„Auricher Erklärung“ Jäger machen beim Thema Wolfsmanagement Druck
Ein Jahr nach ihrem ersten politischen Vorstoß halten die Jägerschaften der Küste einen Kipppunkt für erreicht. Wölfe nähmen überhand. Ein Schäfer berichtete vom Angriff auf seine Schafe.
Aurich - Gut ein Jahr nach der Unterzeichnung der „Auricher Erklärung“ der Küstenjägerschaften haben die Jäger am Donnerstag im Sandhorster Krug in Aurich noch einmal nachgelegt – und sich Unterstützung ins Boot geholt. Auch Landrat Olaf Meinen, Bürgermeister Horst Feddermann, Heiko Albers vom Wasserverbandstag und Detlef Grüßing als Vertreter des Landwirtschaftlichen Hauptvereins waren da.
Gernold Lengert, stellvertretender Bezirksvorsitzende der ostfriesischen Jägerschaft, warnte eindringlich, dass der Kipppunkt bald erreicht sei. Die Wölfe hätten sich in Niedersachsen so ausgebreitet, dass ihre Population bald explodieren werde. Dieser Entwicklung schaue die Politik weiterhin zu. Sie müsse nun aber mit dafür sorgen, dass die Jäger das Wildtier Wolf rechtssicher bewirtschaften könnten, so Lengert. Übersetzt: Der Wolf soll wie andere Wildtiere ein „Bestandsmanagement“ bekommen. Dabei gehe es nicht nur darum sogenannte Problemwölfe rechtssicher entnehmen zu können, sondern darum, die Population zu begrenzen.
Schäfer berichtet unter Tränen
Gerade in den Küstengebieten seien Übergriffe von Wölfen auf Schafe eine Gefahr für die Deichsicherheit und somit auch für die Bewohner der Landstriche, mahnte Lengert.
Schäfer Wilfried Wachtendorf berichtete von seiner 40-jährigen Leidenschaft für seine Schafe und von seinen Zuchterfolgen bei den vom Aussterben bedrohten Coburger Fuchsschafen. Unter Tränen berichtete der Hobbyschäfer von den drei Morgen im Juni 2021 sowie im Februar und April dieses Jahres, als er tote und verletzte Schafe auf der Weide fand.
Besonders zugesetzt habe ihm der Anblick der schwer verletzten Tiere. Vor zwei Wochen sei eines der Tiere enthauptet gewesen, das Rückenvlies sei großflächig abgerissen gewesen. Ein Schaf sei am Hals verletzt gewesen. Bei jedem Atemzug sei Blut aus der Wunde gesprudelt. Er habe mit den verletzten Tieren anderthalb Stunden auf den Tierarzt warten müssen.
Grauenhafte Verletzungen
Beim ersten Riss habe der Wolf einem Schaf bei lebendigem Leib drei Rippen durchgefressen. Bei einigen Tieren seien die Verletzungen erst nach Stunden sichtbar geworden. Einem sei der ganze After abgebissen worden. Er habe mehrfach über das Aufhören nachgedacht. „Aber ich kann nicht ohne Schafe“, so Wachtendorf.
Der Präsident des Wasserverbandstages sagte, dass eine Absicherung der Deiche theoretisch zwar auch ohne Beweidung möglich sei, wie in Bremen und Cuxhaven. Dies sei aber unverhältnismäßig teuer und weniger nachhaltig. Die Schafhaltung habe viele Vorteile und solle beibehalten werden. Der Wolf sei mit hoher Dominanz in eine Kulturlandschaft zurückgekehrt. Politisch müsse geregelt werden, dass er Abstand zu Küste und Deichen einhalte.
Grüßing berichtete, dass das Vorkommen von Wölfen schon jetzt Folgen habe: Immer mehr Landwirte ließen ihre Tiere im Stall – mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität. Das konterkariere alle Bemühungen um die Erhaltung der Weidehaltung. Er selbst sei auch Milchbauer. Jungtiere und hochtragende Tiere müssten schon jetzt im Stall bleiben. Sollte es einen Riss geben, werde er komplett auf Stallhaltung umstellen. Gerade kleinere Höfe könnten das aber nicht und seien die Verlierer.
Kein Vertrauen in Minister
Olaf Meinen berichtete von zutiefst besorgten Pferdezüchtern und von einem Treffen von elf Landräten mit Umweltminister Christian Meyer in Uelzen. Der Minister habe den Eindruck gemacht, dass er die Sorgen verstehe und handeln wolle, so Meinen: Er habe sogar zugesagt, eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes anzustoßen, „Da kommt er nicht mehr raus, darauf werden wir ihn festnageln“, so Meinen. Lengert konnte dies nur eine spöttische Bemerkung entlocken: Meyer mache oft den Eindruck, dass er handeln werde – tue es dann aber nicht.
Landesjäger-Präsident Helmut Dammann-Tamke lobte den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) für seine Vorstöße im Bundesrat. Weil müsse übe die Landespartei die Dringlichkeit aber auch zu den Verantwortlichen in Berlin tragen, unter anderem zu Lars Klingbeil und Matthias Miersch.
Kritik am „Schnellabschussverfahren“
Das von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) vorgelegte „Schnellabschussverfahren“ sei unzureichend, kritisierte Dammann-Tamke. Auch wenn alle Landesumweltministern es gefeiert hätten, habe vor Gericht keinen Bestand, so Dammann-Tamke, der fast 20 Jahre lang selbst Mitglied im Landtag war. Es sei nötig, das Bundesnaturschutzgesetz schnellstmöglich zu ändern. Die Änderung des Schutzstatusses des Wolfes auf EU-Ebene sei ebenfalls Ziel, dauere aber für eine schnelle Lösung zu lange.
Die Küstenjägerschaften fordern nun in ihrer Zweiten Auricher Erklärung, dass die Vereinbarungen in den Koalitionsverträgen in Berlin und Hannover umgesetzt werden, dass Stephan Weil Druck auf die Bundesregierung auszuüben, auf EU-Ebene den Schutzstatus zu senken. Außerdem wolfsfreie Zonen an der Küste und eine Bestandsregulierung.