Überraschung im Gemeinderat groß  Austritt von Hange Ukena schlägt ein „wie eine Rakete“

| | 15.02.2024 18:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hange Ukena und Helga Gloger bildeten seit 2021 die Doppelspitze der SPD/Linke-Gruppe. Foto: Jasmin Ukena
Hange Ukena und Helga Gloger bildeten seit 2021 die Doppelspitze der SPD/Linke-Gruppe. Foto: Jasmin Ukena
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Am Montag informierte der Südbrookmerlander SPD-Fraktionschef seine Kollegen, am Dienstag die Öffentlichkeit. Im Rat dominiert die Anerkennung seiner Arbeit. Nur einer fordert einen Mandatsverzicht.

Südbrookmerland - Die drastischste Formulierung wählte Ralf Geiken von der FWG: „Die Nachricht vom Austritt Hange Ukenas ist eingeschlagen wie eine Mittelstreckenrakete.“

Die Überraschung war am Montag auch bei der SPD groß. Sie sei wie ihre Fraktionskollegen „absolut sehr überrascht“ gewesen, als Ukena die Entscheidung bekanntgegeben habe, sagte Helga Gloger. Die Zusammenarbeit zwischen ihnen beiden als Fraktionsvorsitzenden sei sehr harmonisch und ohne Probleme gelaufen. „Wir haben sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet.“

SPD-Fraktionschefin Helga Gloger (SPD) wurde von der Entscheidung ihres Partners in der SPD-Doppelspitze überrascht. Foto: Holger Janssen
SPD-Fraktionschefin Helga Gloger (SPD) wurde von der Entscheidung ihres Partners in der SPD-Doppelspitze überrascht. Foto: Holger Janssen

Ukena sei in der SPD auf bestem Wege gewesen, die Partei habe ihn als Newcomer vorangebracht. Nun müsse die Fraktion nach vorne schauen und intern besprechen, wie es weitergehe – auch an der Fraktionsspitze, so Gloger. „Das werde ich mit der Fraktion zusammen entscheiden.“

Stefan Kleinert: Wegen Akteuren auf Bundesebene tritt man nicht aus

Stefan Kleinert war der Vorgänger von Ukena und Gloger an der Fraktionsspitze. Er habe im Vorfeld nicht gewusst von der Entscheidung von Ukena. Dass der 34-Jährige wegen der Bundespolitik austrete, könne er persönlich nicht nachvollziehen. „Ich bin wegen Willy Brandt eingetreten. Wenn ich heute Saskia Esken oder Kevin Kühnert sehe, bin ich sicher auch nicht mit allem einverstanden. Aber ich bin nicht ihretwegen eingetreten. Und ich trete ihretwegen auch nicht aus“, so Kleinert.

Stefan Kleinert (SPD) hält die von Hange Ukena genannten Gründe zwar nicht für relevant für die Arbeit auf kommunaler Ebene, lobt aber die Arbeit des 34-Jährigen. Foto: Holger Janssen
Stefan Kleinert (SPD) hält die von Hange Ukena genannten Gründe zwar nicht für relevant für die Arbeit auf kommunaler Ebene, lobt aber die Arbeit des 34-Jährigen. Foto: Holger Janssen

Und das sei er auch nicht beim Nato-Doppelbeschluss unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt oder nach den Aussagen über Lehrer von Gerhard Schröder.

SPD-Urgestein hat nur lobende Worte

Trotz dieses Unverständnisses hat Kleinert nur lobende Worte für Ukena. Die SPD habe mit ihm jemanden mit Perspektive und Zukunft gehabt, der als Roboterprogrammierer bei VW, als Vorsitzender des BSV Wiegboldsbur und als Familienvater auch sehr geerdet sei. Er selbst wolle 2026 nicht erneut kandidieren und habe das gute Gefühl gehabt, dass mit der harmonischen Doppelspitze Gloger und Ukena alles in guten und jungen Händen sei und Ukena ihn vielleicht als Ortsvorsteher ablösen könne. In der Fraktion habe es keinerlei Spannungen gegeben. Nach seinem tollen Wahlergebnis habe Ukena berechtigte Ansprüche erhoben. „Ich habe sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet und kann nichts Negatives über ihn sagen. Er ist ein toller junger Mann“, so Kleinert.

Politischer Werdegang

Im Herbst 2019 ist Hange Ukena auf Initiative von Stefan Hiller hin erst in die SPD eingetreten und in Südbrookmerland auf die politische Bühne gekommen. Schon ein Jahr später wurde er Gemeindeverbandsvorsitzender, zog im Herbst 2021 mit 707 Stimmen und somit dem zweitbesten SPD-Ergebnis in den Gemeinderat ein und wurde dort zusammen mit Helga Gloger zum Vorsitzenden der Gruppe SPD/Linke gewählt.

Schon sein anfänglicher Mentor Stefan Hiller hat im Zuge des Bürgermeisterwahlkampfs die SPD verlassen. Bei ihm war es die Partei vor Ort, die ihn zu diesem Schritt bewog, Ukena führt seine Unzufriedenheit mit der Bundespolitik an.

Die SPD verliert nach der Kommunalwahl schon den zweiten Sitz und das zweite Parteimitglied. Sophia Ulferts-Dirksen ist wenige Wochen nach der Wahl ausgetreten und zur FWG-Fraktion gewechselt.

Wenn Ukena im Gemeinderat bleibt, wird er sich wohl einer Fraktion beziehungsweise Gruppe anschließen müssen. Theoretisch denkbar wäre auch eine Gruppe SPD/Linke/Ukena, sollten sich die bisherigen Genossen soweit zusammenraufen. Als Einzelmitglied wären Ukena Sitze in Fachausschüssen versperrt. Er hätte dort kein Rede- und auch kein Stimmrecht und müsste – um informiert zu bleiben – alle Sitzungen selbst besuchen. Stimmrecht hätte er nur bei den Sitzungen des Gemeinderates.

Nun müssten sich sowohl Ukena als auch die Fraktion sich sammeln, bevor klar werde, wie es weitergeht. Ukena habe aus seiner Sicht genug Stimmen geholt, um sein Mandat behalten zu können. Er sehe klare Unterschiede zum Fraktionsaustritt von Sophia Ulferts-Dirksen direkt nach der Wahl. Sie sei über die SPD-Liste in den Gemeinderat gewählt worden und habe die Stimmen mit zur FWG genommen. Ukena sei mit seinen Direktstimmen eingezogen.

„Jetzt ist es Sache von Helga Gloger, die Zukunft der Fraktion zu klären“, so Kleinert.

SPD-Chef plädiert für die Rückgabe des Mandats

Ukenas Nachfolger im Amt des Vorsitzenden der Südbrookmerlander SPD, Sascha Wilts, zeigte sich persönlich völlig überrascht von der Entwicklung. „Es ist superschade, dass Hange aufhört.“ Es sei aber normal, dass die Jusos in einigen Punkten andere Positionen vertreten als die SPD. Auch gebe es einen großen Unterschied zwischen Bundes- und Kommunalpolitik.

Der Südbrookmerlander SPD-Ortsvereinsvorsitzende Sascha Wilts ist persönlich der Meinung, dass Ukena das Ratsmandat abgeben sollte. Foto: privat
Der Südbrookmerlander SPD-Ortsvereinsvorsitzende Sascha Wilts ist persönlich der Meinung, dass Ukena das Ratsmandat abgeben sollte. Foto: privat

Er sei der Meinung, dass Ukena nach seinem Parteiaustritt sein Ratsmandat, das er durch die Unterstützung der SPD bekommen habe, abgeben müsse.

Ralf Geiken (FWG) zollte Ukena Respekt für den Schritt. „Er hat es sich sicher gut überlegt, mit allen Konsequenzen.“ Er werde nun aber nicht auf den bisherigen SPD-Fraktionsvorsitzenden zugehen, um ihm den Beitritt zur FWG-Fraktion anzudienen. Wenn Ukena auf ihn zukomme, sei er offen für Gespräche und die Fraktion werde dann entscheiden.

Ralf Geiken (FWG) ist sich sicher, dass Ukena Anschluss im Gemeinderat finden wird. Foto: Holger Janssen
Ralf Geiken (FWG) ist sich sicher, dass Ukena Anschluss im Gemeinderat finden wird. Foto: Holger Janssen

„Hange ist vom Typ her sehr liberal, er wird bestimmt Anschluss finden“, so Geiken. Nun müsse er sich aber sicher erstmal sammeln und neu finden.

SBL/Grüne haben bereits Gesprächsbereitschaft bekundet

Georg Wegener (Grüne/SBL) hat dem 34-Jährigen bereits per Textnachricht angeboten, Gespräche zu führen. Er sei sehr überrascht über den Austritt – zumal nach der Haushaltsrede, die dieser erst vergangene Woche für die SPD/Linke gehalten habe. Zuletzt habe es auch mal kritische Töne der Moordorfers zur Bundes-SPD gegeben. Es sei stark, nun persönliche Konsequenzen zu ziehen. Die SBL/Grüne-Gruppe würde ihn aufnehmen.

Georg Wegener (SBL) hat Ukena bereits ein Gesprächsangebot für eine Zusammenarbeit gemacht. Foto: Holger Janssen
Georg Wegener (SBL) hat Ukena bereits ein Gesprächsangebot für eine Zusammenarbeit gemacht. Foto: Holger Janssen

Die Wählergemeinschaft SBL sei ohnehin die einzige Kraft im Gemeinderat, die keinerlei Organisationsstrukturen auf höherer Ebene habe und entsprechend allein über Gemeindeangelegenheiten nachdenke.

Hilko Gerdes sieht eher keine Basis für eine Kooperation

Hilko Gerdes (CDU) zeigte sich ebenfalls überrascht über die Neuigkeit. Ukena habe gerade erst die wichtige Rede zum Haushalt gehalten.

Er werde nun aber nicht auf den 34-Jährigen zugehen, um ihr für die Gruppe CDU/FDP zu werben. Ukena sei sehr sozialdemokratisch geprägt, sodass er nicht erwarte, dass Interesse an einer Kooperation mit der CDU bestehe, sagte Gerdes. Sollte es vonseiten des 34-Jährigen eine Anfrage für eine gemeinsame Gruppe geben, werde er sich nicht verschließen, rechne aber überhaupt nicht damit, so Gerdes. „Ein so hohes Amt, wie er bisher hatte, dürfte er auch in keiner anderen Fraktion bekommen.“

Hilko Gerdes (CDU) zeigte sich überrascht über den Austritt Ukenas. Foto: Holger Janssen
Hilko Gerdes (CDU) zeigte sich überrascht über den Austritt Ukenas. Foto: Holger Janssen

Ebenso wie Kleinert ist auch Gerdes überrascht, dass ein Ratsmitglied wegen der Bundespolitik aus seiner Partei austritt. Auch er sei nicht immer einverstanden gewesen mit der CDU-Politik auf Landes- oder Bundesebene. Aber er sei auf kommunaler Ebene gewählt und habe dort weiter CDU-Überzeugungen vertreten. Gerdes sagte, er könne sich kaum vorstellen, dass Ukena einen solchen Schritt mache, wenn er nicht auf auf kommunaler Ebene unzufrieden gewesen sei.

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