Pläne für Zentralklinik im Landkreis Aurich  Gesundheitsminister sieht Akzeptanz der Mehrheit für Zentralklinik

| | 26.02.2024 13:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Der niedersächsische Sozial- und Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi war im November 2023 im Energie-Erlebnis-Zentrum in Aurich zu Gast. Foto: Romuald Banik
Der niedersächsische Sozial- und Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi war im November 2023 im Energie-Erlebnis-Zentrum in Aurich zu Gast. Foto: Romuald Banik
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Kurz vor Übergabe des offiziellen Förderbescheids bekräftigt Dr. Andreas Philippi im ON-Interview die volle Unterstützung für das Mammutprojekt. Und warum es aus seiner Sicht sinnvoll ist.

Aurich/Emden - Auf diesen Moment haben die Verantwortlichen bei Landkreis Aurich, Stadt Emden und Klinik-Trägergesellschaft lange gewartet. Am Dienstag, 27. Februar, will der niedersächsische Sozial- und Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (SPD) im alten Rathaus am Delft in Emden den offiziellen Förderbescheid für die geplante Zentralklinik in Uthwerdum (Südbrookmerland) überreichen. Wir konnten im Vorfeld mit dem 58-jährigen Südniedersachsen, der seit Januar 2023 Minister ist, sprechen.

So soll sie ab 2029 aussehen, die geplante Zentralklinik in Uthwerdum. Grafik: Trägergesellschaft
So soll sie ab 2029 aussehen, die geplante Zentralklinik in Uthwerdum. Grafik: Trägergesellschaft

Herr Minister, Sie sind Chirurg. Was sind die Vorteile in einem sehr großen Krankenhaus mit 814 Betten?

Ich bin nicht nur Chirurg, sondern auch Notfallmediziner und habe sowohl als leitender Oberarzt in einer Universitätsklinik als auch in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung und zum Schluss in einer niedergelassenen Praxis gearbeitet. Der Vorteil einer größeren Einheit ist natürlich immer, dass man genügend Kollegen hat, mit denen man sich die Arbeit aufteilen kann, sodass man nicht endlos viele Dienste machen muss – und Personal hat, um die Station besetzt zu halten. Das ist ja eines der wesentlichen Probleme in vielen kleinen Krankenhäuser, dass es aufgrund von Personal- und Arbeitskräftemangel dazu kommt, dass Stationen teilweise abgemeldet werden müssen, dass Intensivstationen nicht arbeiten können, weil Fachpersonal fehlt. Das ist in größeren Zusammenschlüssen immer einfacher. Je größer der Pool an Mitarbeitern, desto effektiver kann man in Zeiten, wo es etwa Krankheit gibt, auffüllen.

Die Zentralklinik soll laut Krankenhausplan 814 Betten haben. Das ist gegenüber den derzeitigen Häusern in Aurich, Emden und Norden eine Reduzierung der Bettenzahl. Auch die Gesamtzahl der Mitarbeiter wird reduziert. All das bei immer älter werdender Bevölkerung. Wie soll das funktionieren?

Das Entscheidende ist, und das merken wir nicht erst seit Corona, dass die Belegungszahlen in den Krankenhäusern massiv zurückgegangen sind – auf teilweise unter 60 Prozent. Im aktuellen System funktioniert die Finanzierung über Patientenzahlen, also pro Patient, Eingriff und Prozedur, gibt es Geld. Wenn ihnen 40 Prozent der Patienten wegbrechen, fehlen ihnen vermeintlich 40 Prozent der Einnahmen. Das hat dazu geführt, dass insbesondere in kommunalen Kliniken nicht sofort Betten abgebaut wurden. Auch dadurch sind Häuser in Schieflage geraten. Die Privaten haben deutlich schneller reagiert. Hinzu kommt, dass wir in den letzten Jahren deutlich mehr ambulante Versorgung sehen. Das bedeutet, Eingriffe, die früher im Krankenhaus gemacht wurden, etwa Krampfadern oder Leistenhernien, ambulant zu operieren. Mehr ambulante Operationen sind grundsätzlich eine sehr gute Sache. Aber auf der Krankenhausseite kommt es zu deutlich geringeren Belegungen und weniger Einnahmen. Zusammen mit steigenden Betriebskosten in Zeiten teurer gewordener Energie sind so Krankenhäuser in Schieflage geraten.

So könnte das Foyer der Zentralklinik aussehen. Grafik: Trägergesellschaft
So könnte das Foyer der Zentralklinik aussehen. Grafik: Trägergesellschaft

Die kreisfreie Stadt Emden hat 50.000 Einwohner, die Stadt Aurich ist jüngst auf 45.000 Einwohner gewachsen. Aurich ist eine der größten Städte Deutschlands ohne Bahnhof – und bald eine der größten Städte ohne Klinik. Wie erklären Sie den Bürgern diesen Verlust der vielzitierten wohnortnahen Versorgung?

Natürlich ist das ein emotionales Thema. Das Problem ist aber nicht wirklich neu. Der Prozess wird in der Region ja nicht erst seit gestern diskutiert, sondern seit Jahren. Es hat da durchaus gute und transparente Prozesse gegeben, um das zu erklären. Dass es immer eine emotionale Beziehung zum Krankenhaus gibt, sehe ich völlig ein. Ich weiß auch, wie schwierig das ist. Ich habe auch schon Prozesse moderiert, wo Krankenhäuser etwa auf ihre Geburtshilfe verzichtet haben, weil einfach die Qualität nicht mehr da war. Ich glaube aber, dass eine Mehrheit der Menschen das akzeptiert und sagt, lieber gute Qualität in 15 Kilometern Entfernung als möglicherweise drei Krankenhäuser, die nicht mehr genügend Personal haben und die Qualität bei bestimmten Eingriffen nicht mehr erbringen können. Insofern haben wir nicht umsonst diese Kommunikationsstrategie im letzten Jahr mit Verantwortlichen vor Ort gefahren und versucht zu erklären, dass so ein Prozess dazu beiträgt, Qualität besser zu machen, gerade was etwa Herzinfarkte und Schlaganfälle angeht. Da sind 15 Kilometer mit einer Fahrzeit von 30 bis 35 Minuten durchaus akzeptabel.

Wir erhalten regelmäßig Berichte von Patienten über problematische Überlastungs-Zustände etwa in den Notaufnahmen. Laut dem Ivena-System werden immer wieder Stationen abgemeldet. Wie kann dieses Problem gelöst werden?

In der Region Hannover, aber auch an anderen Orten, wird gerade versucht, das in den Griff zu kriegen. Die Kassenärztliche Vereinigung und die Kommunen haben ein Video gemacht, in dem erklärt wird, welche Telefonnummer bei bestimmten Symptomen jeweils die Richtige ist. Es geht darum, in die richtige medizinische Ebene zu kommen, denn nicht jedes Krankheitsbild ist ein medizinischer Notfall. Da muss man natürlich sehr genau auf die Ängste der Menschen achten. Das musste ich auch als Arzt machen: mit den Leuten telefonieren und abfragen, ob es möglicherweise ein Herzinfarkt ist oder ein chronischer Rückenschmerz, der bis morgen warten kann. Das versuchen wir gerade zu standardisieren mit zwei Telefonnummern, um die Patienten in die richtige Ebene zu leiten und nicht die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu überlassen. Zweitens muss man wissen, dass 50 Prozent aller Menschen sich ohne Rückfrage auf den Weg in die Notaufnahme machen. Und dann muss man unterscheiden von einem echten Notfall mit einem Armbruch, wo ein Knochen rausguckt oder einem verstauchten Fuß oder dem Bauchschmerz nach dem Grillen. Das ist dann kein objektiver, sondern ein subjektiver Notfall. Das müssen wir lernen, zu regeln. Das hat auch etwas mit Gesundheitserziehung zu tun.

Blick von oben auf ein Computermodell des geplanten Zentralklinik-Geländes. Grafik: Trägergesellschaft
Blick von oben auf ein Computermodell des geplanten Zentralklinik-Geländes. Grafik: Trägergesellschaft

Und was ist mit Ivena?

Das ist ein digitales System, das anzeigt, wieviele Intensivbetten im Krankenhaus verfügbar sind. Die Abmeldungen hängen häufig damit zusammen, dass spezielles Personal fehlt, zum Beispiel Intensivpfleger. Es kann auch mal sein, dass ein ärztlicher Kollege krank ist und der Dienst nicht aufrechterhalten werden kann. In der Regel ist es aber so, dass wenn Ivena abgemeldet ist, mindestens noch ein Bett verfügbar sein muss in dem Krankenhaus. Das ist eine Regel. Zum anderen sind solche Computersysteme immer nur so gut oder so schlecht, wie sie von den Kollegen vor Ort geführt und gepflegt werden.

Wie kann eine Großklinik „auf der grünen Wiese“ im kleinen Ort Uthwerdum dem Fachkräftemangel entgegenwirken?

Die Erfahrung zeigt, dass ganz viele Pflegekräfte froh sind, wenn sie in Kliniken arbeiten, von denen sie wissen, dass sie sich auf ihre Arbeitszeiten verlassen können und es genug Personal gibt. Je mehr Leute ich im Pool habe, umso stabiler kann ich meine Freizeit planen. In der Uniklinik Göttingen ist es zum Beispiel so, dass viele Mitarbeiter aus Thüringen kommen. Die Wirklichkeit zeigt, dass Arbeitnehmer aus Aurich und Emden gerne nach Uthwerdum fahren werden, weil sie neues Gerät, gutes Miteinander und stabile Arbeitsverhältnisse haben.

Die Kliniken Aurich, Emden und Norden erwirtschaften seit fast 15 Jahren zum Teil zweistellige Millionendefizite. Andere Häuser in Ostfriesland und der Region machten zumindest bis vor Kurzem schwarze Zahlen. Was läuft da schief?

Das lässt sich nur allgemein beantworten. Es ist ja kein Geheimnis, dass es Privatkliniken gibt, die sich schon vor Jahren auf den Weg gemacht und ihre Betten abgebaut haben und heute erhebliche Gewinne ausweisen, um ihre Aktionäre zu bedienen. Mit einem komplett anderen Geschäftsgebaren und dem Outsourcing bestimmter Leistungen. Zum Beispiel sind Kinderstationen nicht lukrativ. Man hat sich auf die Dinge konzentriert, die lukrativ sind. Das kann aber natürlich nicht der Weg für alle sein. Dann kommt dazu, dass große Klinikkonzerne die Möglichkeit haben, mit einem gemeinsamen Einkauf deutlich günstigere Preise zu bekommen. Man muss aber auch sagen, dass einige Kliniken einfach auf die Entwicklung nicht rechtzeitig reagiert oder es sich mit ihren Zuweisern verdorben haben. Bei einigen Kliniken hat auch ein gewisses Kirchturmdenken stattgefunden und man hat sich schwer getan, sich gemeinsam zu organisieren. Es gibt also nicht den einen Grund.

Bund und Länder haben sich gerade auf ein Hilfspaket für Krankenhäuser geeinigt. Niedersachsen rechnet mit einer Milliarde Euro zusätzlich. Kann die geplante Zentralklinik am Ende schwarze Zahlen erwirtschaften? Muss sie das überhaupt?

Ich finde am Ende schon, dass man eine schwarze Null anstreben muss. Bei den Investitionskosten hilft das Land mit. Aber die Betriebskosten sind am Ende abhängig vom Bund beziehungsweise von den Krankenkassen. Wir stehen mit der Krankenhausreform vor einer Veränderung der Finanzierung. 60 Prozent sollen zukünftig durch sogenannte Vorhaltepauschalen finanziert werden. Das ist wie bei der Feuerwehr: ob die arbeiten oder nicht, sie werden bezahlt. Damit wollen wir Druck rausnehmen. Wir haben uns entschieden, einen großen Batzen Geld zur Verfügung zu stellen, um die Krankenhäuser, die wir brauchen, nicht vom Netz gehen zu lassen und um einen kalten Strukturwandel zu vermeiden.

Zwischen Bund und Ländern gab es jüngst eine Diskussion um die Versorgungsstufen. Wird das Zentralklinikum ein sogenannter Maximalversorger für die Region Weser-Ems? Und was bedeutet das?

Die „Level“ gibt es im Krankenhausversorgungsgesetz so nicht mehr, weil wir festgestellt haben, dass diese Einteilung zu einer Fehlleitung der Patienten führen kann. Bei den Bezeichnungen wird schnell gedacht, es ginge um Qualität. Aber das stimmt nicht. Eine bestimmte Leistung wird in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung genauso gut erbracht wie in einem Schwerpunkt- oder Maximalversorger. Salopp gesagt: Der Blinddarm wird im kleinen Krankenhaus genauso gut behandelt wie im großen Haus. Bestimmte Eingriffe sind aber nur in großen Häusern mit bestimmten Knowhow möglich.

Auf dem Förderbescheid wird eine Summe von 148 Millionen Euro stehen. Davon kommt jeweils die Hälfte von Bund und Land. Nach Angaben der Landesregierung aus dem vergangenen Jahr liegen die Kosten aber bei fast 800 Millionen Euro. Zu wieviel Prozent wird sich das Land daran beteiligen?

Das Land wird 460 Millionen Euro übernehmen. Bei den förderfähigen Kosten liegen wir damit bei 90 Prozent. Wir bezahlen aber einen normalen Wasserhahn und nicht den goldenen. Es bleiben natürlich nicht-förderfähige Kosten, zum Beispiel für die Erschließung des Grundstücks Uthwerdum/Georgsheil. Wir rechnen momentan von unserer Seite mit 462 Millionen förderfähigen Kosten, wie im Krankenhaus-Planungsausschuss festgelegt. Aber das ist eine typische Frage: Ich komme mit dem Scheck mit 148 Millionen vorbei. Und Sie fragen, wie geht es eigentlich weiter? Das ist nachvollziehbar, aber erstmal müssen wir die 148 Millionen ja verplanen, verbauen und abrechnen. Und mit den zugesagten 460 Millionen kommen wir erstmal ein ganzes Stück über die Runden. Es wird ja immer erst dann abgerechnet, wenn gebaut worden ist. Es ist also nicht so, dass irgendwer auf einmal die vermeintlichen 800 Millionen auf den Tisch legen muss. Sondern wir gucken, dass es sukzessive läuft. Wir haben in verschiedenen Bauprojekten verschiedene Erfahrungen gemacht, die zwar in den meisten Fällen gut, aber nicht immer gut waren. Das ist ein ganz normaler Prozess, über Jahre etabliert. Sie können sicher davon ausgehen, dass wir bei einem Prozess, der bereits mit 460 Millionen Euro gefördert wird, keine Bauruine mit einem halboffenen Dach stehen lassen. Sie brauchen nicht fürchten, dass wir ein Krankenhaus auf der grünen Wiese, das wir in dieser Form protegieren und als ganz wesentlichen Faktor in der Gesundheitsversorgung in Ostfriesland sehen, nicht fertig bauen werden. Das wäre in meinen Augen absurd. Natürlich ist immer der Zweifel bei den Kommunen da, die ihren Teil finanzieren müssen. Aber da sind wir immer miteinander im Gespräch.

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