Umstrittene Beweidungsprojekte  Nabu kommt bei Herden-Auflösung voran

| | 19.10.2023 21:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auf der Fläche in Thedingaer Vorwerk stehen noch Rinder. Die Herde, die in Coldam weidete, ist durch Verkauf, Vermittlung und Schlachtung aufgelöst. Foto: Karin Böhmer
Auf der Fläche in Thedingaer Vorwerk stehen noch Rinder. Die Herde, die in Coldam weidete, ist durch Verkauf, Vermittlung und Schlachtung aufgelöst. Foto: Karin Böhmer
Artikel teilen:

Der Nabu geht gegen die vom Kreis Leer gesetzte Frist für das Ende der Beweidungsprojekte vor. Gleichwohl ist inzwischen eine der zwei Rinderherden verkauft und vermittelt. Und es gab einen Unfall.

Wiegboldsbur/Leer - Zwölf Tage sind es noch, bis die Nabu-Tochter „Landschaftspflege und Naturerlebnis gGmbH Ostfriesland“ (Luno) mit Sitz in Wiegboldsbur die Beweidungsprojekte im Landkreis Leer beenden muss.

Der Landkreis hält an der gesetzten Frist 31. Oktober fest, wie Kreissprecher Philipp Koenen auf ON-Nachfrage bekräftigte. Nabu-Landesvorsitzender Dr. Holger Buschmann hält nach wie vor dagegen. „Auch jetzt bleiben wir dabei, dass eine tierwohlgerechte Verbringung der Tiere bis zum 31. Oktober nicht machbar ist. Der Nabu hat gegen die Anordnung, dass die Tiere (Rinder und Pferde) bis zu diesem Datum vollständig zu entfernen seien, Rechtsmittel eingelegt.“

Landkreis hält an seiner Auffassung fest

Der Landkreis Leer wiederum argumentiert, dass bereits vor geraumer Zeit angekündigt worden sei, dass die Beweidungsprojekte in Thedingaer Vorwerk und Coldam vor dem Winter beendet werden sollen. Insofern sei dies dem Nabu längst bekannt und er habe sich darauf einstellen können, so Koenen. „Als Tierhalter ist er in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Herden innerhalb der Frist tierschutzgerecht aufgelöst werden.“

Auf die Nachfrage, was passiert, wenn dies nicht eingehalten wird, hieß es: „Da die Frist noch nicht abgelaufen ist, wäre alles Weitere derzeit Spekulation und an Spekulationen möchten wir uns nicht beteiligen.“

Zweite Blutuntersuchung nicht mehr nötig

Zunächst hatte der Landkreis sogar die Auflösung der Herden bis Ende September gefordert. Dagegen hatte der Nabu heftig protestiert. Laut Buschmann hatte der Landkreis allerrings noch eine zweifache Blutuntersuchung der Tiere angeordnet mit einem zeitlichen Abstand von 30 Tagen, „sodass der 31. Oktober als Frist zur Auflösung der Herden schon allein aus diesem Grund nicht hätte eingehalten werden können“.

Dies habe das Veterinäramt anscheinend in der vergangenen Woche eingesehen und laut Buschmann plötzlich mitgeteilt, dass nur noch eine Blutuntersuchung bei den Tieren durchgeführt werden müsse. Das ändere aber nichts an der Nabu-Einschätzung, dass der 31. Oktober nicht zu halten sei, wenn das Tierwohl eine Rolle spiele.

Jungrinder verkauft und Kühe vermittelt

Gleichwohl war der Nabu nicht untätig, um die Herden zu reduzieren. Wegen der fehlenden Blutuntersuchung konnten die Tiere zunächst nicht verkauft werden. Nun ist diese Untersuchung aber erfolgt und der Verkauf hat begonnen.

„43 Heckrinder aus Coldam sind nach erfolgreicher Blutuntersuchung und der Feststellung, dass sie vollkommen gesund sind, vollständig von der Fläche verbracht worden“, teilte Nabu-Sprecherin Gina Briehl am Dienstag auf Nachfrage mit. Einige Jungrinder seien an Landwirte in Ostfriesland verkauft worden „und die genetisch wertvollen Kühe, die seit vielen Jahren auf der Fläche waren und noch nie einen Stall von innen gesehen haben, an ein Ganzjahresbeweidungsprojekt in Sachsen-Anhalt vermittelt“.

Pferde werden sukzessive vermittelt

Bei den Koniks würden die Bestände sukzessive abgebaut. Die Anzahl der ganzjährig draußen lebenden Pferde wechsele daher derzeit ständig, da einzelne Tiere zu Anschauungszwecken von möglichen Interessenten auf den vier Flächen der Luno unterschiedlich abgestellt und Herden neu zusammengestellt würden. „Dies kann täglich eine Änderung in den Tierzahlen auf der einzelnen Fläche bedeuten“, so Briehl, die aber auch keine aktuelle Gesamtzahl mitteilte.

Die Koniks sollen sukzessive verkauft werden. Foto: Karin Böhmer
Die Koniks sollen sukzessive verkauft werden. Foto: Karin Böhmer

Im Thedingaer Vorwerk, wo im Frühjahr drei junge Heckrinder umgekommen waren, geht es laut Nabu derzeit immer noch um rund 55 Rinder. Die Blutuntersuchung wurde mittlerweile erfolgreich durchgeführt, das Ergebnis stehe aber noch aus.

Landkreis fühlt sich bestätigt

Wiederholt hat der Nabu beteuert, dass zumindest die langjährigen Beweidungstiere nicht an einen Stall oder ein Transportfahrzeug zu gewöhnen seien – und deshalb nicht kurzfristig verbracht werden könnten.

Der Landkreis sieht sich durch die Erfolge nun bestätigt: In Coldam „hat der Nabu selber bewiesen, dass im Zusammenhang mit Blutuntersuchungen, bei denen die Tiere zusammengetrieben werden müssen, ein durchaus zügiger Verkauf an andere Tierhalter möglich ist: Innerhalb kurzer Zeit ist es gelungen, 40 Heckrinder von der Weide in Coldam abzutransportieren – und zwar lebend“, so Koenen.

Mehr als zehn Jungbullen geschlachtet

Landkreis und Nabu machten leicht unterschiedliche Angaben darüber, wie viele Heckrinder seit Juli geschlachtet wurden. Laut Landkreis gab es – bezogen auf beide Flächen – insgesamt sieben Schlachtungen mittels Kugelschuss-Betäubung und sieben Schlachtungen via Lebendtransport zum Schlachtbetrieb.

Der Nabu berichtete auf Nachfrage von rund zehn Jungbullen, die bezogen auf beide Beweidungsprojekte geschlachtet worden seien.

Rind stürzte und brach sich das Genick

Ein Rind kam allerdings durch einen Unfall zu Tode. Laut Nabu installierten zwei Mitarbeiter des Woldenhofs im Rahmen der Vorbereitungen für die Blutuntersuchung auf der Fläche Thedingaer Vorwerk Isolatoren an einem Weidezaun. „Dabei haben sie leider beobachten müssen, wie ein Heckrind auf der Weide gestürzt ist. Die Mitarbeitenden standen in circa 100 Metern Entfernung und konnten sehen, dass das Tier aus unersichtlichen Gründen ausgerutscht ist und sich dabei das Genick gebrochen hat. Das Tier war sofort tot“, so Briehl.

Der neue Geschäftsführer des Woldenhofs, Jan Tayeb, sei kurz nach dem Ereignis dazugestoßen und habe in direkter Kommunikation den weiteren Ablauf mit dem Veterinäramt Leer abgesprochen und umgesetzt. Die Luno wollte das Tier in eine Untersuchung geben, um nachweisen zu können, dass es vollkommen gesund war.

Obduktion war nicht sofort möglich

Das Veterinärinstitut in Oldenburg habe allerdings aus Kapazitätsgründen abgelehnt. „Wir bedauern den Vorfall und versichern, dass es sich um einen tragischen Unfall handelte, der leider nicht verhindert werden konnte. Das Tier war nach äußerem Anschein kerngesund“, so Briehl.

Koenen bestätigte den Hergang. Dies Vorgehen sei nach Rücksprache mit dem Landkreis beschlossen worden. Auch der Kreis habe das Tier untersuchen lassen wollen. Dies wäre aber erst drei Tage später möglich gewesen, „was dann für eine Untersuchung schon zu spät gewesen wäre. Insofern bleibt die Todesursache unbekannt.“

Ähnliche Artikel