Porträt: Mettin Köllmann  Ein Macher und Feierbiest mit vielen Talenten

| | 01.12.2023 13:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
„Ich gebe nicht auf“, lautete das Motto von Mettin Köllmann im Kampf gegen den Krebs. Fotos: privat
„Ich gebe nicht auf“, lautete das Motto von Mettin Köllmann im Kampf gegen den Krebs. Fotos: privat
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Weshalb sich der Lübbertsfehntjer Mettin Köllmann in Sport und Politik engagiert. Einer, der Luftgitarre spielte und nun einen schweren Kampf führt.

Lübbertsfehn – Wenn er nachts im Dunkeln in seinem Sessel im Wohnzimmer sitzt, dann verhandelt der Lübbertsfehntjer Mettin Köllmann mit seinem inneren Feind. Der Knochenkrebs hat seinen Körper gekapert und sein Leben verändert.

„Die Diagnose war wie ein harter Schlag in die Magengrube“, bekennt der 68-Jährige. Einer, der sich aus kleinen Verhältnissen nach oben gearbeitet und es zu Wohlstand und Ansehen gebracht hat. Ein Kämpfertyp, der seiner schweren Krankheit nicht die Hoheit über sein Leben überlassen will. Köllmann sagt im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten: „Mit dieser Krankheit habe ich nicht gerechnet, aber ich lasse mich nicht unterkriegen.“

Mitte November gab es eine gute Nachricht vom Arzt. Die Hoffnung auf bessere Zeiten ist wieder größer geworden.

Nebenrollen sind nicht sein Ding

Einblicke in sein Leben vermittelt ein Fotobuch, das ihm seine Freunde Johann Müller und Hein Saathoff vor einigen Jahren geschenkt haben. Wenn Köllmann es durchblättert, auf die kleinen und großen Fotos blickt, dann sprudeln Erlebnisse aus ihm heraus, so als wären sie erst gestern geschehen. Sie erzählen Geschichten. Wie jener Schnappschuss, der den jungen Köllmann hinter einem Schlagzeug zeigt, wie er mit den Stöcken auf die Trommel schlägt. Einer, der den Takt angibt. Der sagt, wo es lang geht auf der Bühne des Lebens.

Handball spielte Mettin Köllmann (oben links) beim TuS Weene. Zur Mannschaft gehörten Hein Saathoff (vorne von links), Gerd Groß, Harm Park, Harm Harms, Wilhelm Fleßner. Johann Müller (Zweiter stehend von links), Tamme Bohls, Gerhard Köllmann, Heinz Albers.
Handball spielte Mettin Köllmann (oben links) beim TuS Weene. Zur Mannschaft gehörten Hein Saathoff (vorne von links), Gerd Groß, Harm Park, Harm Harms, Wilhelm Fleßner. Johann Müller (Zweiter stehend von links), Tamme Bohls, Gerhard Köllmann, Heinz Albers.

Köllmann steht häufig im Scheinwerferlicht, er fühlt sich wohl in der ersten Reihe. Er ist da, wo die Musik spielt. Kein Mann für Nebenrollen. Es gibt diese Aufnahme, da steht er hinter Schlagersänger Heino samt seiner Frau Hannelore. Nah beieinander, vertraute Blicke.

Feierbiest und Luftgitarrenspieler

Köllmann kennt keine Berührungsängste mit bekannten Personen aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness. Hinein ins Geschehen. Einfach drauf los, so seine Devise. Er liebt das Gesellige im Kreise seiner Freunde und Saunakumpels. Er hat früher Luftgitarre gespielt, kann unterhalten, Witze erzählen. Ein Feierbiest, so nennen ihn seine Mitstreiter. Einer, der auch organisieren und improvisieren kann.

Als der Schlagersänger Tony Marschall („Schöne Maid“), vor seinem Auftritt in Lübbertsfehn nach Rotwein verlangte, da, wo sonst Bier und Schnaps getrunken wurden, warf Köllmann seine privaten Rotweinbestände auf den Markt. Marschall kam auf Betriebstemperatur und lieferte einen unvergesslichen Auftritt ab.

Köllmann kennt aber auch die andere Seite jenseits der Bühne mit Lametta und Glamour. Er weiß um die Nöte und Sorgen der kleinen Leute. Er setzt sich uneigennützig für andere ein. Das sagen seine Freunde. Dazu zählt auch der Schirumer Hein Saathoff. Er betont: „Mettin ist hilfsbereit. Er ist da, wenn man Hilfe braucht.“

Aufstieg zum Bürovorsteher

Weshalb das so ist, verrät der Schirumer Leegmoorer Johann Müller, ein enger Wegbegleiter. Er sagt: „Mettin weiß, wo er herkommt. Ein Arbeiterkind aus einfachen Verhältnissen.“

Rückblick: Köllmann wurde 1955 in Extum geboren. Sein Vater war Maurer. Seine Mutter Gerda kümmerte sich um die vier Kinder, allesamt Jungen. Mettin Köllmann war der Älteste.

Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Rechtsanwalt- und Notargehilfen. Nach der Bundeswehr arbeitete er in der Kanzlei von Dr. Harm Buss und wurde Bürovorsteher.

Eine Entscheidung, die sein Leben in doppelter Hinsicht prägen sollte. Zum einen lernte er in der Kanzlei seine spätere Ehefrau Magret kennen. Zum anderen nahm Buss seinen jungen Mitarbeiter unter die Fittiche. Er wurde sein Mentor. Davon sollten beide Seiten profitieren. Köllmann erweiterte stetig sein Wissen, lernte fürs Leben. Buss wiederum freute sich über einen wachsenden Mandantenkreis, den der Netzwerker Köllmann stetig fütterte. Die Beziehung ging über das Berufliche hinaus. Köllmann erinnert sich: „Harm Buss war für mich wie ein Ziehvater, Vorbild und Gönner. Unsere Familien waren befreundet.“

Köllmann inhalierte die Sprache seines Chefs und studierte den Umgang mit Mandanten. Rüstzeug, das er später als Politiker oder Ehrenämtler einsetzte.

Köllmann und seine Freundin Magret Fleßner arbeiteten fast sechs Jahre in der Kanzlei, ehe sie 1978 heirateten. Als die Lübbertsfehntjerin zum ersten Mal den Vornamen Mettin hörte, da wusste sie nichts damit anzufangen. „Ich kannte damals niemand, der so hieß, aber es hat dennoch gefunkt“, so seine Ehefrau. Zwei Söhne kamen zur Welt. Arnd-Jakob und Gert-Mimke.

Ehefrau stellt Vertrauensfrage

Magret Köllmann lacht gerne. Herzhaft und innig. Bei einer Sache ist ihr aber das Lachen vergangen. Ihr Mann kam früh zum TuS Weene und spielte Handball. Einer für die linke Außenbahn. Gefürchtet und torgefährlich. Dort lernte er auch seine späteren Freunde fürs Leben kennen. Neben Johann Müller und Hein Saathoff auch die mittlerweile verstorbenen Tamme Bohls und Wilhelm Fleßner. Ein eingeschworener Haufen. Handball sollte neben Boßeln lange Zeit den Takt seiner Freizeit bestimmen. So lange, bis seine Ehefrau die Reißleine zog und die Vertrauensfrage stellte. Familie oder Handball? Eine klare Ansage. Köllmann verstand: Er entschied sich für die Familie und legte den Ball aus der Hand. Aber nur für kurze Zeit.

1997 wurde er Vorsitzender des Boßelvereins „Germania“ Lübbertsfehn-Ihlowerhörn. Er prägt den Verein schon mehr als ein Vierteljahrhundert lang. Im kommenden Frühjahr soll Schluss sein. Ein Nachfolger steht auch schon in den Startlöchern.

Insgeheim hatte Köllmann bis vor einigen Jahren gehofft, dass sein Sohn Gert-Mimke das Zepter von ihm übernimmt. Daraus wurde aber nichts. Sein Sohn verließ nach Unstimmigkeiten die Germanen und schloss sich Rahe an. Für Köllmann eine persönliche Niederlage. Ebenso der verpasste Landesligaaufstieg der Boßler von „Germania“. Eine Chance, die es danach nie wieder geben sollte.

Die Familie Köllmann engagiert sich in der Theatergruppe Wiekenspöler des Boßelvereins „Germania“. Ehefrau Magret und der jüngste Sohn Gert-Mimke spielen auf der Bühne. Mettin Köllmann moderiert die Aufführungen. Mal humorvoll, mal launisch. Er dachte sich auch den Namen für das Ensemble aus.

Das SPD-Gen

Die Politik sollte ein weiteres Steckenpferd für ihn werden. „In uns sitzt das SPD-Gen drin“, flachst Köllmann und verweist auf seinen Vater Jakob und seinen Großvater Mettin, allesamt Sozialdemokraten.

Mit seinem Vater hat er einige Kämpfe ausgetragen. Der hatte ihm nach der Lehre eine Stelle beim Landkreis besorgt. Sichere Arbeit und solides Einkommen. Der Sohn winkte ab und entschied sich für die Privatwirtschaft. Er blieb Chef Harm Buss treu. Für ihn klebte Köllmann in Wahlkampfzeiten auch Plakate. Für die CDU. Das war für seinen SPD-Vater eine Ohrfeige. Mittlerweile ist Köllmann schon ein halbes Jahrhundert bei den Sozialdemokraten und mischt in der Kommunalpolitik der Gemeinde Ihlow mit. In verschiedenen Funktionen im Orts- und Gemeinderat. Köllmann bezeichnet seinen Stil als „charmant-aggressiv“. Einer, der umgarnen, aber auch austeilen kann.

Seit 2016 ist er Ortsbürgermeister von Ihlowerhörn. Es lief aber nicht immer so, wie er es sich wünschte. Einmal wurde er bei der Wahl zum Ortsbürgermeister von Hinrich Tjaden (CDU) besiegt. Eine Schramme für sein Ego.

Mettin Köllmann in prominenter Gesellschaft mit Schlagersänger Heino (links).
Mettin Köllmann in prominenter Gesellschaft mit Schlagersänger Heino (links).

Der Knochenkrebs hinterlässt Spuren. Krankenhausaufenthalte, Bestrahlungen, Medikamente, all das fordert Tribut. Viele Nächte, in denen er nicht schlafen kann. Dann sitzt er in seinem Sessel und schreibt Tagebuch oder hört Musik von den Amigos, ACDC oder Volker Lechtenbrink. Lieder, die Balsam auf seine Seele tropfen lassen. Manchmal singt er auch laut mit: „Leben, so wie ich es mag. Leben spüren Tag für Tag.“

Darauf kommt es für ihn jetzt an. Jeden Tag, jede Nacht annehmen, so wie sie sind. Zeit mit der Familie verbringen, mit Freunden telefonieren oder sprechen.

„Es ist noch nicht so weit. Ich gehe noch nicht mit“

Neulich stand Pastor Kurt Booms unangemeldet vor der Haustür. Köllmann öffnete und flachste: „Es ist noch nicht so weit. Ich gehe noch nicht mit Dir.“

Sie haben dann im Haus miteinander gesprochen. Zum Schluss hat der Pastor ein Gebet gesprochen und Köllmann seine Hände gefaltet. Ein Zeichen der Einkehr und Demut.

Die Rollen haben sich geändert. Zuvor hat er die Richtung bestimmt. Mit seiner Krankheit hat sich sein Selbstbild verschoben. Der von Schmerzen geschwächte Körper, immerhin 1,93 Meter groß und sein ausfallendes Haar zeigen ihm Grenzen auf.

Es gibt Tage, da wird sein Drang, die Dinge für die Familie, die Politik und den Boßelverein nach vorne zu bringen, durch die bösartige Krankheit ausgebremst. Daran hat er zu knabbern. Das Auf und Ab, das Ungewisse, das setzt ihm zu.

Seine Frau gibt ihm Rückhalt. Sie reden häufig miteinander. Über Ängste, Hoffnungen und Zukunft. Eine gemeinsame Schifffahrt steht auf der Wunschliste.

Vor einigen Tagen ließ er den Champagner-Korken knallen. Die neuesten Befunde lagen auf dem Tisch. Die Bestrahlungen hatten angeschlagen. Damit geht er gestärkt in seinen Kampf und die nächtlichen Verhandlungen mit seinem inneren Feind. Ausgang ungewiss.

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