Großprojekt B 210n Aurich-Ihlow  Bürgerinitiative sieht neue Hürden für Autobahnzubringer

| | 10.05.2024 14:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Die Niederung rund um die Blitz in der Gemeinde Ihlow ist, trotz des großen Windparks, laut Bürgerinitiative ein bedeutendes Vogelbrutgebiet.Foto: Aiko Recke
Die Niederung rund um die Blitz in der Gemeinde Ihlow ist, trotz des großen Windparks, laut Bürgerinitiative ein bedeutendes Vogelbrutgebiet.Foto: Aiko Recke
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BI-Vorsitzender Joachim Böttcher ärgert sich über späte Veröffentlichung des neuen Baugrundachtens – und weist auf neu entdeckte seltene Vogelart hin. Was die Straßenbaubehörde dazu sagt.

Aurich/Ihlow - Wenig war in den vergangenen Monaten und Jahren zu hören von der Planung der Bundesstraße 210 n, der Ortsumfahrung für Aurich mit Autobahnzubringer nach Riepe. Nun gibt es aus Sicht der Bürgerinitiative „Bilanz“ neue Hürden für das Großprojekt. Denn die Auricher Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr hat Anfang Mai endlich das Baugrundgutachten für den zweiten Abschnitt, den Zubringer nach Riepe durch die Gemeinde Ihlow, veröffentlicht.

Zwar habe man das Gutachten, das mitsamt Anlagen mehrere hundert Seiten umfasst, noch nicht intensiv prüfen können, teilte „Bilanz“-Vorsitzender Joachim Böttcher aus Aurich-Kirchdorf mit. Aber schon bei oberflächlichem Lesen ergäben sich daraus „sehr ungünstige Baugrundverhältnisse für die geplante Trasse“. Böttcher schließt daraus sogar: „Es kann sein, dass sich die bisherige Linienführung entweder nicht mehr halten lässt oder dass die erhöhten Kosten das Projekt nach der sogenannten Kosten-Nutzen-Relation ernsthaft ins Wanken bringen.“ Daraus wiederum folgt laut Böttcher: „Wenn aber die Strecke Aurich-Riepe ihren Platz im Bundesverkehrswegeplan nicht mehr halten kann, wird auch der erste Bauabschnitt, die Ortsumgehung, unvertretbar, weil für eine isolierte Umgehungsstraße das erwartbare Verkehrsaufkommen zu gering wäre. Ein solches Ergebnis ist aber politisch bisher unerwünscht.“

Bürgerinitiative vermutet bewusstes Zurückhalten des Gutachtens

Was die Bürgerinitiative außerdem ärgert: Das Baugrundgutachten des Büros Schnack Ingenieurgesellschaft (Hannover) wurde bereits im September 2021, also vor bald drei Jahren, fertiggestellt. Es wurde aber erst Anfang Mai 2024, nach anwaltlicher Unterstützung der Bürgerinitiative, veröffentlicht. Der stellvertretende Behördenleiter Yasin Kilic begründete die monatelange Verzögerung in einem Schreiben an die Berliner Anwälte der BI von Ende März mit „kapazitativen Randbedingungen und Priorisierungsverlagerungen“.

Die „Bilanz“ wiederum zeigt sich angesichts der Verzögerung „befremdet darüber, dass ein im Spätsommer 2021 abgeschlossenes Gutachten zweieinhalb Jahre später angeblich von der Behörde noch überarbeitet werden musste, ehe es einem Umweltverband mit gesetzlichem Auskunftsanspruch übermittelt werden konnte.“ Böttcher weiter: „Es drängt sich der Eindruck auf, dass das Gutachten wegen ungünstiger Ergebnisse möglichst lange geheim gehalten werden sollte, und dass erst anwaltlicher Druck mit drohender Klageerhebung die Behörde zum Nachgeben veranlasst hat. So aber verspielen staatliche Einrichtungen das Vertrauen der Öffentlichkeit!“

Fast ausgestorbener Vogel entdeckt

Damit nicht genug: Die „Bilanz“ sieht noch ein weiteres neues Hindernis für den Bau des Autobahnzubringers durch Ihlow. Anfang Mai 2024 seien, im Zuge anderweitiger Forschungen, in der Blitz-Niederung zwischen Riepe und Simonswolde seltene und geschützte Vogelarten entdeckt worden, teilte „Bilanz“-Vorsitzender Böttcher mit. Der Biologe Dr. Daniel Holte habe ein Foto des seltenen Vogels Triel machen können. Das etwa taubengroße Tier mit langen gelben Beinen, dickem Kopf und auffällig großen gelben Augen habe sich auf Ackerflächen auf der geplanten B 210 n-Trasse aufgehalten, schreibt Böttcher. Triele gelten nach seinen Angaben mit nur noch höchstens zwei Brutpaaren in Deutschland als fast ausgestorben. Bisher seien die Vögel auch nur weiter südlich vorgekommen, Vorstöße nach Norddeutschland seien umso ungewöhnlicher.

„Bilanz“: Trasse würde Brutgebiet zerstören

Eine weitere Rarität sei der Regenbrachvogel, der die norddeutsche Tiefebene als Rast- und Durchzugsgebiet nutze. Diese Art sei so selten, dass nach amtlichen Naturschutzkriterien schon der Aufenthalt von 50 Vögeln in einem Gebiet zur Einstufung als national bedeutendes Rastgebiet führe. Von Ende März bis Anfang 2024 hätten sich in der Blitzniederung sogar mehr als 100 Exemplare aufgehalten, so Joachim Böttcher. „Das Gebiet dürfte damit für den Regenbrachvogel eines der wichtigsten Rastgebiete in Deutschland sein.“

Vom Aussterben bedroht und auf Ihlower Wiesen entdeckt: Der Vogel Triel.Foto: privat
Vom Aussterben bedroht und auf Ihlower Wiesen entdeckt: Der Vogel Triel.Foto: privat

Weitere in diesem Gebiet beobachtete seltene Arten seien unter anderem Seeadler und Löffler gewesen. Insgesamt stelle die Blitzniederung daher eines der bedeutendsten Brutgebiete für Wiesenvögel dar. Häufigste Art mit großem Bruterfolg sei der Kiebitz. Auch seien in diesem Jahr balzende Bekassine beobachtet worden, so Böttcher.

Für die Vögel seien die im Gebiet vorherrschenden Moorböden mit viel Nässe und flachen Wasserstellen ideal. Böttcher: „Die geplante B 210 n würde das wertvolle Gebiet durchschneiden und große Flächenanteile zerstören. Es würde seine nationale Bedeutung für Brut- und Rastvögel verlieren. Ausgleichsmaßnahmen wären in der Praxis undurchführbar. Es fragt sich, ob die Planung nicht endgültig aufgegeben werden muss“, so der pensionierte Auricher Richter Böttcher. Bereits im Dezember 2022 hatte der Verein „Bilanz“ auf die Bedeutung der Wiesenvögel im Gebiet der Trasse hingewiesen.

Derzeit ist die Blitzniederung übrigens eine der wohl größten Baustellen Ostfrieslands. Im dortigen Windpark Ihlow werden im Rahmen des sogenannten „Repowerings“ 26 ältere E-66-Anlagen von Enercon durch 14 neue, rund 200 Meter hohe E-138-Anlagen ersetzt.

Behörde will Vogelart im Entwurf „würdigen“

Die Auricher Landesstraßenbaubehörde teilte auf Anfrage dieser Zeitung mit, dass der Triel, bei dem es sich um keinen standorttypischen Vogel handele, in der Kartierung aus dem Jahr 2016 nicht erfasst wurde. Festzuhalten sei aber, dass diese Vogelart in unserer Region nicht brüte, sondern weiter ziehe. „Beim weiteren planerischen Entwurf wird diese Vogelart jedoch Würdigung finden“, so die Behörde. Hinweise auf den Regenbrachvogel, Seeadler und Löffler seien der Behörde bekannt und würden bei der weiteren Planung ebenfalls berücksichtigt.

Beim ersten Abschnitt, der 13 Kilometer langen Ortsumfahrung Aurich, werden den Angaben zufolge derzeit die Auswirkungen neuer Gesetze und Richtlinien in die Planung eingearbeitet. Diese wolle man nach Abschluss der Aktualisierung der Öffentlichkeit vorstellen. Einen genauen Zeitpunkt dafür könne man aber noch nicht nennen. Das Planfeststellungsverfahren für den Abschnitt hat noch nicht begonnen.

Beim zweiten Abschnitt, dem ebenfalls 13 Kilometer langen Autobahnzubringer Aurich-Riepe, sollen, aufbauend auf die Ergebnisse des Baugrundgutachtens, nun die Straßen- und Umweltplanungen folgen, heißt es von der Behörde nur, ohne weiter ins Detail zu gehen. Eine Genehmigung der Planung durch den Bund lag bislang noch nicht vor.

Derzeit ist die Blitz-Niederung wohl eine der größten Baustellen Ostfrieslands. Der Windpark wird erneuert.Foto: Romuald Banik
Derzeit ist die Blitz-Niederung wohl eine der größten Baustellen Ostfrieslands. Der Windpark wird erneuert.Foto: Romuald Banik

Und für den möglichen dritten Abschnitt, die sogenannte Balkweg-Trasse von Bangstede bis Georgsheil/Uthwerdum, liegt noch gar kein Planungsauftrag vor.

Neue Kostenschätzungen in Arbeit

Die Behörde betont: Arbeitsgruppensitzungen mit Beteiligten unterschiedlicher Institutionen sollen im Planungsprozess wieder stattfinden.

Eine aktualisierte Kostenschätzung für den ersten Abschnitt sei in Bearbeitung. Zum zweiten Abschnitt liege keine aktualisierte Kostenschätzung vor. „Nähere Details können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen“, schreibt Behördensprecher Johannes Booken.

Die geplante Trasse der Bundesstraße 210n mit der Ortsumfahrung Aurich (rote Linie) und dem Autobahnzubringer nach Riepe (blaue Linie).
Die geplante Trasse der Bundesstraße 210n mit der Ortsumfahrung Aurich (rote Linie) und dem Autobahnzubringer nach Riepe (blaue Linie).

Die letzte Kostenschätzung stammt aus dem September 2020, als der Grünen-Bundestagsabgeordnete Sven Kindler (Hannover) eine Anfrage ans Bundesverkehrsministerium stellte. Demnach lagen die hochgerechneten Baukosten für die drei Abschnitte bei insgesamt 263 Millionen Euro, davon 117 Millionen für die Ortsumfahrung Aurich, 114 Millionen für den Autobahnzubringer nach Riepe und 32 Millionen für den Abzweig nach Georgsheil.

SPD, CDU und FDP sind für die Straße

Zur Erinnerung: Das Projekt B 210 n steht im Bundesverkehrswegeplan 2030 im sogenannten vordringlichen Bedarf. Der Bau wird also vom Bund als besonders wichtig angesehen. Der hiesige Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (SPD) sieht den Bau der neuen Bundesstraße als notwendig für den mittelostfriesischen Raum an, ebenso wie CDU und FDP. Klar dagegen sind vor allem Grüne und Linke.

Im Computermodell aus dem Jahr 2015 fahren schon Autos auf der geplanten Auricher Ortsumgehung B 210 n. Grafik: Landesstraßenbaubehörde
Im Computermodell aus dem Jahr 2015 fahren schon Autos auf der geplanten Auricher Ortsumgehung B 210 n. Grafik: Landesstraßenbaubehörde

Behördenchef Frank Buchholz hatte zuletzt im September 2023 betont, der Bau der Straße sei trotz Forderungen nach mehr Klimaschutz und Verkehrswende notwendig. Die Zulassungszahlen von Autos stiegen stetig weiter, auch in Ostfriesland. Das Aufbohren der B 72 Aurich-Hesel sei keine Alternative zur B 210 n, sondern ein ebenfalls notwendiges Projekt.

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