Clans in Ostfriesland Für Polizeichef gehört Gewalt zur Kernmethodik von Clans
Der Leiter der Inspektion Aurich-Wittmund berichtet über die Geldquellen krimineller Großfamilien. Sie sind in vielen Branchen aktiv. Nun wollen Ermittler mehrerer Behörden die Geschäfte stören.
Aurich - Familiennamen wie Remmo in Berlin oder Miri in Bremen sind aus Medienberichten bekannt. Mitglieder des Remmo-Clans waren in teils spektakuläre Straftaten verwickelt, wie den Diebstahl einer Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro aus dem Bode-Museum Berlin oder dem Juwelenraub aus dem Grünen Gewölbe in Dresden.
Weit weniger ist über die Clankriminalität im Raum Aurich-Wittmund bekannt. Die hiesige Polizei gruppiert acht Familien mit insgesamt rund 250 Mitgliedern in das Spektrum der Clankriminalität ein, wie der Leiter der Polizeiinspektion Aurich-Wittmund, Stephan Zwerg, den ON sagte. Ein Zwischenfall, der sehr wohl für Aufsehen sorgte, war eine Autobombe, die Mitte Mai in Wittmund explodierte. Die Polizei bewertet diese Tat als Gewalt zwischen rivalisierenden Clans.
Zwerg: Nicht vom Nachnamen auf die Person schließen
Nicht alle Mitglieder der Familien seien kriminell, betont Zwerg. Man dürfe vom Nachnamen nicht automatisch auf die Person schließen.
Häufig würden auch bewusst die weiblichen Familienmitglieder aus kriminellen Aktivitäten herausgehalten, damit diese als Halterinnen von Fahrzeugen oder Betrieben und Konzessionen auftreten könnten. Sie treten dann laut Zwerg nicht strafrechtlich in Erscheinung, seien aber gleichwohl Teil des Systems.
Doch wie funktionieren diese Systeme? In welche Straftaten sind die ostfriesischen Clans verwickelt und womit verdienen sie Geld? Und wo wird dieses „gewaschen“?
Konkurrenz um Gebiete
Laut Zwerg ist eine „Kernmethodik“ der Clans die Gewaltausübung. Mit Gewalt oder Gewaltandrohung werde Druck aufgebaut, um Konkurrenten aus bestimmten Flächen zu verdrängen. Teilweise versuchten die Clans auch, beispielsweise außenstehende Gastronomen aus ihren Lokalen zu drängen, um diese selbst zu übernehmen – mit durchaus perfiden Methoden, so Zwerg.
Gerade zwischen den Clans werde auch mit Gewalt agiert. Zwerg kann mehrere größere Zusammenstöße von ostfriesischen Clanfamilien in den vergangenen Jahren aufzählen, unter anderem am Auricher ZOB, in der Osterstraße in Norden und in Ulbargen. Die Polizei geht von einer Dunkelziffer bei den internen Gewaltdelikten aus. „Sonst wären wir blauäugig“, so Zwerg.
Mitbewerber werden aus dem Markt gedrängt
Auch Aufträge im Bausektor würden manchmal mit Zwang besorgt, „damit der Auftraggeber nicht auf die Idee kommt, eine falsche Firma zu beauftragen“, berichtet der Polizeichef. Firmen der Mitbewerber würden auf diese Weise aus dem Markt gedrängt. Vor allem Gewerbe im Baubereich, wo sich die Einkünfte verschleiern ließen, seien dabei aktiv. Außerdem kaufen Clans auch Schrottimmobilien auf, die sie dann ohne Sanierung vermieten.
In den Baubereich fallen auch die fliegenden Handwerker, die an der Haustür klingeln und eine günstige Dachsanierung oder Neupflasterung der Einfahrt anbieten. Sie gehören laut Zwerg allerdings meist Clans aus anderen Regionen an. Das Vorgehen sei dabei: Nach dem günstigen Angebot und dem Auftrag beginnen die Handwerker und reißen das Pflaster oder das Dach soweit auf, dass eine Lösung her muss. Ab dann verteuert sich die Leistung immer weiter. Die Auftraggeber zahlen oft auch die hohen Preise, um die Baustelle abzuschließen.
Eher auswärtige Clans sind es auch, die mit Schockanrufen Straftaten zum Nachteil von Senioren begehen.
Clans passen sich wirtschaftlich schnell an
Auch in Ostfriesland gibt es laut Zwerg „die Klassiker der Clankriminalität“: Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung sowie Prostitution. Die Clans hätten auch immer wieder neue Ideen und Strategien. In der Corona-Zeit seien Betrügereien mit Teststationen hinzugekommen. Auch die Vermittlung von Pflegekräften für die häusliche Pflege sei ein relativ junger Geschäftszweig. „Man kann durchaus die Flexibilität der Clan-Strukturen anerkennen, sich auf dem Markt zu etablieren“, so Zwerg.
Die Geschäfte seien weit verzweigt. Oft wundere man sich, wie leicht auch Außenstehende für das Clan-Geflecht mobilisiert werden könnten. So fänden sich immer wieder Personen, die Handyverträge für Clan-Mitglieder abschließen oder gegenüber Banken als Kreditnehmer auftreten. Rund 40 bis 50 Verfahren im Jahr führe die Polizei Aurich-Wittmund allein wegen solcher Kredite.
Umweltkriminalität und unversteuerter Tabak sind auch Themen
Weitere Einnahme- und Geldwäschekanäle für die ostfriesischen Clans seien manipulierte Spielautomaten etwa in Sportsbars, Sportwetten, Umweltkriminalität, Betrügereien im Autohandel und Shisha-Bars, die unversteuerten Tabak anbieten. Unversteuerter Tabak sei ein spannendes Thema für die Clans, so Zwerg. Immer wieder werde dieser bei Zollkontrollen gefunden. „Und die Gewinnmarge kann sich sehen lassen.“
Autokäufe in bar seien immer noch weit verbreitet. Es komme vor, dass Clan-Mitglieder im Autohandel Wagen leasen und dann verschwinden lassen. Auch würden Autos mit gefälschten Zählerständen verkauft. Manchmal dienten die Autokäufe aber allein der Geldwäsche.
„Betäubungsmittelhandel ist bei den hiesigen Clans auch ein großes Thema, auch wenn dieser nicht komplett in ihrer Hand ist“, berichtet der Leiter der Polizei Aurich-Wittmund.
Geldwäsche passiert oft im Laden nebenan
Zur Geldwäsche dienten oft Gastronomiebetriebe, Backshops oder Friseursalons, die ausschließlich Bargeld annehmen und keine Kartenzahlung anbieten. Wenn diese mehr Einnahmen angeben, als sie erzielen, und dies versteuern, ist das Geld im legalen Kreislauf angekommen.
Zwerg warnt aber davor, jede Pizzeria und jeden Barbershop unter Generalverdacht zu stellen. „Es gibt auch in den Branchen viele Geschäfte mit ganz redlich arbeitenden Menschen, die nichts mit Clan-Geschäften zu tun haben. Es gibt solche und solche.“
Für Bürger gibt es einige Warnsignale
Was können Bürger tun, um nicht ungewollt Clanstrukturen zu unterstützen oder zum Opfer zu werden? Laut Zwerg ist dies nicht so leicht zu beantworten. Bei einem Gebrauchtwagenkauf könnte vielleicht der Vorbesitzer kontaktiert werden, um nach Unfallschäden oder dem Kilometerstand zu fragen. Ansonsten solle man skeptisch werden, wenn ein besonders günstiger Preis winke und Barzahlung die Bedingung sei.
Niedersachsenweit seien im vergangenen Jahr knapp 4000 Verfahren gegen Clanmitglieder geführt worden, so Zwerg. Das sei ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr gewesen. Ob diese Zunahme nun aber an zunehmender Clankriminalität oder an verstärkter Ermittlungsarbeit der Behörden liege, lasse sich nicht klar ausmachen.
Behörden arbeiten enger zusammen
Niedersachsenweit arbeiten die Behörden seit einigen Monaten auch enger zusammen, um den Clans Straftaten nachzuweisen oder zumindest möglichst viele Knüppel vor die Füße zu werfen, um die Geschäfte zu erschweren. Neben der auf Clankriminalität spezialisierten Staatsanwaltschaft Osnabrück und der Polizei gehören auch der Zoll und die Gewerbeaufsicht, das Finanzamt Oldenburg sowie Baubehörden, die Ausländerbehörde und das Sozialamt zum Netzwerk. Ziel ist eine „Politik der tausend Nadelstiche“.
Es gehe darum, durch Zusammenarbeit beweiskräftige Strafverfahren einzuleiten und Menschen in Haft zu bekommen, sagte Zwerg. Zudem solle der finanzielle Schaden des Staates reduziert werden. Ziel ist es zudem, die Geschäftsmodelle der Clan zu stören. „Wenn alle paar Tage Ermittler vor einem Wohnungsbordell oder einem Friseurladen stehen, wirkt sich das auf die Zahl der Kunden aus. Und damit gerät das Geschäftsmodell ins Schwanken“, sagt der Polizeichef.
Neue spezialisierte Einheit bei der Polizei in Aurich
Bei der Auricher Polizei wurde eine neue Einheit „Komplexe kriminelle Strukturen“ mit zusätzlichen Beamten gegründet, die laut Zwerg Licht ins Dunkel bringen soll. Es gehe darum zu ergründen, welche Wege das eingenommene Geld nimmt, und die Geldflüsse trockenzulegen. Dabei spiele es auch eine Rolle, wenn Schwarzarbeit auffliegt, Sozialhilfebetrug geahndet wird oder wenn eine Shishabar wegen baulicher Mängel geschlossen werden könne.
Bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück liefen die Fäden zusammen. Dort gebe es einen guten Überblick über die regionalen Strukturen. „Wenn wir da anrufen, dann weiß sofort jemand, was Sache ist“, so Zwerg.
Dass die Politik der tausend Nadelstiche nicht automatisch dazu führe, dass alle Clanmitglieder einen ordentlichen Beruf ergreifen und auf Einkommen verzichten, liege auf der Hand. Welche Wege zum Geldverdienen sich die Familienmitglieder dann suchen, sei abzuwarten.
Polizei will Clan-Nachwuchs entmutigen und Vorbilder entzaubern
Der Polizeichef glaubt aber auch an eine Signalwirkung. Wenn junge Männer mit Kriminalität Geld verdienen und dicke Autos fahren, seien diese natürlich Vorbild für jüngere Familienmitglieder. Wenn diese Vorbilder jedoch öfter vor Gericht oder in Haft seien, „dann haben wir Hoffnung, dass der Nachwuchs sich für andere Wege entscheidet“, so Zwerg.
Wichtig sei es, dass die Familienmitglieder gute Bildungs- und Integrationschancen und somit Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, sagte der Polizeichef. Das sei bei der Zuwanderung der Familien vor etlichen Jahren versäumt worden und habe die Mitglieder in illegale Bereiche gedrängt.
Und auf eine gute Integration und berufliche Perspektiven müsse man auch bei den Zuwandern der vergangenen Jahren achten, damit es für sie nicht attraktiv werde, sich als Handlanger bei den Clans zu verdingen.
Probleme gehen über den Bereich Kriminalität hinaus
Dem Inspektionsleiter zufolge geht es bei den Clans aber nicht mehr nur um Kriminalität. Sondern um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das auch in Schulen, Behörden oder Schwimmbäder ausstrahle. Clan-Mitglieder, die die deutsche Rechtsordnung nicht respektierten, akzeptierten auch oft Anweisungen von Amtsträgern nicht oder versuchten es mit Korruption. Mehrfach im Jahr würden im Bereich Aurich-Wittmund Behördenmitarbeiter bedroht.
Lehrern oder Behördenmitarbeitern werde zugesetzt, wenn diese sich den Wünschen der Familie widersetzten. „Das fängt im Kleinen an und führt zur Verunsicherung der Bevölkerung“, so Zwerg. Wobei über Ostfriesland zu sagen sei, dass die soziale Kontrolle im Dorf durchaus Einfluss habe. Während in Großstädten Clans fast unter sich bleiben könnten, achteten die Familien in Ostfriesland durchaus darauf, nicht in völligen Misskredit im Dorf zu fallen.