Video zeigt Spatenstich  Maibaum-Klau in Aurich wirft Fragen auf

| | 03.05.2024 21:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
So sah der Maibaum am Abend des 30. April und auch noch am 1. Mai aus – trotz einer zwischenzeitlichen Klau-Aktion. Foto: Karin Böhmer
So sah der Maibaum am Abend des 30. April und auch noch am 1. Mai aus – trotz einer zwischenzeitlichen Klau-Aktion. Foto: Karin Böhmer
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Der Maibaum wurde offenbar geklaut – wenn auch nicht abtransportiert. Eine Ablöse wird gleichwohl gezahlt. Es geht aber auch um mehr Helfer für die Zukunft.

Aurich - In Extum und Norden war am Morgen des 1. Mai gähnende Leere, wo vorher ein Maibaum gestanden hatte. In der Auricher Innenstadt war das anders, doch auch dort gab es einen Maibaum-Klau – im Stillen.

Laut Arno Fecht vom Ausrichter-Verein der Auricher Altstadt-Gastronomie haben die Veranstalter erst zwei Tage später ein Video zugesandt bekommen, das einen Jugendlichen zeigt, wie er mit einem Spaten je dreimal von drei Seiten gegen den Baum schlägt. Da der Baum auf einer Pflasterfläche vor dem Rathaus steht, sind die klassischen Stiche in den Boden nicht möglich.

Sascha Hellwig (rechts) legte beim und gleich nach dem Aufstellen Hand an. Er war auch der Hauptorganisator der Feier. Foto: Karin Böhmer
Sascha Hellwig (rechts) legte beim und gleich nach dem Aufstellen Hand an. Er war auch der Hauptorganisator der Feier. Foto: Karin Böhmer

Mitgenommen wurde der 23 Meter lange Baum allerdings nicht. Sascha Hellwig, Hauptorganisator der Feier und Betreiber des „Tresor“ und des Stadtcafés, sagte, dass die Jugendlichen durchaus über einen eigenen Baum verfügt haben – eine der Grundregeln, um auf Diebeszug zu gehen. Sie hätten den Auricher Baum dann aber weder abtransportieren können noch dort weiter Wache gehalten. So gesehen, sei der Diebstahl nicht ganz vollzogen worden. „Wir erkennen den Mut aber an und haben die Forderung – vier Kisten Bier – natürlich beglichen.“

Unbewacht in der morgendlichen Dämmerung

Die Auricher Maibaumfeier war bei bestem Wetter sehr gut besucht – die Gastronomen auf dem Platz hatten alle Hände voll zu tun. Im vergangenen Jahr hatte die Sportschule Tao die Bewachung des Baums im Wesentlichen übernommen. Laut Fecht war das in diesem Jahr wegen eines sportlichen Auswärtswettkampfs am 1. Mai nicht möglich. Deshalb habe die Jugendgruppe der Pinte sich bereiterklärt und Wache geschoben. Am Ende habe Sascha Hellwig noch Wache gehalten – aber nur bis es hell wurde, und nicht bis zum meteorologischen Sonnenaufgang um 5.55 Uhr. Diese Phase nutzten die Diebe.

Hellwig sagte, dass die Ausrichter trotz des kleinen Zwischenfalls mehr als zufrieden mit der Feier waren. Es seien viele Leute da gewesen, die alle schön und vernünftig gefeiert hätten. Es habe keinerlei Probleme gegeben. Auch der Georgswall habe sich als schöner Ort erwiesen. Dennoch solle die Feier im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder auf dem Marktplatz stattfinden, so Hellwig.

Wenig Hilfe von Vereinen

Der unvollendete Maibaum-Diebstahl wirft gleichwohl Fragen auf. Denn während in anderen Dörfern oft mehrere Vereine die Feiern stemmen und sich bei den Wachen ablösen, hatten die Altstadt-Gastronomen bei der Vorbereitung nur Hilfe vom Auricher Schützenverein.

Der Auricher Schützenverein übernahm mit Unterstützung der Altstadt-Gastronomen in diesem Jahr das Schmücken. Foto: Karin Böhmer
Der Auricher Schützenverein übernahm mit Unterstützung der Altstadt-Gastronomen in diesem Jahr das Schmücken. Foto: Karin Böhmer

Die Traditionsabteilung der Schützen werde sich sicherlich auch im nächsten Jahr wieder einbringen so Fecht. Insgesamt wollen die Gastronomen die Feier laut Hellwig aber gerne auf breitere Füße stellen und in Kürze Auricher Vereine anschreiben, ob sie sich einbringen wollen. Hellwig erwähnte beispielsweise die Feuerwehr, die auch schon für dieses Jahr Hilfe für das Abnehmen der Schlaufe zugesagt hatte. Das habe dann aber Gerstmeier Immobilien übernommen, so Hellwig.

Fecht: Auch in Aurich gibt es genug potenzielle Anpacker

Laut Fecht gibt es in Aurich zwar keine Dorfjugend, aber beispielsweise den CVJM oder die Sportvereine. Viele Vereine würden von der Stadt bezuschusst und könnten sich an so einer Stelle einbringen. Die Gastronomen hätten die Maibaumfeier übernommen, als es vor einigen Jahren keinen anderen Ausrichter gab. Aber die Organisation sei im Innenstadtbereich aufwendiger, als sie aussehe. Und in diesem Jahr sei mit der Verlegung des Standorts zum Georgswall auch recht kurzfristig einiges neu zu planen gewesen.

Gerstmeier Immobilien half dabei, die Schlaufe vom Stamm zu entfernen. Foto: Karin Böhmer
Gerstmeier Immobilien half dabei, die Schlaufe vom Stamm zu entfernen. Foto: Karin Böhmer

Für die Altstadt-Gastronomen sei es laut Fecht kein Problem, das Projekt wieder in andere Hände zu geben. Sie stünden gerne helfend zur Seite und gäben beispielsweise einen Obolus, wenn sich ein Verein für den Maibaum fände und die Gastronomen die Bewirtung machen würden. In der Innenstadt sei es leider komplizierter als auf den Dörfern. Da komme der DJ oft vom ausrichtenden Verein und lege ehrenamtlich auf. Die Altstadt-Gastronomen könnten die Veranstaltung nur mit mehr Hilfe wuppen.

Kritik am Ortsrat

Auch der Ortsrat sei im Umfeld der Maibaum-Feier kaum vertreten gewesen, so Fecht. Mit ihm, Reinhard Warmulla (Linke) und Saskia Buschmann (CDU) waren zwar drei Stadtratsmitglieder da, um zu organisieren oder eine Wache zu übernehmen. Der frühere Ratsherr Udo Haßbargen (SPD) übernimmt immer noch den Transport des Baumes an seinen Bestimmungsort. Der Ortsrat halte sich aber nach seinem Engagement im Jahr 2017 nun wieder sehr zurück, klagte Fecht.

2017 übernahm der Ortsrat zusammen mit den Gastronomen in der Marktpassage die Organisation der deutlich abgespeckten Maifeier. Foto: Wilfried Gronewold
2017 übernahm der Ortsrat zusammen mit den Gastronomen in der Marktpassage die Organisation der deutlich abgespeckten Maifeier. Foto: Wilfried Gronewold

Ortsbürgermeister Timo Mehlmann (SPD) sagte, seit er im Amt sei und nach Corona wieder ein Maibaum aufgestellt werde, sei er noch nicht auf die Maibaum-Feier angesprochen worden – weder von den Ausrichtern noch aus dem Gremium heraus. Am 30. April hatte er Spätschicht. Aber der Ortsrat könne das Thema nun auf die Agenda setzen.

So lief es früher ab

Ein Blick ins Archiv verrät, dass 2006 die Maibaumfeier mit einem Umzug begann. Die Wache übernahm die Jugend des MTV Aurich, gefolgt von den Jusos, den JuLis und der Jungen Union in einer „großen Koalition“, wie es damals scherzhaft hieß. Die Rosen hatte die Stadtführervereinigung im Vorfeld produziert.

Vor zehn Jahren war die Maibaumfeier eine Großveranstaltung, in die viel städtisches Geld floss – konkret 12.000 Euro. Das lag daran, dass der Betriebshof bei der Feier einen großen Teil der Arbeit machte. Der Heimatverein war mit seinen Volkstänzern da, Stadt, Ortsrat, Kaufleute, Verkehrsverein und Männergesangverein beteiligten sich am Schmücken und Wachen. Dann wirkte sich 2015 der erste Auricher Haushaltseinbruch aus. Das Organisationsteam blieb zusammen, aber die Feier auf dem Marktplatz wurde um rund 2000 Euro abgespeckt. Rund 50 Auricher folgten damals einem Aufruf von Ortsbürgermeister Sebastian Schulze (SPD) und Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst zum Girlandenbinden, darunter Vertreter von Auricher Vereinen und Verbänden, Ratsmitglieder, Gastronomen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung.

In Finanzkrise nahm Ortsrat das Heft in die Hand

2017 verzichtete die Innenstadt auf den städtischen Zuschuss und wählte die Marktpassage als Aufstellort. Der Ortsrat und die dortigen Gastronomen organisierten die Feier. Der nur noch sieben Meter lange Baum wurde mit Muskelkraft aufgestellt, Stamm und Tannengrün wurden gestiftet.

2017 sah es in Aurich fast aus wie auf dem Dorf. Foto: Karin Böhmer
2017 sah es in Aurich fast aus wie auf dem Dorf. Foto: Karin Böhmer

2018 gab der Ortsrat die Verantwortung für die Feier offiziell per Beschluss wieder ab. Der neu gegründete Verein der Altstadt-Gastronomie übernahm „mit offiziellem Auftrag“. Nach Kritik am neuen Standort wurde die Feier wieder auf den Marktplatz verlegt. Schon damals gab es Unzufriedenheit, weil sich die Vereine mehr einbringen könnten. Die Auricher Schützen kamen daraufhin mit ins Boot. Zudem kamen bei einer Spendenaktion 800 Euro von Bürgern zusammen. Auch die Schausteller und mehrere Gewerbetreibende beteiligten sich. Insgesamt lag das Spendenaufkommen bei 4300 Euro. Damals wurde die Feier am Folgetag noch fortgesetzt – mit einem Maischollenessen. Zudem fanden in direkter Nachbarschaft die Maikundgebung des DGB und später der Ossiloop-Einlauf statt.

2019 stand der Baum der Altstadt-Gastronomen dann erstmals am Rathaus. Die Volkstanzgruppe eröffnete die Feier. Da der Bürgermeister- und Landratswahlkampf begonnen hatte, waren viele Politiker vor Ort. Spenden waren ohne große Aufrufe ausreichend zusammengekommen. Es gab wieder das Maischollenessen am 1. Mai.

2020 machten die Corona-Maßnahmen einen Strich durch die Rechnung. 2023 übernahmen die Schützen mit den Gastronomen wieder das Schmücken. Die Wache wurde komplett durch die Karategruppe der Sportschule Tao sichergestellt. Damals folgte am 1. Mai ein Familienfest auf dem Marktplatz.

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