Vernetzung per Online-Portal  In Aurich finden sich Fahrgemeinschaften nun online

| | 24.03.2024 18:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Klimaschutzmanager Tjarko Tjaden (links) und Mobilitätsplaner Volker Alberts hoffen, dass bald mehr Auricher gesellig zur Arbeit fahren und was fürs Klima tun. Foto: Karin Böhmer
Klimaschutzmanager Tjarko Tjaden (links) und Mobilitätsplaner Volker Alberts hoffen, dass bald mehr Auricher gesellig zur Arbeit fahren und was fürs Klima tun. Foto: Karin Böhmer
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Werktags pendeln mehr als 13.000 Menschen nach Aurich. Die Stadt bietet nun ein Portal, mit dem Nutzer Treibhausgas und bares Geld sparen können.

Aurich - Würde er nicht so gerne mit dem Fahrrad fahren, wäre der Auricher Klimaschutzmanager Tjarko Tjaden ein perfekter Kandidat für das neue Angebot der Stadt: Auf dem Mitfahr-Portal „Pendla“ können sich Berufspendler mit Arbeitsplatz in Aurich kostenlos registrieren und bekommen dann Vorschläge für Fahrgemeinschaften angezeigt. Kommunen und Unternehmen können sich bei dem Dienstleister registrieren und für ihre Bürger oder Beschäftigten dieses Vernetzungsangebot schaffen.

Tjaden wohnt in Wrisse. Und begeistert stellte er schon wenige Tage nach Freischaltung des Portals fest: „Direkt an meiner Haustür fahren zwei registrierte Nutzer vorbei, die mich mitnehmen könnten.“ Diese Erfahrung teilt Volker Alberts, der neue Mobilitätsplaner bei der Stadt. Auch er hätte für seine Adresse in Ihlow sofort Mitfahrgelegenheiten gefunden, sagte er.

Über die App einen Kollegen im Rathaus „gefunden“

„Einer von meinen Treffern arbeitet sogar ebenfalls im Rathaus“, sagt Tjaden. „Ohne Pendla hätte ich das nicht gewusst, weil wir in unterschiedlichen Abteilungen sind.“ Das verdeutlicht eins: Die Entstehung von Fahrgemeinschaften beruht meist auf Zufall. Wer sich nicht kennt und dann noch verabredet, findet nicht zusammen.

Seit Anfang März ist das Portal freigeschaltet. Nur wenig später hatten sich mehr als 70 Interessierte für Mitfahrgelegenheiten eingetragen, wie Tjaden sagte. Da hatte die Stadt gerade erst mit der Werbung auf Bannern und in sozialen Netzwerken begonnen. Zudem waren die Auricher Unternehmen gerade erst informiert worden, die das neue Angebot ihren Mitarbeitern vorstellen sollen. Sie können sich auch als Zielorte direkt selbst im System registrieren.

Weniger Treibhausgas – und weniger Fahrtkosten

Für Unternehmen könne „Pendla“ durchaus interessant sein. Haben sie sich registriert, werden sie in der Pendla-Karte angezeigt. Wenn der Parkraum knapp sei, könne eine Firma profitieren, wenn sich Beschäftigte für die Fahrt zur Arbeit zusammenschließen. Eine Firma können Fahrgemeinschaften auch belohnen, indem beispielsweise die Parkplätze am Eingang für entsprechende Autos reserviert werden.

Interessierte können sich über die Internetseite der Stadt beim Portal registrieren. Foto: Karin Böhmer
Interessierte können sich über die Internetseite der Stadt beim Portal registrieren. Foto: Karin Böhmer

Die Nutzung der Plattform ist für die Pendler kostenlos. Dass die Stadt eine digitale Mitfahr-Plattform einrichtet, wurde bereits mit dem Klimaschutzkonzept beschlossen. Der Anbieter Pendla ist schon in vielen Kommunen als Anbieter vertreten. Die Stadt hat nun eine eigene Pedla-Präsenz und zahlt einen Cent pro Bürger und Monat für das Angebot für Pendler.

Denn der meiste Verkehr entsteht durch die Fahrten zur Arbeit – meist mit nur einem Insassen im Auto, wie Alberts sagt. Da die Wege und Zeiten für viele Pendler täglich gleich sind, biete sich dieses Mobilitätssegment besonders für Einsparungen an. Und diese reduzieren dann nicht nur den Ausstoß von Treibhausgas, sondern schonen auch den Geldbeutel.

Nutzer müssen nur wenige Daten preisgeben

Wie funktioniert die Mitfahrbörse? Interessierte erreichen Pendla unter https://aurich.pendla.com. Das Angebot ist browserbasiert. Nutzer registrieren sich mindestens mit einem Alias-Namen sowie ihrer E-Mail-Adresse. Optional auch mit Telefonnummer, die anderen Nutzern aber nicht angezeigt wird. Zudem müssen ein Start- und ein Zielort eingegeben werden. Außerdem sollten sie angeben, an welchen Tagen und zu welchen Uhrzeiten sie unterwegs sind und ob sie Mitfahrer mitnehmen oder selbst bei jemandem mitfahren wollen.

Das Programm sucht dann nach Übereinstimmungen mit anderen Nutzern und ordnet die infrage kommenden Profile je nach Umfang der Überschneidung an. Es gibt eine Chatfunktion, um mit anderen Nutzern auf der Plattform in Kontakt zu treten.

Mehr Nutzer als die zum eigenen Profil passenden werden nicht angezeigt. Ebenso wenig habe die Stadt Zugriff auf die Daten, so Tjaden. Es gibt auch keine Tracking-Funktion, die der Stadt Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Nutzerschaft geben würde. Deshalb können Tjaden und Alberts nur verfolgen, wie viele Nutzer sich registrieren und wie viele Fahrgemeinschaften sich freiwillig als solche eintragen.

Modalitäten legt Fahrgemeinschaft selbst fest

Es brauche eine gewisse Nutzerzahl, damit das Angebot attraktiv werde, betont Tjaden. Wenn etwa 200 Nutzer registriert seien, dürfte auch jeder eine Auswahl an Matches haben.

Mit mehreren Bannern wirbt die Stadt für das neue Portal. Foto: Karin Böhmer
Mit mehreren Bannern wirbt die Stadt für das neue Portal. Foto: Karin Böhmer

Wie genau potenzielle Fahrgemeinschaften gebildet werden, ist den Nutzern überlassen. Beim Auricher Klimaschutzmanager als überzeugtem Radfahrer wäre das Pendla-Portal eine Möglichkeit für spontane Einzelverabredungen, falls das Wetter doch einmal zu schlecht wäre. Ebenso können sich feste Fahrgemeinschaften bilden. Oder man ist tageweise in unterschiedlichen Einheiten organisiert.

Ebenso wenig ist vorgegeben, ob die Mitfahrer dem Fahrer etwas zahlen oder einfach Danke sagen. Das sei Sache der individuellen Absprache.

Spürbare Vorteile fürs Portemonnaie möglich

Es gibt keine Bewertungsmöglichkeit für andere Nutzer. Kommt es zu Problemen, kann dies an Pendla oder an Tjaden gemeldet werden. Ansonsten besteht die Möglichkeit, einen anderen Nutzer zu blockieren, sodass die Profile nicht mehr gematcht werden.

Tjaden und Volkerts nennen eine Reihe von Zahlen, die verdeutlichen, wie viele Autofahrten, Treibhausemissionen und wie viel Geld mit Fahrgemeinschaften gespart werden könnten. Bei den ersten 70 registrierten Auricher Nutzern betrug die einfache Fahrtstrecke im Durchschnitt 30,6 Kilometer. Wer werktäglich diese Strecke zweimal fährt, kommt auf 13.700 Kilometer im Jahr. Multipliziert man dies mit den 30 Cent, die ein Kilometer in etwa kostet, kostet die Fahrt zur Arbeit 4110 Euro im Jahr. Wer sich dies zu zweit, dritt oder viert aufteilt, hat spürbare Vorteile.

Fahrgemeinschaften schaffen Möglichkeiten zu Umplanung von Flächen

Setzt man für Benziner den Durchschnittwert von 120 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer an, würden bei der Beispielstrecke in einer regelmäßigen Zweifahrgemeinschaft im Jahr knapp 1,65 Tonnen CO2 eingespart.

Alberts sieht noch weitere Vorteile: Auf der Straße gehe es schneller voran, die Verkehrsanlagen würden weniger belastet – und vor allem sei weniger Parkraum nötig. Das biete Raum für Begrünung und Entsiegelung – beides dringend nötig im Rahmen der Klimafolgenanpassung.

Auch in der Freizeit könnte Portal Menschen verbinden

In Aurich gebe es rund 13.700 Einpendler täglich, so Tjaden. Sie stammten überwiegend aus Südbrookmerland, Großefehn und Ihlow. Es gebe also ein großes Potenzial für die Reduzierung des täglichen Verkehrs.

Schüler, die ebenfalls oft gleiche Strecken und Zeiten haben, gehören nicht zur Zielgruppe der Plattform. Erst ab 18 darf man sich laut Nutzungsbedingungen dort anmelden. Anders sieht es aber bei Mitgliedern von Vereinen aus, wie Tjaden betont. Wer beispielsweise regelmäßig zusammen beim Sport ist, könnte sich über Pendla auch in Fahrgemeinschaften organisieren.

Tjaden und Alberts sind gespannt auf die erste Evaluation im Herbst. Wenn das Portal angenommen wird, sei es auch hinsichtlich der Kosten eine effektive Klimaschutzmaßnahme. „Wenn ich den Treibhausgasausstoß durch individuelle Fahrten verringern will und schaffe ein Angebot wie den Anrufbus, kostet das 300.000 Euro im Jahr. Pendla liegt bei unter 6000 Euro“, so Tjaden.

Bei Fragen zu Pendla steht der Klimaschutzmanager unter der E-Mail-Adresse tjaden@stadt.aurich.de zur Verfügung.

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