Nach Panne beim Abitur  Auricher Schüler fordern Konsequenzen

| | 12.04.2024 20:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Die Abiturienten gehen in der Regel penibel vorbereitet und ausgestattet in die Prüfung. Am Donnerstag wurde das kräftig durcheinandergewirbelt. Foto: DPA
Die Abiturienten gehen in der Regel penibel vorbereitet und ausgestattet in die Prüfung. Am Donnerstag wurde das kräftig durcheinandergewirbelt. Foto: DPA
Artikel teilen:

Der Kreisschülerrat Aurich beklagt unfaire Bedingungen für die Politik-Prüflinge. Ein Abiturient und ein Schulleiter berichten von aufreibenden Stunden.

Aurich/Niedersachsen - Für große Aufregung sorgte am Donnerstag die Panne bei den Politik/Wirtschaft-Klausuren beim Abitur in Niedersachsen. Nach einem Einbruch in eine Goslarer Schule mussten die Ersatzaufgaben an allen Schulen heruntergeladen werden. Die Prüfung begann mit 90 bis 120 Minuten Verspätung.

Der Landesschülerrat erhob am Freitag schwere Vorwürfe gegen das Kultusministerium. Das technische Versagen des Ministeriums sei nicht hinnehmbar. So eine Situation komme zum wiederholten Male vor, entsprechend müssten Vorbereitungen getroffen werden.

Die Kommunikation zwischen Ministerium und etlichen Schulen sei schlecht gewesen, heißt es in der Mitteilung des Landesschülerrats. In einer Schule in Drochtersen seien die Schüler erst nach 11 Uhr über die Panne informiert worden, als sie zum Teil die ursprüngliche Klausur schon abgegeben hatten, oder aber die Aufgaben zu einem großen Teil gelöst hatten. Etliche Schüler in Niedersachsen seien auch nicht oder unzureichend über die Möglichkeit informiert worden, die Klausur im Mai nachzuholen. Zudem hätten die Prüflinge diese Entscheidung unter großem Druck treffen müssen.

Entschuldigung und eine Hochstufung gefordert

Der Landesschülerrat fordert eine Entschuldigung des Kultusministeriums und die pauschale Hochstufung der Note um einen Punkt, um den entstandenen Nachteil auszugleichen. Außerdem müssten die technischen Probleme beim Download und die teils schlechte Kommunikation zwischen Schulen und Ministerium aufgearbeitet und verbessert werden. Eine Petition zu dem Nachteilsausgleich war am Freitagnachmittag bereits rund 16.000-mal unterschrieben.

Zu Beginn des Prüfungstages am Donnerstag mussten die Schüler 90 bis 120 Minuten ausharren, bis sie die Ersatzaufgaben hatten. Foto: DPA
Zu Beginn des Prüfungstages am Donnerstag mussten die Schüler 90 bis 120 Minuten ausharren, bis sie die Ersatzaufgaben hatten. Foto: DPA

Diesen Forderungen schließt sich der Kreisschülerrat aus Aurich explizit an, wie Kreisschülersprecher Len Löning mitteilte. Der Kreisschülerrat stellt fest, dass die betroffenen Schüler deutlich länger in voller Konzentration bleiben mussten als üblich, nämlich 420 statt 300 Minuten. In der Zeit des Wartens, mit immer neuen Angaben über den Klausurbeginn, mussten die Prüflinge „den eigenen Fokus hochhalten und sozusagen zu jeder Zeit bereit sein zu schreiben“, so Löning. Eine Vergleichbarkeit mit Prüflingen anderer Fächer sei nicht gegeben.

Auricher Schülerrat befürchtet Schummelversuche

Da an den niedersächsischen Schulen zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit den Nachschreibklausuren begonnen wurde, bestehe ein „erhöhtes Risiko, dass die neuen Klausuren innerhalb der Zeit verbreitet wurden und einige Prüflinge unfaire Vorteile erlangen konnten“, so der Kreisschülerrat.

In Niedersachsen seien die Schulen ganz unterschiedlich mit der Situation umgegangen, hätten unterschiedliche Informationen über Nachschreibtermine gegeben. „Jede Vergleichbarkeit ist verloren gegangen und damit auch jede Fairness“, bemängelt der Auricher Schülerrat.

Schüler: Konzentrationstief zwischen 13 und 14 Uhr

Lorenz Bahro war einer von 24 Schülern, die im Gymnasium Ulricianum Aurich mit der Situation umgehen musste. Am Folgetag berichtete er, dass er zwischen 13 und 14 Uhr ein deutliches Abflachen der Konzentration verspürt habe. „Das war schon sehr belastend.“ Bei seiner Geschichtsklausur am Montag sei er bis zum Ende um 13 Uhr konzentriert gewesen.

Lorenz Bahro (hier in einem Theaterstück) war einer der Schüler, der sich sieben Stunden lang konzentrieren musste. Foto: Stephan Friedrichs
Lorenz Bahro (hier in einem Theaterstück) war einer der Schüler, der sich sieben Stunden lang konzentrieren musste. Foto: Stephan Friedrichs

Und: „Der Stress ist morgens bei allen sehr hochgezogen, weil immer wieder andere Zeiten angekündigt wurden.“ Dann sei aber gesagt worden, dass alle sich bis 8.45 Uhr noch einmal bewegen dürfen. Als klar war, dass die Klausur heruntergeladen ist, sei die Anspannung etwas weniger geworden. „Hätte das alles bis 11 Uhr gedauert, hätten viele von uns nicht mehr geschrieben an dem Tag“, sagte Bahro.

Nachschreibtermin passt nicht in Lernplan

Er sei froh, dass er die Ursprungsaufgaben nicht zu Gesicht bekommen habe, so der Abiturient. Mit den Ersatzaufgaben seien nach seinem Eindruck alle Teilnehmer klargekommen. Weil es schon seine zweite Klausur gewesen sei, sei ihm das Warten am Morgen aber wohl leichter gefallen als vielen Mitschülern, für die es die erste Klausur war. Am Montag sei er auch sehr viel aufgeregter gewesen angesichts der unbekannten Prüfungssituation als am Donnerstag vor Schulbeginn.

Er selbst habe auf keinen Fall erst im Mai schreiben wollen. Dann müsse er für zwei andere wichtige Prüfungen, unter anderem in Mathematik, lernen. Und solche Überlegungen hätten wohl auch seine Mitschüler angestellt.

In Marienhafe gibt es einige Nachschreiber

An der IGS Marienhafe-Moorhusen waren die ursprünglichen Aufgaben laut Schulleiter Kai-Dieter Hoop schon verteilt. Es hatte aber noch keiner der 19 Abiturienten viel geschrieben. Die Schüler wüssten nun aber, welche Aufgaben sie hätten lösen sollen. Wem die besser gelegen hätten, der ärgere sich vermutlich, so Hoop.

Handys sind tabu bei den Prüfungen. In Marienhafe-Moorhusen konnten die meisten Eltern durch die Schule über die Panne informiert werden. Foto: DPA
Handys sind tabu bei den Prüfungen. In Marienhafe-Moorhusen konnten die meisten Eltern durch die Schule über die Panne informiert werden. Foto: DPA

Insgesamt vier Teilnehmer hätten sich entschlossen, den Nachschreibtermin wahrzunehmen. Der Großteil der Schüler habe aber auch wegen der noch anstehenden Prüfungen und ihres Lernplans entschieden, die Klausur trotz der Aufregung am Morgen zu schreiben. Darüber sei er sehr froh, so Hoop. Denn die Schüler hätten ihre Lernpläne gemacht und noch einiges vor sich.

Schule spendierte Pizza

Die Schule habe sich bemüht, alle Eltern zu kontaktieren, damit diese nicht mittags vergeblich warten oder sich wegen der Panne Sorgen machen. Die Schüler hätten bis zum verspäteten Start der Prüfung den Raum verlassen dürfen, um sich zu bewegen und abzulenken. „Über die kommenden Aufgaben austauschen konnten sie sich ja nicht“, so Hoop.

Die Schule habe in der Mittagszeit Pizza und Wasser spendiert, damit die Schüler nicht in Proviantnot kamen.

Auch die Lehrkräfte waren angespannt

Nach dem Download seien die betroffenen Lehrkräfte froh gewesen, dass gute Geräte im Haus sind, die die Klausuren gleich sortiert kopiert hätten. „Die Aufregung war aber da, nicht nur bei den Schülern“, sagte Hoop. „Man sieht die Schüler und fragt sich: Was tut man denen da jetzt an?“ Er selbst sei bei dem Download auch „etwas nervöser“ gewesen als bei einem normalen Download. Mehrfach müssten Kennwörter eingegeben werden, die Klausuren seien eigentlich gut gesichert. „Nach dem Download setzte dann aber die Routine ein“, so der Schulleiter.

Schulleiter Kai-Dieter Hoop war beim Download am Donnerstag etwas aufgeregter als sonst. Foto: Thomas Dirks
Schulleiter Kai-Dieter Hoop war beim Download am Donnerstag etwas aufgeregter als sonst. Foto: Thomas Dirks

Dass die Schüler sehr unter Stress gestanden hätten und sich sehr lange konzentrieren mussten, stehe außer Frage. Es sei aber Sache des Kultusministeriums zu entscheiden, wie es nun weitergehe. „Wir haben wenig Spielraum bei der Korrektur“, so Hoop. Das Kultusministerium könne nichts dafür, dass die Klausuren durch einen Einbruch so kurzfristig vor dem Termin öffentlich geworden seien.

Kultusministerin bleibt Entschuldigung vorerst schuldig

Kultusministerin Julia Willie Hamburg blieb am Freitag die Entschuldigung an die Schüler und die Zusage für eine Hochstufung zwar schuldig, räumte aber Verbesserungsbedarf ein. Die Situation sei durch „eine unvorhersehbare kriminelle Tat von Unbekannten“ entstanden. Das Ministerium bereite sich auf verschiedene Szenarien - unter anderem das Bekanntwerden der Aufgaben vor dem Schreibtermin - vor. „Mit einem immer wieder angepassten und erprobten Notfallszenario konnten wir deshalb dennoch relativ schnell sicherstellen, dass die Prüfungen - wenn auch mit verspätetem Start - am vorgesehenen Prüfungstag geschrieben werden konnten“, so die Ministerin.

Ähnliche Artikel

Zudem sei entschieden worden, dass Schülerinnen und Schülern die Option eingeräumt wird, einen Nachschreibtermin zu wählen, sofern sie sich aufgrund des Zeitverzugs und einer Belastung durch die Unwägbarkeit der Situation nicht zum Schreiben der Prüfung in der Lage gesehen hätten.

Abläufe sollen überprüft werden

Für die Zukunft sollen die Probleme aufgearbeitet werden: „Sicher ist die Bewältigung der besonderen Lage am Morgen in den Schulen unterschiedlich gelaufen und wir nehmen die eingehenden Hinweise und eingehende Kritik sehr ernst“, so Hamburg. „Unterm Strich können wir festhalten, dass zum großen Teil schnell, konsequent und umgehend agiert wurde und eine Lösung der Situation vorgenommen wurde. Wir schauen uns nun ungeklärte Situationen an und werden sie schnellstmöglich klären. Das gilt auch für die Abläufe insgesamt. Wir werden anhand dieses Fallbeispiels prüfen, inwiefern wir noch besser werden können oder Handlungsbedarfe identifizieren.“