Hausärzte in Ostfriesland Sorge um künftige Versorgung mit Ärzten
Die Kassenärztliche Vereinigung sagt längere Wege und Wartezeiten voraus. Der Wandel im Arztberuf führe zu zentralen Praxen. Am jetzigen Mangel hätten die Patienten aber eine Mitverantwortung.
Aurich - Eigentlich klingen die Zahlen gar nicht so schlecht: 61 Hausärzte gibt es Stand Februar im Versorgungsbezirk Aurich (Stadt Aurich, Ihlow, Großefehn, Wiesmoor, Südbrookmerland) der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Der Versorgungsgrad liegt damit bei 99,1 Prozent. Sieben weitere Hausärzte können sich noch ansiedeln. Im Bezirk Norden inklusive der Inseln gibt es 49 Hausärzte, der Versorgungsgrad liegt bei 107,9 Prozent. Dort ist nur ein einziger Hausarztsitz frei.
In der Stadt Emden gibt es 46 Hausärzte, 2,5 freie Arztsitze und einen Versorgungsgrad von 104,8 Prozent. In Wittmund sind es 41,5 Hausärzte, fünf freie Sitze und ein Versorgungsgrad von 97 Prozent.
Mit Ansiedlungsprämie Erfolg gehabt
Im nördlichen Landkreis Leer gibt es 56,75 Hausärzte und eine Versorgungsquote von 103,8 Prozent bei 3,5 freien Sitzen. Im südlichen Kreis Leer sind es 41,5 besetzte Arztstellen. Der Versorgungsgrad liegt dort nur bei 85,5 Prozent. Tendenz inzwischen aber leicht steigend, denn zwei von zwölf offenen Hausarztstellen können bald mittels einer Anschubfinanzierung in Höhe von je 60.000 Euro besetzt werden.
Diese Ansiedelungsprämie übernimmt der Strukturfonds, in den die KVN und die Krankenkassen einzahlen. Das Geld dient dem Erwerb oder der Einrichtung einer Praxis. Auf diese Weise wurden zwei Ärzte für das Dorf Collinghorst in Rhauderfehn gewonnen.
Etliche Ärzte in Weiterbildung – doch wo bleiben diese?
Insgesamt waren im Februar in Ostfriesland also 291,5 Hausärzte tätig. 31 Stellen waren unbesetzt. 50 Hausärzte befinden sich zudem derzeit in Ostfriesland in Weiterbildung, wovon 21 noch in diesem Jahr ihren Abschluss machen.
Diese Zahlen stellte die KVN am Mittwoch in einem Pressegespräch vor – und warnte gleichzeitig davor, dass sich die Versorgung zu verschlechtern drohe.
Denn das Durchschnittsalter der Hausärzte liege bei etwas über 55 Jahren. Und während viele niedergelassene Hausärzte mehr Patienten versorgten als der Versorgungsschlüssel vorsehe, wollten jüngere Ärzte in der Regel weniger arbeiten. Inzwischen seien in Niedersachsen bereits 25 Prozent der Ärzte angestellt, Tendenz steigend. Und diese Ärzte würden im Durchschnitt 0,7 Stellen bekleiden. „Man kann also einen ausscheidenden Arzt nicht mit einem Arzt ersetzen“, so Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVN und zuständig für die Hausarztversorgung. Die KVN kalkuliere eher mit 1,5 bis 2 Ärzten in Teilzeit, die dafür nötig seien.
Landarzt auf dem Dorf wird laut KVN zur Seltenheit
Es brauche daher dringend weitere Studienplätze, so Schmidt. Die Landarztquote in Niedersachsen sei ein guter Anfang, aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Es brauche aber auch ein Umdenken bei den Patienten. Ärzte seien künftig nicht in der kleinen Praxis auf dem Dorf, sondern in Gemeinschaftspraxen in Mittelzentren anzutreffen. „Langfristig werden sich Patientinnen und Patienten auf längere Anfahrtswege und längere Wartezeiten einstellen müssen. Die Versorgung wird eine andere werden“, so Schmidt.
Die Hoffnung der KVN liegt auf Anreizen wie der Ansiedlungsprämie und auf engagierten Weiterbildungspraxen. Diese Weiterbildungsstellen werden in der Regel nachbesetzt. Es ist aber nicht bekannt, wie viele der Ärzte, die in Ostfriesland ihre Ausbildung in einer Praxis absolvieren, auch in Ostfriesland bleiben. Laut dem KVN-Bezirksstellenleiter in Aurich, Dieter Krott, wird diese Zahl nicht erhoben. Landesweit liegt sie nach Angaben von KVN-Sprecher Dieter Haffke bei 70 Prozent der Ärzte, die anschließend „in der Region bleiben“. Das könne dann aber auch Oldenburg sein.
Patienten gehen immer öfter zum Arzt
Obwohl die Zahlen in Ostfriesland fast überall bei fast 100 Prozent oder darüber liegen, ist die gefühlte Realität der Patienten anders. Sie klagen über lange Wartezeiten und Anfahrtswege. Wie kann das sein?
Laut Thorsten Schmidt liegt das auch am Verhalten der Patienten. Niedersachsenweit betrachtet habe jeder Patient im Schnitt 1,7 Hausärzte. Allein im ersten Quartal 2023 seien mehr als 15 Millionen Arztbesuche registriert worden. Das bedeutet, dass ein Patient ein einer Praxis seine Krankenkassenkarte hat einlesen lassen. Was dann kommt, reicht von der Abholung einer Überweisung bis hin zur mehrmaligen Behandlung in dem Quartal.
Jeder Niedersachse im ersten Quartal im Schnitt zweimal beim Arzt
Genauere Zahlen hat die KVN nicht. Was sie aber weiß: Bei acht Millionen Niedersachsen ist jeder im Schnitt zweimal im ersten Quartal zum Arzt gegangen. Das sei deutlich mehr als in den Vor-Corona-Jahren. Freie Arztwahl, ein hoher Anspruch an die eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter sowie eine zunehmende Unsicherheit bei der Einschätzung von Symptomen trage zu dieser Entwicklung bei. Auf diese Weise würden die Kapazitäten der Praxen teilweise unnötig ausgeschöpft, so Schmidt: „Die Versorgung soll wirtschaftlich, ausreichend und zweckmäßig sein, heißt es im Versorgungsauftrag. Von gut ist da nicht die Rede. Von optimal schon gar nicht.“
Es gebe einen Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage. Und einen Unterschied zwischen dem Bedarf nach ärztlicher Versorgung und dem Bedürfnis danach. Derzeit sei ein ungesteuertes Bedürfnis nach Versorgung festzustellen. Dieses stärker über die Bindung an einen Hausarzt zu steuern, wäre aus Sicht der KVN sinnvoll.
Ärzte klagen über Bürokratie und fehlerhafte Digitalisierung
Die KVN schaut in Richtung Land und Bund, um den Problemen entgegenzuwirken. Denn eine Zahl im Bedarfsplan bringe noch keine neuen Ärzte. Dafür müssten deutlich mehr Studienplätze geschaffen werden. Mehr Ärzte müssten motiviert werden, Praxisverantwortung zu übernehmen und Kollegen anzustellen. Die Kommunen müssten attraktive Lebensumwelten für Ärzte bieten. Außerdem müsse der Alltag der Hausärzte entbürokratisiert werden.
Mareike Grebe, neue Vorsitzende des KVN-Bezirksausschusses und Hausärztin in Hesel, berichtete aus der Praxis. Viel Zeit gehe beispielsweise mit der aufgezwungenen, aber nicht ausgereiften Digitalisierung verloren. Immer wieder komme es zu Abstürzen. „Ich setze mich dann mittags hin, um die 30 bis 40 Krankschreibungen des Vormittags ins System einzupflegen. Das geht aber nicht – ohne, dass ich weiß, warum. Dann bin ich verpflichtet, bis zum Abend alle Krankschreibungen auszudrucken, in einen Umschlag zu stecken und in die Post zu geben.“ Die Ärztin nennt sich „schon eine halbe Informatikerin“.
Kommunen könnten Ärzten eine Sorge abnehmen
Die Digitalisierung, die viele Bürokratie, aber auch die ärztlichen Budgets seien ein erhebliches Niederlassungshindernis und gehörten abgeschafft, so Thomas. Ärzte, die ihr vereinbartes Budget deutlich überschreiten, müssen Regress zahlen.
Auch das könnten theoretisch Kommunen übernehmen. Wenn in Norden ein Regionales Versorgungszentrum mit angestellten Ärzten in Verantwortung des Landkreises gegründet werde, sei dieser bei Bedarf für Regresszahlungen verantwortlich, so Schmidt auf ON-Nachfrage. Wäre das ein Zaubermittel? Haffke winkt ab: Die meisten Kommunen seien in diesem Bereich äußerst zurückhaltend.