Alarm in Ostfriesland  Das passiert, wenn man den Notruf wählt

| | 11.02.2024 19:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Marc Rehbaum (links) ist Einsatzleitbeamter der Polizei in der Leitstelle in Wittmund. Fotos: Holger Janssen
Marc Rehbaum (links) ist Einsatzleitbeamter der Polizei in der Leitstelle in Wittmund. Fotos: Holger Janssen
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Was passiert, wenn man den Notruf wählt? Die Kooperative Regionalleitstelle Ostfriesland gewährt einen Einblick in ihre Arbeit.

Wittmund/Aurich - Es beginnt mit einem blinkenden roten Viereck auf dem Bildschirm der Disponentin. Irgendwo in Ostfriesland hat jemand soeben den Notruf 112 gewählt. „Notruf Feuerwehr und Rettungsdienst, wo genau ist der Notfallort?“, hört man die Disponentin sagen. Was der Anrufer am anderen Ende der Leitung sagt, lässt sich nur erahnen. „Wo genau sind Sie da und was sehen Sie?“, will die Disponentin wissen. „Sehen Sie offene Flammen?“ Nach einigen weiteren Fragen stellt sich heraus, dass es zwar brennt, aber ein Einsatz der Feuerwehr nicht erforderlich ist. Der Anrufer hatte Rauch gesehen, der aus einem Kamin stammte und sich vielleicht durch den Wind ein wenig ungewöhnlich ausgebreitet hatte. „Vielen Dank für Ihren Anruf und noch einen schönen Tag.“

Hunderttausende leben im Einzugsbereich

Nicht immer, wenn in der Kooperativen Regionalleitstelle in Wittmund ein Notruf eingeht, handelt es sich auch wirklich um einen Notfall. Hilfe bekommt aber jeder, der sie benötigt. Das ist eine der Kernbotschaften, die das Leitstellenteam zum Europäischen Tag des Notrufs vermitteln will. Seit fast zehn Jahren gibt es die Einrichtung in Wittmund, die von der Polizei und den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund gemeinsam betrieben wird. Aufseiten von Feuerwehr und Rettungsdienst ist die Leitstelle für rund 470.000 Menschen in den drei Landkreisen zuständig. Bei der Polizei kommt noch die Stadt Emden hinzu. Insgesamt rund 80 Mitarbeiter kümmern sich im Schichtdienst rund um die Uhr darum, dass in möglichst kurzer Zeit die richtige Hilfe am richtigen Ort eintrifft.

Medizinische Hilfe amTelefon

Als „Stille Retter“ bezeichnet Andreas Schoon sich und seine Kollegen. Er ist Schichtführer auf der kommunalen Seite der Leitstelle. „Wir sind die ersten, mit denen Personen in einer Notsituation in Kontakt kommen.“ Häufig gehe es nicht nur darum, Notärzte, Rettungswagen und Feuerwehr zu den Einsatzorten zu schicken. Disponenten in der Leitstelle müssen Situationen allein anhand der Beschreibungen einschätzen, die sie am Telefon erhalten. Dafür sind sie allesamt ausgebildet. Einerseits medizinisch, andererseits in der Arbeit der Feuerwehr. Ihr Wissen kann Leben retten. Beispielsweise dann, wenn jemand telefonisch zu einer Reanimation angeleitet werden muss.

Andreas Schoon an seinem Arbeitsplatz in der Leitstelle. Foto: Holger Janssen
Andreas Schoon an seinem Arbeitsplatz in der Leitstelle. Foto: Holger Janssen

Geht ein Notruf ein, beginnt ein standardisiertes Abfrageverfahren. „Wir holen den Anrufer ab“, sagt Schoon. Wer einmal einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hat, hat die fünf W-Fragen für den Notruf gelernt. Wo, wer, was, wie viele, warten. Das sei grundsätzlich gut, so Schoon. Aber wer in einer Notsituation nicht so recht weiß, was er sagen soll, muss sich keine Sorgen machen. Vor allem komme es darauf an, herauszufinden, wo sich ein Vorfall ereignet hat. Anders als im Film sei es nämlich nicht immer möglich, die Anrufer zu orten.

„Kein Notruf ist wie der andere“, sagt Marc Rehbaum. Er ist Einsatzleitbeamter der Polizei. Das erfordere ein hohes Maß an Empathie. Eine weitere Qualifikation, auf die es ankommt: Belastbarkeit. So komme es vor, dass Notrufe den Disponenten auch mal nahe gehen. Zum Beispiel, wenn Kinder betroffen sind.

Das passiert, wenn Angehörige betroffen sind

„Dann muss man auch schon mal aufstehen und sich einen Moment nehmen“, sagt Andreas Schoon. Häufig helfe es dann, mit Kollegen über das Erlebte zu sprechen. Genügt das nicht, gibt es in der Leitstelle auch speziell ausgebildete Mitarbeiter, an die sich die Disponenten wenden können.

Und was passiert, wenn Disponenten feststellen, dass es bei einem Notruf um eigene Angehörige oder Freunde geht?

Andreas Schoon hat genau das bereits erlebt. Seine Lebensgefährtin war die Kellertreppe heruntergestürzt und benötigte Hilfe. Angenommen hatte den Anruf ein Kollege. Doch als klar war, um wen es sich bei der Verunglückten handelte, übernahm Schoon das Gespräch selbst. „So hatte sie es mit einer vertrauten Stimme zu tun.“ Das könne helfen, die Situation etwas zu beruhigen.

So viele Notrufe gingen 2023 bei der Leitstelle ein

Statistisch gesehen nahm das Team der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland in Wittmund im vergangenen Jahr alle dreieinhalb Minuten einen Notruf entgegen. Das macht rund 150.000 Fälle im gesamten Jahr Zuständig ist die Leitstelle für Einsätze der Feuerwehr, des Rettungsdienstes und der Polizei in weiten Teilen Ostfrieslands.

Genauso können die Disponenten Anrufe aber auch an Kollegen abgeben, wenn sie diese aus bestimmten Gründen nicht selbst abarbeiten können.

„Niemand muss Angst vor einem Notruf haben“, sagt Marco Ellermann, Pressesprecher der Polizeidirektion Osnabrück. Noch so eine Botschaft, die mit dem Leitstellentag transportiert werden soll. Wer Hilfe benötigt, bekommt sie. Selbst wenn es nur darum geht, herauszufinden, welcher Arzt gerade Notdienst hat. Solche Anrufe kämen durchaus vor. Allerdings werde den Anrufern dann mitgeteilt, dass der Notruf dafür eigentlich nicht das richtige Mittel sei.

Zwei Behörden, ein großes Team

Räumlich sind die Disponenten für Feuerwehr/Rettungsdienst und Polizei in der Leitstelle voneinander getrennt. Doch sie verstehen sich als ein Team. Die kurzen Wege machen die Arbeit leichter. Statt mit der jeweils anderen Behörde zu telefonieren, um sich abzustimmen, läuft man einfach rüber. Das sei ein großer Vorteil, so Marc Rehbaum.

Auf kommunaler Ebene gingen im vergangenen Jahr in Wittmund etwa 150.000 Notrufe ein. Statistisch gesehen begann also etwa alle dreieinhalb Minuten das rote Kästchen auf dem Bildschirm zu blinken. Häufig wegen eines Notfalls. Manchmal aber auch nur, weil irgendwo ein Schornstein qualmte.

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