Nutzung des Bahnhofgebäudes  Hoffnung für die Jugend, Skepsis bei den Kosten

| | 30.08.2023 22:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Bahnhofsgebäude soll saniert und dann als Treffpunkt für Jugendliche und Vereine genutzt werden. Foto: Karin Böhmer
Das Bahnhofsgebäude soll saniert und dann als Treffpunkt für Jugendliche und Vereine genutzt werden. Foto: Karin Böhmer
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Vertreter von Vereinen und einige Jugendliche haben am Dienstag über die neue Nutzung des Marienhafer Bahnhofs diskutiert. Viele brauchen keine weiteren Räume. Andere fürchten die Folgekosten.

Brookmerland - Braucht die Samtgemeinde weitere Räume für Vereine, die bislang kein Domizil haben oder die in ihrem Vereinsheim Platzprobleme haben? Oder gibt es noch ganz neue Ideen für Angebote? Und könnte man dafür das Bahnhofsgebäude in Marienhafe nutzen? Das war die Frage bei einer Beteiligungsveranstaltung der Dorfregion Brookmerland, zu der Vereine aus der Umgebung eingeladen waren.

Planerin Dr. Christiane Sell-Greiser reagierte am Mittwoch nicht auf eine Anfrage zu der Sitzung. Deshalb haben die ON sich bei Teilnehmern umgehört. Demnach waren rund 50 bis 60 Personen zur Diskussion erschienen.

Mehrere Vereine sind mit bisherigen Räumen voll zufrieden

Mehrere Vertreter sagten auf ON-Nachfrage, dass ihr Verein keinen Raumbedarf habe. Ingo Thiele von der IG Kunstfreunde Ostfriesland sagte, bei Bedarf werde das Gemeindehaus der Kirche genutzt. Ansonsten sei das Haus Dieker für den Verein genau richtig. Und das sagte auch Otto Thiele von der Awo, der allerdings nicht bei dem Treffen dabei war. Ebenfalls nicht dabei war der Landfrauenverein Brookmerland. Laut der Vorsitzenden Anna Fricken trifft sich der Vorstand privat, die Veranstaltungen finden im Gemeindehaus der Kirchengemeinde oder im Hotel zur Waage statt. Sie müsse die Konditionen kennen, um sagen zu können, ob ein großer Raum im Bahnhof für die Landfrauen attraktiv wäre.

Das ist baulich und räumlich geplant

So geben die Vereinsvertreter die Projektvorstellung wieder:

Das Bahnhofsgebäude soll entkernt und auf drei Ebenen genutzt werden. Das Dach wird erneuert und Dachfenster bekommen. Im Obergeschoss sowie im Dachgeschoss sind Teeküchen geplant. Auf der Nordseite des Gebäudes ist außen ein Aufzug geplant. Dieser soll aus denkmalschützerischen Gründen nicht direkt an die Fassade angesetzt werden, sondern in kleinem Abstand stehen. Der Aufzug soll über verglaste „Brücken“ mit den Etagen verbunden werden.

Ein Teil soll für Jugendliche eingerichtet werden. Gewünscht werden unter anderem freies W-Lan, ein Billardtisch, Tisch-Kicker.

Das neue Angebot soll nicht in Konkurrenz zur lokalen Gastronomie treten, sondern nur seine Nutzer in kleinem Umfang versorgen. Das betonten laut den Teilnehmern die Vertreter der Samtgemeinde, aber auch alle von den ON befragten Vereine.

Vorgeschlagen wurde, ein Repair-Café einzurichten. Zudem gibt es die Idee, auf dem im Norden angrenzenden Grundstück Sitzgelegenheiten aufzustellen - und vielleicht sogar eine kleine Grillecke.

Vorschlag des Jugendparlaments:

Das Jugendparlament hatte an mehreren Planungstreffen teilgenommen und im Sommer 2021 einen Vorschlag zur Nutzung des Bahnhofgebäudes als Jugendhaus und Mehrgenerationentreffpunkt eingereicht. Darin wurde argumentiert, dass die Sozialinsel aufgrund ihrer räumlichen und atmosphärischen Nähe zur IGS auf viele Jugendlichen eher abschreckend wirke. Das obere Stockwerk werde größtenteils für die Sozialarbeit der Schule genutzt, die unteren Räume böten kaum Gestaltungsmöglichkeiten.

Das Bahnhofsgebäude sei hingegen als Treffpunkt geeignet, hieß es im Antrag des Jugendparlaments. Es liege zentral mit Anschluss an Busse, sei aber unabhängig von der Schule und habe genug Abstand zur Nachbarschaft, um Lärmkonflikte zu vermeiden. Im Erdgeschoss gebe es den alten Wartesaal, der beispielsweise als Generationen-Café genutzt werden könne. Im ersten Stock könne ein Kicker und ein Billardtisch aufgestellt werden. Der Platz ermögliche es, dass Jugendliche verschiedenen Alters einen Rückzugsraum finden könnten und zusätzlich auch Platz für weitere Generationen da sei. Unter dem Dach sei noch ein größerer Raum, der als Versammlungsraum für Vereine in Frage komme.

Jugendliche könnten bei der Einrichtung und Möblierung mit Gebrauchtmöbeln selbst mit anpacken, hieß es damals. Ein zentraler Treffpunkt könne verhindern, dass sich die Jugendlichen verstreut an verschiedenen Orten treffen und dadurch Konfliktsituationen zwischen Anwohnern und Jugendlichen entstehen.

Vom TV Osteel hieß es, dass das Vereinsheim für die bisherigen Aktivitäten ausreiche. Zudem gebe es das Multifunktionsgebäude in Osteel. Der Verein wolle erstmal abwarten, wie sich die Pläne entwickeln.

Eine Reihe von Treffpunkten im Brookmerland

Tanja Luitjens vom Mühlenverein sagte, dass der Verein für seine eigenen Bedürfnisse genug Platz in der Mühle habe. Die meisten Upgant-Schottjer Vereine seien gut ausgestattet. „Und wenn wir Veranstaltungen machen, wollen wir die Leute ja in die Mühle holen.“

Heinz Knieper von Kunst- und Kulturzirkel nannte das Haus Dieker, das Goode-Trüll-Huus und das Rathaus als die Räume, die der Verein gerne nutze. Auch über Projekte im renovierten Packhaus an der Schewelingschen Mühle sei im Vorstand schon gesprochen worden. Knieper gab auch zu bedenken, dass es außerdem das frisch renovierte Gemeindehaus der Kirche Marienhafe, das Multifunktionsgebäude in Osteel und das Dorfgemeinschaftshaus in Rechtsupweg gebe, die auf Nachfrage von Vereinen genutzt werden können. Knieper zeigte sich zudem skeptisch, ob beispielsweise eine Lesung im Bahnhof zu realisieren sei, wenn eine Etage höher Billard gespielt und Musik gehört werde.

TV Marienafe würde sich über Raum für kleinere Kurse freuen

Einzig Andreas Dirks vom TV Marienhafe nannte von den Befragten konkrete Vorhaben, für die der Sportverein sich über weitere Räume freuen würde. Zum einen wäre Platz für die Vereinsunterlagen willkommen, der bislang privat und im Vereinsheim gelagert würden.

Das alte Bahnhofsgebäude, an dem hier im Juli 2020 erstmals ein ICE vorbeifährt, steht unter Denkmalschutz. Foto: Thomas Dirks
Das alte Bahnhofsgebäude, an dem hier im Juli 2020 erstmals ein ICE vorbeifährt, steht unter Denkmalschutz. Foto: Thomas Dirks

Die Sporthallen im Brookmerland seien gut genutzt, weshalb etliche Angebote wie kleine Reha-Sportgruppen, Pilates, Yoga und Qigong im Vereinsheim stattfänden, so Dirks. Dort sei auch schon die „Babytime“ untergebracht. „Da wäre es gut, wenn man einige Kurse vielleicht in den Bahnhof verlagern könnte“, so Dirks. Es sei immer gut, wenn man etwas entwickelt. Das Kirchturmdenken sei vorbei. Stattdessen müssten die Vereine gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Wichtig sei, dass die Koordinierung der Räume gut laufe – aber das klappe bei den Hallenbelegungszeiten, die TuRa-Chef Peter Adena verwalte, ja auch gut. Auch Ingo Thiele bewertete die Veranstaltung als durchaus positiv. „Das kann auf einen guten Weg gebracht werden.“

Zweifel daran, dass es genug Nutzer gibt

Skeptischer äußerte sich Jürgen Lübben von der Sportarbeitsgemeinschaft. Die Sportvereine seien im Großen und Ganzen gut versorgt mit Räumen, sagte er. Aber es gebe vielleicht noch andere Vereine, die neue Räume zu schätzen wüssten. Auch für ein gutes Angebot für die Jugend ist Lübben – und das dürfe auch ruhig etwas kosten. Ob der Bahnhof aber der richtige Ort für einen Jugendtreff sei, bezweifele er. Zum einen sei die Nachbarschaft sehr nahe, es könne zu Problemen wegen der Lautstärke kommen. Zum anderen seien die nahen Bahngleise suboptimal. Er könne sich allerdings gut vorstellen, unten einen kleinen Kiosk mit einem Angebot für Reisende einzurichten und im Dachgeschoss eine kleine Wohnung für den Betreiber einzurichten. Ein Jugendtreff werde auf Dauer nur funktionieren, wenn dort nicht ausreichend Sozialpädagogen vorhanden seien. Es seien schon mehrere Jugendangebote im Brookmerland gescheitert, so Lübben.

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Er sei aber ohne Zweifel der Meinung, dass die Jugend einen Raum brauche und dass dies Geld koste. Aber wenn man die Unterhaltung des Gebäudes, die Wirtschaftskosten und das Personal zusammen rechne, wünsche er sich Antworten auf die Frage, wer das alles zahlen solle. „Der Wille ist da, aber es ist nicht umsonst“, so Lübben. Und es müsse sichergestellt sein, dass man nicht eine Million Euro in den Umbau investiere und das Gebäude dann fast ungenutzt sei. Vielleicht gebe es für ein Jugendangebot auch räumliche Alternativen.

Sorge wegen der Folgekosten und der Förderauflagen

Das sieht auch Heinz Knieper so. Die Fördergelder seien mit der Auflage verbunden, das Angebot über ein Jahrzehnt so zu betreiben. Knieper hat aber Zweifel, dass Jugendliche aus den umliegenden Gemeinden in Scharen zum Bahnhofsgebäude kommen. Schon die Vereine vor Ort hätten Probleme, Interessenten für ihre Angebote zu finden.

Die Jugend wünsche sich einen Ort, wo nicht ständig Erwachsene von anderen Vereinen zugegen seien. Das ist laut Knieper bei der Versammlung angesprochen worden. Ohne professionelle Begleitung sieht aber auch Knieper einen Jugendtreff zum Scheitern verurteilt. „Man sollte auch erstmal schauen, wo ein Jugendtreff gut funktioniert – und warum“, so Knieper. Und dann sei man inklusive Hausmeister und Reinigung schnell bei hohen laufenden Kosten.

Gleichwohl müsse den Jugendlichen etwas angeboten und dafür Geld investiert werden. Ihm seien die Pläne, die am Mittwoch vorgestellt worden seien, bisher aber viel zu vage – gerade im Hinblick auf die Folgekosten. „Ich bin nicht dagegen – aber kritisch“, so Knieper.