Lösungen für 250 Euro  Betrugsversuche bei Deutschtests im Kreis Aurich

| | 21.04.2024 17:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kursteilnehmer haben ihre Zertifikate nach bestandenen Deutschtests für Zuwanderer erhalten. Foto: Sven Hoppe/DPA
Kursteilnehmer haben ihre Zertifikate nach bestandenen Deutschtests für Zuwanderer erhalten. Foto: Sven Hoppe/DPA
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Bei den Deutschtests für Zuwanderer hat es im Kreis Aurich mutmaßlich zwei Betrugsfälle gegeben, die mit einer bundesweiten Masche zusammenhängen. Die Behörden sind alarmiert.

Aurich - Wollen Zuwanderer länger in Deutschland bleiben, oder sogar einen deutschen Pass beantragen, müssen sie an sogenannten Integrationskursen teilnehmen. Wesentlicher Bestandteil ist ein Deutschtest. Bei den Prüfungen ist es Recherchen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zufolge in der Vergangenheit jedoch zu Betrugsfällen gekommen. Betroffen ist mutmaßlich auch der Landkreis Aurich.

Für rund 250 Euro sollen die Prüfungsfragen und Lösungen laut der WDR-Recherche im Messenger-Dienst Telegram angeboten worden sein. So soll die Aufnahme in die Gruppe mit 50 Euro berechnet worden sein. 200 Euro ließen sich die Täter für die Prüfungsfragen und Lösungen zahlen.

Zwei mögliche Fälle im Kreisgebiet

Unsere Redaktion hat beim Landkreis Aurich nachgefragt, ob es hier derartige Vorfälle gegeben hat. Die Antwort: Die Behörde hat Hinweise auf zwei mögliche Vorfälle im Kreisgebiet. Demnach wurden die Verdachtsfälle an die zuständigen Stellen, nämlich das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und die Gesellschaft für Akademische Studienvorbereitung und Testentwicklung (G.A.S.T.) gemeldet. Seitens des Landkreises Aurich wurden die Verdächtigen zunächst von weiteren Prüfungen im Zuständigkeitsgebiet der Behörde ausgeschlossen.

Die Prüfungsaufgaben sind von Prüfung zu Prüfung unterschiedlich. Auch deshalb ist bislang unklar, wie die Täter an die offensichtlich korrekten Lösungen für die Aufgaben gekommen sind. Die zuständigen Stellen verweisen auf hohe Sicherheitsstandards.

Die Deutschtests dienen als Abschluss des sprachlichen Teils der Integrationskurse in Deutschland. Sie sind Voraussetzung dafür, dass die Zuwanderer dauerhaft in Deutschland bleiben, oder einen deutschen Pass beantragen dürfen. In den Deutschtests muss das Sprachniveau B1 nachgewiesen werden, das für eine fortgeschrittene Anwendung der deutschen Sprache steht. Seit 2005 werden die Integrationskurse durchgeführt.

So viele Zuwanderer schlossen Test 2022 ab

Wie aus dem Migrationsbericht des Landkreises Aurich für das Jahr 2022 hervorgeht, umfassen die Sprachkurse je nach Spezifikation einen Umfang von 600 bis 900 Unterrichtseinheiten. Dem Sprachkurs folgt ein sogenannter Orientierungskurs, in dem Kenntnisse über die deutsche Geschichte und Kultur vermittelt werden. Auch dieser Teil schließt mit einer Prüfung ab. Angeboten wurden die Kurse im Jahr 2022 von den Kreisvolkshochschulen Aurich-Norden, dem Europahaus in Aurich und der Johanniter Unfallhilfe.

156 Zuwanderer haben die Integrationskurse im Jahr 2022 abgeschlossen. 169 befanden sich seinerzeit noch in laufenden Kursen, die erst später abgeschlossen wurden. Sie werdenvermutlich im Migrationsbericht für das Jahr 2023 aufgeführt, der bislang noch nicht vorliegt. Zwei Drittel der Zuwanderer, die 2022 an Prüfungen für Sprachtests im Kreisgebiet teilnahmen, erreichten das Sprachniveau B1.

Es gibt auch andere Schummelversuche

Während sich der Verdacht nach der geschilderten Betrugsmethode im Kreis Aurich auf zwei Fälle beschränkt, gibt es immer wieder Versuche, auf andere Art und Weise zu schummeln. „Wie in nahezu allen anderen Prüfungssituationen, kommt es auch bei den Deutschtests für Zuwanderer gelegentlich zu Schummelversuchen“, so die Kreisverwaltung. Unter anderem werde mit anderen Prüflingen geredet oder das Smartphone mitgeführt. Um das zu verhindern, würden Prüfer geschult und die Teilnehmer erhielten entsprechende Hinweise.

Auf die Betrugsmasche über Telegram waren die WDR-Journalisten durch eine Prüfungsteilnehmerin aufmerksam geworden. Diese sei bei ihrer eigenen Prüfung verwundert darüber gewesen, dass einige Teilnehmer besonders schnell fertig waren. Von einer Kursteilnehmerin habe sie dann von der Möglichkeit erfahren, die Lösungen bei Telegram zu kaufen.

Bislang ist nicht ganz klar, wie die Anbieter an die Lösungen gekommen sind. Die Aufgaben wechseln von Prüfung zu Prüfung. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) werden die Unterlagen in Sicherheitsumschlägen verschickt. Es liegt der Verdacht nahe, dass diese von einer Person in der Prüfungsstelle geöffnet und abfotografiert wurden, wie Benjamin Beckmann dem WDR sagte. Er ist der zuständige Referatsleiter für die Integrationskurse beim BAMF.

Kreis meldet Fälle an Behörden

Im BAMF und dem von der Behörde mit der Abwicklung der Tests beauftragten Verein G.A.S.T. läuft seit Bekanntwerden der WDR-Recherche die Suche nach der Lücke, um diese zu schließen. Wie genau das vonstattengehen soll, wird jedoch nicht mitgeteilt. Man wolle es denjenigen, die an den Betrügereien beteiligt sind, nicht zu leicht machen.

Der Landkreis Aurich hat die beiden hiesigen Verdachtsfälle an das BAMF und G.A.S.T. gemeldet. Für die Zuwanderer kann ein bestätigter Betrugsversuch bedeuten, dass ihre Prüfung nicht ausgewertet wird und sie am Standort keine neue Prüfung ablegen dürfen.

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