Friesensportler im Porträt  Der Boßelbeschwörer und Entenflüsterer aus Simonswolde

| | 02.02.2024 16:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Für die Meisterschaftsfeier der Simonswoldmer Frauenmannschaft in der Boßel-Kreisliga trugen Betreuer Alwin Tütje und die siegreiche Crew im Vorjahr ein schwarzes T-Shirt mit Siegerkranz, zwei Sternen und die Ziffer eins. Allesamt in Gold. Fotos: Wilfried Gronewold
Für die Meisterschaftsfeier der Simonswoldmer Frauenmannschaft in der Boßel-Kreisliga trugen Betreuer Alwin Tütje und die siegreiche Crew im Vorjahr ein schwarzes T-Shirt mit Siegerkranz, zwei Sternen und die Ziffer eins. Allesamt in Gold. Fotos: Wilfried Gronewold
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Der Simonswoldmer Alwin Tütje ist ein engagierter Friesensportler und ein Freund des Federviehs. Einer, der auf vielen Hochzeiten tanzt und einen Spitznamen trägt.

Simonswolde - Im Sommer montiert der Simonswoldmer Alwin Tütje eine Hängematte zwischen zwei Bäumen an seinem Teich hinterm Haus. Der Boßler von „Frisia 08“ Simonswolde blickt in den Himmel oder auf das Wasser, wo Stockenten schwimmen. Ein Ort zum Innehalten und Entspannen. Wenn der 49-Jährige im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten auf das letzte Jahr zurückblickt und überlegt, wie oft er in seiner Matte lag, dann fällt die Anzahl mit „höchstens zehnmal“ recht bescheiden aus.

Tütje ist kein Typ zum Nichtstun und Ausruhen. „Ich bin von morgens bis abends in Bewegung“, sagt er. Das wird nachvollziehbar, wenn er die Dinge aufzählt, die ihn antreiben: Als Familienvater, Bauhofangestellter der Gemeinde Ihlow, Boßler, Mannschaftsbetreuer und Vorstandsmitglied, Fußballer, Jäger, Bisamrattenfänger, Kitzretter und Entenzüchter.

Alwin Tütje züchtet Stockenten. Gegenwärtig hat er rund 150 Stück, deutlich mehr Weibchen als Männchen, auf seiner Anlage. Für ihn sind die Enten wie eine zweite Familie.
Alwin Tütje züchtet Stockenten. Gegenwärtig hat er rund 150 Stück, deutlich mehr Weibchen als Männchen, auf seiner Anlage. Für ihn sind die Enten wie eine zweite Familie.

Stockenten sind seine zweite Familie

Die Liebe zu Stockenten hat ihm den Spitznamen, „Alwin Ente“ eingebracht. Er bekennt: „Ohne Enten wäre das Leben nicht so schön.“ Sie sind seine zweite Familie, um die er sich von früh bis spät kümmert. Gegenwärtig hat er rund 150 Tiere auf der Wiese und im Stall.

Enten haben ihn schon als Kind und Jugendlicher interessiert, als er viel Zeit am Sandwater verbrachte. Der flache Niedermoorsee in Simonswolde war für seinen Großvater Ulfert der Lebensmittelpunkt gewesen. Er fischte, jagte, schnitt Reet und gerbte dort Fälle.

Diese Naturverbundenheit hat sich auf seinen Enkel übertragen. Tütje, ein Mann mit neugierigen Augen und kräftigen Armen liebt den Frühling. Wenn es bunt wird und noch nicht so warm ist, dann kommt er auf Touren. Wenn andere noch Pullover tragen, setzt der kahlköpfige Tütje auf T-Shirt. Fast ganzjährig. Unterhemden zieht er nie an.

Sein Sabbel steht selten still

Für Tütje war das Sandwater ein großer Abenteuerspielplatz mit Angeln, Zelten und Lagerfeuer. Dort wurde er auch mit den Stockenten groß.

Beim täglichen Futterritual, kurz bevor er die Körner verteilt, veranstalten die Enten einen Höllenlärm. Sie sind so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht.

Damit hat Tütje kein Problem. Er ist bekannt für seine laute Stimme, die nur selten verstummt, einer der viel redet. „Es gibt Kollegen auf der Arbeit, die immer wieder meinen, ich sollte meinen Sabbel halten, aber das fällt mir schwer“, so Tütje.

Als seine Freundin und spätere Ehefrau Birgit ihrer Mutter von ihrem neuen Freund Alwin erzählte, da fragte sie nur, ob er der Bölkhals aus Simonswolde sei.

Tütje ist nicht groß. „Laut Personalausweis 172 Zentimeter, aber aktuell bin ich schon etwas geschrumpft“, flachst er. Sein Markenzeichen ist sein Cappy auf dem kahlen Kopf. Er ist bekannt für seine Tatkraft.

Der gelernte Maurer baute sich für seine Familie mit den mittlerweile drei Kindern ein eigenes Haus.

Verwöhnprogramm der Mutter

Er ist einer, der die Dinge mit Herzblut macht. „Mit halben Sachen kann ich nichts anfangen. Entweder ganz oder gar nicht“, lautet seine Devise.

Seit nunmehr 40 Jahren steht er auf der Straße: Als Boßler oder Betreuer. Sein Vater meldete ihn gleich am Tag seiner Geburt beim Boßelverein „Frisia 08“ an. Im Krankenhaus sollen die Ärzte auf dem Flur geboßelt haben mit Kugeln, die sein Vater mitgebracht hatte.

Als Kind musste Tütje häufiger das Krankenhaus aufsuchen. Grund: Er bekam epileptische Anfälle. Sein Körper verkrampfte, er verlor das Bewusstsein. Seine Eltern machten sich Sorgen. Als jüngstes Kind von fünf Geschwistern wurde er fortan verwöhnt.

Tütje erinnert sich: „Ich bekam morgens von meiner Mutter immer Pudding. An einem Tag Vanillepudding, am nächsten Tag Schoko. Das war lecker.“

Seine Krankheit hat er schon lange überwunden, und auch die Puddingzeiten sind längst vorbei. Ehefrau Birgit hat diese süße Morgengabe von seiner Mutter nicht in den Speiseplan übernommen.

Herzlich und hilfsbereit

Von Oktober bis März diktiert der Boßelspielplan das Leben von Tütje. Besonders an den Wochenenden. Als Werfer für die Männermannschaft und als Betreuer der Frauen-I-Mannschaft. Mit ihr feierte er im vergangenen Jahr den Aufstieg in die Bezirksklasse. Dort hat sich der Neuling etabliert. Tütje meint: „Wir haben eine tolle Truppe beieinander und werfen auf Augenhöhe mit den anderen Teams.“

Tütje ist ein strenger Betreuer. Abmeldungen der Werferinnen per Whats-App lässt er nicht zu. Dafür fordert er ein Telefonat ein, um die jeweilige Boßlerin vielleicht doch noch zum Kommen zu bewegen.

Das bestätigt auch Mannschaftsführerin Sandra Vüst. Sie schätzt seine Art: „Er ist direkt, herzlich und engagiert. Wenn er für eine Sache brennt, dann setzt er sich auch voll und ganz dafür ein“, so Vüst. Tütje sei einer, der den Laden zusammenhält und auch ansporne.

Sein bester Freund Andreas Reuter, Vereinsvorsitzender und ebenfalls Anweiser bei Frauen I, meint: „Alwin ist zuverlässig, herzensgut und hilfsbereit. Wenn ich Hilfe brauche, dann kann ich ihn anrufen. Auch nachts. Er lässt keinen hängen.“ Tütje hat auch eine nachdenkliche Seite. Er sorgt sich um den Boßelnachwuchs, der von Jahr zu Jahr schrumpft. Ebenso um den Zustand des Sandwater. Das Binnengewässer verschlammt stetig.

Er kann als Vorstandsmitglied im Boßelverein oder als Jäger und Naturfreund bei den Problemen an der einen oder anderen Stellschraube drehen, hier und da Impulse geben. „Mehr aber auch nicht, denn die Dinge brauchen Zeit und es geht nicht von alleine“, gibt er zu bedenken.

In Strapse und Minirock an der Boßelstrecke

Anfang März nullt Tütje. Er wird 50 Jahre alt. Eine Feier soll es geben. In der Vereinsgaststätte „Germania“ will er es mit seiner Familie, Freunden und Mitstreitern krachen lassen.

Vielleicht gibt es kurze Zeit später noch eine weitere Sause. Seine Frauenmannschaft, die aktuell auf Platz zwei in der Bezirksklasse rangiert, gehört zum Kreis der Aufstiegsaspiranten. Sollte der Sprung in die Bezirksliga gelingen, wäre das für Tütje eine Riesensache. Eine Wette auf den Aufstieg, so wie vor einigen Jahren, wird er aber nicht noch einmal eingehen.

Damals liefen Tütje und sein Boßelkumpel Uwe Gessel am letzten Spieltag in Strapse und Minirock auf. Sie lösten eine Wettschuld, weil ihre Mannschaft den Titel gewonnen hatte.

„Das war eine lustige Geschichte, aber mittlerweile bin ich ruhiger geworden“, so Tütje. Und so müssen dann wohl andere ran, um für Gesprächsstoff zu sorgen.

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