Hitzige Diskussion  Bauausschuss für Weiterplanung des Baugebiets in Kirchdorf

| | 21.01.2024 09:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Blick von der Weizenstraße: Hinter dem Spielplatz soll das neue Baugebiet entstehen. Foto: Heino Hermanns
Blick von der Weizenstraße: Hinter dem Spielplatz soll das neue Baugebiet entstehen. Foto: Heino Hermanns
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Das Baugebiet mit rund 70 Wohneinheiten in Aurich finden einige modern und nötig, andere halten es für eine Belastung. Bürger raunten nach der Abstimmung etwas von „einem verlogenen Haufen“.

Aurich - Im vergangenen Juni wurde hitzig im Bauausschuss der Stadt Aurich diskutiert, ob das neue Siedlungsgebiet in Kirchdorf – zwischen den Straßen Waternüst und Weizenstraße – weiter geplant werden soll. Die Wiesen wurde als ökologisch wertvoll eingestuft. Zudem führt die Zuwegung in das Baugebiet durch ruhige Straßen, Anwohner protestierten.

Ein Ortstermin im September sollte Klarheit bringen – überzeugte aber weitere Politiker, das Projekt für zu belastend für die Anwohner zu bewerten. Nun wurde am Donnerstag im Bauausschuss erneut hitzig diskutiert. Und die Mehrheit sprach sich gegen die Einwände einiger anwesender Bürger und des Ortsrates Upstalsboom für die Fortführung der Planung aus. Die Unterlagen sollen bald öffentlich ausgelegt werden.

Einige Fraktionen teilen Bedenken der Anwohner

CDU/FDP und SPD sind für die Fortsetzung der Planung. Eine breite Mehrheit gegen die Stimmen von AWG und Grünen, die nicht gegen das Votum der Anwohner stimmen wollten. Auch die im Bauausschuss nicht stimmberechtigte Linke hatte sich gegen das Vorhaben ausgesprochen. Der elfköpfige Verwaltungsausschuss wird den endgültigen Beschluss zur Fortführung treffen.

Immer noch entzündet sich die Unzufriedenheit an der vom Landkreis nicht genehmigten Zufahrt von der Kirchdorfer Straße (K111). Laut Planungsamtsleiter Mirko Wento hat es intensive Gespräche mit den dortigen Verantwortlichen gegeben, die sehr gute Gründe für die Entscheidung hätten.

Ein Bild aus dem vergangenen Sommer: Über die Weizenstraße soll der Verkehr zu einer der Hälften des Neubaugebiets fließen. In der Mitte wird dort eine Absperrung für den Durchgangsverkehr eingebaut. Foto: Heino Hermanns
Ein Bild aus dem vergangenen Sommer: Über die Weizenstraße soll der Verkehr zu einer der Hälften des Neubaugebiets fließen. In der Mitte wird dort eine Absperrung für den Durchgangsverkehr eingebaut. Foto: Heino Hermanns

Arnold Gossel (CDU) sagte, dass der Kreis seit Jahren außerorts keine neuen Zufahrten für Siedlungsgebiete genehmige, die anderweitig erschlossen werden könnten. Das sei auch jedem klar gewesen, als die Planung 2019 begonnen hätte.

Kritik an Haltung des Landkreises

Richard Rokicki (AWG) und Volker Rudolph (GAP, Ortsrat Upstalsboom) wollten das so nicht hinnehmen. Rokicki räumte ein, anfangs für das Projekt gestimmt zu haben. Seit der Ortsbegehung sei ihm klar, dass das neue Baugebiet eine zu große Belastung für die Anwohner darstelle. „Das wird eine ganz andere Lebensqualität.“ Deshalb habe er seine Meinung geändert und riet dazu, bei künftigen Projekten gleich zu Beginn einen vor-Ort-Termin zu machen.

Rokicki drängte darauf, mit dem Landkreis im Gespräch über die Zufahrt zu bleiben. „Das ist ja keine Siedlung mit nur fünf bis sechs Häusern. Es ist unmöglich, dass der Landkreis sich so querstellt.“

Gunnar Ott (Grüne) lobte die Niedersächsische Landgesellschaft (NLG) als Entwicklerin. Sie habe sich Mühe gegeben, eine Lösung zu finden. Aber der Standort des Gebiets sei das Problem. Der Eingriff in die Natur sei sehr groß. Und die Anwohner würden zu stark belastet.

Ortsrat hat Zustimmung an Bedingungen geknüpft

Das sieht auch der Ortsrat so. Er hatte sich zwar grundsätzlich für das Baugebiet ausgesprochen und 2019 gefordert, dann einen Fuß- und Radweg in der Weizenstraße anzulegen. Im vergangenen Jahr habe der Ortsrat basierend auf den Bürgerprotesten aber zur Bedingung gemacht, dass eine Zufahrt zur Kreisstraße eingerichtet wird, so Ortbürgermeisterin Antje Harms (SPD). Dazu solle dort dann die Tempo-50-Zone verlängert werden, was ohne Schaden für den Verkehrsfluss möglich wäre, referierte Rudolph. Er könne absolut nicht verstehen, warum der Landkreis einer Baustraße zur K 111 zustimme, einer dauerhaften Anbindung aber nicht.

Die Straße Waternüst als zweite Zuwegung zum Gebiet ist derzeit eine Spielstraße und baulich stark eingeengt. Foto: Heino Hermanns
Die Straße Waternüst als zweite Zuwegung zum Gebiet ist derzeit eine Spielstraße und baulich stark eingeengt. Foto: Heino Hermanns

Ortsratsmitglied Udo Haßbargen (SPD) wies darauf hin, dass nach dem ersten Beschluss, als der Ortsrat 2019 noch dafür gestimmt hätte, nicht nur eine Umplanung, sondern auch ein großer personeller Wechsel stattgefunden habe. Er plädierte dafür, die Fläche für einen möglichen Flächentausch bei einem Flurbereinigungsverfahren für die B210n in der Hinterhand zu behalten. Zudem gebe es eine ganze Reihe anderer Baugebiete in Aurich.

Bisher keine Angaben zu einer Quote an Sozialwohnungen

Hendrik Siebolds (Linke) sprach sich ebenfalls gegen die Fortführung der Planung aus. Es sei nicht sinnvoll, so weit außerhalb des Auricher Zentrums so viele Wohneinheiten zu errichten. Es gebe in unmittelbarer Umgebung keine Nahversorgung, die Bewohner seien auf Autos angewiesen. Dieses Gebiet sei Zersiedelung.

Siebolds wollte wissen, ob die Stadt der Niedersächsischen Landgesellschaft als Entwicklerin des Gebietes eine Quote an Sozialwohnungen zur Auflage macht. Beim Baugebiet Große Schlinge in Sandhorst war dies geschehen. Beim Projekt Kaserne und Skagerrakstraße ebenso. Inwieweit dies auch in Kirchdorf geplant ist, konnten ad hoc weder Jacobus Penning von der NLG noch Planungsamtsleiter Mirko Wento beantworten. Im Bebauungsplan ist dies nicht vorgesehen. Und der städtebauliche Vertrag sei noch nicht ausgehandelt.

Planungsamt: Gebiet bist ein Vorzeigeprojekt

Gerda Küsel (SPD) sprach sich für das Gebiet aus. Es sei ein Vorzeigeprojekt. Sie finde diese Lückenbebauung sehr interessant. „Wir brauchen Wohnraum“, so Küsel. Die Investoren würden nicht ewig auf eine Entscheidung warten.

Die Fläche zwischen den Siedlungen gilt als attraktiv für die Landwirtschaft und ökologisch hochwertig. Foto: Heino Hermanns
Die Fläche zwischen den Siedlungen gilt als attraktiv für die Landwirtschaft und ökologisch hochwertig. Foto: Heino Hermanns

Wento unterstrich die Aussage. Für Aurich sei das energieautarke Gebiet, das zudem auf Klimaanpassung geplant sei, etwas Besonderes. Andere Kommunen schauten darauf. Städtebaulich seien die beiden Nachbarsiedlungen ohnehin von Anfang an so angelegt, dass die Lücke geschlossen und über die beiden bisherigen Sackgassen Waternüst und Weizenstraße angeschlossen wird. Dass nun eine Zufahrt zur Kirchdorfer Straße verlangt werde, die definitiv nicht umsetzbar sei, sei „schwierig“, so Wento.

Bürger zweifeln am Bedarf an Grundstücken

Vier Bürger hielten dagegen, stellten in Zweifel, dass angesichts der Entwicklung der Baufinanzierung und der zahlreichen Neubauprojekte in Aurich weitere Flächen nötig seien. Almut Hübner-Barghoorn sprach einige Ausschussmitglieder direkt an. Wie zu erklären sei, dass sie vor Ort gesagt hätten, dass die Verkehrsbelastung unzumutbar sei und nun ihre Meinung geändert hätten.

Ausschussvorsitzender Manfred Möhlmann (CDU) versuchte sich an einer Antwort. Er habe sich die Entscheidung sehr schwer gemacht. Würde das Baugebiet jetzt erst geplant, wäre er dagegen. 2019 sei er nicht im Rat gewesen. Nun sei aber schon viel Arbeit investiert und Kompromisse gefunden worden. Er habe sich die Verkehrsbewegung in vergleichbaren Gebieten angeschaut und sei zu dem Schluss gekommen: Das ist zumutbar.

Das sagt die Niedersächsische Landgesellschaft

Jacobus Penning von der NLG erinnerte die Ausschussmitglieder daran, dass 2019 noch geplant war, die Bauleitplanung im vereinfachten Verfahren durchzuführen. „Dann wäre das schon erledigt. Es gab einstimmige Beschlüsse.“ Nur weil die NLG das Quartier energetisch moderner plane, sei es zu den Verzögerungen – und Diskussionen – gekommen. Ein Aufstellungsbeschluss sei für einen Entwickler aber das Zeichen, dass ein Projekt gewollt sei und durchgezogen wird, kritisierte er.

Penning betonte, dass in Kirchdorf ein sehr modernes Wohngebiet entstehen werde. Unter anderem sind Reihenhäuser für zwei bis sechs Parteien geplant. Außerdem Einfamilien- und Doppelhäuser. Im Kern des Gebietes soll es aber auch eine zweigeschossige Bauweise geben. Angesichts der Veränderungen auf dem Immobilienmarkt sollten dort vermehrt Wohnungen mit 60 bis 65 Quadratmetern entstehen. Deren Anzahl kann derzeit nicht exakt beziffert werden.

In zwei Bereichen soll es Wohnhäuser mit vier Einheiten und Flachdach geben. Dadurch sei man bei Themen wie Photovoltaik, Wasserspeicherung und einer Gründachgestaltung flexibel. Zudem ist als Klimaanpassung eine Fassadenbegrünung geplant.

Das Wohngebiet soll energieautark sein. „Es wird definitiv eine regenerative Energieform werden. Welche genau, wird die weitere Abstimmung und die Förderkulisse zeigen“, so die NLG.

Müllsammelstellen und Stellplätze sollen an zwei Stellen zentral angelegt werden.

Die Durchfahrt des Verkehrs wird in der Mitte des Gebietes unterbunden. Nur Müll- und Rettungsfahrzeuge sollen die Barriere überwinden können. Das soll dazu dienen, dass kein Durchfahrtsverkehr entsteht und die Ausfahrten aus dem Gebiet sich auf die beiden Nachbarstraßen aufteilen.

Ob die NLG oder andere Investoren die Häuser bauen, steht noch nicht fest.

Gossel führte an, dass er die Bedenken der Anwohner verstehen könne, dass die Stadtpolitik aber bei der Stadtentwicklung „weiter blicken“ müsse als auf einzelne Befindlichkeiten. „Die Schließung einer Lücke zwischen zwei Siedlungen ist doch ideal. Wir können es nicht allen recht machen.“ Der anschließende Beschluss erfolgte mit großer Mehrheit von zehn zu drei Stimmen. „Was für ein verlogener Haufen“, kommentierte ein Bürger.

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