Kauf neuer Persönlicher Schutzausrüstungen Gemeinde investiert in Gesundheit der Feuerwehr
Die Südbrookmerlander Einsatzkräfte tragen bisher Schutzkleidung, die nicht den aktuellen Standards entspricht. Das bedeutet ein Risiko für ihre Gesundheit – bis hin zu einem erhöhten Krebsrisiko.
Südbrookmerland - Ohne große Diskussion hat der Südbrookmerlander Feuerwehrausschuss am Donnerstag für die Neuausstattung der Ortfeuerwehren mit neuer Schutzkleidung gestimmt. Das kostet die Gemeinde voraussichtlich insgesamt rund 260.000 Euro, ist aber nicht nur von der Feuerwehrunfallkasse vorgeschrieben, sondern auch wichtig für die Gesundheit der ehrenamtlich tätigen Einsatzkräfte, wie Berthold Zimmermann vom Team der Kleiderkammer aller Feuerwehren erläuterte.
Zwischen der jetzt genutzten persönlichen Schutzausrüstung (PSA) der Feuerwehrleute und einer Schutzkleidung nach neuestem Standard liegen laut Zimmermann und Gemeindebrandmeister Focko Westerbur Welten. Das sei aber von außen überhaupt nicht zu erkennen. Der große Unterschied liege im Inneren der Ausrüstung und einigen wichtigen Details.
Membranen erfüllen mehrere Funktionen wie Wasserabfuhr und Blockade von Giftstoffen
Die Feuerwehrkleidung bestehe aus mehreren Schichten – unter anderem Membranen, die Feuchtigkeit aus dem Inneren nach außen transportieren. Was nach Komfort klingt, soll in Wirklichkeit Verletzungen verhindern. Denn das Risiko, sich bei großer Hitze am eigenen Schweiß zu verbrühen, steigt, wenn dieser unter der PSA verbleibt. Umgekehrt sollen die Membranen keine giftigen Stoffe nach innen durchlassen.
Landzeitrisiko „Feuerkrebs“
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft die Arbeit von Berufsfeuerwehrleuten seit zwei Jahren als höchst krebserregend ein. Es laufen Studien dazu, welchen schädlichen Stoffen Feuerwehrleute ausgesetzt sind und in welchem Ausmaß diese an und in den Körper gelangen. Neben einer möglichen Kontamination während eines Einsatzes geht es auch um die Verschleppung giftiger Stoffe in Fahrzeuge und in die häusliche Umgebung durch mangelnde Dekontamination nach dem Einsatz. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hat 2020 Ergebnisse einer Pilotstudie veröffentlicht. Darin heißt es, dass laut vorliegenden Studien bei Berufsfeuerwehrleuten das Risiko für Blasen-, Nieren-, Haut- und Brustfellkrebs erhöht ist. Auch wurden in Urinproben von Feuerwehrleuten vor und nach dem Einsatz Polyzyklische Aromatische Kohlenstoffe nachgewiesen. Je nach Dauer des Dienstes steigt das Risiko, dass wiederholte Kontaminationen Folgen für die Gesundheit haben. „Hygiene ist im Feuerwehreinsatz immer wichtiger geworden“, so Gemeindebrandmeister Focko Westerbur. Laut Ausrüstungswart Berthold Zimmermann sind Feuerwehrleute bei Bränden oft mit Kunststoffteilen und den Dämpfen daraus konfrontiert. Entsprechend wichtig sei es, dass die Persönliche Schutzausrüstung dem standhalte.
Auch müssten die neuen Ausrüstungen länger starker Hitze – Flammen und Strahlung – standhalten als die bisher genutzten Schutzanzüge. Sie müssen von außen wasserdicht sowie ausreichend wärmend sein. „Außerdem bekommt die Kleidung einen Chip und gehört nur einer bestimmten Person“, so Zimmermann.
Neue PSA muss genau passen
Bislang tragen die Einsatzkräfte ihm zufolge „mehr oder weniger eine Einheitsgröße“. Die künftigen PSA sind grundsätzlich nur für den Gebrauch durch eine bestimmte Person vorgesehen. Sobald die Gemeinde die Ausschreibung gemacht und sich für einen Anbieter entschieden hat, wird dieser jede Einsatzkraft vermessen müssen.
Wenn neue Einsatzkräfte hinzukommen oder Feuerwehrleute sich körperlich stark verändern, sollen die Standardgrößen als Ersatzkleidung in der Feuerwehrkleiderkammer in Wiegboldsbur bereitliegen. Alternativ sei vielleicht auch ein Leasing-Modell denkbar. Zudem soll es in der Kleiderkammer in Wiegboldsbur eine gewisse Reserve an PSA geben, falls eine Wehr wieder in den Einsatz muss, bevor die kontaminierte Ausrüstung gereinigt ist.
Neu ist laut Zimmermann auch, dass die neue Ausrüstung mit Revisionsöffnungen versehen ist. So kann nach jedem Einsatz ein Blick auf das Innere geworfen und festgestellt werden, ob die Schutzwirkung noch gegeben ist. Bislang fehlt so eine Öffnung in der Ausrüstung der Südbrookmerlander. Wie es im Inneren aussieht, bleibt verborgen. „Unsere jetzige Ausrüstung würde eigentlich immer durchfallen“, sagt Westerbur.
Reinigung und Hygiene nach Einsätzen wichtig
Die PSA von Einsatzkräften muss nach jedem Einsatz mit Kontamination – beispielsweise durch Rauch – chemisch gereinigt werden. „Früher haben wir die in die Waschmaschine gesteckt und die Stoffe so auch bei uns zu Hause gehabt“, sagt Zimmermann. Inzwischen holt eine Firma aus Friedeburg die Kleidung bei Bedarf ab, reinigt sie fachgerecht und bringt sie nach zwei bis drei Tagen wieder zurück.
Das wird auch bei der neuen Schutzausrüstung so laufen und ist fester Bestandteil des neuen Auftrags. Allerdings will die Feuerwehr Kontamination laut Westerbur noch weitgehender verhindern. Die Einsatzkräfte sollen nach einem Brandeinsatz ihre PSA ablegen, in einen Container stecken und sich noch vor Ort grob von Fremdstoffen befreien und umziehen. So werde die Übertragung von Giftstoffen auf die Fahrzeuge reduziert. Im Feuerwehrhaus werde dann geduscht.
Zimmermann: „Die PSA ist unsere Lebensversicherung“
Beim Einsatz sind die Retter potenziell mit zahlreichen chemischen Stoffen konfrontiert, vor denen sie durch ihre Ausrüstung geschützt werden müssen: Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS), Ruß, Asbest, Aluminiumsilikat aus technischen Geräten, Kohlenmonoxid, Blausäure oder Salzsäure. „Die PSA ist unsere Lebensversicherung“, so Zimmermann.
Mehrere Gemeinden im Umfeld haben ihre Feuerwehren bereits mit neuen PSA ausgestattet, darunter Aurich, Ihlow und Brookmerland.