum zu gewinnen.
Marienhafe - Die größte Auszeichnung für ihn sei, dass seine Schüler ihn nominiert und viel Arbeit in die Bewerbung gesteckt haben. Kai Passchier ist Lehrer für Naturwissenschaft, Biologie, Physik und Mathematik an der IGS Marienhafe-Moorhusen und wurde Ende April in Begleitung von neun seiner Schüler in Berlin mit dem „Deutschen Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ 2023“ ausgezeichnet.
Was die Schüler der Jury über ihn mitgeteilt hatten, fand sich im Glückwunsch der niedersächsischen Kultusministerin Julia Willie Hamburg wieder: Passchier habe die Schüler durch innovative Formate in ihrer Lebenswirklichkeit abgeholt. „Gerade in Zeiten, in denen uns die Pisa-Studie verdeutlicht, dass Schülerinnen und Schüler eine zunehmende Entfremdung des schulischen Unterrichts von ihrer Lebensrealität wahrnehmen, ist das Vorgehen von Kai Passchier ein wichtiger Impuls für modernen Unterricht, der Schülerinnen und Schüler begeistert und für ihr weiteres Leben prägt“, lobt Hamburg.
Es liegt nicht nur an den T-Shirts
Ein paar Wochen nach der Preisverleihung ist der Rummel abgeebbt. Einige Kollegen und Referendare hätten mit ihm über seine Methoden gesprochen, sagt Passchier. Und der didaktische Leiter der IGS wolle mit ihm noch Konzepte besprechen, die vielleicht grundlegend an der IGS Marienhafe-Moorhusen eingeführt werden sollen.
Was passiert bei Passchier? Was ist das Geheimnis seines Unterrichts? Ein kleiner Randaspekt mag sein, dass der 36-Jährige auch bei einer Preisverleihung auf Hemd und Sakko verzichtet und stattdessen passende T-Shirts trägt. Doch viel wesentlicher scheint für seine Schüler zu sein, dass er sie nach Möglichkeit in Projekten arbeiten lässt.
Kernkompetenzen für lebenslanges eigenständiges Lernen
In immer schnellerer Folge verändere sich die Berufswelt grundlegend. Die Schüler müssten in den Kernkompetenzen Kommunikation, Kreativität, kollaboratives Arbeiten und kritisches Denken fit gemacht werden, um sich dem Wandel immer wieder aus eigener Kraft anpassen zu können. Künstliche Intelligenz sei der nächste große Motor für Veränderung. Entsprechend ist sie Thema in seinem Unterricht.
Auch der kritische Umgang mit Medien müsse besonders geschult werden. „Ich habe eine Klasse mal in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine hat sich eine Woche lang in den sozialen Medien vor allem mit Pranks, also Streichen, die andere mit Katzenvideos befasst.“ Schon nach wenigen Tagen sei zu erkennen gewesen, wie sehr diese Schwerpunkte Einfluss auf das nahmen, was den Schülern von den Algorithmen überhaupt noch angezeigt wurde. „Den Schülern war schnell klar, dass dies auch bei politischen Themen so funktioniert. Und sie hatten auch selbst eine Idee, wie man das begrenzen kann – indem man den Verlauf regelmäßig löscht.“
Kai Passchier: Intensive Projektarbeit bleibt länger im Kopf
Wie später im Beruf müsse dort jeder tiefer einsteigen als im Frontalunterricht, könne sich aber auch entsprechend seiner Stärken einbringen, so Passchier. Er hat nach eigener Aussage selbst prägende Erfahrungen mit Projektarbeit gemacht. Der Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik musste für das Unterrichtsfach Naturwissenschaften vier Semester Biologie nachholen. Er habe dabei ein zweiwöchiges Projekt gemacht. „In diesen zwei Wochen habe ich mehr gelernt als in den restlichen zwei Jahren“, sagt Passchier. Denn das Lernen sei anwendungsbezogener, vergleichender und ergebnisorientierter gewesen.
Seit dreieinhalb Jahren ist er nun an der IGS in Marienhafe und Moorhusen. Sein Referendariat hat der gebürtige Berliner, der auch in Berlin studiert und seine Ehefrau aus Ostriesland kennengelernt hat, am Johannes-Althusius-Gymnasium in Emden absolviert. Passchier kann inzwischen lachen, wenn er über zwei Lehrproben berichtet, bei denen er durchgefallen ist. Aus Sicht der Prüfer habe der Lernertrag nicht gestimmt, obwohl die Schüler komplexe Aufgaben durch eigene Herleitung gelöst hätten.
Referendariat als Kugelmühle
Aber der von vielen Anwärtern und Lehrkräften kritisierte Stress im Referendariat habe auch ihm zugesetzt, berichtet Passchier. Am Ende des Studiums habe er mit zwei kleinen Kinder und einer Tätigkeit als Aushilfslehrer an der Fritz-Karsen-Schule in Berlin bei der Master-Prüfung weniger Stress empfunden als im anschließenden Referendariat. Und jetzt arbeite er als Lehrer noch deutlich mehr. Der Stress aber sei geringer, weil Referendare zwar in insgesamt 20 bis 30 Unterrichtsbesuchen begutachtet würden, sie bei der Abschlussprüfung aber ihren Prüfern weitgehend ausgeliefert seien. Laufe dieser eine Prüfungstag nicht gut, sei alles Vorherige umsonst gewesen. Die kontinuierliche Leistung aber, die die Ausbildungslehrer an der Schule gesehen hätten, falle unter den Tisch, moniert Passchier. Das sorge für unnötigen Stress – und Abbrüche, die unnötig seien.
Wer viel über Unterricht und Lehrmethoden nachdenkt, denkt auch über die Ausbildung von Lehrern nach. Aus Sicht von Passchier sollten Lehramtsstudierende ab dem ersten Semester wöchentliche Praxistage in der Schule machen, Lehrer begleiten, erfahren, was von der Pausenaufsicht bis zur Konferenz alles auch zum Beruf gehört und wie Lehrkräfte sich organisieren. Mit immer mehr eigener Lehrtätigkeit könnten die konkreten Probleme, die auftauchen, schon an der Universität diskutiert werden – mit dem Zusatzvorteil, dass die Ergebnisse von den Studierenden dann auch direkt in die Schulen zurückgetragen würden.
Mehr lebenspraktische Inhalte nötig
Was Passchier ebenfalls stört, ist, dass Schulen und Lehrer mit vielen Themen allein gelassen würden. Der Unterricht müsste aus seiner Sicht viel lebenspraktischer gestaltet werden. Das betreffe nicht nur das oft genannte Wissen über Steuern und Vericherungen. „Das betrifft junge Leute ja ganz direkt. Es sind etliche Youtuber in die Insolvenz gegangen, weil sie zu wenig über Selbständigkeit wussten.“
Aber auch Themen wie Ernährung und Sexualerziehung brauchten mehr Platz im Unterricht. Er selbst habe Glück gehabt, dass er im Studium im Zusatzmodul Sexualerziehung überhaupt einen Platz bekommen habe. Viele Kollegen müssten ohne diese Ausbildung entsprechenden Unterricht geben. Doch auch mit dem Zusatzmodul seien viele Fragen offen geblieben – auch juristische, was er als Lehrkraft überhaupt dürfe. „Ernährung hat in meinem Studium überhaupt keine Rolle gespielt. Das muss ich mir alles selbst erschließen.“ Dabei beträfen diese Themen alle Schüler zeit ihres Lebens.
Extern entwickelte Konzepte zur Entlastung gewünscht
Passchier ärgert sich, dass es für solche Themenfelder keine Unterrichtskonzepte gibt, die extern entwickelt werden, um Lehrkräfte zu entlasten. Der von ihm so geschätzte Projektunterricht kostet ebensolchen Aufwand. Jede Schule müsse ihre Projekte selbst entwickeln – am besten interdisziplinär–, durchplanen, durch die Gremien bringen, Material beschaffen und so weiter. Dabei sei es eigentlich ein Leichtes, Konzepte zentral für Schulen zu entwickeln, die diese dann auf sich anpassen können.
Das gelte auch für Fortbildungen. Jetzt müsse er auf mehreren Kanälen selbst suchen. „Warum gibt es nicht eine E-Mail mit beispielsweise den naturwissenschaftlichen Angeboten, die an alle Fachlehrer verschickt wird?“, fragt Passchier. Dann könne jeder selbst entscheiden, wie er damit umgeht. Aber die Recherchezeit könnte in Unterrichtsvorbereitung gesteckt werden.
Passchier: „Unterricht sollte kein Produkt einer Einzelperson sein“
Denn besondere Unterrichtsstunden vorzubereiten oder Hilfen beispielsweise für Schüler mit Sprachbarrieren zu entwickeln, koste viel Zeit. Jede Schule müsse ein curriculares Konzept für Medienbildung erarbeiten. „Da wird dann 200-mal fast das Gleiche gemacht und viel Zeit investiert. Dafür könnte es doch ein Grundkonzept geben“, klagt Passchier.
Er ist ohnehin für mehr Vernetzung und Austausch. Lehrer sollten Materialien wie Lernvideos, Unterrichtsmaterial oder auch Tipps zur Unterrichtsvorbereitung viel leichter in größerem Kreis teilen können. An der IGS Marienhafe-Moorhusen werde das zwar intern gemacht. Aber das Voneinander-Lernen würde aus Sicht des 36-Jährigen auch in viel größerem Maßstab funktionieren – wenn es dafür ein Portal gäbe. „Unterricht sollte kein Produkt einer Einzelperson sein.“
Portal könnte auch für die Berufsvorbereitung nützen
Und auch für die Vernetzung von Schule und Unternehmen wünscht Passchier sich ein Portal, wo Schüler besondere Leistungen präsentieren können – und so vielleicht schon Firmen auf sich aufmerksam machen, die diese Schüler dann gezielt fördern, an den Beruf heranführen, sodass die Schüler wissen, wofür sie sich in der Schule anstrengen.
Kurzum: Passchier wünscht sich und seinen Kollegen mehr Freiraum für die Unterrichtsvorbereitung. Denn auch mit zusätzlichem Zeiteinsatz könne er nicht alle Stunden gleich gut vorbereiten. „Auch heute mache ich manchmal schlechten Unterricht – weil es an der Zeit für die Vorbereitung mangelte oder ich mich verschätzt habe“, sagt Passchier.