Porträt eines Reisenden Egelser, der sein Glück im Westen fand
Weert Gerdes zog als junger Mann hungrig und arm nach Düsseldorf. Dort machte er bei einer Weltfirma Karriere und Boßeln populär.
Sandhorst – Er ist es gewohnt, in der ersten Reihe zu stehen. So wie bei der Jubiläumsfeier zum 100. Geburtstag des Boßelvereins „Free ut de Hand“ Sandhorst. Da stand Weert Gerdes vorne und erhielt für 50 Jahre Vereinstreue eine gerahmte Urkunde, die er beim Fototermin in den Händen hielt. Einige Tage später beim Pressegespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten in seinem Haus am Esenser Postweg hielt Gerdes ein berühmtes Plakat in der Hand. Auf grünem Hintergrund ist eine weiß gekleidete Frau zu sehen, die für die Waschmittelmarke Persil von Henkel warb. „Die weiße Dame auf dem Plakat“, sagt Gerdes, „habe ich noch kennengelernt, als ich bei Henkel in Düsseldorf gearbeitet habe. Da war sie aber schon sehr alt.“
Alt ist auch Gerdes. Jahrgang 1931. Er wurde im Sommer 92 Jahre alt. Wer ihn sieht und sprechen hört, der würde ihn deutlich jünger einschätzen. Ein Kompliment, das Gerdes häufiger bekommt. Er lächelt verschmitzt und sagt: „Oberhalb der Taille bis zum Kopf ist alles in Ordnung. Aber darunter beginnen die Sorgen. Besonders beim Laufen.“
Mit 18 hungrig nach Düsseldorf
Der gebürtige Egelser ist erst mit Anfang 40 bei „Free ut de Hand“ Mitglied geworden. Einem Zufall geschuldet und dem Umstand, dass Gerdes als 18-Jähriger Ostfriesland verließ. Er hatte seine Ausbildung zum Maschinenschlosser beendet und suchte Anfang 1949 nach einer Anstellung. „Das waren schwierige Zeiten. Es gab in Aurich kaum Arbeit und ich habe damals am eigenen Leib Hunger erfahren“, erinnert sich Gerdes.
Hoffnung kam aus dem Rheinland. Dort wurden Kräfte für die Arbeit in den Bergwerken gesucht. Für Gerdes keine Option, denn die Arbeit galt als gefährlich und beeinträchtigte die Gesundheit. Gleichwohl machte er sich in den Westen auf. Mit 18 nach Düsseldorf. Diese Stadt sollte für mehr als vier Jahrzehnte sein Zuhause werden. Für seine Familie, die Arbeit und den Boßelsport. Als er in Düsseldorf am Bahnhof ausstieg, hatte der junge Ostfriese 35 Mark in der Tasche und keinen Plan. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine steile Karriere. Sein erster Blick fiel auf eine Ruinenlandschaft. Auch vier Jahre nach Kriegsende türmten sich noch die Schuttberge viele Meter hoch.
Karriere bei einer Weltfirma
Gerdes hatte Glück. Er fand schnell eine Unterkunft. Auch eine Arbeitsstelle bei einer Firma für Klima- und Belüftungstechnik. Rund 60 Mark verdiente er in der Woche. Fast die Hälfte ging davon für die Miete drauf. Für einen Schlafplatz in einer Küche bei einer fremden Familie.
Nachdem seine erste Firma pleite ging, sollte ihm der Sprung ins Paradies gelingen. Über Beziehungen landete er beim internationalen Konzern Henkel. Damals ein Sechser im Lotto. Dort blieb er von 1953 bis zu seinem Vorruhestand 1993. Gerdes machte Karriere. Er begann als Mechaniker für Mess- und Regeltechnik, ließ sich weiterbilden und besuchte Abendkurse. Er stieg zum Bereichsmeister auf. Sein zweites Steckenpferd war die Arbeit im Betriebsrat. Auch dort ging es schnell bergauf für den Ostfriesen. Als stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates und Mitglied des Aufsichtsrates von Henkel. Auf Augenhöhe mit den Mächtigen im Familienkonzern. Gerdes war von der Arbeit freigestellt und viel auf Achse. „Ich habe die Welt kennengelernt und in den USA, Japan, Malaysia oder Hongkong Firmen und Anlagen von Henkel besucht“, so Gerdes.
Visitenkarten mit japanischen Zeichen
In seinem Arbeitszimmer hat er seine Auslandsfahrten in Fotoalben dokumentiert. Sie zeigen ihn, wie er in Asien einen heiligen Schrein besichtigt oder mit Stäbchen einen überbackenen Singvogel verputzt. Der Hunger und die bescheidenen Verhältnisse von damals wurden vom Wohlstand der 1970er verdrängt. Gerdes hatte Visitenkarten in englischer Sprache oder mit japanischen Schriftzeichen. Visitenkarte, die er immer noch in seinem Portemonnaie wie einen kleinen Schatz verwahrt. Er blickt dankbar zurück und gibt sich bescheiden. „Ich habe mich nie um Jobs oder Ämter gerissen, andere haben mich vorgeschlagen.“
So auch in Sachen Bundesverdienstkreuz, das ihm 1992 verliehen wurde. Für seine ehrenamtliche Arbeit am Landesarbeitsgericht oder der Industrie- und Handelskammer in Düsseldorf. Wenn Hilfe benötigt wurde, dann war Gerdes zur Stelle. So auch 1955, als er den Ostfriesenverein Düsseldorf mitgründete und später den Verein auch führte. Gerdes erinnert sich: „Es waren viele Ostfriesen in Düsseldorf wegen der Arbeit. Zuerst haben wir uns oft am Bahnhof getroffen und platt gesprochen. Später haben wir eine Kneipe gefunden, wo es Jever-Pils gab.“
Zufall bringt ihn zum BV Sandhorst
Dieser Treffpunkt sprach sich herum und Gerdes und seine Mitstreiter mussten sich rasch einen größeren Saal suchen. Ein Zuhause für die Gestrandeten. Der Ostfriesenverein organisierte Jahr für Jahr Fahrten, Grünkohlessen und auch Boßelspiele. Punktspiele mit Vereinen aus dem Ruhrgebiet. Später auch mit Gastmannschaften aus Ostfriesland. Dazu zählten auch Besucher aus Sandhorst. Der Kontakt entstand zufällig auf dem Auricher Marktplatz, erzählt Gerdes. Als er mit seiner Frau Magda, eine gebürtige Sandhorsterin, zu Besuch in Aurich war, da kamen sie mit dem Ehepaar Tunder ins Gespräch. Erich Tunder war in den 1970er Jahren Vorsitzender des Boßelvereins Sandhorst. Ruckzuck war die Familie Gerdes Mitglied bei „Free ut den Hand“ und die Sandhorster schickten zeitnah eine große Besuchsgruppe zu den Butenostfreesen nach Düsseldorf. Mit Beginn des Vorruhestands 1993 endete für die Familie Gerdes der Aufenthalt in Düsseldorf. Es ging zurück in die Heimat. Zurück ins Haus am Esenser Postweg, das Gerdes 1973 bauen ließ.
Zurück in die Heimat und sofort auf die Straße
Kaum hatte er die Koffer ausgepackt, da klopfte auch schon Eilert Zitting an. Die Männer-IV-Mannschaft von Sandhorst suchte nach Werfern und Gerdes stand auch auf der Liste. So kam er blitzschnell für „Free ut de Hand“ zum Einsatz. „Beim ersten Wettkampf mussten wir gegen Bernuthsfeld werfen. Ich wusste damals nicht, wo das sein sollte“, gesteht Gerdes.
Große Erfolge sollten sich für Gerdes und seine Mannschaftskollegen nicht einstellen. „Macht auch nichts“, sagt Gerdes, „denn es war eine schöne, gesellige Zeit. Besonders im Vereinslokal Schaper.“ Schaper schloss seine Tore im vergangenen Jahr. Da hatte er schon seit einigen Jahren die Boßelkugel aus der Hand gelegt. Seine Beine wollen nicht mehr so, wie er es sich wünschte.
Gerdes fühlt sich manchmal einsam. Er vermisst seine verstorbene Ehefrau Magda und seine Freunde, die nicht mehr leben. Das sei die Last des Altwerdens, so der 92-Jährige. Es bleiben ihm aber seine beiden Söhne und die Enkelkinder. Und viele Geschichten und Fotos aus seinem ereignisreichen Leben.