Johann Saathoff zieht Zwischenbilanz Zwei Jahre Staatssekretär zwischen Kabinett und Vereinsheim
Am 8. Dezember 2021 wurde der 55-Jährige aus Pewsum ernannt. Seitdem sitzt Johann Saathoff im Bundestag oft auf der Regierungsbank und im Kanzleramt im Kabinett. Dabei ist er ständig unterwegs.
Pewsum/Berlin - Am Montagmorgen sitzt er zur Bürgersprechstunde im Norder SPD-Haus, am Dienstagfrüh ist er zu Gast bei einer Bürgermeisterkonferenz zur Cybersicherheit und Migration im münsterländischen Borken, abends dann im Bundesinnenministerium in Berlin. Am Mittwochvormittag vertritt er seine Chefin, Bundesinnenministerin Nancy Faeser, in der Kabinettssitzung, am Abend ist er zu Gast im Emder Kulturbunker. Am Donnerstag geht es zuerst zur Deichacht Krummhörn, am Nachmittag in den Kreistag in der Auricher Stadthalle. Am Freitag gibt es ein Gespräch mit Gewerkschaftern und Betriebsräten des Gusszentrums Ostfriesland in Georgsheil – und abends geht es zum SPD-Ortsverein Berumbur.
Diese 49. Kalenderwoche ist für Johann Saathoff keine Besonderheit, sondern steht ganz typisch für die ständige berufliche Rastlosigkeit des Bundestagsabgeordneten. Vor genau zwei Jahren, am 8. Dezember 2021, wurde der 55-Jährige zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium ernannt. Im Haus von Ministerin Nancy Faeser ist für Cybersicherheit, Bevölkerungsschutz, Digitalisierung von Gesellschaft und Verwaltung sowie Dienstrecht zuständig.
Erster Schock nach wenigen Wochen
Nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt begann der russische Angriff auf die Ukraine, der auch für den früheren Russland-Beauftragten ein Schock war. In seiner neuen Funktion war Saathoff direkt betroffen, denn der Krieg begann mit einer Cyberattacke der Russen, die als Kollateralschaden unter anderem Hunderte Enercon-Windräder lahmlegte. „Es gab täglich Schaltungen zur aktuellen Lage, die Ukraine bat uns um Hilfe“, erinnert sich Saathoff, der im Ministerium unter anderem für Cybersicherheit zuständig ist.
Das Innenministerium registrierte Desinformationskampagnen der Russen. Saathoff erhielt gleich zu Beginn seiner neuen Tätigkeit tiefe Einblicke, es gab sogenannte eingestufte Berichte, auch von Geheimdiensten. In den Schaltungen kommt ein speziell verschlüsseltes Kryptohandy zum Einsatz. Aus den Unterrichtungen darf Saathoff nicht öffentlich berichten. „Das war schon manchmal persönlich belastend“, erinnert sich der 55-Jährige.
Neu für den früheren Krummhörner Bürgermeister war auch der eigene Dienstwagen mit Chauffeur. „Am Anfang habe ich damit gefremdelt“, sagt Saathoff. Aber als Innen-Staatssekretär sei es eben bisweilen notwendig, in einer geschützten Umgebung zu arbeiten und zu telefonieren. Und so wird Saathoff auch mal im luxuriösen Audi A 8 als Hybrid-Version bis in die Krummhörn gebracht.
Nun auch der Regierung verpflichtet
Als Parlamentarischer Staatssekretär ist Saathoff nicht mehr nur den Bürgern in seinem Wahlkreis verpflichtet, sondern auch der Regierung. Im Ministerium hätten die Kollegen dank seiner Verwaltungserfahrung, etwa bei der Bezirksregierung in Aurich, der Fachhochschule Emden und der Krummhörner Gemeindeverwaltung, schnell erkannt: „Das ist einer von uns.“
Zu Beginn habe er sich schon gefragt, ob ihm der stetige Spagat zwischen Sorgen und Nöte der Bürger in Ostfriesland und der großen Regierungspolitik gelingen werde. Doch dank einer guten Organisation durch seine Mitarbeiter sei er optimistisch, dass das geklappt habe, so Saathoff.
Am Wochenende will erin Ostfriesland sein
Er versuche, fast jedes Wochenende zuhause zu sein. Die kleine Wohnung in Berlin-Kreuzberg nutzt er eigentlich nur zum Schlafen. Eine Dreiviertelstunde braucht er von dort zu Fuß bis ins Regierungsviertel mit Bundestag und Ministerium. Zeit, die er auch nutzt, um durchzuatmen.
Saathoff flitzt von einem Termin zum nächsten, ist als zuständiger Staatssekretär für Katastrophenschutz bei der Feuerwehr in Mülheim an der Ruhr und sitzt abends schon wieder mit einem rumänischen Minister zusammen. Kürzlich war er in Sachen Cybersecurity in Singapur und Südkorea.
Ebenfalls gewöhnungsbedürftig war für Johann Saathoff, dass ihm jemand seine Reden schreibt. „Ich pimpe sie dann aber mit meinen persönlichen Erfahrungen auf“, berichtet er. Einmal hätten ihm die Redenschreiber sogar eine plattdeutsche Redewendung eingebaut, was Saathoff amüsiert, immerhin streut er in viele seiner Bundestagsreden plattdeutsche Sprüche ein. Ein Best-of davon brachte es beim Videoportal Youtube auf fast 57.000 Aufrufe, seine denkwürdige Anti-AfD-Rede auf Platt kommt sogar auf 1,1 Millionen.
Auf Regierungsbank zwischen Lindner und Baerbock
Im deutschen Bundestag sitzt Johann Saathoff nun oft auf der Regierungsbank, und zwar in der ersten Reihe. Er nimmt dort Platz als Vertreter seiner Ministerin Nancy Faeser – direkt zwischen Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Baerbock kennt er schon länger, sagt Saathoff. „Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis.“ Und auch mit Lindner arbeite er professionell zusammen.
Seine Chefin Nancy Faeser, die in Hessen im Oktober krachend die Landtagswahl verlor und trotzdem an ihrem Bundesministerposten festhält, verteidigt Saathoff, wie es sich gehört, etwa in der Affäre um den früheren Chef des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm.
Wie fühlt sich das an, so weit oben in der Bundespolitik, so nah dran an den ganz Mächtigen? „Ich habe keine Angst vor großen Tieren“, sagt Saathoff.
Im Kabinett sitzt der Krummhörner zwischen Lindner und dem Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Den kennt er aus Niedersachsen gut. Als der Osnabrücker, seit Monaten mit Abstand beliebtester deutsche Politiker, vom niedersächsischen Innenministerium nach Berlin wechselte, wurde Saathoff als möglicher Nachfolger gehandelt. Doch dazu kam es nicht.
Kein Drang in die Talkshows
Saathoff ist Vorsitzender der 27-köpfigen Landesgruppe Niedersachsen/Bremen der SPD-Bundestagsfraktion. Doch zumindest medial drängt er nicht in die erste Reihe, in den allgegenwärtigen abendlichen Polit-Talkshows ist er kaum zu sehen. „Ich habe keinen starken Drang dorthin. Ich versuche meine Arbeit gut zu machen, damit habe ich ausreichend zu tun“, sagt Saathoff.
Umso mehr beherrscht der 55-Jährige die Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Bei Facebook berichtet er stetig von seinen zahllosen Begegnungen und Reisen. Seine Fotos von den Bahnhöfen aus Emden und anderswo, untertitelt mit „Rolling, rolling, rolling“ sind mittlerweile ein Running Gag. Die Bürger hätten ein Recht darauf, zu erfahren: „Wat frett de Fent egenlik ut?“ Dazu gibt es immer wieder schöne Landschaftsfotos aus der Krummhörn. Mit inhaltlich polarisierenden Aussagen dagegen ist der Pewsumer sparsam, wohl auch deshalb erfährt er großen Zuspruch. „Man darf die sozialen Medien nicht mit dem Plenarsaal verwechseln“, sagt er.
Fußballerkarriere im FC Bundestag beendet
Bleibt angesichts der Doppelbelastung als Staatssekretär und Abgeordneter eigentlich noch Zeit für Hobbys und die Familie? Kaum, räumt Saathoff ein. „Aber meine Frau und ich sind schon erfahren darin.“ Von den fünf Kindern wohnt noch eines zuhause. So bleibt auch mal Zeit für ein Abitreffen mit den Klassenkameraden des Jahrgangs 1987 vom Emder Johannes-Althusius-Gymnasium.
Und die Fußballerkarriere im FC Bundestag? Hat er aufgegeben. „Das ist ohne Training grob fahrlässig“, sagt Saathoff und verweist auf Kollegen, die sich mit Krücken ans Rednerpult schleppen mussten. Immerhin: Er ist weiterhin Gründungspräsident des Werder Bremen-Fanclubs im deutschen Bundestag.
Abgesehen von den zahllosen Verpflichtungen in der Bundespolitik sitzt Johann Saathoff außerdem im Auricher Kreistag, in den er im September 2021 mit sagenhaften 10.162 Stimmen gewählt wurde. Schafft er auch hier den Spagat zwischen Berlin und Aurich? Zwar ist er in keinem Fachausschuss vertreten. Doch in der Fraktion sei er eine einflussreiche Stimme, sagt Saathoff. So war er etwa bei der Klausurtagung zum Kreishaushalt vergangene Woche dabei. Und: „Im Zweifel steige ich auch in die Bütt.“
Bei wichtigen Themen wie der Zentralklinik oder der Norder Krankenhausschließung ergreift das politische Schwergewicht im Kreistag das Wort. Er bringe sich in Themen ein, die ihm wichtig seien, etwa bei den Busfahrer-Gehältern oder dem Rettungsdienst.
Landrat und OB will er nicht mehr werden
Grundsätzlich glaubt Saathoff, dass er gerade in Zeiten zunehmender Demokratieverdrossenheit sozialdemokratische Werte hochhalten muss. Da will er keine Kompromisse machen, etwa wenn Stimmen in der FDP die Rücknahme der Erhöhung des Bürgergeldes fordern. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, das seien weiter wichtige Grundwerte für ihn, betont Saathoff.
Will er bei der nächsten Bundestagswahl 2025 erneut antreten für eine vierte Wahlperiode? Das müssten am Ende die Gremien entscheiden, sagt Saathoff nur. Im Frühjahr 2024 werde man im Unterbezirksvorstand darüber sprechen. Immerhin: Dass er doch noch einmal Auricher Landrat oder Emder Oberbürgermeister werden will, wie 2018 schon einmal spekuliert wurde, das schließt Saathoff aus.
So oder so, bis Herbst 2025 wird der „Stimmenkönig“ aus der Krummhörn noch viele Kilometer machen, um den stetigen Spagat hinzubekommen. Rolling, rolling, rolling. An diesem Sonntag geht es, natürlich, zum Weihnachtsfest der SPD Upgant-Schott. Doch am Sonnabend hat Johann Saathoff tatsächlich einmal frei. Es ist sein 56. Geburtstag.