Zum Tode von Prof. Bernhard Parisius  Trauer um engagierten Netzwerker in Sachen Geschichte

| | 09.10.2023 19:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Prof. Bernhard Parisius ist verstorben. Foto: Helmut Vortanz
Prof. Bernhard Parisius ist verstorben. Foto: Helmut Vortanz
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Runde 20 Jahre lang leitete er das Staatsarchiv in Aurich, von 1995 bis 2015. In dieser Zeit etablierte Prof. Dr. Bernhard Parisius die Landes-Einrichtung im regionalen Bewusstsein.

Aurich - Es war ihm gelungen, ein enges Netzwerk zu knüpfen, das nicht nur kulturelle, sondern auch kommunale und wirtschaftliche Einrichtungen einschloss. Als Leiter des Auricher Staatsarchivs von 1995 bis 2015 etablierte er die Einrichtung an der Oldersumer Straße im regionalen Bewusstsein, was sich auch an stetig steigenden Nutzerzahlen zeigte. Und er engagierte sich in der Forschung zu Flüchtlingen und Vertriebenen. Vor wenigen Tagen ist Professor Dr. Bernhard Parisius im Alter von 73 Jahren gestorben. Während seiner Amtszeit wurden die dringend notwendige Erweiterung der Magazinkapazität um gut 1000 Regalkilometer als auch die Modernisierung des Lesesaals umgesetzt. So berichtete es der heutige Leiter des Auricher Landesarchivs, Dr. Michael Hermann, 2015 im Vorwort zur Festschrift „Das 20. Jahrhundert im Blick“ zum 65. Geburtstag von Parisius.

Ein besonderes Anliegen sei es Parisius gewesen, die Kooperation mit der Ostfriesischen Landschaft zu intensivieren. Beispiele waren etwa eine gemeinsame Vortragsreihe von Archiv und Landschaftsbibliothek, der Arbeitskreis der Ortschronisten und der gemeinsam ausgelobte Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte.

Einsatz für Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld

Auch die regionalgeschichtliche Forschung förderte Parisius, etwa durch den Aufbau einer Datenbank „Widerstand und Verfolgung in Ostfriesland in der NS-Zeit“ oder die Redaktionsverantwortung für das „Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands“.

Parisius setzte sich außerdem für den Aufbau und die Weiterentwicklung der Stiftung Wirtschaftsarchiv Nord-West ein, die Unterlagen und andere Quellen der Wirtschaft aus Nordwest-Niedersachsen sichert. In den letzten Jahren seiner Dienstzeit betreute er das Projekt zur Einrichtung einer Dokumentationsstätte in der Gnadenkirche Tidofeld in Norden von Anfang an als wissenschaftlicher Berater.

Der gebürtige Oldenburger Parisius studierte an der Georg-August-Universität Göttingen Geschichte, Soziologie und Deutsch. In den Fächern Geschichte und Deutsch legte er 1976 erfolgreich das erste Staatsexamen ab. Allerdings wurde er nicht Lehrer, sondern blieb als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni und arbeitete an der „Arbeitsstelle Göttingen für die Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung in Niedersachsen nach 1945“. Während dieser Zeit setzten die ersten Arbeiten für seine Dissertation „Vom Groll der ‚kleinen Leute‘ zum Programm der kleinen Schritte. Arbeiterbewegung im Herzogtum Oldenburg 1840-90“ ein, die er 1982 zum Abschluss brachte.

Forschung zur „Oral history“

Bereits in der Endphase der Promotion arbeitete Parisius als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem von Prof. Lutz Niethammer geleiteten Forschungsprojekt „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-60“ an der Universität Essen. Als Niethammer 1982 eine Berufung an die Fernuniversität Hagen erhielt, nahm er Parisius mit und betraute ihn unter anderem mit der Planung einer Koordinations- und Sammelstelle für Oral-History-Forschungen. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit konnte Parisius später bei der Erstellung von Zeitzeugeninterviews in Ostfriesland einsetzen, berichtete Hermann.

Bereits in seiner Dissertation hatte Parisius eine besondere Affinität zu historischen Quellen gezeigt. Seine Arbeit in den Archiven führte dazu, dass er sich 1984 gegen eine Universitätskarriere entschied und am Staatsarchiv Münster ein Referendariat begann. 1986 wurde er als Archivrat beim Hauptstaatsarchiv Wiesbaden angestellt. Sechs Jahre später folgte eine Teilabordnung ins hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. In dieser Phase verlagerte er seinen Forschungsschwerpunkt gänzlich in das 20. Jahrhundert. Parisius befasste sich mit der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Hessen nach 1945 und leitete ein Pilot-Projekt, das die Quellen- und Literaturlage zu diesem Thema erforschte.

1993 kehrte er nach Niedersachsen zurück

Vor allem aus persönlichen und familiären Gründen kehrte Parisius 1993 nach Niedersachsen zurück. Er wurde stellvertretender Leiter des Staatsarchivs Osnabrück, um zwei Jahre später als Archivdirektor nach Aurich zu wechseln.

2002 legte er seine Habilitationsschrift „Viele suchten sich ihre neue Heimat selbst. Flüchtlinge und Vertriebene im westlichen Niedersachsen“ vor und wurde 2007 zum Honorarprofessor an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg bestellt.

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