Gedenkstätte Engerhafe vor Eröffnung  Besucher stehen in den Startlöchern, nun braucht es Vermittler

| | 12.02.2024 22:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Im November haben sich im Gulfhof Ihnen Schüler des Gymnasiums Ulricianum Aurich mit Austauschschülern aus Martinique mit der Geschichte des KZ-Außenlagers in Engerhafe auseinandergesetzt. Foto: Heiko Kiser
Im November haben sich im Gulfhof Ihnen Schüler des Gymnasiums Ulricianum Aurich mit Austauschschülern aus Martinique mit der Geschichte des KZ-Außenlagers in Engerhafe auseinandergesetzt. Foto: Heiko Kiser
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Die Gedenkstätte KZ Engerhafe eröffnet bald mit einer runderneuerten Ausstellung. Nun werden Guides gesucht. Das Thema ist laut Gedenkstätten-Verein aktueller denn je.

Engerhafe - Tausend Besucher waren es im vergangenen Jahr, 400 allein in diesem Januar: Das Interesse an der Gedenkstätte für das KZ-Außenlager in Engerhafe steigt. Das ist schon jetzt zu spüren, noch bevor die neue Ausstellung am 25. Mai um 14 Uhr eröffnet wird, wie Gedenkstättenpädagoge Heiko Kiser sagt.

Mit der Eröffnung verstetigt der Gedenkstättenverein auch die Öffnungszeiten: Künftig soll die Ausstellung im alten Pfarrhaus Engerhafe, dem bekannten Steinhaus mit einem mittelalterlichen Kern, von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 14 bis 17 Uhr, geöffnet sein.

An den Vormittagen bleibe dann Zeit, um mit Schulklassen oder anderen Gruppen zu arbeiten, wie Lilo Keßler am Montag bei einem Pressegespräch sagte. Sie leitet seit Jahren die Arbeitsgruppe für die pädagogische Arbeit in der Gedenkstätte. Insgesamt vier Ehrenamtliche haben bisher diese Aufgabe übernommen. Mit Kiser hat der pädagogische Bereich vor gut zwei Jahren eine hauptamtliche Kraft bekommen. Um die neuen Aufgaben stemmen zu können, sucht die Gedenkstätte aber dringend Personal.

Aufsichtskräfte werden auch gesucht

Zum einen werden Aufsichtskräfte für die deutlich erweiterten Öffnungszeiten der Gedenkstätte gesucht, die auch Fragen der Besucher beantworten können. Wie bisher muss diese Arbeit ehrenamtlich geleistet werden, weil das Gedenkstättenbudget noch nichts anderes hergibt. Der Eintritt in die neu gestaltete und deutlich erweiterte Ausstellung ist weiterhin kostenlos. Laut der Vorsitzenden des Trägervereins, Hilke Osterwald, ist die Engerhafer Gedenkstätte als Gedenkort im Aufbau bisher nicht in die institutionelle Förderung des Landes Niedersachsen aufgenommen und muss mit seinen finanziellen Mitteln stark haushalten.

Neben den Angeboten des pädagogischen Arbeitskreises der Gedenkstätte spricht der Zeitzeuge und frühere Vorsitzende des Gedenkvereins Carl Osterwald weiterhin mit Schülern, hier im Januar 2024 am Johannes-Althusius-Gymnasium Emden. Foto: Johannes-Althusius-Gymnasium
Neben den Angeboten des pädagogischen Arbeitskreises der Gedenkstätte spricht der Zeitzeuge und frühere Vorsitzende des Gedenkvereins Carl Osterwald weiterhin mit Schülern, hier im Januar 2024 am Johannes-Althusius-Gymnasium Emden. Foto: Johannes-Althusius-Gymnasium

Zum anderen sucht der Gedenkverein Guides, die gegen einen Stundenlohn von 20 Euro Schulklassen und Gruppen durch die Ausstellung oder über das Gelände führen, Projektarbeit für Schulklassen anbieten oder für Unterrichtseinheiten in die Schulen gehen. Sie werden quasi von den Besuchergruppen bezahlt. Auch wenn der Eintritt frei ist – Besucher, die eine Führung buchen, müssen zwei Euro bezahlen, pro Gruppe jedoch mindestens 40 Euro, wie Keßler sagt. Aus diesen Einnahmen werden dann die Guides entlohnt, die unterschiedlich lange Angebote von der 90-minütigen Führung bis hin zum Projekttag anbieten.

Intensive Vorbereitung an drei Wochenenden

Gesucht werden Menschen mit Geschichtsinteresse und Freude an der Wissensvermittlung an Gruppen, so Kiser: „Das Alter spielt da keine Rolle.“ Vom 20-Jährigen bis zur Seniorin sind alle willkommen. Er würde sich besonders freuen, wenn sich auch junge Vermittler finden, die andere Fragen stellen als Senioren und nahe dran sind an der Lebenswelt von Schülern. Auch über die Meldung von Berufstätigen freut sich der Verein – schließlich können die Guides nach Absprache auch nur zu bestimmten Zeiten wie den Wochenenden Angebote machen. Wünschenswert seien grundlegende Kenntnisse über die Geschichte des Nationalsozialismus.

Eine Schülergruppe des Neuen Gymnasiums Wilhelmshaven beim Besuch der Gedenkstätte Engerhafe. Foto: Heiko Kiser
Eine Schülergruppe des Neuen Gymnasiums Wilhelmshaven beim Besuch der Gedenkstätte Engerhafe. Foto: Heiko Kiser

Ins kalte Wasser geworfen wird niemand: Zum einen sind beim Gedenkverein selbst noch pädagogische Angebote in der Entwicklung. Neue Guides könnten sich dort noch mit einbringen. Zum anderen werden die neuen Vermittlungskräfte bei erfahrenen Gedenkstättenpädagogen zuschauen, ein Seminar an drei Wochenenden absolvieren – am 11. Mai, 22. Juni und 10. August – und eine eigene Probeführung machen. Zum Seminar gehört zum einen die Einführung in die Ausstellung und die Geschichte der NS-Lager, Arbeiten an den Methoden der Gedenkarbeit, das Sprechen vor einer Gruppe sowie diskriminierungssensible Sprache, so Keßler.

Offen für Fragen von Besuchern

Ziel laut Kiser ist es, bedrücktes und betroffenes Schweigen in einen Dialog über die eigene Geschichte und die Anwendung des gelernten auf heutige Zusammenhänge zu verwandeln. Dabei gehe es auch um Rassismus und Diskriminierung heute. Kiser hat schon etliche auch für ihn spannende Führungen erlebt. „Gerade aus Fragen und Irritationen entsteht oft etwas Produktives“, sagt er.

Der Historiker und Gedenkstättenpädagoge hat schon im Verzetsmuseum (Widerstandsmuseum) Amsterdam gearbeitet, spricht Niederländisch, Spanisch und Englisch. Im Verein gibt es laut Keßler Interessierte, die plattdeutsche Führungen anbieten möchten.

Ausstellung zeigt die Geschichte der Zwangsarbeit in vielen Lagern

Seit 2020 ist die bisherige Ausstellung geschlossen – zuerst wegen der Corona-Auflagen, dann wegen des Umbaus und der Sanierung des Steinhauses in Engerhafe. Nach dem Umbau steht für die Ausstellung deutlich mehr Platz zur Verfügung. Laut Hilke Osterwald enthält sie zahlreiche Biografien der in Engerhafe Gefangenen, mehrere Video- und Audio-Dokumente von Überlebenden sowie einige Überreste des Lagerlebens in Engerhafe oder in anderen ostfriesischen Orten wie Ringe, die ein russischer Kriegsgefanger aus Patronenhülsen gefertigt hat.

Lilo Keßler (von links), Hilke Osterwald und Heiko Kiser bereiten die Wiedereröffnung der Ausstellung und die Aufstockung des pädagogischen Teams vor. Foto: Karin Böhmer
Lilo Keßler (von links), Hilke Osterwald und Heiko Kiser bereiten die Wiedereröffnung der Ausstellung und die Aufstockung des pädagogischen Teams vor. Foto: Karin Böhmer

Anders als bisher widmet sich die Ausstellung nicht nur der zweimonatigen Geschichte, als Ende 1044 in Engerhafe ein Außenlager des KZ Neuengamme existierte, in dem 188 von rund 2000 Gefangenen an Entkräftung wegen der hygienischen Zustände und der schweren Zwangsarbeit am Panzergraben rund um Aurich starben. Es werden auch andere der insgesamt mehr als 400 NS-Lager auf der ostfriesischen Halbinsel thematisiert. Dort waren Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sowie Kriegsgefangene eingesperrt.

Zum einen gibt es eine große Karte, die die Lager zeigt, zum anderen ein Adressbuch, das den Besuchern ermöglicht zu recherchieren, wo in ihrer Nähe damals Menschen unter menschenverachtenden Bedingungen gefangen gehalten wurden. „Davon versprechen wir uns einiges“, so Osterwald.

Bildungsangebote wurden bereits deutlich weiterentwickelt

Kiser hat die Zeit der geschlossenen Ausstellung zusammen mit der Pädagogikarbeitsgruppe genutzt, um Bildungsangebote vor allem für Schulen zu entwickeln. Mehrere Klassen aus Leer, Emden, Wilhelmshaven, Marienhafe und Aurich haben bereits Rundgänge auf dem Lagergelände gemacht, aber auch eigene Forschung an den Biografien der Inhaftierten betrieben oder andere Quellen herangezogen, um die Geschichte des Nationalsozialismus in Ostfriesland aufzuarbeiten. Dabei haben Keßler und Kiser auch schon die Schulen aufgesucht, um dort mit den Schülern zu arbeiten.

Die neue Ausstellung wird im Steinhaus in Engerhafe sowie in einem Teil des ersten Stockwerks des Gemeindehauses der Kirchengemeinde aufgebaut. Hier eine Aufnahme aus dem Herbst 2023. Foto: Karin Böhmer
Die neue Ausstellung wird im Steinhaus in Engerhafe sowie in einem Teil des ersten Stockwerks des Gemeindehauses der Kirchengemeinde aufgebaut. Hier eine Aufnahme aus dem Herbst 2023. Foto: Karin Böhmer

Diese seien in aller Regel sehr gut vorbereitet und an den Geschehnissen in Engerhafe und den anderen ostfriesischen Orten in der NS-Zeit sehr interessiert. Auch seien sie meist sehr sensibel, wenn es im Themen wie Rassismus gehe, so Keßler.

Auch Interesse von Firmen und Behörden angemeldet

Neben den Schulklassen interessieren sich auch die Polizeidirektionen Aurich-Wittmund und Leer-Emden für die gedenkpädagogischen Angebote. Ebenso wie der Betriebsrat des VW-Werks, der laut Kiser auch für die Belegschaft die Möglichkeit schaffen möchte, sich über die Zwangsarbeitslager der NS-Zeit zu informieren. Für März ist zudem eine internationale Jugendbegegnung in Engerhafe geplant, so Kiser. „Deshalb gehen wir auch davon aus, dass in diesem Jahr deutlich mehr als 1000 Besucher kommen, wenn die Ausstellung erst steht“, sagte Osterwald.

In der neuen Ausstellung gibt es auch multimediale Elemente wie eine Visualisierung des Zusammentreibens von Zwangsarbeitern in der Ukraine.
In der neuen Ausstellung gibt es auch multimediale Elemente wie eine Visualisierung des Zusammentreibens von Zwangsarbeitern in der Ukraine.

Drei Bewerbungen für die pädagogische Arbeit liegen dem Verein bisher vor, darunter eine aus den Niederlanden. Der Verein freut sich auf weitere Bewerbungen mit Motivationsschreiben. Interessierte sollten sich bis 31. März unter h.kiser@gedenkstätte-kz-engerhafe.de melden.

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